Das Kapitel „Adjektiv“ in Horst Bartnitzkys Werk „Grammatikunterricht in der Grundschule“

Kritische Betrachtung und Verbesserungsvorschläge


Hausarbeit, 2010

19 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Analyse des Kapitels „Adjektiv“
2.1 Sachklärung
2.2 Didaktische Überlegungen
2.3 Unterrichtsbeispiele

3 Fazit

4 Literatur-/Quellenverzeichnis

5 Selbstständigkeitserklärung

1 Einleitung

Horst Bartnitzky versucht in seinem Werk „Grammatikunterricht in der Grundschule“ ein handlungsbezogenes Konzept für den Grundschul-Grammatikunterricht als Alternative zur traditionellen Vorgehensweise zu entwerfen (vgl. Bartnitzky 2007, S. 7). Anhand einer kritischen Analyse des Unterkapitels „Adjektiv“ aus dem Kapitel „Wortarten“ soll gezeigt werden, inwieweit seine Vorschläge umsetzbar bzw. verbesserungswürdig sind und welche Alternativen sich anstelle seiner Vorschläge anbieten könnten. Bei meiner Analyse orientiere ich mich am Aufbau des Kapitels „Adjektiv“, d. h. das Kapitel wird in seiner Gliederung schrittweise untersucht und die Überschriften aus dem Kapitel übernommen.

2 Analyse des Kapitels „Adjektiv“

2.1 Sachklärung

Bartnitzky beginnt das Kapitel „Adjektiv“ mit einer „Sachklärung“ (S. 121). Er bezeichnet Adjektive als „beigefügte Wörter, die zusätzliche qualitative Aussagen machen“ (ebd.). Diese Sachklärung sollte besser durch eine aussagekräftige Definition ersetzt werden. Stattdessen folgen nach dieser eher oberflächlichen und unscharfen Beschreibung bereits verschiedene Beispiele, um seine nachfolgenden Ausführungen zu verdeutlichen: „a) die lebhaften Kinder, lebhafte Kinder, b) die Kinder spielen lebhaft, c) die Kinder sind lebhaft, d) die Kinder sind lebhafter als sonst, e) die lebhafteren Kinder, lebhaftere Kinder.“ (ebd.).

Im Anschluss daran erläutert Bartnitzky anhand seiner Beispiele die Funktionen des Adjektivs (S. 122). Die von ihm verwendeten Beispiele sind jedoch weniger gut geeignet, um Kindern die Wortart `Adjektiv` näher zu bringen. Da Bartnitzky hier nur mit dem Plural arbeitet, kann es leicht zu der Annahme kommen, Adjektive würden nur in Verbindung mit Pluralformen verwendet. Auf diese Weise können Kinder nicht erkennen, wie die Bildung des Adjektivs im Singular erfolgt. Daher wäre hier eine Mischung aus Beispielen in Singular- und Pluralformen sehr viel sinnvoller.

Des Weiteren muss zunächst deutlich werden, welches grammatische System der Klassifizierung in die Ordnungskategorie `Adjektiv` zu Grunde liegt, um die Wortart definieren und ihr Worte zuordnen zu können, denn das Adjektiv ist eine von Grammatikern geschaffene Kategorie, unter die bestimmte Worte eingeordnet werden (vgl. Menzel 1995, S. 25). Es ist somit „eine formale Einheit, die nach morphologischen und/oder syntaktischen Kriterien gewonnen wird [...].“ (S. 26). Aufgrund der verschiedenen Auffassungen der Grammatiker lassen sich daher unterschiedliche Ordnungskategorien identifizieren, sodass manche Worte von den einen zu den Adjektiven, von den anderen zu einer anderen Wortart gezählt werden (S. 25). Leider weist Bartnitzky auf diese Tatsache nur sehr knapp hin und erklärt das von ihm gewählte grammatische System, das seinen Formulierungen zugrunde liegt[1] nur sehr oberflächlich (vgl. Bartnitzky 2007, S. 87 f.). So lässt sich aus seinen Ausführungen keine schlüssige grammatische Kategorisierung für die Wortart `Adjektiv` erschließen. Er weist lediglich darauf hin, dass Adjektive dadurch gekennzeichnet seien, dass sie charakterisieren und flektiert werden können und aufgrund dieser Funktionen „unabhängig davon, ob sie attributiv oder adverbial genutzt werden“, als Adjektive bezeichnet werden (S. 122).

So könnte Bartitzky z. B. darauf verweisen, dass er Worte nur dann als Adjektive definiert, wenn sie der Positionierungsprobe und der Flexionsprobe gerecht werden, d. h. wenn sie zwischen Artikel und Nomen positioniert und in dieser Position flektiert werden können. Diese beiden Proben sind auch für die Schulgrammatik geeignet. Demnach werden z. B. die Worte „vergeblich, häufig“ und „eventuell“ zu den Adjektiven gezählt (da sich bei der Probe „vergebliche/häufige/eventuelle Veränderung“ ergibt), aber die bedeutungsähnlichen Pendants „umsonst, oft, vielleicht“ nicht (da „umsonste/ofte/vielleichte Veränderung“), weil sie nicht zwischen Artikel und Nomen positioniert und deshalb auch nicht flektiert werden können (vgl. Menzel 1995, S. 25). Eine Ausnahme bilden solche Worte, die zwar die Position zwischen Artikel und Nomen einnehmen, dort aber nicht flektiert werden können (z. B. rosa, prima), weil ihre Nicht-Flektierbarkeit augenscheinlich durch ihre Herkunft aus fremden Sprachen, nicht aber durch ihre systematische Zuordnung begründet wird (ebd.). Des Weiteren werden auch die Zahlwörter zu den Adjektiven gezählt, obwohl die Kardinalzahlen nicht flektiert werden können. Sie werden aber dennoch in die Kategorie `Adjektiv` eingeordnet, da sich ihre prinzipielle Flektierbarkeit z. B. an `des einen Strauches, der beiden Bäume` sowie in der alten Form der „ zween herren “ zeigt und daher von einer „`nicht durchgeführten Flexion`“ bzw. einer Flexion mit „`Null-Morphem`“ gesprochen werden kann (S. 25-26).

Außerdem weist Bartnitzky auch nicht darauf hin, dass es einen „Kernbereich“, d. h. Worte, die sich zweifelsfrei als Adjektive („reine Adjektive“) klassifizieren lassen, gibt (S. 25). Die Menge der „reinen Adjektive“ beträgt rund 240 (S. 28) (z. B. rot, klein, schön). Die reinen Adjektive lassen sich zwölf Wortfeldern zuordnen, wobei einige Adjektive, je nach eigentlicher oder übertragener Bedeutung, auch in mehreren Wortfeldern vorkommen können. Die reinen Adjektive lassen sich grob in Qualitätsbezeichnungen (z. B. ganz, halb, viele), Bezeichnungen von körperlichen/seelischen Zuständen (z. B. stumm, taub, krank, heiser, tot), Bezeichnungen der Gestalt eines Menschs oder eines Tiers (z. B. dick, fett, klein, groß), Bezeichnungen von räumlichen Ausdehnungen/Verhältnissen (z. B. tief, linke, lang, schmal, fern), Bezeichnungen von zeitlichen Verhältnissen (z. B. schnell, früh, plötzlich), Bezeichnungen von Farben (z. B. blau, grün, schwarz), Bezeichnungen für Einschätzungen/Bewertungen (z. B. falsch, richtig, hässlich), Bezeichnungen zur Charakterisierung (z. B. naiv, böse, schlau, dumm), Bezeichnungen für Gerüche und Geschmäcker (z. B. süß, sauer, bitter), Bezeichnungen für akustische Eindrücke (z. B. laut, leise, schrill, hoch, tief), Bezeichnungen für taktile Wahrnehmungen (z. B. glatt, stumpf, spitz) und Bezeichnungen für Temperatureindrücke (z. B. kalt, warm, heiß) (S. 30-31) einteilen. Der Verweis auf die reinen Adjektive und deren Auflistung in dem von Bartnitzky verfassten Werk (z. B. im Anhang) fehlt leider, wäre aber durchaus sinnvoll.

Des Weiteren spricht Bartnitzky von den `Funktionen` des Adjektivs: „Adjektive sind mithin durch diese Funktionen gekennzeichnet: Sie charakterisieren und können flektiert werden [...], und sie werden beim Nomen nach eigenen Regeln mitdekliniert.“ (Bartnitzky 2007, S. 122), er benennt jedoch nur die charakterisierende Funktion. Bei den restlichen Anmerkungen handelt es sich um Charakteristika des Adjektivs. Hinsichtlich der Funktionen sollte daher auf die präzisierende Funktion (wenn Adjektive etwas näher beschreiben, z. B. `das gestreifte T-Shirt`), die individualisierende Funktion (Besonderheiten des einzelnen werden herausgestellt, z. B. `Die Maus ist eines der kleinsten Nagetiere.`), die bewertende Funktion (z. B. `die rücksichtslose Frau`) und die ausschmückende Funktion (z. B. `Das Krokodil frisst glitschige Fische, langsame Schildkröten, den mächtigen Löwen und fliegende Vögel.`) (vgl. Menzel 1995, S. 30) verwiesen werden.

Des Weiteren formuliert Bartnitzky: „Sie [Adjektive] haben einen Wortstamm und können adjektivtypische Präfixe haben (un-, ur-, miss-) sowie Suffixe (-lich, -bar, -haft, -ig, -sam).“ (2007, S. 122). Diese Formulierung ist sehr missverständlich, vor allem der Begriff „adjektivtypisch“ ist verwirrend. Eine angemessenere Formulierung wäre etwa: `Die Präfixe un-, ur-, miss- und die Suffixe -lich, -bar, -haft, -ig, -sam werden häufig für die Adjektivbildung genutzt`. Des Weiteren nennt Bartnitzky hier nur einen Bruchteil der für Adjektive typischen Prä- und Suffixe. Weitere Präfixe sind beispielsweise `an-, anti-, de-, des-, dis-, erz-, ex-, hyper-, inter-, ko-, kon-, kor-, non-, par-, post-, prä-, pro-, trans-, ura-` (vgl. http://www.staff.uni-mainz.de/steinbac/Lehre/Grammatik/Wortbildung.

pdf [Aufruf: 2010-02-16], S. 3[2]). Menzel benennt insgesamt 16 für Adjektive typische Suffixe: „-abel, -ant, -är , -bar, -ell, -ern, -esk, -haft, -ibel, -ig, -isch, -lich, -mäßig, -oid, -ös, -sam .“) (1995, S. 28).

Nachdem Bartnitzky kurz die Flektierbarkeit von Adjektiven anspricht: „Sie charakterisieren und können flektiert werden [...]“ (2007, S. 122), geht er zunächst auf weitere Charakteristika von Adjektiven ein, um dann auf die Ausnahmen bezüglich der Flektierbarkeit einzugehen (ebd.). Besser wäre es, die Ausnahmen gleich in Verbindung mit der grundsätzlichen Thematisierung der Flektierbarkeit anzusprechen. Weiterhin führt er Adjektive auf, die nicht flektierbar sind, wie z. B. „orange“ (ebd.), erläutert dann aber, dass „im Sprachgebrauch Angleichungen zu beobachten“ seien, wie z. B. „der orangene Stoff“ (ebd.). Bartnitzky gibt hiermit ein Beispiel, dass der Umgangssprache entnommen ist und in der Schriftsprache als nicht korrekt gilt. Damit ist diese Ausführung für den Grammatikunterricht belanglos.

2.2 Didaktische Überlegungen

In dem Abschnitt „Didaktische Überlegungen“ formuliert Bartnitzky: „Adjektive sind wegen ihrer charakterisierenden Funktion für die Textarbeit von besonderer Bedeutung [...]“ (S. 123). Diese sehr oberflächliche Formulierung könnte wesentlich besser z. B. in folgender Darstellung ausgedrückt werden: `Adjektive umfassen rund ein Fünftel des gesamten deutschen Wortschatzes und bilden somit die drittgrößte Wortart` (vgl. Lee 2005, S. XXVII). Des Weiteren ist der Satz „Sie können beim genaueren Beobachten und Beschreiben helfen [...].“ (Bartnitzky 2007, S. 123) missverständlich ausgedrückt. Besser wäre: `Sie dienen der Beschreibung` o. ä., denn Adjektive helfen nicht beim Beobachten, sie helfen Beobachtetes genauer zu beschreiben. Weiter erklärt Bartnitzky: „Adjektive können mit anderen Wörtern zusammengesetzt [...] werden.“ (ebd.). Dabei vergisst er, diese „Wörter“ in Form von Wortarten zu präzisieren und mit Beispielen auszustatten, sodass unklar bleibt, was er genau meint. Möchte er die einfache Komposition aus Adjektiv und jeweiliger/n Wortart/en beschreiben, wäre die folgende Beschreibung geeigneter: `Durch die Verbindung von mindestens zwei freien Morphemen können Adjektive mit den Wortarten Verb (z. B. fernsehen, krankschreiben, fahrbereit), Nomen (z. B. Gebrauchtwagen, wasserdicht), Adjektiv (z. B. vollschlank, frühreif), Adverb (z. B. wohlverdient, andersfarbig) und Pronomen (z. B. allbekannt, selbstgerecht) Lexeme bilden. Bei Kompositionen von Adjektiv und Nomen sowie Adjektiv und Adjektiv sind diese in allen drei Vergleichsformen (im Positiv, Komparativ und Superlativ) möglich (Verbindung mit Nomen: z. B. Gebrauchtwagen, Mehrarbeit, Höchststrafe, Verbindung mit Adjektiven: z. B. vollschlank, minderbemittelt, bestbezahlt)`. Meint Bartnitzky auch Zusammensetzungen, die Fugenelemente enthalten, müsste noch ergänzt werden, dass die Kombination von Adjektiven und Nomen bzw. Verben mit einem eingefügten Fugenelement (Nomen: z. B. mausetot, Verben: z. B. werbewirksam) oder ohne dieses Element (Nomen: z. B. abgasfrei, Verben: z. B. kuschelweich) erfolgen kann. Des Weiteren bleibt unklar, ob Bartnitzky nur Kompositionen meint, bei denen das Adjektiv und die jeweilige/n Wortart/en zusammengeschrieben werden (z. B. hellsehen) oder ob er auch Zusammensetzungen meint, bei denen das Adjektiv und die entsprechende Wortart getrennt geschrieben werden (z. B. blau einfärben). Gemeint sein könnten aber auch Derivationen (`Ableitungen`), bei denen andere Wortarten (Verben, Nomen, Adjektive und Adverben) adjektiviert werden (Barock zu barock, Stein zu steinig etc.) (vgl. Menzel 1995, S. 28). Häufig werden dazu `Adjektivierungs-Morpheme` wie z. B `-bar, -lich, -haft, -ig` verwendet (z. B.: halt-bar, täg-lich etc.). Bei den Derivationen sollte dann auch auf die Wortbildungsprozesse Suffigierung, Konversion und im Falle von Nomen auf Pseudopartizipien und bei Verben auf die kombinierte Präfigierung und Konversion verwiesen werden. Zudem wäre eine Angabe der gängigsten „Ableitungssuffixe“ („-abel, -ant, -är, -bar, -ell, -ern, -esk, -haft, -ibel, -ig, -isch, -lich, -mäßig, -oid, -ös, -sam .“) (ebd.) sinnvoll. Auch die neoklassische Wortbildung (z. B. anonym) sollte angesprochen werden.

Unter der Überschrift „Begrifflichkeit“ erklärt Bartnitzky, dass er die lateinische Bezeichnung „Adjektiv“ für die Wortart präferiert, dabei begründet er diese Entscheidung jedoch völlig unzutreffend bzw. unzureichend: „Ich schlage [...] den lateinischen Begriff Adjektiv vor, um eine terminologische Reihe der drei Hauptwortarten Nomen, Verb, Adjektiv beizubehalten.“ (Bartnitzky 2007, S. 123). Er hält die Termini „Wiewort“ oder „Eigenschaftswort“ auch für „mögliche Arbeitsbegriffe, die die Wortart treffend kennzeichnen.“ (S. 123). Dabei bleibt völlig unbeachtet, dass sich diese `sprechenden Bezeichnungen` auf semantische und nicht auf syntaktische oder morphologische Kriterien beziehen. Daher liefern sie e ine jeweils eigene Interpretation der Wortart und sind höchstens mit Einschränkungen zu gebrauchen (vgl. http://www.schule-ratgeber.de

[...]


[1] Bartnitzky bezieht sich auf die Sechs-Wortarten-Lehre von Hans Glinz.

[2] Die Angabe der gebräuchlichen Präfixe konnte ich in keinem gedruckten Werk so umfangreich entnehmen. Die Seriösität der Quelle lässt sich vor allem anhand der Angabe eines Urhebers und der guten sprachlichen und formalen Gestaltung der Seite erkennen.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Das Kapitel „Adjektiv“ in Horst Bartnitzkys Werk „Grammatikunterricht in der Grundschule“
Untertitel
Kritische Betrachtung und Verbesserungsvorschläge
Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta  (Lehrstuhl für Allgemeine Sprachwissenschaft / Germanistische Linguistik)
Veranstaltung
Linguistik für Lehrer
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
19
Katalognummer
V155109
ISBN (eBook)
9783640679515
ISBN (Buch)
9783640680665
Dateigröße
577 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kapitel, Horst, Bartnitzkys, Werk, Grundschule“, Kritische, Betrachtung, Verbesserungsvorschläge
Arbeit zitieren
Janina Schnormeier (Autor), 2010, Das Kapitel „Adjektiv“ in Horst Bartnitzkys Werk „Grammatikunterricht in der Grundschule“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/155109

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