Bismarck und die Frage nach den deutschen Kolonien – Welche Motive standen hinter dem Einstieg in die Kolonialpolitik?


Seminararbeit, 2009
14 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschichte und Beginn der deutschen Kolonialbewegung
2.1 Bismarcks Haltung zur Kolonialfrage
2.2 Die Kolonien

3. Theorien zum Erwerb der Kolonien
3.1 Der Druck der Kolonialbewegung
3.2 Annaherung an den westlichen Nachbarn und antienglische Politik
3.3 „Sozialimperialismus" und okonomische Motive
3.4 „Warten auf den richtigen Moment"

4. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Motive fur Otto von Bismarcks Eintritt in die Kolonialpolitik scheinen bis heute nicht eindeutig zu sein, obwohl die deutsche Kolonialgeschichte vor mehr als 120 Jah- ren begann. „Solange ich Reichskanzler bin, treiben wir keine Kolonialpolitik (...)“ (Baumgart 1992, S. 142) hiefe es seitens Bismarcks noch 1881. Erstaunlich also, dass der Reichskanzler sich nur drei Jahre spater recht plotzlich doch unter die Kolonial- machte drangte. Welche Beweggrunde Bismarck gehabt haben konnte, von der Ab- lehnung deutscher Kolonien hin zu einer aktiven Uberseepolitik, soll in dieser Arbeit naher betrachtet werden. Otto von Bismarck (1815 bis 1898) wurde am 08. Oktober 1862 zum preufeischen Ministerprasidenten und Minister des Auswartigen ernannt und 1871 zum ersten Reichskanzler des neu gegrundeten Deutschen Reichs. Seine Funktion als Reichskanzler ubte er bis 1890 aus.

Viele Autoren haben sich mit der Anderung von Bismarcks Haltung bei der Frage der deutschen Kolonien beschaftigt, einige wichtige Richtungen und Erklarungsansatze innerhalb der Forschung werden in den folgenden Kapiteln erlautert. Zunachst wird in Kapitel 2 ein Uberblick uber die Geschichte und den Beginn der deutschen Koloni- albewegung gegeben. Dabei wird deutlich, dass bereits im 16. und 17. Jahrhundert Interesse an Kolonialbesitz bestand, deutsche Missionare sich jedoch nicht durchset- zen konnten. Erst Ende der 1870er Jahre begann die organisierte Kolonialbewegung. Anschliefeend wird Bismarcks Haltung zur Kolonialfrage erortert. In diesem Unterka- pitel wird zunachst die Ablehnung von deutschen Kolonien in verschiedenen Aufee- rungen und schriftlichen Dokumenten aufgezeigt, um dann auf die plotzliche Wen- dung seiner Meinung einzugehen. Kapitel 2.2 gibt einen kurzen Uberblick uber die deutschen Kolonien, die im Jahre 1884 und spater in Besitz genommen wurden. Wo sie entstanden, welchen Ertrag sie erbringen sollten oder zu welchem Zweck die ver- schiedenen deutschen Kolonien verwendet wurden, ist hier nachzuvollziehen. Das Kapitel 3 beschaftigt sich in der Folge mit unterschiedlichen Theorien des Wandels Otto von Bismarck vom Kolonialbesitzgegner zum aktiven Kolonialpolitiker ab 1884. In den Unterkapiteln werden Motive wie der Druck der Kolonialbewegung, der Ver- such durch die Kolonialpolitik Frankreich an sich zu binden und England auszuspie- len, okonomische Beweggrunde, die „Sozialimperialismus"-Theorie und das „Warten auf den richtigen Moment" fur die Inbesitznahme deutscher Kolonien untersucht.

Die Schlussbetrachtung schliefet diese Arbeit mit einer kurzen Beurteilung der Theo- rien ab.

Als Basis der Hausarbeit dient vor allem Horst Grunders „Geschichte der deutschen Kolonien", Winfried Baumgarts Aufsatz „Bismarcks Kolonialpolitik" und die Dissert a- tion von Axel Riehl „Tanz um den Aquator".

2. Geschichte und Beginn der deutschen Kolonialbewegung

Bereits im 16. Und 17. Jahrhundert gab es Bemuhungen um deutsche Kolonialgebiete. Die „(...) Entdecker, Wissenschaftler, Forscher, Missionare, Handler und Handelshau- ser (...)" (Grunder 2004, S. 15) scheiterten fast ausnahmslos in ihren Bemuhungen, deutsche Kolonialgebiete einzunehmen. Friedrich I. und II. schienen weniger an kolo- nialen Planen interessiert. Ab 1840 verscharfte sich jedoch schlieRlich der Kolonial- gedanke. Es war das Handelsinteresse, aber auch die Angst, dass andere Lander an- fingen, die Welt unter sich aufzuteilen. Die zunehmende Industrialisierung und die ansteigende Bevolkerung fuhrten ebenfalls zu einer starkeren Bejahung der Kolonia- lisierung in Deutschland. 1870/ 71 bestarkte der deutsch-franzosische Krieg wiede- rum diesen Gedanken. Als Kriegsentschadigung war franzosischer Kolonialbesitz im Gesprach (Vgl.: Grunder 2004, S. 15ff.).

Die organisierte Kolonialbewegung ist gegen Ende der 1870er Jahre zu verorten. Am 09. Oktober 1878 wird in Berlin auf Initiative des Nationalokonomen Robert Jannosch eine der ersten kolonialen Vereinigungen im Deutschland der Kaiserzeit gegrundet: Der „Centralverein fur Handelsgeographie und Forderung deutscher Interessen im Ausland". Der Verein sollte die Interessen der exportinteressierten Fertigwarenin- dustrie aus verschiedenen Landesteilen Deutschlands vertreten sowie Reedereien in Norddeutschland. Ein Jahr spater entstand der „Westdeutsche Verein fur Kolonisation und Export". Hier waren zumeist Vertreter der GroRindustrie und des GroRhandels Mitglieder. Auch viele Publizisten interessieren sich fur Kolonisationsprojekte. So gilt Friedrich Fabri, der 1879 das beruhmte Buch „Bedarf Deutschland der Colonien?" veroffentlichte, als der „Vater der deutschen Koloniebewegung" (Grunder 2004, S. 34). 1882 wird schlieRlich der „Deutsche Kolonialverein" gegrundet. Dem Verein ging es um „(...) die Belebung des kolonialen Gedankens (.)" (Grunder 2004, S. 41/ 42).

2.1 Bismarcks Haltung zur Kolonialfrage

In den 1860er Jahren gestand der Reichskanzler dem Schutz und der Forderung von deutschem Handel finanzielle Unterstutzung ein. So beispielsweise in ostasiatischen Gewassern oder im Golf von Mexiko (Vgl.: Riehl 1993, S. 21 ff.). Vor 1884, in dem Jahr als schlieRlich unerwartet deutsche Kolonien in Besitz genommen wurden, lehnte Bismarck die direkte Herrschaft in Ubersee aufgrund der juristischen und morali- schen Haftbarkeit fur Kolonialbesitz ab. So schrieb der preufeische Ministerprasident im Jahr 1868 an Albrecht von Roon:

„Einerseits beruhen die Vortheile, welche man sich von Colonien fur den Handel und die Industrie des Mutterlandes verspricht, zum grofeten Theil auf Illusionen. Denn die Kosten, welche die Grundung, Unterstutzung und namentlich die Behauptung der Colonien veran- lasst, ubersteigen, wie die Erfahrungen der Colonialpolitik Englands und Frankreichs be- weisen, sehr oft den Nutzen, den das Mutterland daraus zieht, ganz abgesehen davon, dass es schwer zu rechtfertigen ist, die ganze Nation zum Vortheile einzelner Handels- und Ge- werbezweige, zu erheblichen Steuerlasten heranzuziehen. [...] Endlich wurde der Versuch, Colonien auf Gebieten zu grunden, deren Oberhoheit andere Staaten, gleich ob mit Recht oder mit Unrecht, in Anspruch nehmen, zu mannigfaltigen und unerwunschten Conflicten fuhren konnen." (Riehl 1993, S. 22).

Auch Bismarcks Stellungnahme 1870/ 71 war verneinend. „Ich will gar keine Kolo- nien. Die sind bloR zu Versorgungsposten gut (...)" (Busch 1902, S. 157) Zudem be- stand seit Mitte der 70er Jahre ein erklarter Verzicht auf „Landererwerb", der mit dem Kolonialgedanken nicht zusammen passte (Vgl.: Schollgen 2005, S. 33). Ein wei- terer ablehnender Kommentar von 1881 ist zu Beginn der Einleitung erwahnt. Weite- re Beispiele fur seine negative Haltung gegenuber Kolonien sind zahlreich in der Lite- ratur zu finden. Bei seinen Aussagen wird deutlich, dass Bismarck sich uber die Un- brauchbarkeit von Kolonien, auf der einen Seite aufgrund des sich nicht lohnenden wirtschaftlichen Nutzen, auf der anderen Seite aufgrund der militarpolitischen Stabi- litat und die damit verbundenen aufeenpolitischen Konflikte, vor allem mit Frankreich und England im Klaren war.

So ist es uberraschend, dass bereits wenige Jahre spater, 1884, seine veranderte Hal­tung in dieser Frage in einer Anmerkung Bismarcks deutlich wird: Schliefelich ubte England auch das Recht zu Kolonisieren aus und warum sollte es den Deutschen ver- sagt sein (Vgl.: Schollgen 2005, S. 33/ 34). Im gleichen Jahr entsteht die erste deut­sche Kolonie in Afrika.

Bereits kurz nach Inbesitznahme von Uberseelandereien als deutsche Kolonien, stellt sich bald wieder die schon gekannte Abneigung gegen diese Uberseepolitik ein (Vgl.: Baumgart 1992, S. 143). Bismarck wollte das erworbene Land in Afrika und im Pazifik sogar wieder abstofeen, so aufeerte er sich gegenuber dem Botschafter Hans Lothar von Schweinitz. Durch dieses Verhalten erscheint seine kurze aktive Kolonialpolitik noch ratselhafter.

[...]

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Details

Titel
Bismarck und die Frage nach den deutschen Kolonien – Welche Motive standen hinter dem Einstieg in die Kolonialpolitik?
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
14
Katalognummer
V155419
ISBN (eBook)
9783640693382
ISBN (Buch)
9783640693566
Dateigröße
801 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bismarck, Frage, Kolonien, Welche, Motive, Einstieg, Kolonialpolitik
Arbeit zitieren
Elisa Minossi (Autor), 2009, Bismarck und die Frage nach den deutschen Kolonien – Welche Motive standen hinter dem Einstieg in die Kolonialpolitik?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/155419

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