Welche Rolle spielt der Zionismus in den jüdischen Emanzipationsbestrebungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts?


Essay, 2007
6 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Welche Rolle spielt der Zionismus in den jüdischen Emanzipationsbestrebungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts?

Wie wir in der Veranstaltung „Das jüdische Projekt der Moderne“ lernen durften, bekamen die Juden im 19. Jahrhundert das erste Mal seit dem Aufkommen des Christentums die Chance sich innerhalb ihrer Mehrheitsgesellschaften zu emanzipieren. Neues, modernes und revolutionäres Gedankengut und damit einhergehende Neuerungen bahnten sich den Weg bis in die Ghettos der Juden;1 Die Aufklärung und die französische Revolution mit ihren Rufen nach Mündigkeit und Gleichberechtigung aller Mensche und die bald darauf aufkommenden neuen wirtschaftlichen Chancen durch die Industrialisierung beeinflussten im besonderen Maße auch das jüdische Leben. In dieser Zeit, in der die Juden die Ghettos verließen und ihnen in Deutschland nun sukzessiv gleiche Bürgerrechte zugesprochen wurden, erfanden die Juden nicht nur ihre jüdische Religion während und nach der Haskalah neu, sondern unterwarfen sich den neuen und revolutionären Einflüssen auf kreative Weise und erfanden dabei ihre gesamte jüdische Kultur neu. Dabei verfolgten die Juden in Europa ganz unterschiedliche Wege: Viele akkulturierten, einige assimilierten sich an ihre christlich geprägten Mehrheitsgesellschaften.2 Unter den assimilierten Juden befanden sich auch Theodor Herzl und Max Nordau, die Ende des 19. Jahrhunderts als westliche Zionisten den politischen Zionismus mitbegründen und nachhaltig prägen sollten.

Im Folgenden möchte ich klären, welche Rolle der Zionismus in den jüdischen Emanzipationsbestrebungen spielte. Dabei möchte vor allem auf die Frage eingehen, ob der Zionismus als eine Gegenbewegung zu den ersten jüdischen Emanzipationsversuchen, der Akkulturation und der Assimilation, zu verstehen ist?

Ein wichtiger Schritt zur Beantwortung dieser Frage soll die folgende Erklärung zu der Entstehungsgeschichte des Zionismus liefern. Es ist zu beachten, dass das erfolgreiche Aufkommen des Zionismus nur als ein dynamisches Zusammenspiel verschiedener Faktoren und Ereignisse gewertet werden kann, die alleinig in ihrer besonderen Konstellation am Ende des 19. Jh. zum Zionismus führten. Waren Ideen zu einem Zionismus Anfang des 19. Jahrhunderts noch innerhalb des Judentums verspottet worden,3 erfreute sich der politische Zionismus Herzls in Westeuropa und der Kulturzionismus Achad Ha`ams in Osteuropa ein Jahrhundert später immer größeren Zuspruchs unter den Juden.

Ein wichtiger Faktor der zum Aufkommen des Zionismus beitrug war das Erstarken des Antisemitismus. Hatten die deutschen Juden 1871 mit Entstehung des Deutschen Reiches rechtliche Gleichstellung erlangt, mussten sie einige Jahre später mitansehen, wie jüdische Studenten aus den gesellschaftlich wichtigen Studentenverbindungen ausgeschlossen werden. Außerdem erlebten sie, wie es im Geburtsland der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit nach dem Dreyfus-Prozess zu antisemitischen Ausschreitungen kommt und wie letztendlich der politische Antisemitismus bei den Wahlen Dr. Karl Luegers 1895 in Wien offensichtlich starken Aufwind erhält.4

Es wäre an dieser Stelle falsch zu sagen, dass der Antisemitismus der alleinige oder der Hauptfaktor für die Entstehung des Zionismus wäre. Nicht der Antisemitismus an sich führte zum Zionismus - dann hätten die Juden schon vor Jahrhunderten eine Rückkehr nach Palästina propagieren können, - sondern die mit dem Antisemitismus einhergehende Einsicht, dass die bisherigen Emanzipationsversuche als gescheitert angesehen werden müssen, war der entscheidende Grund zur Verfolgung der Zionismus-Idee. Der Antisemitismus zeigte Juden wie Herzl und Nordau den sich am fin de siècle vollziehenden Wandel weg von dem Liberalismus, dem Fortschritt und der Toleranz hin zu einem politischen Nationalismus, in dem Intoleranz und rassisch definierte Antisemitismus die Früchte dieser zerstörerischen Tendenzen darstellten.5

„Er [der Zionismus] ist die eine Reaktion auf die bittere Enttäuschung auf dem Weg zur Emanzipation“.6 Hatten sich die Juden an ihre Kultur ihrer Mehrheitsgesellschaft mit voller Hingabe angepasst und teils assimiliert, zeigte der ethnisch geprägter Antisemitismus und der Ausschluss aus ihrer Heimatgesellschaft einigen von ihnen nun, dass ihre Bemühungen um die Emanzipation umsonst gewesen waren und auf der Ebene der Eingliederung innerhalb der Mehrheitsgesellschaft nie Erfolge feiern würde. Nachdem Moses Heß schon 1862 erkannt hatte: „Die Deutschen hassen weniger die Religion der Juden, als ihre Rasse, weniger ihren eigentümlichen Glauben, als ihre eigentümlich Nase“,7 brachte auch Herzl ähnliche Argumente hervor: „Wir haben überall ehrlich versucht, in der uns umgebenden Volksgemeinschaft unterzugehen und nur den Glauben unserer Väter zu bewahren. Man lässt es nicht zu. Vergebens sind wir treue und an manchen Orten sogar überschwängliche Patrioten, vergebens bringen wir dieselben Opfer an Gut und Blut wie unsere Mitbürger“.8 Die Juden hatten sich assimiliert, ihre Religion privatisiert und liberalisiert, waren sogar deutscher als manch Deutscher selbst, und doch mussten Herzl und Nordau nun schockiert beobachten, „wie das alte antisemitische Monster drohend den Kopf erhob“9 und sie immer wieder wegen ihrer ethnischen Herkunft, nicht wegen ihrer andersartigen Religion, aus der modernen Gesellschaft ausgegrenzt wurden. Eine volle Teilnahme an der Moderne und der deutschen Gesellschaft würde durch die Assimilation und Akkulturation nie erreicht werden.

In dieser Erkenntnis ist Herzls Kritik an der Assimilation hauptsächlich begründet. In seinem 1894 veröffentlichten Stück Das Neue Ghetto , macht Herzl seine Kritik an der Assimilation deutlich.10 Indem sich viele Juden vollkommen assimilierten, gaben sie auch ihre jüdischen Traditionen auf, um als gleichbürtige Bürger anerkannt zu werden, und doch sei dieser Weg versperrt und würde nie zur Aufnahme in die Mehrheitsgesellschaft und zu einer Emanzipation inner halb dieser führen, weil sie immer wieder, gegen ihren Willen, auf ihr Judentum zurückverwiesen werden11 und als ethnische Gemeinschaft gesehen werden.

Im Osten kritisierte man die Assimilation auf ähnliche, aber noch weitreichende Weise. So schrieb Achad Ha`am in Odessa: „Von all den hochtrabenden Zielen, die der Zionismus sich gesetzt hat, ist nur eines zur Zeit in Reichweite, und zwar das moralische Ziel, uns selbst aus der Sklaverei des inneren Wesens zu befreien, von dem unterdrückten menschlichen Geist, der durch die Assimilation entstand.“12 Vertreter des kulturellen Zionismus wie Achad Ha`am sahen in der Assimilation eine Selbstverleugnung und Selbstbeschränkung ihrer jüdischen Identität und Wurzeln. Hinzu kam, dass auch hier eine Emanzipation nicht in Sicht war. Hatten die westeuropäischen Juden bereits den frischen Wind der Emanzipation spüren dürfen, um nun zwischen die Walzen des Nationalismus und Antisemitismus zu geraten, hatten die Ostjuden bis Ende des 19. Jahrhunderts mit Blick auf ihre westlichen Nachbarn auf eine kommende Liberalisierung und Emanzipation hoffen können. Verspäteter als im Westen, schlug auch im Osten die Aufklärung ihre Wurzeln und die Ghettos lösten sich langsam auf, während sich die Juden nach all dem sehnten, was ihre westlichen Glaubensgenossen bereits zu haben schienen: die Moderne, mit einer säkularen Kultur, reformiertem Judentum und vor allem rechtlicher Gleichstellung.13 Jede Hoffnung auf Gleichberechtigung musste im Osten jedoch ab 1881, mit dem Attentat auf Zar Alexander II. und den beginnenden antisemitischen Pogromen, begraben werden.

Wie wir sehen, war das Ende des 19. Jahrhunderts für die Juden im Westen und Osten gleichermaßen von einem antisemitischen Druck, Angst und der damit eingehenden Enttäuschung über die gescheiterte oder nicht zustande kommenden Emanzipation, geprägt.

[...]


1 Für diesen Absatz vgl. auch Eliezer Schweid: Zionismus - eine Ausprägung jüdischer Identität unserer Zeit. In: Stegemann. S. 212 f.

2 Vgl. Gideon Shimoni: Die Entstehung des Zionismus. In: Stegemann. S. 46.

3 Vgl. Michael Brenner: Geschichte des Zionismus. S. 9 f.

4 Für diesen Absatz vgl. Brenner: Zionismus. S. 31.

5 vgl. Shlomo Avineri: Herzls Weg zum Zionismus. In: Stegemann. S. 29 ff.

6 Schweid: Zionismus. In: Stegemann. S. 212.

7 Moses Heß: Rom und Jerusalem. S. 25.

8 Theodor Herzl: Gesammelte zionistische Werke, Bd. 1, S. 26. 2

9 Amnon Rubenstein: Geschichte des Zionismus. S. 31.

10 Vgl. Brenner: Geschichte. S. 25.

11 Vgl. Avineri: Herzls Weg. In: Stegemann. S. 29.

12 Zit. n. Rubenstein: Geschichte des Zionismus. S. 17.

13 Vgl. ebs., S. 38.

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Welche Rolle spielt der Zionismus in den jüdischen Emanzipationsbestrebungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts?
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Theologie)
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
6
Katalognummer
V154912
ISBN (eBook)
9783640683635
Dateigröße
373 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Welche, Rolle, Zionismus, Emanzipationsbestrebungen, Jahrhunderts
Arbeit zitieren
Christine Brengelmann (Autor), 2007, Welche Rolle spielt der Zionismus in den jüdischen Emanzipationsbestrebungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/154912

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Welche Rolle spielt der Zionismus in den jüdischen Emanzipationsbestrebungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts?


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden