Warum schreit Laokoon nicht? - Der ästhetische Diskurs um die Laokoon-Plastik


Hausarbeit, 2003
14 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Der Mythos

2. Die Plastik
2.1 Die griechische Plastik
2.2 Die Laokoon-Plastik

3. Der kulturästhetische Diskurs um die Laokoon-Plastik
3.1 Winckelmann
3.2 Lessing
3.3 Herder, Goethe und Schiller
3.4 Warum schreit Laokoon nicht ?

4. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

0. Einleitung

"Das allgemeine vorzügliche Kennzeichen der griechischen Meisterstücke ist endlich eine edle Einfalt, und eine stille Größe, sowohl in der Stellung als im Ausdrucke." behauptet Johann Joachim Winckelmann 1755. Es gibt viele berühmte Meisterstücke der griechischen Antike, doch keines erhitzte die Gemüter im ästhetischen Diskurs mehr als die Plastik des Priesters Laokoon. So gilt diese Plastik sogar als Deutungsmuster der Kunstauffassungen der einzelnen Epochen und machte gleichzeitig die Antike zum Deutungsmuster der Moderne.

Deshalb ist es Ziel meiner Hausarbeit, den ästhetischen Diskurs um die Laokoon-Plastik genauer zu beleuchten. Dabei werde ich zunächst auf den Mythos des Laokoon und die davon inspirierte Plastik eingehen, um mich dann mit den Standpunkten von Winckelmann, Lessing, Goethe, Schiller und Herder auseinanderzusetzen. Abschließend soll die Frage "Warum schreit Laokoon nicht?" erörtert werden.

1. Der Mythos

Der griechischen Sage nach war Laokoon ein trojanischer Priester und diente dem Sonnengott Apollon. Das ist an sich noch nichts Außergewöhnliches, doch wurde Laokoon zu einer Legende und zwar durch die Art seines Todes.

Im letzten Jahr des trojanischen Krieges bauten die Griechen das berühmte trojanische Pferd, ein riesiges Holzpferd, das innen hohl war. Die Griechen behaupteten, dieses Pferd sei eine geweihte Opfergabe an Athene, die Schutzgöttin der griechischen Städte, doch in Wirklichkeit waren in ihm griechische Soldaten versteckt. Der Priester Laokoon argwöhnte eine List und wollte die Trojaner warnen, indem er rief: "Ich traue keinem Griechen, selbst wenn er Gaben bringt.“ Während die Trojaner noch überlegten, ob sie den Griechen trauen könnten, ließ der Meeresgott Poseidon zwei fürchterliche Seeschlangen an Land schwimmen, denn er zürnte den Trojanern. Diese Schlangen strebten zu Laokoon und seinen zwei Söhnen und wanden sich um sie. Laokoon wehrte sich vergeblich und so wurden er und seine beiden Söhne überwältigt und erwürgt. Dies hielten die Trojaner für ein Zeichen, dass sie Laokoons Ratschlag keinen Glauben schenken sollten und zogen das hölzerne Pferd in ihre Stadt. So trugen die Trojaner zu ihrer eigenen Vernichtung bei.

Über die Ursache des göttlichen Zorns auf Laokoon gibt es zwei Überlieferungen. Eine Tragödie des griechischen Dramatikers Sophokles sah Laokoon als den Priester des Apollon, der trotz seiner Priesterwürde geheiratet hatte. Sophokles war der Meinung, dass die Schlangen die Rache des beleidigten Apollon waren. Die bekanntere Version des römischen Dichters Vergil besagt in der Aeneis jedoch, dass die Schlangen aus dem Meer kamen, als Laokoon seine Lanze gegen das hölzerne Pferd der Griechen schleuderte. Anschließend verschwanden die Schlangen im Tempel der Athene.

Das Motiv des sterbenden Laokoons wurde später in vielen Plastiken thematisiert.

2. Die Plastik

2.1 Die griechische Plastik

Im ausgehenden 7. Jh. v. Chr. begann die Epoche griechischer Kunst, die als Archaik bezeichnet wird. Diese Kunstepoche stellte einen absoluten Neuanfang dar, denn alle Gebiete erfuhren eine grundlegende Verwandlung. Anfangs entwickelte sich die Großplastik, die zur Verwendung neuer Materialien wie Marmor oder Kalkstein führte. Die Plastiken zeugten von genauer Kenntnis der menschlichen Anatomie und waren durch das so genannte „archaische Lächeln“ charakterisiert, das ein Mittel gewesen sein mag, den Figuren einen individuellen Ausdruck zu verleihen. Im Gegensatz zu den ägyptischen Vorbildern waren

sie freistehend gestaltet und von allen Seiten vollständig ausgearbeitet. Die anfängliche Tendenz zur überlebensgroßen Menschenplastik wurde dann jedoch zurückgedrängt zugunsten eines ausgeglichenen, harmonischen und den menschlichen Proportionen entsprechenden Maßes. In der frühklassischen Periode um 475 v. Chr. wurde die Starrheit des archaischen Stehens und Bewegens der Figuren von einem neuen Gefühl der Ponderation abgelöst, das heißt, Gewicht und Muskelspannungen wurden nun locker und natürlich verteilt. Die Skulpturen hatten das „archaische Lächeln“ verloren und zeigten jetzt eine große Ernsthaftigkeit. Sie waren großflächiger und ruhiger gearbeitet und verzichteten auf die zahlreichen Details, die für die archaische Periode typisch waren. In der Phase der Hochklassik wurde dann der “Kontrapost“ als grundlegendes Gestaltungsprinzip der stehenden männlichen Freiplastik eingeführt. Unter „Kontrapost“ versteht man den Gegensatz zwischen nebeneinander liegenden entspannten und angespannten Körperpartien. Im 4. Jh. v. Chr. änderte sich das Bild der Plastik erneut, denn dem harmonischen Vorbild wurde jetzt eine neue Gefühlswelt entgegengestellt. Trauer, Tod, die Ungewissheit und auch das Müdesein spiegelten die Anspannung aller Kräfte und die innere Erregung in der Mimik und Körperhaltung wider. Zur Zeit der römischen Eroberungen begann die plastische Kraft der Griechen zu versiegen und zu diesem Zeitpunkt entstanden die Laokoon-Gruppe und andere bedeutende Werke, wie zum Beispiel die Nike von Samothrake und die Aphrodite von Melos. Doch allmählich machte sich ein Klassizismus breit, der von den Leistungen früherer Jahre lebte und sie nachahmte. Diese Ermattung des Plastischen kann mit dem Niedergang Griechenlands in Verbindung gebracht werden.

2.2 Die Laokoon-Plastik

Bei der Laokoon-Plastik handelt es sich um ein Werk der Bildhauer Hagesandros, Polydoros und Athenodoros aus Rhodos, das den von Schlangen umwundenen Laokoon und seine beiden Söhne darstellt. Die Plastik wird etwa auf das 1. Jh. v. Chr. datiert und man nahm ursprünglich an, dass sie aus einem einzigen Block gearbeitet wurde, was sich später jedoch als falsch herausstellte. Aufgefunden wurde die Statuengruppe jedoch erst 1506 in der Domus Aurea des Kaisers Nero in Rom. Nach dem Fund wurde sie zunächst neben der Apollostatue im Cortile del Belvedere im Vatikan aufgestellt. 1797 wurde sie zwar von Napoleon als Kriegsbeute nach Paris gebracht, doch nach dessen Sturz wurde sie endgültig im Vatikan aufgestellt, wo sie auch heute noch besichtigt werden kann. Die Laokoon-Plastik ist zwar nicht die einzige Darstellung des Mythos doch bei weitem die berühmteste. Das herausragendste Merkmal dieser Plastik, welches immer wieder Anstoß zu Diskussionen gab, ist, dass der leidende Laokoon nicht schreiend mit weit aufgerissenem

Mund dargestellt wurde.

Die Statuengruppe ist etwa 1,84m hoch und zeigt, wie zwei von rechts und links angreifende Schlangen den Priester Laokoon und seine Söhne umschlingen. Sie fesseln die drei durch die Schlingungen ihrer Leiber aneinander und töten sie durch ihren Giftbiss. Die Figurengruppe wirkt dabei sehr lebendig, wobei die geringe Tiefe der Skulptur angesichts der starken Bewegungen der dargestellten Figuren auffällt. Das Werk ist jedoch nur zur Betrachtung von einem Punkt aus konzipiert, da das harmonische Zusammenwirken nur von einem Standpunkt aus zu erfassen ist. Von diesem Standpunkt ausgehend, bietet sich dem Betrachter das eindrucksvolle Bild dreier Menschen in einer dramatischen Lage. Außerdem lassen die Drehbewegung Laokoons, die Biegung des jüngeren Sohnes nach hinten sowie die vorn übergebeugte Haltung des älteren den Eindruck einer Kreisbewegung um eine Mittelachse entstehen. Laokoon selbst beeindruckt mit erstaunlicher Größe, was ein notwendiges Element der pyramidalen Gesamtkomposition darstellt. Mit dieser riesigen Größe soll das Gigantische in Laokoon anschaulich gemacht werden, seine Hybris. Wagte er es doch, sich als Priester dem Willen der Götter entgegenzustellen.

Und so sahen bedeutende Künstler wie Michelangelo und Bernini in diesem Werk einen Höhepunkt der antiken Kunst. Besonders großen Einfluss hatten Winckelmanns 1755 veröffentlichte Untersuchungen "über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst". Winckelmanns Veröffentlichung hatte zur Folge, dass sich nun auch andere deutsche Dichter wie Lessing, Goethe und Schiller mit der Laokoon-Gruppe beschäftigten und auseinandersetzten. Die Diskussionen kreisten jedoch meist nicht um archäologische Probleme, sondern um Fragen der Interpretation wie beispielsweise die Deutung von Laokoons Gesichtsausdruck. Wird hier doch eine menschliche Ohnmacht im Angesicht des Schicksals dargestellt, die wie keine andere erschüttert. Besondere Bedeutung gewann die Plastik auch für die Ästhetik der deutschen Aufklärung und der Weimarer Klassik, doch mit dem Auftauchen anderer klassischer und archaischer Originalwerke, hat die Laokoon-Gruppe viel von ihrem einstigen Glanz eingebüßt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Warum schreit Laokoon nicht? - Der ästhetische Diskurs um die Laokoon-Plastik
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Kulturwissenschaften)
Veranstaltung
Einführung in die Geschichte des ästhetischen Denkens
Note
1,7
Autor
Jahr
2003
Seiten
14
Katalognummer
V15527
ISBN (eBook)
9783638206099
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Warum, Laokoon, Diskurs, Laokoon-Plastik, Einführung, Geschichte, Denkens
Arbeit zitieren
Maja Roseck (Autor), 2003, Warum schreit Laokoon nicht? - Der ästhetische Diskurs um die Laokoon-Plastik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/15527

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