Das Ende der Diglossie? - Soziolinguistische Beobachtungen auf La Réunion


Bachelorarbeit, 2010

42 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

INHALT

1. VORWORT

2. LA RÉUNION – FRANKREICH 10.000 KILOMETER FERNAB VON PARIS

3. DIE ENTWICKLUNG DER HEUTIGEN REUNIONE-\ SISCHEN GESELLSCHAFT ALS SCHAUPLATZ EINER DIGLOSSISCHEN SPRACHREALITÄT
3.1 Von den Anfängen bis zum Ende der Kolonialzeit
3.1.1 La société d’habitation
3.1.2 La société de plantation
3.1.3 Von der kreolischen Diglossie zur klassischen kolonialen Diglossie
3.2 La Réunion im Spannungsfeld von Assimilierung und Identitätssuche
3.2.1 Entwicklungsschub und Anpassungsdruck
3.2.2 Jüngere und gegenwärtige gesellschaftliche Entwicklungen

4. SPRACHLICHE WIRKLICHKEIT IM WANDEL
4.1 Das Kontinuum als theoretische Grundlage
4.2 Das français régional réunionnais
4.3 Sprachvermischung und Interlekt als zunehmende sprachliche Phänomene
4.4 Lokale Medien als Instanzen der Verbreitung und Legitimation üblichen Sprachverhaltens
4.4.1 Beobachtungen im Bereich der Presse
4.4.2 Beobachtungen im Hörfunk
4.5 Jugendliche Nähekommunikation oder Hybridisierung im Fokus28
4.5.1 Kreolisch in französischen Kontexten
4.5.2 Französisch in kreolischen Kontexten
4.5.3 Zusammenschau
4.6 Das Ende der Diglossie?

5. RÜCKBLICK UND AUSBLICK

LITERATURVERZEICHNIS

EIDESSTATTLICHE ERKLÄRUNG

1. VORWORT

Die vorliegende Arbeit dient dem Abschluss des Studienganges „Romanische Studien“ an der Universität Leipzig mit dem akademischen Grad „Bachelor of Arts“ (B.A.). Sie entstand als Weiterführung der initialen Auseinandersetzung des Verfassers mit dem französischen Überseedepartement Île de la Réunion im Rahmen des Seminars „Französische Varietätenlinguistik“ im Winterse­mester 2008/2009.

Die Ausführungen verfolgen das Ziel, die sich gegenwärtig auf La Réunion als ehemalige Kolonie und heutiger Teil Frankreichs darstellende sprachliche Wirklichkeit zu beschreiben und derzeitige soziolinguistische Entwicklungen anhand der Ergebnisse der umfänglichen jüngeren Forschungsarbeit zu be­leuchten. Dazu soll nach einem kurzen, in die bemerkenswerte gesellschaftli­che Struktur der Insel einleitenden Kapitel (2) die heutige linguistische Situa­tion zunächst aus ihrem historischen Werden heraus erschlossen und in aktuelle gesamtgesellschaftliche Entwicklungen eingebettet werden (Kapitel 3).

Im Anschluss (Kapitel 4) wird mit dem Modell des Kontinuums der sich in der Linguistik nunmehr seit längerem durchgesetzte Beschreibungsansatz für die heutige reunionesische Sprachrealität vorgestellt. Als eigentlicher Schwer­punkt der Arbeit folgt daraufhin eine ausführliche Diskussion verschiedener, hauptsächlich im Rahmen der Forschung an der Université de la Réunion durchgeführten Untersuchungen zu jüngeren Entwicklungen und Veränderun­gen hinsichtlich der Einstellungen wie auch des Sprachverhaltens der Reunio­nesen. Dabei soll das Hauptaugenmerk auf der alltäglich-nähesprachlichen bzw. informellen Kommunikation liegen; als besonders im Fokus stehende Zielgruppe wird sich die jugendliche Generation der Insel erweisen, da sie den wesentlichen Träger des sprachlichen Wandels darstellt. Die Betrachtungen münden schließlich in einer Debatte um eine perspektivische Neubewertung des bislang etablierten Konzepts der Diglossie.

2. LA RÉUNION – FRANKREICH 10.000 KILOMETER FERNAB VON PARIS

Die Insel La Réunion (frz. Île de la Réunion , bis 1793 Île Bourbon) liegt etwa 800 km östlich von Madagaskar und beherbergt heute etwa 800.000 Einwohner auf einer Fläche von rund 2500 km2. In der an der nördlichen Küste gelegenen Hauptstadt Saint-Denis leben ungefähr 160.000 Menschen. Mit 35% hat die Insel einen vergleichsweise hohen Anteil an Bewohnern mit einem Lebensalter unter 20 Jahren.[1] Sie besitzt den Status eines Überseedepartements sowie einer Überseeregion Frankreichs, was seit 2003 mit der Bezeichnung DOM-ROM oder auch DROM (für Département d’outre-mer et Région d’oute-mer) ausge­drückt wird.[2] Somit ist La Réunion allen Departements innerhalb der Metro­pole (gemeint ist das europäische, hexagonale Frankreich) gleichwertig, dessen Einwohner sind vollwertige französische Staatsbürger mit jeglichen Rechten und Ansprüchen auf Leistungen des Staates. Als Teil Frankreichs und der Eu­ropäischen Union gilt auch hier die Währung Euro.

Die Bevölkerungszusammensetzung wird durch den französischen Begriff métissage (Vermischung) treffend beschrieben, denn La Réunion ist ein Schmelztiegel von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Kultur. Laut ei­ner Schätzung leben hier heute etwa bis zu 45% Kreolen (Nachkommen fran­zösischer Kolonisten und afrikanischer Sklaven), zu 30% Menschen mit euro­päischer, 22% indischer sowie 3% chinesischer Abstammung friedlich zusam­men[3]. Das Französisch der Insel hält für jede dieser Bevölkerungsgrup­pen min­destens eine regionale Bezeichnung bereit. So werden die Kreolen von ostafri­kanischer oder madagassischer Herkunft als cafres bezeichnet, der Begriff zarabes steht für Menschen mit indischen Wurzeln (mit Vorfahren aus dem nordwestindischen Gujarat) und zumeist muslimischen Glaubens, und mit mal­bars bzw. tamouls benennt man Einwanderer aus dem Süden Indiens, die dem Hinduismus angehören. Die Weißen werden in die grands blancs (Nach­kom­men reicher französischer Großgrundbesitzer, die vornehmlich an der Küste der Insel lebten), die petits blancs bzw. yabs (Nachkommen französischer Ko­lonisten, die nach der Abschaffung der Sklaverei 1848 ver­armten und ins höher gelegene Innere der Insel zogen, daher auch blancs des Hauts) und in die zoreils (in jüngerer Zeit aus der Metropole zugewanderte Franzosen) unter­schieden.

Der Begriff métissage beinhaltet darüber hinaus aber auch jene (Zukunfts-) Perspektive der Inselbewohner, auf der Grundlage dieser Vermischung eine eigene, reunionesische Identität zu finden. Wie sich im Laufe dieser Arbeit noch genauer herausstellen wird, lässt sich die gegenwärtige Situation der Einwohner eher mit einer Unsicherheit bzw. Zerrissenheit beschreiben, die von Mosaiksteinen wie den individuellen ethnischen, kulturellen und religiösen Prägungen (afrikanisch, europäisch, indisch, chinesisch, muslimisch, hinduis­tisch etc.), dem Assimilationsdruck Frankreichs („Ihr seid Franzosen!“) und dem Gefühl der Zugehörigkeit zum Indoozeanischen Raum gekennzeichnet ist (cf. Stein 2000: 33). Das allmählich wachsende Bewusstsein der Reunionesen über eine eigene, sich vom europäischen Frankreich unterscheidende Sprach­norm (im Sinne einer Gebrauchsnorm), könnte dabei zur Überwindung dieses „Identitäts-Dilemmas“ (Stein 2000: 34) beitragen (vgl. Kapitel 4.2).

Die heutige sprachliche Situation auf La Réunion ist allgemein von der Diglossie der beiden Sprachen Französisch und Réunion-Kreolisch (créole réunionnais) gekennzeichnet. Das Französische ist gemäß der Verfassung der Grande Nation auch hier einzige Amtssprache und besitzt eine unangefochtene Monopolstellung in allen wichtigen öffentlichen Domänen wie Verwaltung, Politik, Bildungswesen und Medien. Es gilt als die Sprache der Bildung, des gehobenen Status und der offiziellen bzw. Distanzsituationen.

Das Kreolische ist die Muttersprache von bis zu 80% der Bevölkerung und wird von der überwiegenden Mehrheit der Reunionesen im Alltag und inner­halb der Familie gesprochen. Es ist die Sprache der spontanen und Nähesituati­onen. Wie das Kreolische von Mauritius und das der Seychellen basiert es auf dem Französischen, nimmt jedoch dahingehend eine Sonderstel­lung ein, als dass es im Gegensatz zu den beiden letzteren seit seiner Entstehung bis heute in ständigem Kontakt mit dem (Standard-)Französisch der Metropole ko­existiert und folglich eine größere Nähe zu diesem aufweist.

Auf La Réunion finden sich außerdem noch weitere Minderheitensprachen aus dem chinesischen, indischen und afrikanischen Kulturraum, welchen heute aber nur noch eine Bedeutung im familiären und religiösen Bereich zukommt.

3. DIE ENTWICKLUNG DER HEUTIGEN REUNIONESISCHEN GESELLSCHAFT ALS SCHAUPLATZ EINER DIGLOSSI­SCHEN SPRACHREALITÄT

Um die gegenwärtige sprachliche Situation und neuere linguistische Phäno­mene auf La Réunion nachvollziehen zu können, ist ein Blick in die Geschichte der Insel unabdingbar. Die hier vorfindbare Diglossie nämlich ist nicht etwa als ein separates, beziehungsloses Nebeneinander der beiden Sprachen aufzufas­sen, sondern vielmehr als ein auf historisch begründeter Verwandtschaft beru­hendes Gefüge zu verstehen, in welchem sich die Grenze zwischen beiden Ein­zelsprachen nur schwer ziehen lässt.

3.1 Von den Anfängen bis zum Ende der Kolonialzeit

Dem sich eingehend mit dem Kreolischen beschäftigenden Sprachwissen­schaftler Robert Chaudenson folgend, sollen nun zunächst einmal dessen drei Phasen kurz vorgestellt werden, welche die Ursprünge der heutigen Gesell­schaft La Réunions beleuchten und die Entwicklung des Kreolischen auf der Insel nachzeichnen (cf. Chaudenson 2003: 1120ff.).

3.1.1 La société d’habitation (ca. 1640-1715)

Nachdem der Portugiese Pedro de Mascarenhas im Jahre 1512 die später nach ihm benannten Maskarenen[4] im Indischen Ozean entdeckt hatte, wird La Ré­union ab der Mitte des 17. Jahrhunderts von den Franzosen beansprucht. In dieser frühen Zeit widmen sich die ersten französischen Siedler und deren zu­meist madagassischen Sklaven der Sicherung ihres Überlebens sowie der Be­wohnbar- und Nutzbarmachung der Insel, die 1649 auf den Namen Île Bourbon getauft wird. Die Lebensbedingungen sind hart, fehlt es doch an Werkzeug, Kleidung, Hausrat etc., und der Nachschub aus dem Mutterland ist zeitaufwen­dig. Die Franzosen und ihre schwarzen „serviteurs“ (offiziell noch keine Skla­ven) leben zusammen in den errichteten Hütten und gehen der gemein­samen Arbeit auf den Feldern nach. Aufgrund dieser weitgehenden Integration der Afrikaner, und da diese zudem den geringeren Teil der Bevölkerung aus­ma­chen (1690: 2/3 Weiße – 1/3 Schwarze, davon 60% jünger als 15 Jahre (Chaudenson 2003: 1122)), ist in dieser ersten Phase noch keine Kreol- bzw. Pidginentwicklung zu verzeichnen. Die jungen Schwarzen lernen vielmehr schnell die Sprache der Kolonisten. Dieses Französisch war jedoch nicht etwa das heutige Standardfranzösisch, bon usage oder das damalige Französisch der Île-de-France , sondern eine regionale Varietät (bzw. regionale Varietäten) aus Regionen westlich der Linie Bordeaux-Paris (cf. Chaudenson 2003: 1123).

3.1.2 La société de plantation (ca. 1715-1800)

Anfang des 18. Jahrhunderts beginnt mit der Entwicklung der Plantagenwirt­schaft (Kaffeeanbau) auch eine ausgeprägte Sklavenarbeit. Zu diesem Zweck werden nun in massiver Weise Menschen aus Ostafrika und Madagaskar auf die Insel geholt. Schnell explodiert die Anzahl der schwarzen Arbeiter und übersteigt weit die der Europäer. Letztere arbeiten von nun an nicht mehr in der Landwirtschaft; der ständige, alltägliche Kontakt zwischen Schwarz und Weiß reißt ab. Die härtesten Aufgaben werden an die neu eingeschifften Sklaven verteilt, die schon länger hier lebenden bzw. auf der Insel geborenen steigen zu Vorarbeitern auf. An dieser Stelle beginnt der Prozess der Kreolisierung, indem die hinzukommenden Sklaven nun nicht mehr das Französisch der Kolonisten, sondern die von den bereits ansässigen Arbeitern verwendete Varietät des Französischen erlernen, welche, zwar noch nah am Französisch der Weißen, aber bereits von den Muttersprachen der Sklaven beeinflusst ist. Und so ent­fernt sich diese Varietät unter den Einflüssen der afrikanischen Elemente und den Bedingungen des Arbeitsalltages im Laufe der Zeit immer weiter von der Sprache der weißen Siedler.

3.1.3 Von der kreolischen Diglossie zur klassischen kolonialen Diglossie (ca. 1800-1946)

Mit der Abschaffung der Sklaverei im Jahr 1848 endet der Zustrom an Arbei­tern für die Plantagenbewirtschaftung nicht. Vielmehr ersetzen jetzt freie Ein­wanderer („engagés“) aus Indien, Ostafrika und Madagaskar die Sklaven und verdingen sich im aufstrebenden Zuckerrohranbau. Damit setzt sich auch der Kreolisierungsprozess fort, denn die neuen Zuwanderer lernen die nun schon als Kreolisch bezeichnete sprachliche Varietät (linguistisch schon weiter vom Französischen entfernt und damit als eigenständige Sprache zu betrachten) und verlieren innerhalb einer Generation ihre Muttersprache. Ab etwa 1930 endet schließlich die Zeit der Einwanderung und es bahnt sich die Phase einer klassi­schen kolonialen Diglossie an: Hatte bisher das Kreolische als Sprache der Bevölkerungsmehrheit die (sprachliche) Integration der Einwanderer über­nommen, verstärkt sich nun der Einfluss und Machtanspruch des Französischen als der Sprache der Kolonialmacht.

Mit der Eingliederung von La Réunion als Departement ins französische Staatsystem im Jahr 1946 konsolidiert sich diese Situation und führt in ihrer Entwicklung bis in die Gegenwart.

3.2 La Réunion im Spannungsfeld von Assimilierung und Identitäts­suche

3.2.1 Entwicklungsschub und Anpassungsdruck

1946 wird La Réunion ein Überseedepartement Frankreichs. Die verstärkte Bindung an die Metropole verhilft der Insel zu einem wirtschaftlichen Auf­schwung (Entwicklung des Tourismus, der Industrie und des Dienstleistungs­sektors) und dem Angleichen des Lebensstandards[5], bringt aber auch einen höheren Druck des hexagonalen français standard mit sich: Obwohl die Mut­tersprache der Mehrheit der Reunionesen das Kreolische ist, beansprucht das Französische bis heute die Vormachtstellung in allen öffentlichen Bereichen (Politik, Verwaltung, Schulsystem, Medien, Wirtschaft). Aufgrund der restrik­tiven Sprachpolitik Frankreichs bleibt dem Kreolischen bis in die Gegenwart der Eingang in die Macht- und Schlüsselpositionen der Insel verwehrt. An den Schulen findet es sich nicht als Unterrichtsfach (schon gar nicht als Unter­richtssprache), und erst vor wenigen Jahren fand es in den Fächerkanon der Universität von Saint-Denis Eingang.[6]

Noch bis Anfang der 90er-Jahre war die Frage nach dem Status des Réunion-Kreolischen in weiten Kreisen (nicht nur) von Politik und Wissen­schaft ein rotes Tuch. Über die Jahrhunderte hinweg galt es als ein notwendi­ges Übel von vorübergehender Dauer – als eigenständige Sprache wollte man es lange Zeit nur äußerst ungern betrachten. Sprachforschern, die sich mit dem Kreolischen auseinandersetzten, wurde schnell Separatismus unterstellt, die Projekte wurden behindert oder gar verboten. Für die Veröffentlichung des ersten Wörterbuches Réunion-Kreolisch – Französisch (1987/90) erntete Daniel Baggioni noch z.T. scharfe Kritik und Verleumdungen (cf. Beniamino/Baggioni 1993: 155).

In den letzten Jahren nun scheint sich von Seiten des französischen Staates langsam ein etwas toleranterer Umgang mit der besonderen sprachlichen Wirklichkeit seines Überseegebietes anzudeuten. Seit dem Jahr 2000 sind die Kreolsprachen aller DOM erstmals gesetzlich als Regionalsprachen anerkannt[7], was theoretisch auch deren verstärkten Einzug in das Bildungssystem etwa als zweite Unterrichtssprache ermöglichen würde, jedoch, wie bereits erwähnt, bis heute nicht umgesetzt ist (cf. Reuter 2005: 71). Außerdem wurden die vormals sich von denen des Hexagons nicht unterscheidenden Lehrpläne der Fächer Geschichte und Geografie an die Lebenswirklichkeit der Schüler auf La Ré­union angepasst. Diese Tendenz steht mit den im Folgenden näher zu be­trach­tenden jüngeren Entwicklungen innerhalb der reunionesischen Gesell­schaft in hohem Grade in Wechselwirkung.

3.2.2 Jüngere und gegenwärtige gesellschaftliche Entwicklungen

Die Betrachtung der Entwicklungen innerhalb der Gesellschaft La Réunions in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten lässt ein recht ambivalentes Bild entste­hen. Von Seiten der soziologischen und ethnologischen Forschung wird die départementalisation und der damit verbundene Anpassungsdruck durch das ehemalige Mutterland als ein wesentliches bis (oder gerade) in unsere(n) Tage(n) wirksames Element betrachtet, das die Verhältnisse auf der Insel nachhaltig verändert hat und weiterhin enorm prägt. Christian Ghasarian spricht in diesem Zusammenhang vom Phänomen der Akkulturation, welches auf La Réunion seit Beginn der kolonialen Besiedlung wirksam ist und von der Durchsetzung des kulturellen Modells der Machthaber, also des europäischen Frankreichs, gekennzeichnet ist (cf. Ghasarian 2002: 664). Waren es in der ersten Hälfte der Kolonialzeit beispielsweise noch Verbote und eiserne Vor­gaben auf dem Gebiet der Religion, der Kleidung oder auch der Namensge­bung, die den freiwilligen und unfreiwilligen Einwanderern übergestülpt wur­den, so sind es in jüngerer Zeit vor allem das Bildungssystem und die enorm an Präsenz gewonnenen modernen Massenmedien, die die Werte und Ideale der westlichen Kultur in die Gesellschaft der Insel hineintragen und dort veran­kern. Der Soziologe Laurent Médéa nennt hierbei die Stichworte Indivi­dualis­mus, Materialismus sowie Konsumismus und betrachtet die départementali­sation als eine neue Form des Kolonialismus, die die Insel in einer (v.a. wirt­schaftlichen) Abhängigkeitsbeziehung hält (cf. Médéa 2005: 182ff.). Der re­unionesische Politiker Wilfried Bertile spricht sogar von einer „colonie de con­sommation“ (Bertile 2003). Diese Dependenz zeige sich bei­spielsweise in der unter den Reunionesen weit verbreiteten Ablehnung der Ei­genständigkeit der Insel aufgrund der damit befürchteten schlechteren ökono­mischen Situation (cf. Médéa 2005: 184).

Der in den Medien als Schönheitsideal vorgestellte weiße Europäer bzw. Nordamerikaner nährt beständig noch immer weit verbreitete Stigmatisie­run­gen (Weiße gelten als schön, Menschen mit afrikanischen Wurzeln als wild, Einwanderer aus China oder von den Komoren als klein etc.). Und das euro­zentrische Bildungssystem, welches trotz der weiten gesellschaftlichen Verbreitung des Kreolischen bis heute von der Monopolstellung des Französi­schen durchdrungen ist (und dessen Lehrerschaft zum größten Teil aus Franzo­sen aus dem Hexagon besteht), untermauert das Denkschema von der Beherr­schung der französischen Sprache als Voraussetzung für sozialen Erfolg in der Heimat und der Metropole.

Alle drei hier zitierten Wissenschaftler sehen diese Entwicklungen bis in die Gegenwart als ein konstituierendes Element der reunionesischen Gesellschaft, das eine Gefahr für die Bewahrung der traditionellen Identitäten und Kulturen der Einwohner darstellt und der Herausbildung einer die unterschiedlichen ge­sellschaftlichen Gruppen einenden und zugleich von der Metropole abgrenzen­den reunionesischen Identität entgegenwirkt.

Gleichzeitig aber nun lässt sich auf La Réunion seit Beginn der 80er-Jahre die vermehrte Tendenz einer Wiederbesinnung auf eigene kulturelle und ethni­sche Wurzeln beobachten. Ghasarian bezeichnet dieses Phänomen als kultu­relle Rekonstruktion („réinventions culturelles“) (Ghasarian 2002: 663) und beschreibt es als eine Mischung aus Bewahrung von Traditionellem und Inno­vation, wobei letzterem in der jüngeren Vergangenheit ein immer stärkeres Gewicht zuzukommen scheint. So ist in jüngerer Zeit etwa die Wiederbelebung mehrerer Moscheen und hinduistischer Tempel zu beobachten, sowie der Trend zum Wiedererlernen der Sprache der Vorfahren (z.B. Tamoul oder Chinesisch) und zum Tragen traditioneller Kleidung (Sari bei den tamoules , Bart und Schleier unter den zarabes).

[...]


[1] Im hexagonalen Frankreich lag der Anteil der unter 20-Jährigen im gleichen Zeitraum (2007) bei knapp 25% (INSEE), in Deutschland bei unter 20% (Statistisches Bundesamt).

[2] Die drei weiteren französischen Überseedepartements sind Französisch-Guayana, Guadeloupe und Martinique. Die Insel Mayotte soll den Status im Jahr 2011 erhalten.

[3] <http://de.wikipedia.org/wiki/Réunion> [7.11.2009]. Andere Schätzungen, wie z.B. die des französischen Sozialforschers Nicolas Roinsard, geben teilweise leicht abweichende Zahlen an (cf. Gelhaar 2008: 37). Es finden sich keine genauen Statistiken, da die starke biologische und kulturelle Vermischung klare Abgrenzungen bzw. Zuordnungen unmöglich macht.

[4] Zur Inselkette der Maskarenen gehören neben La Réunion weiterhin die Inseln Mauritius und Rodrigues.

[5] Diese Entwicklungen umfassen auch einen rasanten Bevölkerungsanstieg (seit 1946 bis heute hat sich die Bevölkerungsanzahl mehr als verdreifacht) sowie eine vermehrte Einwanderung von Franzosen aus der Metropole in den letzen Dekaden, welche hier zumeist in Berufen mit höherem sozialen Status (u.a. im Bildungssektor) tätig sind.

Dennoch bleibt die Insel eine der schwächsten und ärmsten Regionen Frankreichs. Die Arbeitslosenquote liegt gegenwärtig bei etwa 37%, rund 26% der Bevölkerung lebt von Sozialhilfe (RMI).

[6] Bis in die 1980er-Jahre hinein war es sogar verbreitete Praxis, Schülern den Gebrauch des Kreolischen in Schulhaus und -hof zu verbieten. Die negativen Folgen können, insbesondere für Kinder mit wenig bzw. keinen Französischkenntnissen, als z.T. schwerwiegend eingeschätzt werden (Lernmisserfolge, Identitäts- und Persönlichkeitsdefizite etc.).

[7] Die gesetzliche Grundlage hierzu bildet die „loi 2000-1207 du 13 décembre 2000“ oder auch „Loi d’Orientation pour l’Outre-Mer“ (LOOM). In §34 wird der Status der Kreolsprachen als Regionalsprachen verankert, §33 schreibt den Schutz der traditionellen Kultur der Überseedepartements fest.

Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
Das Ende der Diglossie? - Soziolinguistische Beobachtungen auf La Réunion
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Romanistik)
Note
1,0
Jahr
2010
Seiten
42
Katalognummer
V155377
ISBN (eBook)
9783640683956
Dateigröße
645 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Französisch, Sprachwissenschaft, Linguistik, La Réunion, Romanistik
Arbeit zitieren
Anonym, 2010, Das Ende der Diglossie? - Soziolinguistische Beobachtungen auf La Réunion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/155377

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