Wozzeck - Ein Trauerspiel-Fragment

Ausgabe von 1879


Klassiker, 1879
35 Seiten
GRIN Verlag (Hrsg.) (Autor)

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Zimmer.

Der Hauptmann. Wozzeck.

Hauptmann auf einem Stuhl. Wozzeck rasirt ihn.

Hauptmann. Langsam, Wozzeck, langsam; eins nach dem Andern. Er macht mir ganz schwindlich. Was soll ich denn mit den zehn Minuten anfangen, die Er heut’ zu früh fertig wird? Wozzeck! bedenk’ Er, Er hat noch seine schönen dreißig Jahre zu leben! Dreißig Jahr! macht dreihundert und sechzig Monate und erst wie viel Tage, Stunden, Minuten! Was will Er denn mit der ungeheueren Zeit all anfangen? Theil Er sich ein, Wozzeck!

Wozzeck. Ja wohl, Herr Hauptmann!

Hauptmann. Es wird mir ganz angst um die Welt, wenn ich an die Ewigkeit denke. Beschäftigung, Wozzeck, Beschäftigung! Ewig, das ist ewig! - Das sieht Er ein. Nun ist es aber wieder nicht ewig, und das ist ein Augenblick, ja ein Augenblick! - Wozzeck, es schaudert mich, wenn ich denke, daß sich die Welt in einem Tage herumdreht. Was für eine Zeitverschwendung! - wo soll das hinaus? So geschwind geht Alles! - Wozzeck, ich kann kein Mühlrad mehr sehen, oder ich werd’ melancholisch!

Wozzeck. Ja wohl, Herr Hauptmann!

Hauptmann. Wozzeck, Er sieht immer so verhetzt aus! Ein guter Mensch thut das nicht, ein guter Mensch, der sein gutes Gewissen hat, thut Alles langsam … Red’ Er doch was, Wozzeck. Was ist heut für Wetter?

Wozzeck. Schlimm, Herr Hauptmann, schlimm. Wind!

Hauptmann. Ich spür’s schon, ’s ist so was Geschwindes draußen; so ein Wind macht mir den Effect, wie eine Maus. (Pfiffig.) Ich glaub’, wir haben so was aus Süd-Nord?

Wozzeck. Ja wohl, Herr Hauptmann.

Hauptmann. Ha! ha! ha! Süd-Nord! Ha! ha! ha! O Er ist dumm, ganz abscheulich dumm! (Gerührt.) Wozzeck, Er ist ein guter Mensch, aber (mit Würde), Wozzeck, Er hat keine Moral! Moral, das ist, wenn man moralisch ist, versteht Er? Es ist ein gutes Wort. Er hat ein Kind ohne den Segen der Kirche, wie unser hochwürdiger Herr Garnisonsprediger sagt, „ohne den Segen der Kirche“ - das Wort ist nicht von mir.

Wozzeck. Herr Hauptmann! Der liebe Gott wird den armen Wurm nicht d’rum ansehen, ob das Amen darüber gesagt ist, eh’ er gemacht wurde. Der Herr sprach: Lasset die Kleinen zu mir kommen!

Hauptmann. Was sagt Er da? Was ist das für eine kuriose Antwort? Er macht mich ganz confus mit seiner Antwort. Wenn ich sage: Er, so meine ich Ihn, Ihn …

Wozzeck. Wir arme Leut! Sehen Sie, Herr Hauptmann, Geld, Geld! Wer kein Geld hat! - Da setz’ einmal einer Seinesgleichen auf die moralische Art in die Welt! Man hat auch sein Fleisch und Blut! Unsereins ist doch einmal unselig in dieser und der anderen Welt! Ich glaub’, wenn wir in den Himmel kämen, so müßten wir donnern helfen.

Hauptmann. Wozzeck! Er hat keine Tugend, Er ist kein tugendhafter Mensch! Fleisch und Blut? Wenn ich am Fenster lieg’, wenn’s geregnet hat, und den weißen Strümpfen so nachseh’, wie sie über die Gasse springen — verdammt! Wozzeck, da kommt mir die Liebe! Ich hab’ auch Fleisch und Blut! Aber Wozzeck, die Tugend! die Tugend! Wie sollte ich dann die Zeit herumbringen? — ich sag’ mir immer: du bist ein tugendhafter Mensch, (gerührt) ein guter Mensch, ein guter Mensch!

Wozzeck. Ja, Herr Hauptmann, die Tugend — ich hab’s noch nicht so aus. Seh’n Sie, wir gemeine Leut’ — das hat keine Tugend; es kommt einem nur so die Natur. Aber wenn ich ein Herr wär und hätt’ einen Hut und eine Uhr und ein Augenglas und könnt’ vornehm reden, ich wollt’ schon tugendhaft sein. Es muß was Schönes sein um die Tugend, Herr Hauptmann, aber ich bin ein armer Kerl.

Hauptmann. Gut, Wozzeck, Er ist ein guter Mensch, ein guter Mensch. Aber Er denkt zu viel, das zehrt; Er sieht immer so verhetzt aus. Der Diskurs hat mich angegriffen. Geh’ Er jetzt, und renn Er nicht so, geh’ Er langsam, hübsch langsam die Straße hinunter, genau in der Mitte!

Oeffentlicher Platz. Buden.

Volk. Wozzeck. Marie.

Alter Mann und Kind (tanzen und singen):

Auf der Welt ist kein Bestand,
Wir müssen Alle sterben, das ist uns wohlbekannt.
Heissassa! Hopssassa!

Wozzeck. He! Marie, lustig! Schöne Welt! Gelt?

Ausrufer (vor einer Bude). Meine Herren und Damen! Hier sind zu sehen das astronomische Pferd und der geographische Esel! Die Creatur, wie sie Gott gemacht hat, ist nix, gar nix! Sehen Sie die Kunst! Schon der Affe hier! Geht aufrecht, hat Rock und Hosen, hat einen Säbel! He, Michel! mach’ Kompliment! So ist’s brav! Gib’ Kuß. Da! (Der Affe trompetet.) Meine Herren und Damen! Hier sind zu sehen das historische Pferd und der philosophische Esel. Sind Favorits von allen Potentaten Europas, Africas, Australiens, Mitglieder von allen gelehrten Gesellschaften, waren früher Professoren an einer Universität. Der Esel sagt den Leuten Alles, wie alt, wie viel Kinder, was für Krankheiten! Kein Schwindel, Alles Erziehung! Der Esel hat eine viehische Vernunft, auch vernünftige Viehigkeit, ist nicht viehdumm, wie die Menschen, das geehrte Publikum abgerechnet. Der Aff’ geht aufrecht, schießt eine Pistole los, ist musikalisch. (Der Affe trompetet wieder.) Meine Herren und Damen! Hier sind zu sehen der astrologische Esel, das romantische Pferd, der militärische Affe! Hereinspaziert, meine Herrschaften, gleich ist der Anfang vom Anfang. Herein spaziert, kost einen Groschen!

Erster Zuschauer. Ich bin ein Freund vom Grotesken. Ich bin ein Atheist.

Zweiter Zuschauer. Ich bin ein christlich-dogmatischer Atheist. Ich muß den Esel sehen. (Gehen in die Bude.)

Wozzeck. Willst auch hinein?

Marie. Meintwegen. Was der Mensch Quasten hat, und die Frau hat Hosen. Das muß ein schön Ding sein. (Gehen hinein.)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Innere der Bude.

Ausrufer (den Esel producirend). Zeig dein Talent! zeig deine viehische Vernünftigkeit. Beschäme die menschliche Société. Meine Herrschaften, das ist ein Esel, hat vier Hufe und einen Schweif und das sonstige Zubehör! War Professor an einer Universität, die Studenten haben bei ihm Reiten und Schlagen gelernt! Er hat einen einfachen Verstand und eine doppelte Raison. Was machst du, wenn du mit der doppelten Raison denkst? (Der Esel p—t.) Wenn du mit der doppelten Raison denkst?! Sage, ist unter der geehrten Société da ein Esel? (Der Esel schüttelt den Kopf.) Sehen Sie, das ist Vernunft. Was ist der Unterschied zwischen einem Menschen und einem Esel? Staub, Sand, Dreck sind Beide. Nur das Ausdrücken ist verschieden. Der Esel spricht mit dem Huf. Sag’ den Herrschaften, wie viel Uhr es ist! Wer von den Herrschaften hat eine Uhr?

Ein Zuschauer (reicht die seine). Hier!

Marie. Das muß ich sehen! (Klettert auf eine Bank.)

Wozzeck. — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Stube.

Marie (sitzt, ihr Kind auf dem Schooß, ein Stückchen Spiegel in der Hand. Bespiegelt sich.) Was die Steine glänzen? Was sind’s für welche? Was hat er gesagt? — — Schlaf Bub! Drück die Augen zu, fest. (Das Kind versteckt die Augen hinter den Händen) Noch fester! Bleib so — still! oder er holt Dich! (Singt.)

Mädel, mach ’s Lädel zu!
’s kommt ein Zigeunerbu,
Führt dich an seiner Hand
Fort ins Zigeunerland.

(Spiegelt sich wieder.) ’s ist gewiß Gold! Unsereins hat nur ein Eckchen in der Welt und ein Stückchen Spiegel, und doch hab’ ich einen so rothen Mund, als die großen Madamen mit ihren Spiegeln von oben bis unten und ihren schönen Herren, die ihnen die Händ’ küssen, und ich bin nur ein arm Weibsbild! .. (Das Kind richtet sich auf.) Still, Bub, die Augen zu! Das Schlafengelchen! .. (sie blinkt mit dem Glas) .. wie’s an der Wand läuft! — Die Augen zu, oder es sieht dir hinein, daß du blind wirst.

( Wozzeck tritt herein, hinter sie. Sie fährt auf, mit den Händen nach den Ohren.)

Wozzeck. Was hast da?

Marie. Nix!

Wozzeck. Unter deinen Fingern glänzt’s ja.

Marie. Ein Ohr-Ringlein, — habs gefunden —

Wozzeck. Ich hab so noch nix gefunden! — Zwei auf einmal!

Marie. Bin ich ein schlecht Mensch?

Wozzeck. ’s ist gut, Marie. — Was der Bub schläft! Greif ihm unter’s Aermchen, der Stuhl drückt ihn. Die hellen Tropfen stehen ihm auf der Stirn … Alles Arbeit unter der Sonne, sogar Schweiß im Schlaf. Wir arme Leut! … Da ist wieder Geld. Marie, die Löhnung und was von meinem Hauptmann und vom Doktor.

Marie. Gott vergelts, Franz.

Wozzeck. Ich muß fort. Heut Abend, Marie, Adies!

Marie. (allein, nach einer Pause). Ich bin doch ein schlecht Mensch. Ich könnt mich erstechen. — Ach! Was Welt! Geht doch Alles zum Teufel, Mann und Weib!

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Hof des Doctors.

Studenten und Wozzeck unten. Der Doctor am Dachfenster.

Doctor. Meine Herren! ich bin auf dem Dache wie David, als er die Bathseba sah; aber ich sehe nichts, als die culs de Paris der Mädchenpension im Garten trocknen. Meine Herrn! wir sind an der wichtigen Frage über das Verhältniß des Subjekts zum Objekt. Wenn wir eins von den Dingen nehmen, worin sich die organische Selbst-Affirmation des Göttlichen auf einem so hohen Standpunkte manifestirt, und ihr Verhältniß zum Raum, zur Erde, zur Zeit untersuchen, meine Herren, wenn ich also diese Katze zum Fenster hinauswerfe, wie wird diese Wesenheit sich zum Gesetz der Gravitation und zum eigenen Instinct verhalten? He, Wozzeck! (brüllt) Wozzeck!

Wozzeck (hat die Katze aufgefangen). Herr Doktor, sie beißt!

Doctor. Kerl! Er greift die Bestie so zärtlich an, als wär’s seine Großmutter.

Wozzeck. Herr Doctor, ich hab’ Zittern.

Doctor (ganz erfreut). Haha! schön, Wozzeck. (Reibt sich die Hände.)

Wozzeck. Mir wird dunkel!

Doktor (erscheint im Hofe, nimmt die Katze). Was seh’ ich, meine Herren? Eine neue Spezies Hasenlaus. Eine schönere Species als die bekannten. (Zieht eine Lupe heraus.) Hasenlaus, meine Herren! (Die Katze läuft fort.) Meine Herren! Das Thier hat keinen wissenschaftlichen Instinkt. Hasenlaus, die schönsten Exemplare trägt es im Pelzwerk. – Meine Herrn! Sie können dafür was Anderes sehen. Sehen Sie diesen Menschen! Seit einem Vierteljahr ißt er nichts als Erbsen! Bemerken Sie die Wirkung – fühlen einmal den ungleichen Puls, und dann die Augen –

Wozzeck. Herr Doktor, mir wird ganz dunkel! (Setzt sich.)

Doctor. Courage, Wozzeck, noch ein paar Tage, und dann ist’s fertig. Fühlen Sie, meine Herren, fühlen Sie! (Die Studenten betasten dem Wozzeck Schläfen, Puls und Brust.) A propos, Wozzeck, beweg’ er vor den Herren doch einmal die Ohren. Ich hab’s Ihnen schon zeigen wollen — zwei Muskeln sind dabei thätig. Allons! frisch!

Wozzeck. Ach, Herr Doktor!

Doctor. Bestie! Soll ich dir die Ohren bewegen? Willst du’s machen, wie die Katze? So, meine Herren, das sind so Uebergänge zum Esel, häufig auch in Folge weiblicher Erziehung und der Muttersprache. Wozzeck! Deine Haare hat die Mutter zum Abschied schön ausgerissen aus Zärtlichkeit. Sie sind ja ganz dünn geworden. Oder ist’s erst seit ein paar Tagen, machen’s die Erbsen? Ja, meine Herrn, die Erbsen, die Erbsen! Die Wissenschaft!

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Freies Feld. Die Stadt in der Ferne.

Wozzeck und Andres schneiden Stöcke im Gebüsch.

Wozzeck. Du, der Platz ist verflucht!

Andres. Ach was! (Singt:)

Das ist die schöne Jägerei,
Schießen steht Jedem frei!
Da möcht ich Jäger sein,
Da möcht ich hin!

Wozzeck. Der Platz ist verflucht. Siehst du den lichten Streif da über das Gras hin, wo die Schwämme so nachwachsen? Da rollt Abends ein Kopf. Hob ihn einmal Einer auf, meint’, es wär’ ein Igel. Drei Tage und drei Nächte drauf, und er lag auf den Hobelspänen.

Andres. Es wird finster, das macht dir angst. Ei was! (Singt:)

35 von 35 Seiten

Details

Titel
Wozzeck - Ein Trauerspiel-Fragment
Untertitel
Ausgabe von 1879
Autor
Jahr
1879
Seiten
35
Katalognummer
V155116
ISBN (Buch)
9783640674237
Dateigröße
650 KB
Sprache
Deutsch
Reihe
Deutsche Klassiker
Anmerkungen
Schlagworte
Wozzeck, Trauerspiel-Fragment, Ausgabe
Arbeit zitieren
GRIN Verlag (Hrsg.) (Autor), 1879, Wozzeck - Ein Trauerspiel-Fragment, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/155116

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