Sexualität als Diskursobjekt

Positionierung am Schnittpunkt der Grenzmengen


Hausarbeit, 2010

12 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Operationalisierung der zentralen Begriffe
2.1 Gender Studies
2.2 Sexualitat

3 Verstrickungen der Trilogie „sex - gender - sexuality"

Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die folgende Hausarbeit befasst sich mit der Frage, in wieweit Sexualitat als Diskursbegriff zwischen den Wissenschaften Queer Studies und Gender Studies zu verhorten ist.

„Queer Theory und ihre Anwendung in den Queer Studies zielen, um vorerst nur einige Schlagworter zu nennen, auf die Denaturalisierung normativer Konzepte von Mannlichkeit und Weiblichkeit, die Entkoppelung der Kategorien des Geschlechts und der Sexualitat, die Destabilisierung des Binarismus von Hetero- und Homosexualitat sowie die Anerkennung eines sexuellen Pluralismus, der neben schwuler und lesbischer Sexualitat auch Bisexualitat, Transsexualitat und Sadomasochismus einbezieht“ (KraR 2003, 18 - Hervorhebung A.W.).

„Lesbisch/schwule Forschung geht fur Sex und Sexualitat ungefahr so in Einsatz, wie die Women's Studies dies fur Gender tun“ (zit. nach Butler 2006, 118).

Im Aufarbeiten des aktuellen wissenschaftlichen Forschungsstandes entdeckte ich immer wieder die Annahme, Sexualitat musse als Forschungsgegenstand der Queer Studies angesehen werden. So wenig ich dem zu widersprechen gedenke, impliziert besagte Annahme doch oftmals, die Gender Studies hatten ihrerseits keinen Anspruch auf jenes Forschungsfeld. In diesem Zusammenhang ist haufig vom Vorwurf der „Reproduktion heteronormativer Verhaltnisse“ die Rede. Gender, so resumiert Sabine Hark den Diskurs, werde als implizit heteronormativ verfasst begriffen und stelle als Teil der feministischen Theorie keine adaquaten Instrumente zur Analyse von Sexualitat bereit (vgl. Hark 2009).

Meines Erachtens herrscht jedoch nicht nur ein interdependentes Verhaltnis zwischen den Kategorien Geschlecht und Sexualitat, sondern letztere muss auch notwendiger Weise interdisziplinar betrachtet werden. Daher beginne ich meine Ausfuhrungen mit einer genaueren Definition der einzelnen Begrifflichkeiten, um mein Verstandnis von Sexualitat, aber auch von gender Forschung, zu verdeutlichen. Im Anschluss daran gehe ich explizit auf die enge Verstrickung von „sex“, „gender“ und „sexuality“ ein und hoffe verdeutlichen zu konnen, dass Gender- und Queer Studies nicht zu einander in Konkurrenz treten mussen, da Sexualitat als ein von zahlreichen Wissenschaften durchdrungenes Objekt betrachtet werden kann und meines Erachtens muss.

2 Operationalisierung der zentralen Begriffe

2.1 Gender Studies

Wie Stefan Hirschhauer bereits 2003 feststellte gibt es zahlreiche Vari- anten um die Gender Studies zu be- schreiben. Er unterscheidet hierbei zwischen „Geschlechterforschung“, „Frauen- und Geschlechterfor- schung“, sowie „Geschlechterdiffe- renzforschung“1.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dieser Aufteilung und seinem Schaubild „Das Wissen der Geschlechterdifferenz“2 folgend, definiere ich Gender Studies im Zuge dieser Hausarbeit nicht - wie oftmals so gebraucht - als „Frauen- und Geschlechterforschung“. Wenn, dann lieBe sie sich in diesem Sinne nur als „Frauen-, Manner- und Geschlechterforschung“ bezeichnen. Auf diese Weise versuche ich auszudrucken, dass die Gender Studies mehr als nur eine „erweiterte Frauenforschung“ (Hirschhauer 2003, 462) darstellen. Im Sinne von Gender Mainstreaming und der Forderung nach gleichberechtigten Geschlechterverhaltnissen halte ich es bei derlei Formulierungen also fur unabdingbar Frauen wie Manner zu erwahnen. Diese nun entstandene Formulierung lehne ich jedoch nicht ihrer umstandlich anmutenden Lange halber ab, sondern weil sie in ihrer Formulierung meines Erachtens zur Unterstreichung der Bipolaritat der Geschlechter beitragt und damit dem oft gemachten Vorwurf, die Gender Studies unterstrichen die gesellschaftliche Heteronormativitat, nahezu unterschreibt. Selbiges gilt fur die

Formulierung der „Geschlechterdifferenzforschung“, bei welcher schon per Definition der Begriff „Differenz“ im Vordergrund steht.

Bliebe die Formulierung „Geschlechterforschung.“ Doch birgt diese, wie Hirschhauer bereits richtig anmutete, die Gefahr, Gender Studies als etwas zu GroRes, zu Undifferenziertes zu betrachten.

„Was konnte diesem unuberschaubaren Forschungsgebiet noch eine Einheit geben, z.B. einen theoretischen oder curricularen Zusammenhang? Wenn ,Gender Studies' einfach alles, was Frauen und Manner sind, tun und erfahren zum Gegenstand machen konnen, waren sie eine gigantische Humanwissenschaft mit Geschlechtsindex.“ (Hirschhauer 2003, 463)

So stimme ich ihm zu, dass ein praziserer Begriff von Noten sein mag, habe diesen personlich jedoch bereits in der Formulierung „Gender Studies“ gefun- den. Der Vorteil dieser Bezeichnung liegt eben darin, dass er keine Unterstrei- chung bisheriger Missstande ausubt, sich durch den Begriff „Gender“ jedoch auch von den Sex Studies und damit von den Naturwissenschaften lost.

2.2 Sexualitat

Setzt man sich mit der Frage auseinander, in wieweit Sexualitat als Gegenstandsbereich der Gender Studies angesehen werden kann, ist es zunachst wichtig den weitlaufigen Begriff „Sexualitat“ naher zu definieren.

Bereits 1988 stellte Helmut Kentler (1988) fest es sei einigermaRen verwirrend, was gegen Ende des 19. Jahrhunderts unter dem Begriff „Sexualitat“ alles diskutiert werde. Er erlautert, dass Sexualitat in jedem Fall mehr als nur Fortpflanzung, oder den Trieb zur solcher, meinen musse. Vielmehr sei sie eine Wesensbestimmung. Die Existenz des Menschen sei von ihr durchwachsen, da es kaum einen Lebensbereich gabe, in dem Sexualitat keine Rolle spiele. Daher, so Kentler, musse der Mensch notwendigerweise als Sexualwesen betrachtet werden (vgl. ebd.).

Eine ahnliche Auffassung vertritt Rudiger Lautmann. So erlautert er, Sexualitat sei nach Ansicht vieler Autoren schwer zu definieren, da das Wort seinen Ur- sprung nicht nur in jungerer Zeit, vor ca. 200 Jahren gefunden habe, sondern - oder vor allem - zu viele andere Bezeichnungen existieren wurden (wie Begeh- ren, Wollust, Libido, etc.), welche synonym benutzt, jedoch nur Teilbereiche von Sexualitat erfassen wurden (vgl. Lautmann 2002). Zudem gabe es eine Viel- zahl von „verwandten Phanomenen“ - wie Liebe und Erotik - welche begrifflich wie gegenstandlich zwar abgrenzt, jedoch nicht abgetrennt werden mussten (vgl. ebd). Er selbst definiere Sexualitat im Sinne der Sexualsoziologie als „kommunikative Beziehung“, bei welcher die „Akteure Gefuhle erleben. die eine genitale Lust zum Zentrum haben ohne sich darauf zu beschranken“ (Lautmann 2002, 24f.).

Somit sei Sexualitat nicht nur mehr als nur Fortpflanzung, sondern gehe auch uber bloRe Genitalitat hinaus. Eine Auffassung, welche auch von Heike Jensen gestutzt wird. Basierend auf dieser konzeptionellen Trennung formuliert sie: „Unter dem Begriff der menschlichen Sexualitat konnen Gefuhle, Bedurfnisse und Verhaltensformen zusammengefasst werden, die auf einen Lustgewinn abzielen und die die sinnliche Erregung der Geschlechtsorgane einschlieRen konnen. Ein Teil der menschlichen Sexualitat endet in der Lust bzw. im Genuss des Erlebens, wahrend ein anderer Teil der Sexualitat, und zwar eine spezifi- sche Form der Heterosexualitat, die Fortpflanzung nach sicht zieht. Der Charak- ter der menschlichen Sexualitat kann nicht rein biologisch beschrieben werden, denn es sind vielfaltige gesellschaftliche Faktoren, die dessen Auspragungen beeinflussen.“ (Jensen 2009, 123). Aufbauend auf dieser Definition mochte ich die mit Sexualitat verbundenen Sinnaspekte hinzufugen. Im Sinne der Sexual- padagogik kann Sexualitat als eine „allgemeine, auf Lust bezogene Lebens- energie [verstanden werden], die sich des Korpers bedient, aus vielfaltigen Quellen gespeist wird, ganz unterschiedliche Ausdrucksformen kennt und in verschiedenster Hinsicht sinnvoll ist“ (Sielert 2005, 41). „Sinnvoll“ sei in diesem Zusammenhang wortlich zu verstehen. Nach Sielert umfasst Sexualitat vier Sinnaspekte:

1. den lebensschopferischen Aspekt,
2. den Lustaspekt,
3. den Beziehungsaspekt und
4. den Identitatsaspekt.

Unter „lebensschopferischer Aspekt“ wird die Fortpflanzungsfunktion der Se­xualitat, aber auch die subjektiv erlebte Gefuhlsverstarkung bezeichnet. In die­sem Sinne kann Sexualitat als Kraftquelle verstanden werden, welche ein Ge- fuhl der Lebendigkeit vermitteln konne (vgl. Sielert, 1993). Der „Lustaspekt“ be- zieht sich auf die Triebkraft von Sexualitat (vgl. ebd.).

[...]


1 Bzw. „Geschlechterdifferenzierungsforschung“ - im Folgenden gleichbedeutend verwendet.

2 Zur genaueren Beschreibung der Abbildung siehe: Hirschhauer 2003, 474 f.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Sexualität als Diskursobjekt
Untertitel
Positionierung am Schnittpunkt der Grenzmengen
Hochschule
Universität Bielefeld
Veranstaltung
Konzepte der Inter- und Transdisziplinarität
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
12
Katalognummer
V155495
ISBN (eBook)
9783640676699
ISBN (Buch)
9783640676453
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sexualität, Gender Studies, Sexualpädagogik, Geschlechterforschung, Frauen- und Geschlechterforschung, Queer Studies, Interdisziplinarität, Geschlechterdifferenzierungsforschung
Arbeit zitieren
Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin, B.A. Angela Wolter (Autor), 2010, Sexualität als Diskursobjekt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/155495

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