Analyse Helmut Plessners "Die verspätete Nation"

Helmuth Plessner - Eine Erklärung zum Aufstieg des Nationalsozialismus?


Seminararbeit, 2004

14 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Helmuth Plessners „Die verspätete Nation“
a) Politischer Humanismus und Aufklärung
b) Die Spaltung der Kirche und der Volksgedanke
c) Die industrielle Revolution

III. Kritische Würdigung

IV. Schlussbemerkung

Literatur

I. Einleitung

Der Aufstieg des Nationalsozialismus und dessen verheerende Folgen für die gesamte Welt sind besonders in der Geschichtswissenschaft und der Soziologie ein bislang nicht abgeschlossenes Kapitel. Immer wieder werden die Fragen nach den Gründen und den besonderen Umständen gestellt, die diesem faschistischen Regime den Weg bereiteten.

Eine Theorie in dieser Thematik ist die vom „deutschen Sonderweg“. Sie geht davon aus, dass Deutschland im Vergleich zu den anderen westeuropäischen Ländern seit dem 30jährigen Krieg einen „anderen“ Weg einschlug. Diese Jahrhunderte lange Entwicklung und die kurzfristigen Ereignisse des ersten Weltkrieges, der Inflation und der Weltwirtschaftskrise ergäben gemeinsam eine Basis, die es dem Nationalsozialismus leicht gemacht habe, seine Machtposition einzunehmen.

In diesem Zusammenhang wurden bisher verschiedenste Aspekte unter die Lupe genommen, wie z.B. die nicht entschiedene Verfassungsfrage, das wenig ausgeprägte Demokratieverständnis, die Tradition eines Beamtenstaates oder aber Helmuth Plessners These der „verspäteten Nation“.

Helmuth Plessner schrieb im Jahr 1935, in dieser Zeit befand er sich im Exil in Holland, eine Analyse des deutschen Volkes mit dem Titel „Das Schicksal deutschen Geistes im Ausgang seiner bürgerlichen Epoche“, welches 1959 unter dem Titel „Die verspätete Nation“ neu aufgelegt wurde. Er befasste sich in diesem unter anderem mit dem 17.Jahrhundert, welches für die westeuropäischen Länder ein bedeutendes war, und auch mit der Rolle des Glaubens seit jener Zeit. In dieser Hausarbeit soll der Versuch unternommen werden, das Werk erstens inhaltlich vorzustellen und zweitens daraufhin zu untersuchen, ob es eine ausreichende Erklärung für den Nationalsozialismus und seine schrecklichen Folgen gibt.

Die Grundlage zu meiner Hausarbeit ist natürlich das Werk selbst. Außerdem dienten mir die Bücher von Gerhard Arlt „Anthropologie und Politik. Ein Schlüssel zum Werk Helmuth Plessners“ sowie von Kersten Schüßler „Helmuth Plessner. Eine intellektuelle Biographie“ zum besseren Verständnis.

II. Helmuth Plessners „Die verspätete Nation“

a) Politischer Humanismus und Aufklärung

Das 17.Jahrhundert war für die Entwicklung zahlreicher europäischer Länder ein Entscheidendes. Der 30jährige Krieg von 1618 bis 1648 stellt Plessner als das auslösende Moment dar. Das deutsche Reich zerfiel an den Glaubenskämpfen, dem Gegeneinander der Fürsten und des Kaisers. Diese Niederlage konnte nur den Untergang des alten deutschen Reiches bedeuten. Im gleichen Atemzug entstand für die anderen westeuropäischen Länder wie England und Frankreich die Chance, sich ein nationalstaatliches Eigenleben zu erkämpfen. Das Volkstum der Deutschen war zu dieser Zeit durch alle Grenzen Europas verteilt. Für Anstöße politischer oder geistlicher Dimension war das Volk in keiner entsprechenden Verfassung.[1]

Dieses Jahrhundert ist wesentlich für die Herausbildung der westeuropäischen Bürgergesellschaft. Die europäische Krise, die durch die Religionskriege hervorgerufen wurde, wird in England und Frankreich völlig anders verarbeitet als in Deutschland.

„Für die westlichen Nationen ist es das „goldene Zeitalter“, in dem sich die

Religiosität für die Ideen des römischen Rechts, des Humanismus, der

Renaissance und des republikanischen Gedankens öffnet.“[2]

Nach Plessner konnte sich in diesen Ländern aufgrund des Grenzübergangs zwischen gleichzeitiger religiöser und politischer Betätigung eine Kultur der Aufklärung und somit eine Verständigungsbasis der westlichen Völker bilden. Deutschland hatte kaum Anteil an der Entstehung des Staats- und Völkerrechts. Erst ab Bismarcks Regierungszeit entwickelte man eine staatliche Haltung, jedoch eng geknüpft an das Gottesgnadentum. Organisiert war Preußen zwar als ein Staat, doch in Form und Funktion kam es einem solchen nicht gleich. Die konfessionelle Gegenstellung zum Kaiser, die territoriale Begrenztheit sowie das Landesherrentum verhinderten, dass sich eine eigene Staatsidee entwickelte.[3]

„Das Bündnis des politisch indifferenten Luthertums mit der landesfürstlichen

Herrlichkeit, d.h. die zwangsstaatskirchliche Organisation des deutschen

Protestantismus verhindert die Entfaltung eines freiheitlichen Sinnes…“[4]

Auch nach dem ersten Weltkrieg bekam Deutschland diese eigene Staatsidee nicht. Die Republik wurde durch die Westmächte von oben auferlegt. Ein besonderer Faktor war dabei der als „unorganisch“ und „volksfremd“ empfundene Wahl- und Koalitionsmechanismus der Parteien. Westeuropa und Amerika verurteilten Deutschland unter dem Zeichen des politischen Humanismus. Nach Plessner hätten der Versailler Vertrag, die Niederlage und die Inflation überstanden werden können, wären sie gerechtfertigt gewesen.[5]

„Mit dem Zusammenbruch des Kaisertums hatte der Reichsgedanke seine Unantastbarkeit verloren. Eine Staatsidee fehlte. Das Territorium, durch Versailles noch verkleinert und zerstückelt, deckte sich weniger denn je mit den Grenzen des Volkstums.“[6]

Während sich in Frankreich, England und den USA der Nationalgedanke entwickeln und festigen konnte, hatte das deutsche Reich in keiner seiner Traditionen eine Beziehung zu der Rechts- und Staatsidee, um eine moderne Nation zu werden.[7] Sowohl die Reichsgründung 1871 als auch die Gründung der Republik 1918 hatten mit der politisch verzögerten Entwicklung Deutschlands zu kämpfen.

„Beide kamen zu spät, und beide konnten weder auf eine organisch gewachsene politische Tradition noch auf einen Ausgleich in religiöser und nationaler Hinsicht zurückgreifen.“[8]

Zwar wuchs das Nationalbewusstsein der Deutschen, doch trugen sie gleichzeitig beide Reichstraditionen und den „Konflikt zwischen der alten Reichsidee und der neuzeitlichen Nationalstaatlichkeit“[9] mit sich.

Deutschland hatte den Charakter eines verordneten Nationalismus, weil es in der Entstehungsphase des politischen Humanismus und der Aufklärung nicht mit ihnen gewachsen ist. Die eingeführte Verfassungsdemokratie sorgte nicht für Sicherheit, sondern eher für Unruhen und Opposition.[10] Aufgrund dieser fehlenden Tradition findet Deutschland keine Ruhe. Plessner deutet dies einerseits als Mangel und andererseits als eine in der europäischen Krise des politischen Humanismus sich bietende Chance auf eine neue Existenzform.[11]

Am Ende der Weimarer Republik hatte die Entwicklung ihren Tiefpunkt erreicht, welchen Plessner als „Logik des Verfalls“ bezeichnet. Er skizziert die letzten Stufen dieses Verfallsprozesses folgendermaßen: Verfall der politischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Autoritäten. Aus der Republik wurde ein auf reine Machtpositionen reduzierter Staat. Gerhard Arlt fügt dem noch hinzu, dass Deutschland der Mythisierung von Staat, Volk, Blut und Rasse zum Schicksal wurde. Es setzte gleichzeitig der Verfall des heilsgeschichtlichen Bewusstseins ein.[12] Die zunehmende Unzufriedenheit mit der Weltentwicklung drängte nach Neuem. Auch in Plessners Werk kommt diese Ungeduld des Volkes zum Ausdruck, wodurch er auch ein gewisses Verständnis für den deutschen Weltanschauungskampf andeutet.[13]

[...]


[1] Helmuth Plessner. Die verspätete Nation. Über die politische Verführbarkeit bürgerlichen Geistes. W. Kohlhammer Verlag. Stuttgart u.a. 1959. [Folgend: Plessner, 1959] (S.47).

[2] Kersten Schüßler. Helmuth Plessner. Eine intellektuelle Biographie. Philo Verlagsgesellschaft mbH. Berlin/ Wien. 2000. [Folgend: Schüßler, 2000] (S.143).

[3] Plessner, 1959 (S.42).

[4] Ebd. (S.40).

[5] Plessner, 1959 (S.33).

[6] Ebd. (S.45).

[7] Ebd. (S.36).

[8] Stephan Pietrowicz: Helmuth Plessner. Genese und System seines philosophisch-anthropologischen Denkens. Verlag Karl Alber Freiburg/ München. 1992. [Folgend: Pietrowicz, 1992] (S.30).

[9] Plessner, 1959 (S.33).

[10] Schüßler, 2000 (S.140).

[11] Vgl. Ebd. (S.141).

[12] Gerhard Arlt. Anthropologie und Politik. Ein Schlüssel zum Werk Helmuth Plessners. Wilhelm Fink Verlag. München. 1996. [Folgend: Arlt, 1996] (S.135).

[13] Sven Papcke. Grenzen der Gemeinschaft. Helmuth Plessner über die Neurosen der Deutschen. In: Sven Papcke. Gesellschaftsdiagnosen. Klassische Texte der deutschen Soziologie im 20. Jahrhundert. Campus Verlag. Frankfurt/ New York. 1991. S.38-63. [Folgend: Papcke, 1991] (S.59).

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Details

Titel
Analyse Helmut Plessners "Die verspätete Nation"
Untertitel
Helmuth Plessner - Eine Erklärung zum Aufstieg des Nationalsozialismus?
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Zur Soziologie der NS-Bewegung
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
14
Katalognummer
V155355
ISBN (eBook)
9783640693757
ISBN (Buch)
9783640694839
Dateigröße
402 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Analyse, Helmut, Plessners, Nation, Helmuth, Plessner, Eine, Erklärung, Aufstieg, Nationalsozialismus
Arbeit zitieren
Bianca Saupe (Autor), 2004, Analyse Helmut Plessners "Die verspätete Nation", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/155355

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