Die vorliegende Hausarbeit befasst sich mit der Argumentation des indischen buddhistischen Gelehrten Vasubandhu, der die Existenz einer konsistenten Seele ablehnt. Nach einem geschichtlichen Hintergrund zum Buddhismus wird Vasubandhus Kritik rekonstruiert und auf zentrale Herausforderungen, wie Erinnerung und Handlung ohne ein Selbst, eingegangen. Anschließend wird Vasubandhus Position mit Aristoteles' Seelenlehre kontrastiert. Dabei zeigt sich, dass beide Philosophen eine mittlere Position einnehmen, indem sie weder eine unabhängig existierende Seele noch deren völlige Negation postulieren. Die Arbeit beleuchtet Parallelen, Unterschiede und mögliche Vermittlungsansätze zwischen westlicher und östlicher Philosophie, wobei neue Perspektiven auf den Begriff der Seele erörtert werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Geschichtlicher Hintergrund
3 Rekonstruktion von Vasubandhus Kritik der Seele
3.1 Das Problem der Erinnerung ohne Selbst
3.2 Das Problem der Handlung ohne Selbst
4 Versuch einer Widerlegung: De anima
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die buddhistische Kritik des indischen Mönchs Vasubandhu an der Existenz eines permanenten, substantiellen Selbst. Das Ziel besteht darin, diese Argumentation – insbesondere die Ablehnung eines von den psychophysischen Aggregaten unabhängigen Selbst – zu rekonstruieren und sie mit der aristotelischen Seelenlehre zu kontrastieren, um das wechselseitige Verhältnis dieser philosophischen Positionen und deren Standhaftigkeit gegenüber der jeweils anderen Lehre zu prüfen.
- Die buddhistische Nicht-Selbst-Lehre (Anatta/Anatman) nach Vasubandhu
- Die aristotelische Philosophie der Seele als Formprinzip des Körpers
- Philosophische Lösungsansätze für Identitätsfragen ohne ein konstantes Substrat
- Relevanz antiker Seelen- und Selbstkonzepte für moderne Debatten
Auszug aus dem Buch
3 Rekonstruktion von Vasubandhus Kritik der Seele
Nach dem kurzen geschichtlichen Hintergrund als Einstieg in ein Thema, was im Rahmen eines Seminares verfasst wird, in dem sich mit Buddhismus auseinandergesetzt wurde, soll nun eine Rekonstruktion folgen. Vasubandhus Commentary on the Treasury of the Abhidharma enthält als neuntes Kapitel die „Refutation of the Theory of Selfhood: A Resolution of Questions about Persons”, das sich mit der besagten Kritik der Seele befasst. Als Quelle wird in dieser Arbeit auf die Übersetzung von JAMES DUERLINGER zurückgegriffen, die auf Englisch abgefasst ist. Auf die Erläuterung der darin angegriffenen Positionen wird verzichtet, wenn diese zum Verständnis des Arguments nicht unbedingt notwendig sind, da der Fokus dieser Arbeit auf dem Wert von Vasubandhus Argumentation für eine Kritik des westlichen, aristotelisch geprägten Begriffs der Seele liegen wird.
Vasubandhu beginnt dieses Kapitel mit einer Warnung, die die Relevanz des Folgenden verdeutlicht: Wer den (von ihm so benannten) Irrlehren vom Selbst als separate Substanz anhängt, kann nicht vom Leiden befreit werden (vgl. VASUBANDHU, 1989, S. 137). Dieser Irrlehre stellt er, grob zusammengefasst, die eigene, nach seinem Dafürhalten wahre Lehre gegenüber: Der Begriff „self“ (vgl. VASUBANDHU, 1989, S.137) kann als Benennung einer Person nur ein „continuum of aggregates“ (vgl. VASUBANDHU, 1989, S. 137) bezeichnen, und nichts davon Verschiedenes oder darüber Hinausgehendes.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Hier wird das Thema der Seelenkritik eingeführt und die methodische Vorgehensweise erläutert, Vasubandhus Position westlicher Philosophie gegenüberzustellen.
2 Geschichtlicher Hintergrund: Dieser Abschnitt bietet einen groben Überblick über die Ausbreitung des Buddhismus und die zentralen Lehren wie die „Vier Edlen Wahrheiten“.
3 Rekonstruktion von Vasubandhus Kritik der Seele: Es wird dargelegt, dass das Selbst laut Vasubandhu lediglich eine Benennung für ein flüchtiges Kontinuum von Aggregaten ist, nicht aber eine Substanz.
3.1 Das Problem der Erinnerung ohne Selbst: Das Kapitel erläutert, wie kausale Ketten anstelle eines dauerhaften Ich-Trägers das Phänomen der Erinnerung erklären.
3.2 Das Problem der Handlung ohne Selbst: Hier wird Vasubandhus Analogie der wandernden Flamme genutzt, um zu verdeutlichen, dass Handlungen kein substantielles Subjekt voraussetzen.
4 Versuch einer Widerlegung: De anima: Aristoteles' Ansatz wird untersucht, der die Seele als Form des Körpers versteht und so versucht, eine Mittelposition zwischen Substanzdenken und Nihilismus einzunehmen.
5 Fazit: Die Arbeit schließt mit dem Ergebnis, dass sich zwischen Aristoteles und Vasubandhu erstaunliche Parallelen in der vermittelnden Position sowie Gemeinsamkeiten bei der Ablehnung eines isolierten Selbst finden lassen.
Schlüsselwörter
Vasubandhu, Aristoteles, Seele, Selbst, Buddhismus, Kontinuum der Aggregate, Anatta, De anima, Philosophiegeschichte, Substanz, Psychologie, Erinnerung, Handlung, Formprinzip, Erkenntnistheorie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der philosophischen Kritik an der Vorstellung eines permanenten Selbst oder einer Seele, wobei der indische Denker Vasubandhu der aristotelischen Lehre gegenübergestellt wird.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder sind die buddhistische Kritik am Substanzbegriff des Selbst, das Konzept der Aggregate und die aristotelische Auffassung, die Seele als Form des Körpers zu begreifen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage prüft, inwiefern die Argumentation von Vasubandhu gängigen westlichen Auffassungen von der Seele standhält und ob sich durch den Vergleich mit Aristoteles neue Erkenntnisebenen eröffnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine philosophische Rekonstruktion und komparative Analyse, die primär auf der Auswertung von buddhistischen Grundtexten und aristotelischen Werken basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Analyse der Argumente Vasubandhus gegen das Selbst sowie die anschließende kritische Gegenüberstellung mit der Schrift „De anima“ des Aristoteles.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind Vasubandhu, Aristoteles, Selbst, Seele, Aggregate, Anatta, Substanz und Vermittlungsposition.
Wie erklärt Vasubandhu Erinnerung ohne ein stabiles Selbst?
Er argumentiert über eine kausale Verbindung zwischen verschiedenen Bewusstseinszuständen, bei denen jede Erinnerung auf einer früheren Wahrnehmung basiert, ohne dass ein konstanter Träger erforderlich ist.
Worin liegt laut der Arbeit die Parallele zwischen Aristoteles und Vasubandhu?
Beide Philosophen nehmen eine vermittelnde Haltung ein: Sie lehnen sowohl einen radikalen Nihilismus als auch ein von der Materie völlig isoliertes, substantielles Ich-Selbst ab.
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- Anonym (Author), 2021, Vasubandhus Kritik an der Seele und ein Vergleich mit Aristoteles' Seelenlehre, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1552906