Die Vielfalt der Sonnenuhren und die Stundenmessung an verschiedenen Orten


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

25 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Gesellschaftliche Bedeutung und Funktion

3. Aufbau und Funktionsweise einer Sonnenuhr

4. Vielfalt der Sonnenuhrentypen

5. Zusammenfassung

6. Literaturangabe

7. Abbildungsnachweis

1. Einleitung

„Zeit ist das, was man an der Uhr abliest.“[1] Diese zunächst sehr einfach wirkende Erkenntnis stammt von Albert Einstein und verweist auf das Phänomen, dass Zeit an sich nicht vom Menschen beeinflusst werden kann. Wir können Zeit lediglich wahrnehmen und das in sehr unterschiedlichem Maße. So kann eine feste zeitliche Größe wie zum Beispiel eine Stunde wie „im Fluge vergehen“ oder aber auch als endlos von ein und derselben Person erlebt werden. Gerade weil unser intrapersonelles und interpersonelles Zeitempfinden so unterschiedlich ist, macht die Orientierung an objektiven zeitlichen Einteilungen das zwischenmenschliche Zusammenleben leichter organisierbar. Selbst der relativ einfache Vorgang einer Verabredung von zwei Personen zu einem Zeitpunkt benötigt einen objektiven Zeitmesser. Betrachtet man unseren heutigen Alltag, so scheint dieser fast schon allumfassend von der Zeit bestimmt zu sein. Nahezu alle gesellschaftlichen und individuellen Bereiche werden zeitlich erfasst und sogar auf Grundlage von Zeitmessungen qualitativ bewertet und ausgerichtet. Ist der heutige Mensch ein Sklave der Zeit? Wie kam es zu dieser selbst geschaffenen Abhängigkeit?

Bereits in der Antike sammelte Ptolemäus gnomonisches Wissen, das heißt wissenschaftliche Erkenntnisse zur Herstellung von Sonnenuhren, und er ermöglichte durch sein Wirken öffentliche Zugänglichkeit zu seinen Erkenntnissen.[2] Daraus könnte man die These ableiten, dass es schon im antiken Griechenland das dringende Bedürfnis gab, die Tageszeit wesentlich genauer einzuteilen als lediglich mit den sehr groben, wenn auch sehr einfach zu beobachtenden Tagesabschnitten des Morgens, Mittags und Abends. Die Herstellung eines Zeitmessers, welcher in Abhängigkeit vom Sonnenlicht die Tageszeit angibt liegt also sehr nah und womöglich lässt sich auch eine gewisse Vielfalt bei einzelnen Sonnenuhrentypen vermuten, da jede Sonnenuhr an die Bedingungen ihres spezifischen Aufstellungsortes angepasst werden muss. Entsprechende Vorteile einer Stundengenauen Zeiteinteilung des Tages, welche mit Hilfe eines Zeitmessers abgelesen werden können, brauchen an dieser Stelle sicherlich nicht dargestellt werden. In dieser Arbeit soll zunächst im ersten Punkt untersucht werden, welche gesellschaftliche Bedeutung und Funktion den griechischen und römischen Sonnenuhren beizumessen ist. Die Beantwortung der Frage nach der Bedeutung und Funktion lässt Rückschlüsse auf die Genauigkeit der antiken Sonnenuhren zu. Waren sie also eher Schmuckstück für wohlhabendere Privatgärten oder tatsächlich auch öffentlich zugängliche Zeitmesser beziehungsweise Stundenanzeiger? Um diese Frage beantworten zu können ist es unumgänglich sich zusätzlich mit dem Aufbau und der Funktionsweise der griechisch-römischen Sonnenuhren zu befassen, was einen weiteren Schwerpunkt dieser Arbeit darstellt. Im letzten Punkt werden schließlich unterschiedliche Typen von Sonnenuhren untersucht, um die Anpassungsfähigkeit der griechisch-römischen Sonnenuhrenhersteller an die jeweiligen Aufstellungsorte zu überprüfen.

2. Gesellschaftliche Bedeutung und Funktion

Der besseren Übersichtlichkeit wegen wird die jeweilige gesellschaftliche Bedeutung und Funktion der Sonnenuhren getrennt nach den kulturellen Einflussgebieten des antiken Griechenlands beziehungsweise Roms dargestellt, auch wenn beide Kulturen sich gegenseitig auf vielfältige Art und Weise beeinflusst haben.

2.1 Griechenland

Gesellschaftliche Verwendung fanden die Sonnenuhren bereits vor 400 vor Christus in Ägypten und Mesopotamien.[3] Von dort aus gelangten diese dann in den griechischen Kulturkreis, wobei die Sonnenuhren jedoch zunächst auf gesellschaftlicher Ebene noch keine große Bedeutung erlangten.[4] Vermutlich musste erst das starke Bedürfnis nach einer genauen Einteilung der Tageszeit aufkommen, um die Entwicklung einer eigenständigen Sonnenuhrenproduktion voranzutreiben. Ein Indiz für dieses verstärkte Interesse lässt sich daraus ableiten, dass der Begriff „Stunde“ als zwölfter Teil des lichten Tages seit dem 4. Jahrhundert vor Christus bei den griechischen Gelehrten nachweisbar ist und sich wohl im 3. Jahrhundert auch in der Bevölkerung durchgesetzt hat.[5] Umgekehrt hat aber auch die Verbreitung der Sonnenuhren im antiken Griechenland dazu beigetragen, dass der Begriff „Hora“, ursprünglich als Bezeichnung für Jahreszeit, allgemein auch für die Bezeichnung Stunde gebraucht wurde.[6]

Die Einteilung des Volltages in 24 gleich lange Stunden erfolgte im 3. Jahrhundert vor Christus und man kann davon ausgehen, dass die Stunden und Uhren von den Griechen neu „entworfen“ worden sind.[7] Die „Arachne“, was soviel wie Spinnennetz bedeutet, ist als Urtyp der antiken Sonnenuhren beschrieben worden und gilt als Erfindung des griechischen Gelehrten Eudoxos.[8] Der Fundort dieser Sonnenuhr liegt unweit von Athen entfernt.[9] Die griechischen Stundenanzeiger sind wie schon angedeutet keine eigenständige Erfindung, aber sie stellen dennoch eine Weiterentwicklung der orientalischen Sonnenuhren dar.[10] Neben der Anzeige der Stunden konnte man zusätzlich die jeweils aktuellen Tierkreiszeichen ablesen, welche erstmals durch Eudoxos in die Sonnenuhren integriert wurden.[11] Im vierten Jahrhundert vor Christus wurden die Grundlagen der so genannten „Gnomonik“ geschaffen, welche als Wissenschaft und Lehre der Sonnenuhren zu verstehen ist.[12] Bei der praktischen Anwendung dieser Wissenschaft ging es vor allem darum, die Ekliptik, also den scheinbaren Verlauf der Sonne am Himmel, sowie die geographische Breite eines Ortes zu berücksichtigen, um eine Sonnenuhr an ihren Bestimmungsort anzupassen und dort nutzen zu können.[13] Eine neu entwickelte Kegelschnitttheorie von Apollonios verhalf der Gnomonik im 2. Jahrhundert vor Christus zu einem Schub, da sich nun einige weitere spezielle Uhrentypen, wie zum Beispiel Horizontal- und Vertikaluhren, entwickeln konnten, deren Schattenkurven als Kegelschnitte verlaufen.[14] Die damaligen wissenschaftlichen Zentren befanden sich vor allem in Alexandria und auf Rhodos, gleichwohl das Festland durch den in Athen entwickelten und stehenden Turm der Winde Anschluss an den wissenschaftlichen Fortschritt in der Gnomonik hielt.[15] Ein bedeutender Gnomoniker war Andronikos, welcher maßgeblich an der Entwicklung und dem Bau des Turms beteiligt war.[16] Die Invasion des Sulla um 86 vor Christus verstärkte die wirtschaftliche und kulturelle Depression im griechischen Raum, was sich auch negativ auf die Weiterentwicklung der Sonnenuhren auswirkte.[17]

Die Sonnenuhr fand höchst wahrscheinlich sehr oft Verwendung als Weihegegenstand, da zahlreiche Funde in Heiligtümern sichergestellt werden konnten.[18] Erst im 2. Jahrhundert vor Christus wurden solche Stundenanzeiger auch außerhalb von Heiligtümern aufgestellt, was vermutlich auf römischen Einfluss zurückzuführen ist.[19] Dort waren die Sonnenuhren noch mehr Menschen zugänglich als in den Heiligtümern, was auf eine erhöhte Relevanz der Zeitmesser im Alltagsleben schließen lässt. Die von den Römern erbeutete und öffentlich zur Schau gestellte Uhr von Catania gilt als Impuls für die veränderten Aufstellungsorte einer Sonnenuhr im antiken Griechenland.[20] Interessanterweise wurde deren falsche Zeitanzeige am neuen Aufstellungsort erst nach 99 Jahren bemerkt, was daraufhin weist, dass die Römer deutlich später auf wissenschaftlichem Gebiet gleichziehen konnten.[21] Weiterhin belegen einige Funde, dass die alltägliche Zeitmessfunktion die sakrale Bedeutung und die reine zur Schaustellung mathematischer Welterkenntnis in den Hintergrund drängten.[22]

2.2 Rom

Im antiken römischen Kulturraum erfolgten die Stundeneinteilung und die Einführung der Sonnenuhren im 3. Jahrhundert vor Christus.[23] Die Beute-Uhr von Catania gelangte vermutlich 263 vor Christus nach Rom und ging dort unbemerkt 99 Jahre falsch, da sie ja an ihren Ursprungsort angepasst war.[24] Der Austausch zwischen den beiden hier untersuchten Kulturräumen im „Sonnenuhren-Sektor“ war wohl sehr beträchtlich, da zahlreiche römische Sonnenuhren in Griechenland, so unter anderem in Athen, Isthmia, Korinth und Sparta, gefunden wurden.[25] Trotz des für diesen Zeitraum konstatierten Bevölkerungsrückgangs ist gleichzeitig eine steigende Anzahl von Sonnenuhren zu erkennen, was als Beleg dafür gelten kann, dass die zu messende Uhr- beziehungsweise Tageszeit ein zunehmender, gesellschaftlich bedeutungsvoller Faktor wurde.[26] Diese zentrale Veränderung des Alltagslebens wird durch ein Zitat von Artemidoros von Daldis/Lydien aus dem 2. Jahrhundert nach Christus bestätigt, wenn er ausführt: „Die Uhr bedeutet Handlungen, Unternehmungen, Bewegungen und Inangriffnahme von Geschäften. Alles nämlich, was die Menschen tun, vollbringen sie im Hinblick auf die Stunden.“[27] Einerseits lässt sich aus diesem Zitat entnehmen, welch modernes Zeitverständnis die antiken Kulturen bereits hervorbrachten. Mit Hilfe von Uhren und ins besonders von Sonnenuhren wurde das alltägliche Leben regelrecht revolutioniert. Diesem Zitat folgend, ermöglichte die Uhr also eine Verdichtung zahlreicher zwischenmenschlicher Aktivitäten, weil der dazu benötigte Zeitraum nun genauer bestimmt werden konnte, so dass sich neue Organisationsmöglichkeiten der alltäglichen Handlungen, egal ob privater oder gesellschaftlicher Art, entfalten konnten. Anderseits zeigt dieses Zitat aber auch sehr deutlich, dass mit dieser Entwicklung gleichzeitig die Abhängigkeit von der Uhrzeit verbunden war. Mit der schrittweisen Etablierung und der allgemeinen Anerkennung der Uhren als gemeinsamer gesellschaftlicher Zeitnenner, ging meiner Ansicht nach auch Stück Handlungsfreiheit zu Gunsten der neu entstandenen Organisationsmöglichkeiten verloren.

Für den römischen Kulturkreis kann man annehmen, dass dort Sonnenuhren schon länger rein rational genutzt wurden als im antiken Griechenland.[28] Die Regelung der Badezeiten in den öffentlichen Badeanstalten wurde mit Hilfe von Sonnenuhren realisiert, aber auch im privaten Umfeld wurden Sonnenuhren zur Anzeige der Tageszeit genutzt und dienten somit nicht nur der Verschönerung des eigenen Haushalts.[29] Mit der Verbreitung der Sonnenuhren und ihrer Etablierung im Alltag ging leider auch deren gnomonische Qualität zurück.[30] Zum Beispiel verschwanden die eindeutig definierten Datumslinien schrittweise und die Stundenlinien traten in den Vordergrund.[31] Im 3.und 4. Jahrhundert nach Christus hielt der Hang zur Vereinfachung und Vernachlässigung naturwissenschaftlicher Gesichtspunkte weiter an.[32] So wurden unter anderem die Pseudodatumslinien nur noch als Konstruktionshilfe für die Stundenlinien gebraucht und die spezifische Neigung der Schattenfläche und Ekliptikschiefe vernachlässigt.[33] Dies blieb nicht ohne negative Auswirkungen für die Genauigkeit der Stundenanzeige.[34] Offenbar genügte jedoch die ungefähre Stundenangabe im alltäglichen Gebrauch und das Wissen um die Datumslinien ging dabei verloren.[35] Die Sonnenuhren standen zunehmend unter dem Prinzip einer zweckmäßigen Produktionsweise, so dass sich ein Wandel in der Entwicklung der Sonnenuhren vom wissenschaftlichen Instrument der klassischen Zeit zum Alltagsgerät mit ungefährer Stundenangabe erkennen lässt.[36] Vermutlich kann man den Niedergang der bereits sehr weit entwickelten Gnomonik auch mit der allgemeinen kulturellen Krise der hier betrachteten Kulturkreise in Verbindung setzen. Dennoch stellt sich die Frage, warum die aufgezeigten Vorteile einer Stundengenauen Zeitmessung nicht kulturübergreifend Verbreitung und Akzeptanz fanden und somit der Gnomonik zu einem dauerhaften Aufschwung verhalf. Vielleicht ist dieser Umstand auch der Tatsache geschuldet, dass sich der Aufbau und die Funktionsweise einer Sonnenuhr nicht so ohne Weiteres erschließen ließen, was nun im folgenden Kapitel näher untersucht werden soll.

[...]


[1] Vgl.: www.zitate.net/zitate/zeit/zitate_3.html, 05.01.2010 (18.31 Uhr).

[2] Zenkert, Arnold: Faszination Sonnenuhr, Frankfurt/a.M. 19952, S. 14.

[3] Schaldach, Karlheinz: Römische Sonnenuhren. Eine Einführung in die antike Gnomonik, Frankfurt/a.M. 20013, S. 20ff.

[4] Schaldach, Karlheinz: Die antiken Sonnenuhren Griechenlands. Festland und Peloponnes, Frankfurt/a.M. 2006, S. 31.

[5] Ebd.: S. 31.

[6] Ebd.: S. 32.

[7] Ebd.: S. 31.

[8] Schaldach, Karlheinz: Die antiken Sonnenuhren Griechenlands. Festland und Peloponnes, Frankfurt/a.M. 2006, S. 31.

[9] Ebd.: S. 32.

[10] Ebd.: S.31.

[11] Zenkert, Arnold: Faszination Sonnenuhr, Frankfurt/a.M. 19952, S. 14.

[12] Schaldach, Karlheinz: Die antiken Sonnenuhren Griechenlands. Festland und Peloponnes, Frankfurt/a.M. 2006, S. 31f.

[13] Zenkert, Arnold: Faszination Sonnenuhr, Frankfurt/a.M. 19952, S. 12.

[14] Schaldach, Karlheinz: Die antiken Sonnenuhren Griechenlands. Festland und Peloponnes, Frankfurt/a.M. 2006, S. 32.

[15] Ebd.: S. 32.

[16] Ebd.: S. 31.

[17] Ebd.: S. 33.

[18] Ebd.: S. 33.

[19] Ebd.: S. 33.

[20] Schaldach, Karlheinz: Die antiken Sonnenuhren Griechenlands. Festland und Peloponnes, Frankfurt/a.M. 2006, S. 33.

[21] Ebd.: S. 33.

[22] Ebd.: S. 33.

[23] Schaldach, Karlheinz: Römische Sonnenuhren. Eine Einführung in die antike Gnomonik, Frankfurt/a.M. 20013, S. 27.

[24] Ebd.: S. 27.

[25] Schaldach, Karlheinz: Die antiken Sonnenuhren Griechenlands. Festland und Peloponnes, Frankfurt/a.M. 2006, S. 34.

[26] Ebd.: S. 34f.

[27] Ebd.: S. 35.

[28] Schaldach, Karlheinz: Die antiken Sonnenuhren Griechenlands. Festland und Peloponnes, Frankfurt/a.M. 2006, S. 35.

[29] Ebd.: S. 35.

[30] Ebd.: S. 35.

[31] Ebd.: S. 35.

[32] Ebd.: S. 35.

[33] Ebd.: S. 35.

[34] Ebd.: S. 35.

[35] Ebd.: S. 35.

[36] Ebd.: S. 32.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die Vielfalt der Sonnenuhren und die Stundenmessung an verschiedenen Orten
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Institut für Altertumswissenschaften)
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
25
Katalognummer
V155395
ISBN (eBook)
9783640692095
ISBN (Buch)
9783640692514
Dateigröße
3248 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sonnenuhr, Sonnenuhren, Antike, Griechen, Römer, Griechenland, Rom, Zeit, Stunden
Arbeit zitieren
Frank Martin (Autor), 2010, Die Vielfalt der Sonnenuhren und die Stundenmessung an verschiedenen Orten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/155395

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