1. Einleitung
In einem 1971 geführten Interview erklärte Ingeborg Bachmann worin der Grund für sie besteht, sich in lyrischer Form mit dem Begriff Liebe auseinanderzusetzen. Darin heißt es: „Für mich stellt sich nicht die Frage nach der Rolle der Frau, sondern nach dem Phänomen der Liebe – wie geliebt wird. (…) Liebe ist ein Kunstwerk.“1 Auch wenn die von ihr verfassten Liebesgedichte im Hinblick auf ihr Gesamtwerk nur einen geringen Anteil besitzen, so zählen sie doch „zu den schönsten Beispielen ihrer Lyrik.“2
Ziel der vorliegenden Arbeit ist der Versuch eines der Gedichte in welchem Ingeborg Bachmann Natur- und Liebeslyrik verbindet, zu untersuchen und zu interpretieren. Dies geschieht am Beispiel des am 19. Juli 1956 erstmals in der Zeitschrift Die Zeit und später im Gedichtband Anrufung des Großen Bären veröffentlichten Gedichts Erklär mir, Liebe. Dabei soll vor allem die Haltung des dargestellten lyrischen Ichs in Bezug auf dessen Einstellung zur Liebe aufgegriffen und näher beleuchtet werden, sowie die Verwendung natürlicher Symbolik diesbezüglich hinterfragt werden.
2. Ingeborg Bachmanns Erklär mir, Liebe
Neben Gedichten wie Anrufung des Großen Bären, Landnahme oder Mein Vogel gehört Erklär mir, Liebe zu den weit weniger interpretierten Gedichte Ingeborg Bachmanns, was wohl hauptsächlich damit zu begründen ist, dass das Thema des Gedichts: „das schmerzliche Bewusstsein des intellektuellen Menschen, dass sich seine (...) Lebenshaltung aufgrund der gestörten zwischenmenschlichen Vermittlungsfähigkeit mit der ersehnten individuellen Verwirklichung in einer spontanen, gefühlsbestimmten Findung des Du nicht übereinbringen lässt“3, sich bereits bei der ersten Lektüre des Gedichts offen darzulegen scheint.
Erklär mir, Liebe ist ungefähr in der Mitte des zweiten Teils des 1956 erschienenen dreiteiligen Gedichtbandes Ingeborg Bachmanns Anrufung des Großen Bären aufgeführt. Entstanden ist es etwa um 1954, wobei eine exakte Datierung nicht möglich ist, da sich in ihrem literarischen Nachlass keinerlei Notizen über den Prozess des Verfassens finden lassen.
1 Weigel, Siegried: Ingeborg Bachmann. Wien 1999. S. 150.
2 Weigel, Siegried: Ingeborg Bachmann. Wien 1999. S. 150.
3 Pichl, Robert: Ingeborg Bachmanns Erklär mir, Liebe. In: Kucher, Primus – Heinz; Reitani, Luigi (Hrsg.): „In die Mulde meiner Stummheit leg ein Wort...“ Interpretationen zur Lyrik Ingeborg Bachmanns. S. 194.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Ingeborg Bachmanns Erklär mir, Liebe
2.1. Erklär mir, Liebe – eine Analyse
2.2. Erklär mir, Liebe – eine Interpretation
3. Abschließende Betrachtung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht Ingeborg Bachmanns Gedicht „Erklär mir, Liebe“ mit dem Ziel, die Verbindung von Natur- und Liebeslyrik zu analysieren und die Haltung des lyrischen Ichs gegenüber der Liebe sowie die verwendete natürliche Symbolik kritisch zu beleuchten.
- Analyse und Interpretation des Gedichts „Erklär mir, Liebe“
- Untersuchung der Haltung des lyrischen Ichs zur Liebe
- Interpretation der natürlichen Symbolik und ihrer Funktion
- Auseinandersetzung mit der Differenz zwischen Intellekt und Gefühl
- Diskussion möglicher geschlechtsspezifischer Lesarten des Gedichts
Auszug aus dem Buch
2.2. Erklär mir, Liebe – eine Interpretation
Den Inhalt der ersten Strophe bildet die Beschreibung einer liebenden Figur. Deren dargestelltes Handeln weist zunächst typische Merkmale des Verhaltens eines intellektuellen Menschen auf. So unter anderem das für die Entstehungszeit des Gedichts übliche Ritual des Grüßens durch das Lüften des Hutes oder der Erwerb mehrerer Sprachen. Der Vers „dein unbedeckter Kopf hat's Wolken angetan“ weist in diesem Zusammenhang auf eine mitunter sogar philosophische Geistestätigkeit hin, welche über die irdischen Grenzen versucht hinauszublicken und eben schließlich einer Redewendung entsprechend „mit dem Kopf in den Wolken“ hängt.
Durch die Anrede mit dem Personalpronomen „Du“ wird deutlich, dass eben dieser Intellektuelle aus der Sicht einer anderen Person gesehen wird. Die Anapher „dein“ der ersten vier Verse verdeutlicht, dass der emotionale Zustand der beschriebenen Person mit dem des lyrischen Ichs nicht übereinstimmt. Stattdessen erfährt der Liebende, bedingt durch das ihm gegebene Gefühl, eine Veränderung, gar einen Neubeginn: „dein Mund verleibt sich neue Sprachen ein“. So gesteht das lyrische Ich dem Liebenden, bedingt durch dessen emotionale Hochstimmung, die Möglichkeit der geistigen Weiterentwicklung zu.
Die Kommunikation zwischen dem lyrischen Ich und dem angesprochenen gegenüber bleibt einseitig, denn das „Herz hat anderswo zu tun“. Zwischen beiden besteht ohne Zweifel eine Unstimmigkeit hinsichtlich der inneren Befindlichkeit, was das lyrischen Ich deutlich zu kritisieren weiß: „Von Flocken blind erhebst du dein Gesicht“. Damit schließt es sich selbst in mehrfacher Hinsicht vom Gefühl der Liebe aus.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Werk Ingeborg Bachmanns ein und formuliert das Ziel der Arbeit, das Gedicht „Erklär mir, Liebe“ im Kontext von Natur- und Liebeslyrik zu untersuchen.
2. Ingeborg Bachmanns Erklär mir, Liebe: Dieses Kapitel liefert eine detaillierte formale Analyse des Gedichts sowie eine tiefgehende Interpretation der einzelnen Strophen und der zentralen Motive.
2.1. Erklär mir, Liebe – eine Analyse: Hier wird der formale Aufbau des Gedichts betrachtet, wobei insbesondere auf die Strophenanordnung, das Metrum und den Verzicht auf Reimformen eingegangen wird.
2.2. Erklär mir, Liebe – eine Interpretation: Dieser Abschnitt widmet sich der inhaltlichen Deutung des Gedichts, der Charakterisierung des lyrischen Ichs und der Funktion der verwendeten Naturbilder.
3. Abschließende Betrachtung: Das Fazit fasst die Ergebnisse der Arbeit zusammen und hebt den Gegensatz zwischen dem rationalen Intellektuellen und dem gefühlsbetonten Liebenden hervor.
Schlüsselwörter
Ingeborg Bachmann, Erklär mir Liebe, Liebeslyrik, Naturlyrik, Interpretation, Lyrisches Ich, Intellekt, Gefühl, Symbolik, Feuersalamander, Gedichtanalyse, Literaturwissenschaft, Resignation, Zwischenmenschlichkeit, Motivik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der literaturwissenschaftlichen Untersuchung und Interpretation des Gedichts „Erklär mir, Liebe“ von Ingeborg Bachmann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die Verknüpfung von Natur- und Liebeslyrik, die Darstellung des menschlichen Empfindens von Liebe sowie der Konflikt zwischen rationalem Denken und emotionalem Erleben.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage dieser Arbeit?
Das Ziel ist es, die Haltung des lyrischen Ichs zur Liebe zu beleuchten und die Verwendung natürlicher Symbole im Gedicht zu interpretieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit angewendet?
Die Autorin verwendet eine textanalytische und interpretative Methode, die formale Aspekte (Strophenbau, Metrum) mit inhaltlichen Deutungen verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine formale Analyse des Gedichtbaus und eine detaillierte Interpretation der einzelnen Strophen hinsichtlich ihrer Symbolik und Bedeutung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung am besten?
Wichtige Begriffe sind Ingeborg Bachmann, Liebeslyrik, Naturlyrik, Lyrisches Ich, Intellekt, Gefühl, Symbolik und Resignation.
Welche Rolle spielt der „Feuersalamander“ in der Interpretation?
Das lyrische Ich identifiziert sich mit dem Feuersalamander, um seine eigene Rolle als von der Liebe ausgeschlossenes Individuum zu verdeutlichen, das jedoch dadurch auch vor dem Schmerz bewahrt bleibt.
Warum wird der Titel „Erklär mir, Liebe“ im Text unterschiedlich interpretiert?
Das im Titel enthaltene Komma wird als rhetorisches Mittel gedeutet, das entweder als Forderung nach Erklärung eines Begriffs oder als direkte Liebeserklärung an das Gegenüber gelesen werden kann.
Wie wird das Verhältnis von Natur und Liebe im Gedicht dargestellt?
Die Natur dient als Projektionsfläche für das Liebesgefühl; Tiere und Pflanzen fungieren als Symbole für verschiedene Stadien und Erfahrungen der Liebe.
- Arbeit zitieren
- Daniela Kramer (Autor:in), 2010, Ingeborg Bachmanns Liebeslyrik am Beispiel von "Erklär mir, Liebe" – eine Interpretation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/155413