Typologisieren als wissenschaftliche Methode


Seminararbeit, 2008

19 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis / Tabellenverzeichnis

1.Ziel und Besonderheiten von Typologien

2.Grundlagen der Typenbildung
2.1 Bedeutung des Wortes Typus
2.2 Begriff und Wesen des Typus und der Typologie

3.Der Prozess der Typenbildung
3.1 Auswahl und Zusammenstellung der Merkmale
3.1.1 Inventur der Untersuchungsobjekt
3.1.2 Definition der Merkmale
3.2 Konstruktion der Typen
3.2.1 Arten von Typen
3.2.2 Kombination von Merkmalen
3.2.3 Methoden zur Bildung von Typen
3.2.4 Typenbildung anhand der Indexbildung

4.Zusammenfasssung

5.Literaturverzeichnis

6.Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abb. 2.1: Unterschiede von Typologie und Klassifikation

Abb. 3.1: Merkmalsraum des Schichtindex

Tabellenverzeichnis

Tab. 3.1: Merkmalsarten

1. Ziel und Besonderheiten von Typologien

Die Komplexität der Welt macht es unmöglich, jede Einzelheit menschlicher Handlungen zu analysieren und zu verstehen. Um den Untersuchungsprozess zu erleichtern, ist es notwendig, alle Menschen in verschiedene Gruppen anhand verschiedener Merkmale wie z.B. Geschlecht oder Nationalität einzuteilen. Diese Einteilung nennt man Typologisierung.

Typologien vereinen unterschiedliche Typen eines Untersuchungsobjekts zu einem Spektrum von Typen, die sich hinsichtlich mehrerer Merkmalsausprägungen ähneln. Ziel einer Typologie ist die ordnende und gruppierende Beschreibung der Realität anhand mehrerer sinnvoll gewählten Merkmale bzw. deren Ausprägungen. Sie stellt eine Strukturierung und Ordnung von Untersuchungsbereichen dar. „Somit dienen Typologien der Erkenntnisgewinnung über zu beobachtenden Phänomene“. [1] Typologien sind also das Ergebnis eines Gruppierungsprozesses, jeder Typus muss sich durch eine möglichst hohe interne Homogenität auszeichnen. Auf diese Weise wird das Gemeinsame und Charakteristische des Typus hervorgehoben. Untereinander sollten die Typen hohe Heterogenität aufweisen, damit ein Überblick über die Fülle und Breite des Untersuchungsgebiets entsteht.[2]

Der Typusbegriff spielt in den empirischen Sozialwissenschaften eine große Bedeutung und wird sowohl für die deskriptive als auch für theoretische bzw. heuristische Zwecke benützt.[3] Aber auch in den Wirtschaftswissenschaften werden Typologien in verschiedenen Subdisziplinen verwendet. So werden Typologien unter anderem in der Marktformlehre, der Klassifikation von Unternehmen oder im Käuferverhalten zur Anwendung kommen. Laut Seifert haben die verschiedenen Typologien seit den 50er Jahren zur Sichtung, Ordnung und Systematisierung der Mannigfaltigkeit wirtschaftswissenschaftlicher Phänomene beigetragen.[4] Vor allem im Bereich Marketing spielt die Typologisierung eine große Rolle um bestimmte Zielgruppe identifizieren zu können.

Ziel dieser Arbeit ist es, Erkenntnisse über die Grundkonzepte, Aufbau und Vorgehensweise einer wissenschaftlichen Typologisierung zu gewinnen. Es soll eine Antwort auf die Frage „Wie führt man eine empirisch begründete Typenbildung?“ gefunden werden. In dieser Arbeit wird das wissenschaftliche Typologisieren aufbauend auf der Arbeit von Prof. Dr. Hans Knoblich analysiert und dargestellt.

2. Grundlagen der Typenbildung

2.1 Bedeutung des Wortes Typus

Das Wort Typus entstammt dem griechischen Wort typos. Schon in der griechischen Sprache hatte das Wort typos eine Vielzahl von Bedeutungen, gerade auch im übertragenen Sinne. Typos bedeutet unter anderen Gestalt, Muster, Modell oder auch Gepräge. Platon führte das Wort in die Philosophie ein, wo es wiederum eine neue Bedeutung erhielt. In diesem Sinne wird hier eine intuitiv erschaute, überirdisch verankerte Idee, die in irdischen Dingen nur unvollkommen repräsentiert sein kann, verstanden.[5]

Die Bedeutungen des Wortes Typus sind so zahlreich und unterschiedlich, dass eigentlich nicht vom Typus an sich gesprochen werden kann. Grundsätzlich muss jede Wissenschaft den für ihre Zwecke geeignete Typus Bedeutung entwickeln, definieren und begründen. Der für die betriebswirtschaftliche Forschung in Frage kommende Bedeutungsinhalt von Typus ist der des Musters, des Vorbildes, in dem nur das Wesentliche der Erscheinungen Ausdruck findet.[6]

Für die Zwecke der vorliegenden Arbeit bezeichnen Typen generell Teilgruppen, die gemeinsame Eigenschaften (Merkmale) aufweisen und durch die spezifische Konstellation der Eigenschaften beschrieben und erklärt werden können. Die Auswahl der den Typus kennzeichneten Eigenschaften ist vom jeweiligen Untersuchungszweck abhängig.[7] Ein Typ ist somit ein ausgewählter Repräsentant realer Phänomene eines Untersuchungsobjektes und dient zur Begriffsbildung, indem er relevante, zusammengehörige Merkmale in einem Typen vereint und somit das Wesentliche des Typus zum Ausdruck bringt.[8] Über diese deskriptive Ebene hinaus werden Typen auch benützt, um Sinnzusammenhänge innerhalb eines Typus und zwischen verschiedenen Typen zu analysieren. Ein Typus ist durch das Gemeinsame derselben Teilgruppe charakterisiert, so dass jeder Typus eine hohe interne Homogenität aufweist.[9]

2.2 Begriff und Wesen des Typus und der Typologie

Typus vs. Begriff

Charakteristisch für das typologische Verfahren ist es, dass es die Gesamtheit der für das Erkenntnisobjekt wichtigen Erscheinungen und Daten zur Anschauung bringt. Bei der begrifflich-klassifizierenden Methode geht meist dieser unmittelbare Zusammenhang mit der gesamten Gestaltung des Erkenntnisobjektes verloren. Der Begriff bezieht sich auf sämtliche möglichen Individuen, die die entsprechende Bestimmtheit aufweisen. Der Typus wiederum bezieht sich auf sämtliche aktuell wirklichen Individuen, die das Typusbild an sich tragen oder getragen haben.[10]

Ein starrer Begriff wird durch das Vorhanden oder nicht Vorhanden von ihm definierten Merkmalen in festgelegter Ausprägung gekennzeichnet. Die Eigenschaften, die durch einen starren Begriff ausgedrückt werden, werden einem Objekt entweder zugesprochen oder abgesprochen. Starre Begriffe, die in Form der Definition oder Klassifikation vorliegen können, lassen sich scharf und eindeutig voneinander unterscheiden. Diese Unterscheidung ist bei Typen nicht immer durchführbar, da auch zwei Typen fließend ineinander übergehen können.[11]

Typenbildung vs. Klassifikation

Die Typologie ist ein Verfahren, das in der Lage ist, die Vielzahl von Erscheinungen in einem Fachgebiet zu ordnen und überschaubar zu machen. In dem Sinne können wir auch von einer typologischen Ordnung reden, die prinzipiell die gleiche Funktion wie die klassifikatorische Ordnung hat. Trotzt der Ähnlichkeit müssen Klassifikation und Typenbildung streng auseinandergehalten werden.[12]

Von einer Klassifikation ist die Rede, wenn ein Untersuchungsobjekt nach einem bestimmten Merkmal und dessen Ausprägungen gegliedert wird. Jedes Element kann nur einer Klasse bzw. einer Ausprägung des Merkmals zugeordnet werden. Die Elemente einer Klasse zeigen in allen Merkmalen, die für die Klassifikation entscheidend sind, genau die gleichen Ausprägungen.[13] Eine Klassifikation kann sowohl eindimensional als auch mehrdimensional erfolgen. Ein Beispiel für solche Klassifikation wäre die Gliederung der Rohstoffe nach der Zugehörigkeit zu den drei Naturreichen in pflanzliche, tierische und mineralische Rohstoffe.

Anders als bei der Klassifikation ist eine Typologiebildung mit nur einem Merkmal nicht hinreichend bzw. nicht möglich. Bei einer typologischen Ordnung werden die Untersuchungsobjekte anhand mehrerer Merkmale (min. zwei) gleichzeitig gekennzeichnet. Durch eine sinnvolle Auswahl und Kombination dieser Merkmale wird ein wesenhafter Gesamteindruck, eben das Typische des Untersuchungsobjekts, nahe gebracht.[14] Dies ermöglicht die grundsätzliche Unterscheidung zwischen Typologien und Klassifikation. Eine weitere Unterscheidung zwischen Typologien und Klassifikation besteht in der Zuordnung der Merkmale. Bei Klassifikationen kann jedes Merkmal bzw. die Ausprägungen eines Merkmals nur einer Gruppe zugeordnet werden mit daraus resultierenden und zwischen den einzelnen Dimensionen bestehenden Korrelationen. Typologien hingegen gestatten eine mehrfache Zuordnung der Merkmale zu Gruppen. Ein Untersuchungselement wird einem Typus also nicht klar zugeordnet oder nicht zugeordnet, es existiert keine starre Zuordnung. Vielmehr sind die Übergänge fließend, so dass sich ein Merkmal verschiedenen Typen zuordnen lässt. Ein Element steht dem Typus in mehr oder weniger Maße nahe.[15]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Borchert, Urspruch, Apitzsch (2005), S.5.

Abb. 2.1: Unterschiede von Typologien und Klassifikation

3. Der Prozess der Typenbildung

Der Prozess der Typenbildung besteht aus mehreren nicht vollkommen scharf voneinander trennenden Arbeitsgängen. Aus diesen Arbeitsgängen werden zwei Hauptschritte identifiziert: Die Auswahl und Zusammenstellung der Merkmale und die eigentliche Typenbildung auf dem Wege sinnvoller Kombination von Merkmalen. Zusätzlich zu den Hauptschritten können zwei Zwischenschritte identifiziert werden – die Inventur der Untersuchungsobjekte als Vorstufe zu der Auswahl und Zusammenstellung der Merkmale und die Kombination von Merkmalen als Zwischenstufe zwischen den zwei Hauptschritten.[17]

So können vier mehr oder weniger scharf voneinander trennenden Arbeitsgänge identifiziert werden, die in den folgenden Abschnitten der Arbeit besprochen werden:

1. Inventur der Untersuchungsobjekte
2. Auswahl und Zusammenstellung der Merkmale
3. Kombination der Merkmale
4. Typenbildung und Untersuchung auf inhaltliche Sinnzusammenhänge

3.1 Auswahl und Zusammenstellung der Merkmale

3.1.1 Inventur der Untersuchungsobjekt

Um eine Typenbildung realisieren zu können, ist eine genaue Anschauung des zu untersuchenden Objekts erforderlich. In dieser Stufe findet eine Sammlung von fundiertem Wissen über die Vielfältigkeit des Untersuchungsobjekts bzw. Untersuchungsgebiets.[18]

Erst eine ausführliche Kenntnis über die Vielfältigkeit des jeweiligen Untersuchungsobjekts macht es möglich, die einzelnen Stufen der Typenbildung sinnvoll durchzuführen. Ein Untersuchungsobjekt kann mehrere Merkmale mit vielen möglichen Ausprägungen besitzen. Nur durch ein fundiertes Wissen über das Untersuchungsobjekt lassen sich die wichtigen Merkmale und die Relevanz der einzelnen Merkmale identifizieren. Allein durch diese konkreten Anschauungen bzw. das Wissen ist eine sinnvolle Merkmalskombination für eine bestimmte Fragestellung durchführbar.[19]

Um dieses Wissen zu erlagen, sind verschiedene Methoden der Datenerhebung möglich. Prinzipiell werden immer eine der folgenden Methoden angewandt: Beobachtung, Befragung oder Experiment. Jede der Erhebungsmethoden lässt sich in weiteren Formen bzw. Techniken unterscheiden. So können beispielsweise Befragungen mündlich, telefonisch oder schriftlich durchgeführt werden.[20]

Unter einer Beobachtung wird „das systematische Erfassen, Festhalten und Deuten sinnlich wahrnehmbaren Verhaltens zum Zeitpunkt eines Geschehens“ verstanden.[21] Wissenschaftliche Beobachtungen werden durch unterschiedliche Dimensionen charakterisiert, wobei diese je einen Bezug zu den Bestandteilen der Beobachtung aufweisen. Drei Dimensionen sind hier relevant – Grad ihrer Strukturiertheit, ihrer Offenheit und ihrer Teilnahme.[22] Im Anhang werden die verschiedenen Methoden, ihre Definitionen und ihre einzelnen Varianten in einer Tabelle zusammengefasst. Desweiteren befindet sich dort auch eine Tabelle, wo die einzelnen Merkmale (inklusive der verschiedenen Ausprägungen) der Befragung noch mal mit einander kombiniert werden.

3.1.2 Definition der Merkmale

Bedeutung der Worte ‚Merkmale‘ und ‚Merkmalausprägung‘

Die Gewinnung geeigneter Merkmale ist Voraussetzung jeder Typenbildung und stellt die schwierigste Aufgabe der Typenbildung dar. Sie bildet die Voraussetzung für das typologische Arbeiten. Erst durch die Auswahl und Kombination der Merkmale und ihrer Ausprägungen kann ein sinnvoller Gesamteindruck erstellt werden. Merkmale charakterisieren bestimmte Kriterien bzw. Eigenschaften, womit die Untersuchungsobjekte eingeteilt werden können.[23] Merkmalausprägungen repräsentieren nicht die Eigenschaften eines Merkmals, sondern die tatsächliche Ausgestaltung, die quantitative und/oder qualitative Differenzierung, in denen das Merkmal auftreten kann.[24]

Arten von Merkmalen

Die typologischen Merkmale sind unterschiedlicher Natur und können nach einer Reihe von Merkmalsarten gegliedert werden. Merkmale können sowie nach Merkmalausprägungen (Wertebereich) und Merkmalebene, als auch nach Skaleniveau unterschieden werden.[25] Geeignet scheint eine weitere Einteilung in subjektive und objektive Merkmale. Subjektive Merkmale eines Gegenstands sind solche, die individuell unterschiedlich beurteilt werden können. Objektive Merkmale hingegen sind allgemein gültig bzw. verbindlich festgelegt. Des Weiteren ist die Herkunft der Merkmale von wesentlicher Bedeutung. Es wird zwischen den Eigenmerkmalen (inhärente Merkmale) und den Beziehungsmerkmalen (relationsmerkmale) unterschieden. Eigenmerkmale können dem einzelnen Gegenstand direkt zugeordnet werden und Beziehungsmerkmale geben Auskunft über das Verhältnis eines Gegenstands zur seiner Umwelt.[26] In Tab 3.1 werden die wichtigsten Merkmale noch mal aufgelistet und erklärt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Diekmann (2007), S. 123.

Tab. 3.1: Merkmalsarten

Auswahl der Merkmale

Aufgabe dieser Stufe des typologischen Prozesses ist es, die zur Definition von Typen nützlichen Merkmale zu sammeln und zu ordnen. Die Auswahl der Merkmale legt die Dimension des Merkmalraums und damit des Forschungsbereichs fest. Vor allem empirisch ausgerichtete Arbeiten müssen aufgrund der Fragestellung und des aktuellen Stands der Forschung prüfen, welche Merkmale von höchster Bedeutung sind.[27]

Es ist wichtig zu beachten, dass eine komplette Erfassung aller Merkmale, die in einem Untersuchungsobjekt gegeben sind, nicht erforderlich ist. Es sollte ein offenes Merkmalsystem verwendet werden, da ein Erfassen aller Merkmale nicht möglich sein wird. Ein Erfassen aller Merkmale würde die Komplexität einer Typologie unnötig erhöhen und das Feld unüberschaubar machen. Das System ermöglicht von Fall zu Fall weitere Merkmale aufzunehmen. Jedes Merkmal muss im gewissen Sinne universal sein. Es kann sich daher nur um eine Zusammenstellung wesentlicher Eigenschaften und Merkmale handeln. Dabei soll aber unterschieden werden, ob der Merkmalskatalog nur für einen speziellen Zweck erstellt wird oder ob er für einen umfassenden Typenbereich Gültigkeit haben soll.[28]

3.2 Konstruktion der Typen

3.2.1 Arten von Typen

Grundsätzlich werden zwei Typenarten unterschieden: Die Idealtypen und die Realtypen. Die Differenzierung erfolgt nach dem Kriterium ihrer Verifizierbarkeit in einer sehr scharfen Abgrenzung zwischen den empirischen und heuristischen Typologien.[29]

Idealtypen sind gedankliche Modelle und werden rein theoretisch abgeleitet. Sie entstehen durch Hervorheben von Abstraktionen gewisser Erscheinungen der realen Wirklichkeit. Idealtypen sind von vorn herein mit Problemen verbunden, da bei ihrer Bildung empirische Befunde über die Untersuchungsobjekte nicht berücksichtig werden. Es besteht die Wahrscheinlichkeit, dass Idealtypen die Realität wenig konkret abbilden oder dass sie zu keiner Darstellung der Wirklichkeit führen.[30]

Realtypen sind Erscheinungen, die in der Realität empirisch nachweisbar und vorfindbar sind. Sie stellen die wirtschaftliche Realität dar.[31] Empirisch gebildete Realtypen stellen in ihrer alleinigen und isolierten Anwendungen Hilfsmittel dar, um die komplexe Realität und damit einen mehrdimensionalen Merkmalsraum auf überschaubare Modelle zu reduzieren.[32]

Eine weitere wichtige Unterscheidung der Typen ist die Unterscheidung zwischen den allgemeinen und speziellen Typen. Allgemeine Typen werden nur anhand von wenigen Merkmalen charakterisiert um einen geringen Grad von Anschaulichkeit zu sichern. Spezielle Typen besitzen wesentlich mehr Merkmale und sind dadurch anschaulicher konkreter.[33]

3.2.2 Kombination von Merkmalen

Die Kombination von Merkmalen steht der eigentlichen Typenbildung voran, da nicht jede Merkmalskombination auch in der Realität zu finden oder brauchbar ist. Prinzipiell sind zwei Formen der Merkmalskombination möglich. Einmal die rein formale, mechanische Verknüpfung der Merkmale nach den Gesetzen der Kombinatorik, zum anderen eine an den realen Gegebenheiten des jeweiligen Untersuchungsgegenstands ausgerichtete sinnvolle Verbindung.[34]

Eine Kombination aller Merkmale ist wegen der hohen Zahl der resultierenden Möglichkeiten nicht machbar. Das Ergebnis dieser Stufe ist die Bildung einer möglichst geringen Anzahl von Kombinationen, die tatsächlich eine sinnvolle Merkmalskombination darstellen und dem Zweck einer realistischen Typenbildung garantieren.[35] Diese typologische Operation wird auch als Reduktion bezeichnet. Es handelt sich dabei um eine effektive Vorgehensweise, um die existierende Vielfalt zu bündeln und auf wenige relevante Fälle zu reduzieren. Je höher die Zahl der zu kombinierenden Merkmale, desto unschärfer, wenn auch näher an die Realität werden die Kombinationen. Größer wird aber auch die Zahl der nicht in der Realität nachweisbaren Fälle.[36]

3.2.3 Methoden zur Bildung von Typen

Nach der Identifizierung der relevanten Vergleichsdimensionen und ihrer Ausprägungen können die untersuchten Fälle anhand dieser Merkmale gruppiert werden. Hier lassen sich prinzipiell zwei Wege für den Typenbildungsprozess unterscheiden – progressive und retrograde Typenbildung. Bei der progressiven Typenbildung, auch als agglomeratives Verfahren bekannt, werden von den Einzelfällen ausgehend die jeweils möglichst ähnlichen Fälle zu Gruppen zusammengefasst. Bei der retrograden Typenbildung (divisive Verfahren) wird von der Gesamtgruppe ausgegangen, die ihrerseits in immer weitere Teilgruppen untergliedert wird.[37] Nach der Bildung der Gruppen (Typen) müssen die vorgefundenen Gruppen letztlich auf bestehende inhaltliche Sinnzusammenhänge innerhalb und zwischen den Gruppen untersucht werden. Die Untersuchung ist aus dem Grund wichtig, weil die ermittelten Zusammenhänge nicht nur kausal, sondern auch sinnadäquat sind. Ziel ist es, die Faktoren zu ermitteln, mit deren Hilfe die Sinnzusammenhänge zwischen den zentralen Untersuchungskategorien verstanden und falls möglich erklärt werden können.[38]

Progressive Typenbildung

Bei der progressiven Typenbildung handelt es sich um eine vorwärtsgerichtete Typenbildung. Hier werden die Typen von den einzelnen Merkmalen und deren sinnvollen Kombinationen (Fällen) zu den fertigen Typen konstruktiv erzeugt. Es wird von den einzelnen Fällen ausgehend untersucht, welche von ihnen sich am stärksten ähneln, wobei mit ähneln eine hohe Übereinstimmung der Merkmale oder eine geringe Distanz gemeint ist. Im nächsten Schritt wird erneut geprüft, welche Fälle bzw. Gruppen sich wieder am stärksten ähneln und es wird entweder ein neues Cluster gebildet oder der entsprechende Fall einem bereits existierenden Cluster zugwiesen. Diese Schritte wiederholen sich bis alle Fälle zugeordnet sind.[39] Charakteristisch für diese Methode ist es, dass sie von einer bestimmten Fragestellung ausgeht und nach typischen Mustern sucht. Auf diese Weise kommt es zur Bildung typologischer Merkmale und darauf aufbauend zur Identifikation von Typen. Voraussetzung für diese Methode ist es, dass innerhalb der zu untersuchenden Disziplin noch keine konkrete bzw. für die Untersuchung relevante Typlogisierung existiert, so dass bisher bekannte Phänomene unter anderem Winkel untersucht wurden.[40]

Diese Methode, die auch als agglomeratives Verfahren bekannt ist, gehört zur morphologisch-deskriptiven Forschung, welche angewendet wird, wenn das entsprechende Themenfeld unübersichtlich ist und einer Ordnung zugeführt werden kann. Die resultierende Systematisierung macht empirisch vorfindbaren Phänomene einer theoretischen Betrachtung möglich.[41]

Retrograde Typenbildung

Bei der retrograden Methode werden die Merkmalsausprägungen eines bereits existierenden Typen, der durch Intuition erkannt wurde, isoliert. Die Typen werden auf Übereinstimmung und Gegensätzlichkeit in Bezug auf relevante Fragestellungen untersucht. Es wird versucht rückwärts schreitend die diesem Typus gehörende Merkmalskombination zu identifizieren. Diese Methode stellt eher eine Typenanalyse dar, als eine Typenbildung im eigentlichen Sinne. Sie baut auf bereits bekannte Typen auf, die aufgrund praktischer Untersuchung und Anschauungen gebildet worden sind, und erlaubt die Handhabung konkreter Probleme.[42]

Die Ableitung der den Typus charakterisierenden Merkmale aus einem bereits bekannten Typen kann als analytischer Prozess betrachtet werden, bei dem die Intuition, das geistige Auffassen der Zusammenhänge unter der empirischen Erscheinung im Vordergrund steht.[43]

Diese Methode der Typenbildung bzw. Typus Interpretation, ist auch als divisive Vorgehensweise bekannt, wobei die kennzeichnenden Merkmalsausprägungen isoliert werden. Diese Vorgehensweise eignet sich gut für die Analyse qualitativer Arbeiten, da hier über die schrittweise Unterteilung der Gesamtgruppe zu immer kleineren Untersuchungseinheiten gelangt.[44]

3.2.4 Typenbildung anhand der Indexbildung

Bei einer Indexbildung handelt es sich um eine Zusammenfassung der Merkmalsausprägung der Teildimensionen bzw. Merkmale eines Begriffs durch Rechenoperationen zu einer Variable oder Gesamtmerkmal, dem Index I.[45]

Die identifizierten Merkmale eines Untersuchungsobjekts oder Begriffs bilden die Grundlage einer Indexbildung. Die Merkmale oder Dimensionen eines Begriffs spannen einen Merkmalsraum auf, in dem eine Punktzuordnung eines Index erfolgen kann. Im Beispiel (Abb. 3.1) Soziale Schicht wird der Merkmalsraum durch die Achsen Berufsposition, Einkommen und Schulbildung aufgespannt.[46]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Schnell, Hill, Esser (1999), S. 161

Abb. 3.1: Merkmalsraum des Schichtindexes

Grundsätzlich fasst ein Index einige Kombinationen des Merkmalraums (Typen) zu neuen Kombinationen bzw. Typen zusammen. Eine Indexkonstruktion ist eine Reduktion des Merkmalsraums. Im Rahmen der Indexbildung kann eine Typenbildung erfolgen, die im zweidimensionalen Raum mit wenigen Werten durch eine Tabelle darstellbar ist.[47]

Die Werte der Indikatoren bzw. die Ausprägungen der Merkmale, die in dem Index eingehen können, werden in verschiedener Art und Weise zu einem Indexwert zusammengefasst. Mögliche Methoden, die in dieser Arbeit jedoch nicht weiter vertieft werden, sind: Additive Indizes, multiplikative Indizes und gewichtete additive Indizes.

4. Zusammenfasssung

In dieser Arbeit wurde das wissenschaftliche Typologisieren anhand der Arbeit von Prof. Dr. Hans Knoblich vorgestellt. Die Typologisierung spielt in der Soziologie und in der Betriebswirtschaftslehre eine große Bedeutung. Es hilft dabei Objekte bzw. Personen besser zu verstehen und einzuordnen.

Die Entwicklung einer empirisch gehaltvollen Typologie hinsichtlich eines Untersuchungsobjekts ist nicht unbegründet und bringt folgende Vorteile mit sich:

- Es wird eine Ordnung bzw. Strukturierung von Objekten durchgeführt.
- Es entsteht ein System von interdependenten Definitionen, welches einen heuristischen Wert hat.
- Wenn die Typologie empirisch bewertet ist, stellt sie eine mögliche Basis für Stichproben dar.
- Typologien können als Ausgangspunkt bei dem Extremgruppenvergleich herangezogen werden.[48]

Zusammenfassend kann die Erstellung einer Typologie in vier Schritten erfolgen. Im ersten Schritt wird eine Inventur der Untersuchungsobjekte durchgeführt, die das Sammeln von fundiertem Wissen über die Vielfalt des Untersuchungsbereichs zum Inhalt hat. Im zweiten Schritt erfolgen Auswahl und Zusammenstellung der relevanten Merkmale und ihrer Ausprägungen. Im dritten Schritt folgt die Kombination von Merkmalen und Überprüfung auf Relevanz bzw. empirische Nachweisbarkeit. Im vierten Schritt erfolgt die eigentliche Typenbildung anhand des progressiven oder retrograden Verfahrens. Eine Typenbildung anhand einer Indexbildung kann hier auch in Betracht gezogen werden. Nach der Bildung der Gruppen (Typen), müssen die vorgefundenen Gruppen letztlich auf bestehende inhaltliche Sinnzusammenhänge innerhalb und zwischen den Gruppen untersucht werden.

Abschließend ist zu sagen, dass eine Bildung von Typen stets im Kontext einer konkreten Zielsetzung stattfindet. Sinn ergibt eine Typologie, wenn sich die einzelnen Typen in gemeinsamen Merkmalen durch verschiedene Merkmalsausprägungen unterscheiden. Es müssen Dimensionen gefunden werden, wobei sich Elemente eines Typus nur gering unterscheiden (interne Homogenität) und in den sich die Elemente verschiedener Typen maximal unterscheiden (externer Heterogenität).[49] Typen werden nicht nur gebildet, um zu strukturieren. Sie dienen auch dem Zweck, inhaltliche Sinnzusammenhänge, die innerhalb eines Typus sowie zwischen mehreren Typen existieren analysieren, beschreiben und erklären zu können.[50]

5. Literaturverzeichnis

Ahrend, K.M.: Eine Typologie der strategischen Kontrolle im deutschen Konzern am Beispiel eines Energieversorgers. Ismaning 2001.

Atteslander, P.: Methoden der empirischen Sozialforschung. 11. Aufl., Berlin 2006.

Brochert, M.; Urspruch, T.; Apitzsch, B.: Überlegungen zur Typenbildung von Freelancern als Beteiligte an Projektnetzwerken. 2005. http://www.vip-net.info/VIP_NET_INF/MODULES698F.PDF. Abrufdatum 2008-08-20.

Diekmann, A.: Empirische Sozialforschung. Grundlagen-Methoden-Anwendungen. 18. Aufl., Reinbeck bei Hamburg 2007.

Friedrichs, J.: Methoden empirischer Sozialforschung. 14. Aufl., Opladen 1990.

Hach, H.: Evaluation und Optimierung kommunaler E-Government Prozesse. Dissertation, Universität Flensburg, Flensburg 2005.

Kluge, S.: Empirisch begründete Typenbildung. Zur Konstruktion von Typen und Typologien in der qualitativen Sozialforschung. Opladen 1999.

Knoblich, H.: Betriebswirtschaftliche Warentypologie. Grundlagen und Anwendungen. In: Beiträge zur betriebswirtschaftlichen Forschung. Hrsg.: E. Gutenberg, W. Hasenack, K. Hax, E. Schäfer. 32. Aufl., Köln und Opladen 1969.

Knoblich , H.: Die typologische Methode in der Betriebswirtschaftlehre. In: WiSt. (1972) 4, S. 141-147.

Schnell, R.; Hill, P.; Esser, E.: Methoden der empirischen Sozialforschung. 6. Aufl., München 1999.

Seifert, A.: Typologie des Marketing-Management. In: Schriften zu Marketing und Management. Hrsg.: H. Meffert. Frankfurt am Main 2002 (Band 42).

Sodeur, W.: Empirische Verfahren zur Klassifikation. Stuttgart 1974.

6. Anhang

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Atteslander (2006), S.65,66,123f,168f.

Anh. 1: Methoden zur Erhebung sozialer Daten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anh. 2: Typen der Befragung

[...]


[1] Seifert (2002), S. 32.

[2] Vgl. Kluge (1999), S. 42.

[3] Vgl. Kluge (1999), S. 13.

[4] Vgl. Seifert (2002), S. 32.

[5] Vgl. Knoblich (1969), S. 24.

[6] Vgl. Knoblich (1972), S. 143.

[7] Vgl. Sodeur (1974), S. 9.

[8] Vgl. Ahrend (2001), S. 67f.

[9] Vgl. Seifert (2002), S. 36.

[10] Vgl. Knoblich (1969), S. 25.

[11] Vgl. Knoblich (1969), S. 25f.

[12] Vgl. Knoblich (1972), S. 142.

[13] Vgl. Kluge (1999), S. 32f.

[14] Vgl. Seifert (2002), S. 36ff.

[15] Vgl. Kluge (1999), S. 32ff.

[16] Vgl. Knoblich (1969), S. 27.

[17] Vgl. Knoblich (1969), S.47f.

[18] Vgl. Borchert, Ursprung, Apitzsch (2005), S.4.

[19] Vgl. Knoblich (1969), S. 48.

[20] Vgl. Atteslander ( 2006), S. 48f.

[21] Atteslander (2006), S. 67.

[22] Vgl. Atteslander (2006), S.79.

[23] Vgl. Sodeur (1974), S. 9.

[24] Vgl. Knoblich (1972), S. 143.

[25] Vgl. Diekmann (2007), S. 116ff.

[26] Vgl. Knoblich (1972), S. 144.

[27] Vgl. Seifert (2002), S. 39.

[28] Vgl. Knoblich (1959), S.49.

[29] Vgl. Kluge (1999), S. 58.

[30] Vgl. Seifert (2002), S. 39.

[31] Vgl. Kluge (1999), S. 60.

[32] Seifert (2002), S. 38.

[33] Vgl. Knoblich (1969), S. 145.

[34] Vgl. Knoblich (1969), S. 53.

[35] Vgl. Knoblich (1969), S. 53.

[36] Vgl. Kluge (1999), S. 100f.

[37] Vgl. Kluge (1999), S. 270.

[38] Vgl. Kluge (1999), S. 277f.

[39] Vgl. Kluge (1999), S. 270.

[40] Vgl. Seifert (2002), S. 43.

[41] Vgl. Seifert (2002), S. 44.

[42] Vgl. Knoblich (1969), S.32.

[43] Vgl. Knoblich (1972), S. 145.

[44] Vgl. Kluge (1999), S. 271f.

[45] Vgl. Schnell, Hill, Esser (1999), S. 160.

[46] Vgl. Schnell, Hill, Esser (1999), S. 161.

[47] Vgl. Schnell, Hill, Esser (1999), S. 163.

[48] Vgl. Friedrichs (1990), S. 87ff.

[49] Vgl. Kluge (1999), S. 264.

[50] Vgl. Seifert (2002), S. 33.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Typologisieren als wissenschaftliche Methode
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Wirtschaftsinformatik)
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
19
Katalognummer
V154884
ISBN (eBook)
9783640676255
ISBN (Buch)
9783640676347
Dateigröße
691 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Typologisieren, Methode
Arbeit zitieren
Marco Castillo (Autor), 2008, Typologisieren als wissenschaftliche Methode, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/154884

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