Die erzieherische Rolle und Funktion der Zeltlager in der "Hitler-Jugend"


Seminararbeit, 2007

19 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Entwicklung und Struktur der „Hitler-Jugend“

3. Grundlegende Merkmale und Ziele der Erziehung in der „Hitler-Jugend“

4. Die Zeltlager der „Hitler-Jugend“ im Kontext nationalsozialistischer Erziehung

5. Zusammenfassung

6. Literaturangabe

1. Einleitung

Einen sehr hohen Stellenwert in unserer jetzigen „Spaß-Gesellschaft“ nimmt bei einem Großteil der Bevölkerung die Freizeitgestaltung ein. Vor allem Kinder und Jugendliche haben derzeit die durchaus schwierige Entscheidung, sich aus dem kaum zu durchschauenden Freizeitangebot das individuell am meisten geeignet erscheinende herauszusuchen. Ein solches Überangebot von Gestaltungsmöglichkeiten, die relativ freie Entscheidungsgewalt über die persönlichen zeitlich begrenzten Freiräume und oftmals auch der fehlende lenkende Einfluss der Eltern sind vermutlich die Ursachen dafür, dass sich viele junge Menschen häufig diesem Umstand einfach „ergeben“ und ihre Freizeit hauptsächlich mit nichts tun „ausschmücken“. Dieses nichts tun provoziert jedoch immer wieder Aussagen, die eine aktive Freizeitgestaltung durch den Staat allgemein befürworten, weil die Kinder und Jugendlichen so wenigstens nicht sinnlos auf der Straße oder vor dem Fernsehgerät „herumlungern“. Zahlreiche meist ältere Menschen sehen darin auch den Vorteil bei der Freizeitgestaltung innerhalb der deutschen Gesellschaft zur Zeit des Nationalsozialismus. Wie und vor allem durch wen die Freizeit gestaltet werden soll, ist heutzutage Thema einiger privater sowie öffentlicher Debatten, so dass sich mir folgende Fragen stellten:

Wie weit sollte ein Staat überhaupt in die Freizeitgestaltung der Jugend involviert sein? Wie wurden den Kindern und Jugendlichen im nationalsozialistischen Staat Freizeitangebote unterbreitet? Welchen Sinn und Zweck sollte die Freizeit der Jugend damals erfüllen? Welche Rolle kann man den in dieser Zeit häufig stattfindenden Zeltlagern der „Hitler-Jugend“ (HJ) beimessen?

Um diese Fragen beantworten zu können, soll im ersten Kapitel zunächst ein kurzer Überblick über die Entwicklung der HJ zur Staatsjugend und deren Struktur gegeben werden. Im darauf folgenden Kapitel sollen grundlegende Merkmale und Ziele der Erziehung in der HJ herausgestellt werden, um so die Freizeitgestaltung durch die nationalsozialistische Staatsjugend erschließen zu können. Da die Zeltlager der HJ sehr häufig und in regelmäßigen Abständen stattfanden und daher wahrscheinlich eine bedeutende Rolle innehatten, wird im letzten Kapitel deren konkrete Funktion im Kontext der nationalsozialistischen Erziehung analysiert.

2. Entwicklung und Struktur der „Hitler-Jugend“

Um sich einen groben Überblick darüber verschaffen zu können, wie es der nationalsozialistischen Führung gelang, die HJ als Staatsjugend mit totalitärem Anspruch zu etablieren, ist es an dieser Stelle notwendig, die Entwicklung der HJ in ihren wichtigsten Etappen nachzuvollziehen.

Zum genauen Zeitpunkt, der die Entstehung der HJ markiert, findet man in der wissenschaftlichen Literatur recht unterschiedliche Angaben, was vermutlich auf das Verbot und der Auflösung der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) und ihrer Organisationen von 1923 zurückzuführen ist. So ist wohl der „Jugendbund der NSDAP“ 1922 ins Leben gerufen worden, was sich anhand einer Ausgabe des „Völkischen Beobachters“ vom 08. März 1922 belegen lässt, dieser hätte aber das Anfangsstadium auf Grund des Parteiverbots nicht überwunden. Bis zur Neugründung der NSDAP im Jahr 1926 gab es einige voneinander unabhängige nationalsozialistische Jugendgruppen. Davon ist insbesondere die „Großdeutsche Jugendbewegung“ um Kurt Gruber im vogtländischen Plauen zu nennen, da diese als Kern der nationalsozialistischen Jugendgruppen bis zur offiziellen Anerkennung durch Hitler auf dem im Juli 1926 abgehaltenen Parteitag der NSDAP galt. Bei diesem Ereignis wurde die „Großdeutsche Jugendbewegung“ in „Hitler-Jugend, Bund Deutscher Arbeiterjugend“ umbenannt. Zum Reichsführer dieser Organisation wurde Gruber bestimmt, welcher zusätzlich noch als Referent für Jugendfragen in der Parteileitung agierte.[1] Als anerkannte Parteijugend wurde die HJ dem paramilitärischen Flügel der NSDAP der so genannten „Sturmabteilung“ (SA) direkt unterstellt. Daraufhin hatten alle 18 jährigen „Hitler-Jungen“ in die SA einzutreten, was der zu diesem Zeitpunkt ohnehin noch relativ Mitgliederschwachen HJ zwar zum Nachteil wurde, doch konnte Gruber 1927 den parteinintern verursachten Mitgliederschwund eindämmen.[2] Eine viel größere Schwächung der HJ erfolgte im gleichen Jahr mit der Abspaltung einiger HJ-Gaue, die den angeblichen sozialrevolutionären Anspruch der HJ über die Einbindung in die Partei hinweg realisieren wollten. Der so entstandene „Bund Deutscher Arbeiter-Jugend“ konnte sich jedoch nicht etablieren und die HJ selbst trat erst 1928 wieder verstärkt in der Öffentlichkeit in Erscheinung, wie z. B. bei ihrem ersten Reichstreffen, woran sich ungefähr 600 „Hitler-Jungen“ beteiligten. Im gleichen Jahr versuchte Baldur von Schirach, der zum Reichsführer des „Nationalsozialistischen Studentenbundes“ durch Hitler ernannt wurde und somit den Grundstein für seinen 1931 erfolgten Aufstieg zum „Reichsjugendführer der NSDAP“ legte, die HJ ohne offiziellen Auftrag zu beeinflussen. Sein Ziel, einen Zusammenschluss der HJ mit den anderen rechten, völkischen Jugendbünden der Weimarer Republik zu erwirken, scheiterte an der Auffassung von Gruber, der die HJ bewusst gegen jene abgrenzen wollte.[3] Gruber stellte zunächst noch die „nationalsozialistische Idee“ über alles andere und sah die Unterschiede zwischen HJ und den anderen Jugendbünden als unüberwindbar, trotz des durchaus vorhandenen Mitgliederpotentials in den ideologisch nicht so fremden völkischen Bünden. Diese selbst verursachte Isolation der HJ wurde zusätzlich durch die Ablehnung des Antrags auf Mitgliedschaft im Reichsausschuss der deutschen Jugendverbände der Weimarer Republik im Jahr 1929 verschärft, so dass die HJ im Unterschied zum NS-Studentenbund bis 1932 nur relativ wenig Mitgliederzuwachs erhielt.

Um auch einen möglichst großen Teil der weiblichen Jugend erfassen zu können, wurden die seit 1927 entstandenen nationalsozialistischen Mädchengruppen 1930 im „Bund Deutscher Mädel“ (BDM) zusammengefasst und galten seit 1932 als einzige NS-Mädchenorganisation.[4] Die Koordination der gesamten Jugendaktivitäten der NSDAP erfolgte zu dieser Zeit beim so genannten „Jugendamt der NSDAP“, welches durch Walter Buch ausgeübt wurde. Ihm unterstanden formal Kurt Gruber als Reichsführer der HJ, Baldur von Schirach als Leiter des NS-Studentenbundes und Adrian von Renteln, der dem 1929 gegründeten NS-Schülerbund vorstand. Im Frühjahr 1931 wurde der vorher unabhängige „Bund Deutsches Jungvolk“ der HJ angegliedert, um nahezu alle Altersschichten der deutschen Jugend mit der Nazi-Ideologie erreichen zu können. Die Überweisung vom „Jungvolk“ in die eigentliche HJ sollte demnach mit dem 15. Geburtstag vollzogen werden.

Wie schon erwähnt wurde Baldur von Schirach 1931 zum „Reichsjugendführer der NSDAP“ ernannt und war nun für die Leitung und Organisation der HJ, des NS-Studentenbundes und des NS-Schülerbundes verantwortlich. Schirach bekam den Rang eines SA-Gruppenführers zugewiesen, so dass die NS-Jugendorganisationen immer noch mit der SA verbunden blieben. Dies änderte sich zwar 1932, da der SA ein Verbot seitens der Weimarer Regierung auferlegt wurde, trotzdem konnte ein kurzzeitiges Verbot der HJ durch die formale Ausgliederung aus der SA und der Umbenennung Schirachs zum Parteifunktionär nicht verhindert werden. Im selben Jahr wurde das Verbot der SA und somit auch der HJ allerdings durch den neuen Reichskanzler von Papen wieder revidiert. Als Höhepunkt der HJ-Aktivitäten vor 1933 wird der „Reichsjugendtag der HJ“ in Potsdam vom Herbst 1932 bezeichnet. Anhand der rund 80.000 teilnehmenden Jugendlichen lässt sich feststellen, dass die Nazi-Ideologie bereits bei mehr als nur bei dem einen oder anderen zu wirken begonnen hatte. Die erste Phase der Entwicklung und der gesellschaftlichen Etablierung der HJ fand mit der Machtergreifung der Nazis im Januar 1933 ihren Abschluss.

In der zweiten Entwicklungsphase galt es vor allem die gewonnene Macht als Instrument zur Verwirklichung des totalitären Anspruchs von HJ sowie allen anderen nationalsozialistischen Institutionen zu missbrauchen. Um die beabsichtigte Gleichschaltung auch im Bereich der Jugendorganisationen durchzuführen, wurde im April 1933 der noch existierende „Reichsausschuss der deutschen Jugendverbände“, der zu dieser Zeit rund 5 Mio. Jugendliche Mitglieder zählte, auf Anweisung von Schirach besetzt. Einerseits konnten so Informationen über sämtliche große Jugendverbände in Deutschland von der HJ-Führung für eine Art „Bestandsaufnahme“ benutzt werden und anderseits wurde der „freiwillige“ Rücktritt des letzten Vorsitzenden des Ausschusses General Vogt beschleunigt. Dieser „gab“ sein Amt direkt an Schirach weiter, der nach kurzer Zeit damit begann, jüdische und sozialistische Jugendverbände aus dem Ausschuss auszuschließen. Die Jugendorganisationen der restlichen Parteien wurden mit deren Auflösung ebenfalls verboten oder gleichgeschaltet. Die bündische und freie Jugendbewegung versuchte sich bis Mitte1933 noch eine gewisse Unabhängigkeit zu bewahren, indem sie sich zum „Großdeutschen Bund“ zusammenschloss. Schirach konnte seine Macht mit der im Juni 1933 geschaffenen Dienststelle „Jugendführer des Deutschen Reiches“ weiter ausbauen und institutionalisieren. Dies ermöglichte den Nationalsozialisten die absolute Kontrolle über alle Angelegenheiten, die die gesamte Jugendarbeit und –organisation tangierten. Als eine der ersten Amtshandlungen verfügte Schirach bis auf eine Ausnahme die Auflösung der im „Großdeutschen Bund“ vertretenen Bünde. Etwas schwieriger, jedoch nicht mit geringerer Wirkung wurden die evangelischen Jugendverbände in die HJ überführt.[5] Da die HJ vor allem in der Zeit kurz nach der Machtergreifung rigoros mit allen legalen und illegalen Mitteln versuchte, auch die katholischen Jugendverbände zu „bekehren“, drohte das von Hitler beabsichtigte Konkordat mit dem Vatikan in ernsthafte Gefahr zu geraten. Daher wurde im Juli 1933 Schirach auf staatlicher Ebene dem Innenministerium unterstellt, welches durch Richtlinien die Kompetenzen des „Jugendführers des Deutschen Reiches“ regelte.[6] Immerhin konnten die katholischen Jugendverbände als einzig nennenswerte Ausnahme bis ins Jahr 1939 ihre Position, wenn auch unter vielen Drohungen und Schikanen, behaupten.[7] Die vielen unterschiedlichen Jugendgruppen, die 1933 aufgenommen oder einverleibt wurden, bestanden vielfach als HJ-Gruppen unter ihren ehemaligen Führern weiter, so dass die oberste HJ-Leitung auf mögliche Spannungen innerhalb der HJ reagieren musste. Gerade weil auch die HJ streng hierarchisch nach dem so genannten „Führer-Prinzip“ aufgebaut war und es zu Beginn des nationalsozialistischen Herrschaft an HJ-Führern mangelte, stand das Jahr 1934 für die HJ unter dem Motto „Jahr der Schulung“. Eine wichtige Rolle zur Behebung des politischen „Nachholbedarfs“ spielte dabei die 1933 gegründete „Reichsführerschule der HJ“ in Potsdam, sowie die umfangreiche Propagandamaschinerie.[8]

[...]


[1] Klönne, Arno (2003): Jugend im Dritten Reich. Köln, S.15.

[2] Giesecke, Hermann (1981): Vom Wandervogel bis zur Hitlerjugend. München, S.176f.

[3] Schubert-Weller, Christoph (1993): Hitler-Jugend. Weinheim/München, S.24ff.

[4] Giesecke, Hermann (1981): Vom Wandervogel bis zur Hitlerjugend. München, S.177ff.

[5] Klönne, Arno (2003): Jugend im Dritten Reich. Köln, S. 16ff.

[6] Brandenburg, Hans-Christian (1968): Die Geschichte der HJ. Köln, S.152f.

[7] Giesecke, Hermann (1981): Vom Wandervogel bis zur Hitlerjugend. München, S.190ff.

[8] Brandenburg, Hans-Christian (1968): Die Geschichte der HJ. Köln, S.161.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die erzieherische Rolle und Funktion der Zeltlager in der "Hitler-Jugend"
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Institut für Pädagogik)
Veranstaltung
Seminar: Aufwachsen im Nationalsozialismus
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
19
Katalognummer
V155403
ISBN (eBook)
9783640676682
ISBN (Buch)
9783640676378
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nationalsozialismus, HJ, Hitlerjugend, Zeltlager, Erziehung, Drittes Reich
Arbeit zitieren
Frank Martin (Autor), 2007, Die erzieherische Rolle und Funktion der Zeltlager in der "Hitler-Jugend", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/155403

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die erzieherische Rolle und Funktion der Zeltlager in der "Hitler-Jugend"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden