Um den Apostel Paulus ranken sich seit Beginn des Urchristentums viele Mythen und Legenden, was sich schon beim Aufblättern des Neuen Testaments zeigt, wenn man liest, wie viele unterschiedliche Personaltraditionen Lukas (Apg) und die Autoren der pseudo-epigraphen Paulusbriefe über Paulus verarbeiteten. Im Laufe der Geschichte prägten die paulinischen Briefe die Theologie vieler namenhafter Theologen, darunter Augustin und Luther. Und auch heute noch gilt Paulus als der bedeutendste Missionar des Christentums, als Märtyrer und Heiliger. Doch so positiv wie Paulus heute gesehen wird, wurde er nicht immer rezipiert. Zu seiner eigenen Lebenszeit musste er sein Amt und seine Theologie gegenüber gegnerischen Vorwürfen und Anfechtungen rechtfertigen. Mit welchem Selbstverständnis entgegnete der Apostel diesen Vorwürfen?Wie hat sich Paulus selbst gesehen und sein Amt als Apostel verstanden?
Ausgehend von diesen Fragestellungen möchte ich meine Arbeit beginnen und einen Einblick in das Selbst- und Amtsverständnis des Paulus geben. Da Paulus „die gegnerischen Stichworte auch seinen Ausführungen über das apostolische Amt und Legitimität zugrunde gelegt hat“ werde ich methodisch so vorgehen, dass ich zu vielen Punkten erst die gegnerischen Vorwürfe kurz darstellen werde. Von hier aus werde ich dann das paulinische Selbst- und Amtsverständnis herausarbeiten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Paulus` Selbstverständnis nach seiner Berufung
2.1. Die apostolische Sendung
2.2. Paulus` Aufgabe als Apostel
2.3. Paulus als Knecht Jesu Christi
3. Das Verhältnis des Apostels zur Gemeinde
3.1. Paulus als Mittler
3.2. Paulus als Elternteil
3.3. Der Verzicht auf finanzielle Unterstützung durch die Gemeinde
4. Paulus` Schwachheit als Stärke
4.1. Paulus` Leiden
4.2. Weisheitliches Reden bei Paulus
5. Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das Selbst- und Amtsverständnis des Apostels Paulus im Kontext der Auseinandersetzung mit gegnerischen Vorwürfen zu Lebzeiten des Apostels. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Paulus seine apostolische Legitimität nicht durch menschliche Stärke, sondern durch die Gnade Gottes und seine bewusste Teilhabe am Leiden Christi begründete.
- Analyse des paulinischen Apostolats im Lichte des Damaskuserlebnisses
- Untersuchung der Metaphern vom Apostel als Mittler und Elternteil
- Darstellung des Verzichts auf finanzielle Unterstützung als bewusste Abgrenzung
- Theologische Deutung von Schwachheit und Leiden als Ausdruck göttlicher Kraft
Auszug aus dem Buch
4.1. Paulus` Leiden
Neben dem Vorwurf auf den apostolischen Unterhalt zu verzichten, musste sich Paulus gegen weitere, schwerwiegendere Vorwürfe gegen sein Apostolat wehren: So warfen ihm seine Gegner Schwachheit und Niedrigkeit vor, welches einem richtigen Apostel nicht gebührend sei. Vielmehr galten ein starkes Auftreten und Überlegenheit gegenüber Gemeinden als Merkmale eines wahren Apostels und auch die paulinischen Gemeinden, vor allen die korinthische Gemeinde, zweifelte, ob ein schwächlich auftretender Apostel sie überhaupt zur Herrlichkeit Christi und zum Reich Gottes führen könne.
Erneut entgegnet Paulus diesen Vorwürfen, in dem er ein ganz anderes Amtsverständnis darlegt, als seine Gegner hatten: Rühmten sich die ´Überapostel` (vgl. 2Kor 11,5) ihrer Stärke und Überlegenheit, weil dies die Nähe zum erhöhten Christus ausdrücke, so rühmte sich Paulus seiner Schwachheit, denn nur in ihr erweise sich die Kraft und Gnade Gottes (vgl. 2Kor 12,9; auch: Gal 6,14).
Insbesondere in den beiden Korintherbriefen entfaltet Paulus seine Gedanken und seine Theologie zur Niedrigkeit seiner Person und der der Christen im allgemeinen, denn hier sieht er den Glauben der Gemeinde bedroht, die sich von der Stärke und dem Enthusiasmus der Gegner beeindrucken ließen. So kann man dort mehrere Peristasenkataloge finden, in denen Paulus seine leidvollen Erfahrungen im Detail auflistet (vgl. 1Kor 4,9-13; 2Kor 4,8-15; 6,4-10; 11,23-28). Paulus versteht dieses Leiden als Folge seines Christ-Seins, so wie viele Christen zu jener Zeit Isolation, Verfolgung und Misshandlungen ertragen mussten. Diesen Zusammenhang zwischen Leid und Christsein deutet Paulus nun theologisch, in dem er zu zeigen versucht, dass sich gerade in der Schwachheit die Kraft Christi manifestiert und damit der eschatologische Heilsweg eingeschlagen sei.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik des paulinischen Amtsverständnisses ein und stellt die Relevanz der Auseinandersetzung mit gegnerischen Vorwürfen heraus.
2. Paulus` Selbstverständnis nach seiner Berufung: Dieses Kapitel erläutert, wie Paulus seine apostolische Sendung durch das Damaskuserlebnis und die unmittelbare Berufung durch Gott legitimiert.
3. Das Verhältnis des Apostels zur Gemeinde: Hier wird Paulus' Rolle als Mittler und fürsorglicher Elternteil untersucht, sowie sein Verzicht auf finanzielle Entlohnung als Mittel zur Wahrung der Glaubwürdigkeit.
4. Paulus` Schwachheit als Stärke: Dieses Kapitel analysiert, wie Paulus seine erlittenen Schwachheiten und Leiden theologisch umdeutet, um darin die Kraft Gottes und sein wahres Apostolat zu begründen.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Paulus durch seinen Fokus auf die göttliche Gnade in der Schwachheit ein grundlegend anderes Amtsverständnis als seine Zeitgenossen vertrat.
Schlüsselwörter
Apostel, Paulus, Selbstverständnis, Amtsverständnis, Damaskuserlebnis, Evangelium, Leiden, Schwachheit, Gnade, Mittler, Elternteil, Legitimität, Christsein, Gemeinde, Verkündigung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem Selbst- und Amtsverständnis des Apostels Paulus und seiner Reaktion auf die Anfechtungen durch seine Gegner während seiner Lebenszeit.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen die apostolische Legitimität, das Rollenverständnis des Apostels gegenüber der Gemeinde (als Mittler und Elternteil) sowie die theologische Bedeutung von Leiden und Schwachheit.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, mit welchem Selbstverständnis der Apostel den Vorwürfen seiner Gegner begegnete und wie er sein eigenes Apostolat angesichts dieser Kritik definierte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verfolgt einen exegetischen Ansatz, bei dem die gegnerischen Vorwürfe aus den Briefen kurz dargestellt und anschließend aus dem paulinischen Selbst- und Amtsverständnis heraus analysiert werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Berufung des Paulus, sein Verhältnis zu den Gemeinden und die zentrale Bedeutung der Schwachheit als Ausdruck göttlicher Stärke.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Apostolat, Gnade, Leiden, Mittlerrolle, Legitimität und die Auseinandersetzung mit den sogenannten Überaposteln.
Wie begründet Paulus seine Freiheit trotz seines Knecht-Seins?
Paulus sieht seine Freiheit darin, dass er von weltlichen Zwängen und menschlichen Urteilen befreit ist, da er als Knecht Christi nur noch dem Urteil Gottes untersteht.
Warum verzichtete Paulus auf finanzielle Unterstützung durch die Gemeinden?
Der Verzicht diente dazu, sich nicht in eine Abhängigkeit zu begeben, den Weg zum Evangelium nicht zu versperren und den Vorwurf der Habgier zu entkräften, um so die Gemeinde zu erhöhen.
Welche Funktion hat das Leiden laut Paulus für sein Apostolat?
Das Leiden hat eine soteriologische Funktion: Durch die Teilhabe am Leidensgeschick Christi wird Paulus zur wahren Mittlerfigur, da sich Gottes Gnade nach seiner Überzeugung gerade in der Schwachheit offenbart.
- Arbeit zitieren
- Christine Brengelmann (Autor:in), 2006, Das Amts- und Selbstverständnis des Apostel Paulus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/154911