Das Motiv der Ordnung in Gerhart Hauptmanns 'Bahnwärter Thiel'


Essay, 2008
4 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Das Motiv der Ordnung in Gerhart Hauptmanns Bahnwärter Thiel

Schon der Anfang des 1888 von Gerhart Hauptmann veröffentlichten Bahnwärter Thiel macht deutlich, dass die Ordnung als zentrales Motiv dieser novellistischen Studie zu betrachten ist: „Allsonntäglich [meine Hervorhebung, JMK] saß der Bahnwärter Thiel in der Kirche zu Neu-Zittau, ausgenommen die Tage, an denen er Dienst hatte oder krank war und zu Bette lag.“[1] Dieses Schema lässt sich in vielen Einzelheiten der Novelle erkennen, sodass eine Analyse des Ordnungsmotivs nahe liegt. Zum einen wird der Frage nachgegangen, inwiefern sich die (künstliche) Ordnung und die stetig wachsende Unordnung auf den seelischen Zustand Thiels und den späteren Ausbruch des Wahnsinns auswirken. Zum anderen wird erörtert, wo ein Bruch der Ordnung und das Entstehen der Unordnung zu erkennen ist. Insgesamt folgt Gerhart Hauptmanns novellistische Studie Bahnwärter Thiel mit Blick auf das Motiv der Ordnung einem antizyklischen Verlauf einer traditionellen Novelle, indem

[…] er [Gerhart Hauptmann] hat das Gestaltungsschema der älteren Novellen umgekehrt [hat]. Die Novelle des 19. Jahrhunderts […] führte durch krisenhafte Gefährdung, durch den Sturz ins Ungeordnete und Chaotische, zu einer versöhnenden Ordnung des Lebens zurück. Hauptmann erzählt hingegen den unaufhaltsamen Weg eines auf Ordnung, Friedlichkeit und Güte angelegten Mannes zum Mord an seinem Weib und Kind, zum Irrsinn […]. Er zeigt den Durchbruch der Verzweiflung und den Zusammenbruch eines in seiner innersten Existenz zerstörten Menschen.[2]

Martini erkennt, dass Hauptmann das sonst typisch novellistische Muster umgekehrt und somit für seine Zwecke, nämlich zur Darstellung der Untergang eines Individuums und seiner Familie im Zeitalter der Industrialisierung, genutzt hat.

Hauptmann stellt in seinem Werk den Protagonisten Thiel als völlig der Ordnung, Routine und zeitlichen Einhaltung unterworfen dar. Selbst durch den Tod seiner ersten Frau Minna scheint seine (äußere) Ordnung[3] nicht gestört zu werden, denn trotz dieses Schicksalsschlages ist sein Auftreten kaum verändert (BT, 4). Um nach dem Tod Minnas wieder ein geordnetes Leben herzustellen, heiratet er kurze Zeit später erneut. Diesmal aber im Gegensatz zur „schmächtigen und kränklich aussehenden“ (BT, 3) Minna, ein dickes und starkes Frauenzimmer (BT, 3). Dies stellt für den Moment zwar die Ordnung wieder her, dies zeigt sich aber bald als zentrales Moment der Unordnung. Durch ihre „harte, herrschsüchtige Gemütsart“ (BT, 5) und die erotische Gewalt, die sie auf diese Weise ausstrahlt, ist er ihr gänzlich unterlegen. Seine psychisch angeschlagene Art wird dadurch fortwährend aus der Bahn geworfen.

Thiels ständiges Bemühen um Regelmäßigkeit und Ordnung entspringt nicht zuletzt seinem Beruf als Bahnwärter, durch den er sich ständig an die regelmäßig ankommenden Züge halten muss: „Die Ereignisse, welche […] den regelmäßigen Ablauf der Dienstzeit Thiels außer den beide Unglücksfällen unterbrochen hatten, waren unschwer zu überblicken“ (BT, 8). Dies hat dann natürlich auch Auswirkungen auf sein Verhalten im privaten Bereich:

Nach dem Mittagessen legte sich der Wärter abermals zu kurzer Ruhe nieder. Nachdem sie beendigt, trank er den Nachmittagskaffee und begann gleich darauf sich für den Gang in den Dienst vorzubereiten. Er brauchte dazu, wie zu allen seinen Verrichtungen, viel Zeit; jeder Handgriff war seit Jahren geregelt; in stets gleicher Reihenfolge wanderten die sorgsam auf der kleinen Nussbaumkommode ausgebreiteten Gegenstände: Messer, Notizbuch, Kamm, ein Pferdezahn, die alte, eingekapselte Uhr, in die Taschen seiner Kleider (BT, 13).

Hier weist schon der Erzählstil auf Thiels peniblen Ordnungssinn hin, die Aufzählung der Gegenstände, die Thiels in stets gleicher Reihenfolge in seinen Taschen unterbringt, werden in eben dieser Reihenfolge vom Erzähler aufgelistet.

Als Thiel merkt, dass seine Gedanken immer wieder um die verstorbene Minna kreisen, stellt er die Ordnung wieder her, indem er „sein Wärterhäuschen und die Bahnstrecke […], insgeheim gleichsam für geheiligtes Land [erklärte], welches ausschließlich den Manen der Toten gewidmet sein soll“ (BT, 7). Er trennt seinen Alltag zwischen der toten Minna und der lebenden Lene – zwischen Vergangenheit und Gegenwart – auf. Insofern scheint Thiel sein Leben auf den ersten Blick routiniert und geordnet zu leben: er hat eine Ersatzmutter für seinen geliebten Sohn Tobias gefunden, geht immer noch allsonntäglich in die Kirche, trennt Realität (Lene) und Traum (Minna) erfolgreich voneinander und geht fortwährend seinem Beruf nach. Bei weiterem Lesen wird jedoch immer deutlicher, dass sein künstlich erschaffenes Gerüst früher oder später einzubrechen droht. Schließlich gerät es ins Schwanken, als Thiel sich auf dem Weg zu seinem Bahnwärterhäuschen in Gedanken über das furchtbare Wetter an das vergessene Butterbrot erinnert.

Plötzlich jedoch bekamen seine Gedanken eine andere Richtung. Er fühlte dunkel, dass er etwas daheim vergessen haben müsse, und wirklich vermisste er beim Durchsuchen seiner Taschen das Butterbrot, welches er der langen Dienstzeit halber stets mitzunehmen genötigt war. Unschlüssig blieb er eine Weile stehen, wandte sich dann aber plötzlich und eilte in der Richtung des Dorfes zurück (BT, 14).

Thiels Ordnungszwang wird erneut verdeutlicht. Er kann nicht selbst bestimmen, ob er das Butterbrot holen möchte oder nicht, denn er wird dazu ‚genötigt’ es stets dabeizuhaben.

[...]


[1] Gerhart Hauptmann: Bahnwärter Thiel . Novellistische Studie . Stuttgart 2007 [1887] (Ausgabe: Reclam Universalbibliothek Nr. 6617), S. 3. Diese Ausgabe wird im Folgenden zitiert unter Verwendung der Sigle BT, Seitenangabe.

[2] Martini, Fritz: Nachwort. In: Hauptmann, Gerhart: Bahnwärter Thiel. Novellistischer Studie , Stuttgart 2007 [1887], S. 50.

[3] Seine äußere Ordnung ist an seinem äußeren Erscheinungsbild festzumachen, das sich trotz dem Tod Minnas weiterhin durch militärische Strenge auszeichnet. Das einzig veränderte war, „dass er den breiten, behaarten Nacken ein wenig gesenkt trug und noch eifriger der Predigt lauschte oder sang, als er es früher getan hatte“ (BT, 4).

Ende der Leseprobe aus 4 Seiten

Details

Titel
Das Motiv der Ordnung in Gerhart Hauptmanns 'Bahnwärter Thiel'
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Seminar für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Hauptseminar: Hauptmanns 'Bahnwärter Thiel' als naturalistische Novelle? Literaturwissenschaftliches Argumentieren in der Praxis
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
4
Katalognummer
V155378
ISBN (eBook)
9783640693238
Dateigröße
456 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Motiv, Ordnung, Gerhart, Hauptmanns, Bahnwärter, Thiel
Arbeit zitieren
B.A. Julia Krüger (Autor), 2008, Das Motiv der Ordnung in Gerhart Hauptmanns 'Bahnwärter Thiel', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/155378

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