Das Glück im Spielfilm: "Le Bonheur" von Agnès Varda


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
23 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1 Einleitung

2 Was ist Glück?

3 Zur Dramaturgie und Inszenierung von Glückszuständen im Film

4 Das Glück in Le Bonheur von Agnès Varda
4.1 Zum Inhalt und zur Regisseurin
4.2 Das Glück als „Bilderbuchwelt“: Agnès Varda dekonstruiert die Klischees
4.3 Das Glück und die Natur: „Glück ist, sich den Naturgesetzen unterzuordnen.“

Schlussbemerkungen

Literatur

Andere Medien

1 Einleitung

Im Rahmen des Seminars „Film und Gefühle“ beschäftige ich mich in dieser Arbeit mit dem Thema Glücksbilder in dem Spielfilm Le Bonheur von Agnès Varda. Zunächst möchte ich mich einer Antwort auf die Frage „Was ist Glück?“ nähern. Das zweite Kapitel widmet sich der Frage nach typischen Darstellungsmustern von Glück im Spielfilm. Nach diesen allgemeinen Grundlagen wird die Untersuchung des oben genannten Films den Hauptteil meiner Arbeit beanspruchen. Le Bonheur erschien 1965 und sorgte zu diesem Zeitpunkt und fortdauernd für Unbehagen, Schockreaktionen und Verwirrung bei den Zuschauern und Kritikern. Agnès Varda zeigt in diesem Film Glücksbilder, die in fast völliger Loslösung von negativen Gefühlen und Konflikten existieren. Diese ungewöhnliche filmische Dramaturgie führte zu einer starken gesellschaftlichen Wirkung und lässt Le Bonheur als Utopie und/oder als Experiment erscheinen. Folgende Fragen sollen in diesem Zusammenhang zentral für meine Analyse sein: Wie sind die Glücksbilder in Le Bonheur inszeniert? Kann Glück in der Abwesenheit negativer Gefühle bestehen? Was ist das spezifisch Utopische und/oder Experimentelle an Vardas Film?

2 Was ist Glück?

Das menschliche Dasein ist geradezu durchdrungen vom Streben nach Glück – so unterschiedlich dieses für den einzelnen Menschen auch aussehen mag. Das Bonusmaterial der DVD zu Le Bonheur enthält Mini-Interviews mit Menschen auf den Straßen von Fontenay-aux-roses, dem Drehort des Films. Auf die Frage danach, was Glück für sie bedeute, antworteten sie mit den Stichworten: Lebensfreude, Gesundheit, Arbeit, Geld, der Glauben (Gott), nicht an morgen denken zu müssen – und nicht zuletzt nannten sie die Liebe oder den geliebten Partner.

Das Wort Glück hat im Deutschen zwei verschiedene Grundbedeutungen: Einerseits bezeichnet es „Glück haben“ im Sinne eines glücklichen Zufalls oder einer „Glücksgabe“. Andererseits verweist es auf das „glücklich sein“ und somit auf ein „Glückserlebnis“ oder auf eine „Glückserfahrung“. Im Lateinischen, Französischen und Englischen etwa, gibt es jeweils zwei Begriffe für die unterschiedlichen Bedeutungen des Glücks: fortuna und beautitudo, la bonne chance und le bonheur, sowie luck und happiness.[1]

Diese zwei Grundunterscheidungen von Glück sind lange nicht ausreichend für die verschiedenen Arten des Glücks. Im Besonderen das Glück in der Form des bonheur, des glücklich sein, veranlasst immer wieder zur Reflexion. In der Philosophie beispielsweise wurden die unterschiedlichsten Überlegungen zu diesem Thema entwickelt. Die antiken Texte hatten einen

beratenden Charakter und waren an jedem einzelnen Menschen orientiert, dem man zu einer „wertvolleren Lebensform“[2] gemäß seiner Lebenssituation verhelfen wollte. Die Frage nach dem höchsten Ziel, nach welchem die Menschen in ihrem Leben streben, beantwortete Aristoteles wie folgt:

Im Namen stimmen wohl die meisten überein. Glückseligkeit („eudaimonia“) nennen es die Leute ebenso wie die Gebildeten, und sie setzen das gute Leben („eu zen“) und das Sich-gut-Verhalten („eu prattein“) gleich mit dem Glückseligsein.[3]

Der griechische Begriff e udaimonia (eu=gut, daimon=Dämon) verweist darauf, dass jemand einen guten Geist besäße, der ihm die „Gunst der Götter“ verschaffe. Orientiert man sich an der Bedeutung des Wortes, die es in der griechischen Mythologie hatte, so erscheint der Mensch hier als inaktiv und seinem blinden Schicksal unterworfen: Tyche, eine Tochter des Zeus „hatte die Macht, über das Schicksal der Menschen nach eigenem Gutdünken zu entscheiden. Manchen gab sie viel Glück, anderen nahm sie das Notwendigste.“[4] Fortuna, ihre römische Nachfolgerin galt sogar als äußerst trügerisch und dämonisch. Das Streben nach dem Glück, abgesehen von einer Besänftigung der Götter durch Opfergaben, galt als wenig erfolgsversprechend. Wem das Glück zuteil wurde, durfte damit nicht prahlen, denn bei einer solchen Anmaßung drohte ihm eine Erniedrigung durch die Götter. Das Glück erscheint hier so zerbrechlich wie Glas – bei (falschem) menschlichem Zugriff, zerspringt es nicht nur, sondern verwandelt sich sogar in Unglück.[5]

Dieses Eudaimonieverständnis wandelte sich im 6. Jh. v. Chr., als der Glaube an die Möglichkeit der Beeinflussung des eigenen Lebens stärker wurde. Bevor die Philosophie diesem Begriff neu definierte, waren es vor allem äußere oder körperliche Güter und Eigenschaften, wie Ruhm, Macht, Besitz oder Gesundheit, die das Glücksverständnis prägten. Aristoteles, Platon und Seneca plädierten jedoch für ein „verinnerlichtes Eudaimonieverständnis“, welches „seelische Ausgeglichenheit und Zufriedenheit“[6] versprach. Für die eudaimonia sei vor allem „der richtige[] Umgang mit den äußeren und körperlichen Gütern und die Ausübung typisch menschlicher Tätigkeiten“[7] ausschlaggebend. Insbesondere die arete, die Tugend, spielte hier eine zentrale Rolle. Unter Tugenden verstand man erworbene Charaktereigenschaften und Haltungen, die dessen Träger dazu veranlassen, sich in den verschiedensten Lebenssituationen richtig zu verhalten. Sie sollten das „wahre Wesen“ eines Menschen vollenden. Die Philosophie galt als einzige Disziplin, durch welche

man die Tugenden erwerben könne.[8] Ein gutes – ein tugendhaftes Leben – wurde mit einem glücklichen gleichgesetzt. Nach Aristoteles könne kein Mensch sein Glück instrumentell anstreben, jedoch fördere ein tugendhaftes Leben, verbunden mit glücklichen Umständen und Zufällen, die Möglichkeit einer Erfahrung des Glücks.[9] Erst am Ende seines Lebens, so schreibt er in der Nikomachischen Ethik, könne man einen Menschen glücklich preisen, denn es gäbe viele – auch negative – Zufälle und Wendungen im Leben: „Wer aber solche Zufälle erlebt und im Unglück endet, den preist keiner selig.“[10]

Die Antike sah die Erfahrung von Glück als „ein den ganzen Lebenslauf durchziehendes Gefühl, als eine Grundstimmung an“[11]. Beispielsweise verstand die stoische Philosophie die „Glückseligkeit als Seelenruhe, als Gleichmut und Unerschütterlichkeit, als ataraxia“[12]. Sie misstraute der sinnlichen Lust, denn diese Genüsse seien schnell vorbei und würden am Ende nur ein Ekelgefühl hinterlassen.[13]

Glück, im Sinne von bonheur, kann sich also auf das gesamte Leben beziehen, als eine alles überlagernde Stimmung. Micha Brumlik behauptet in „Soll ich je zum Augenblicke sagen...Das Glück: Beseeliger Augenblick oder erfülltes Leben?“ diesbezüglich, dass es hin und wieder einer Aktualisierung des Glücksgefühls bedarf. Diese könne beispielsweise dann eintreten, wenn ein Mensch auf sein bisheriges, im Ganzen betrachtet, geglücktes Leben zurückblickt.[14] So können, meiner Meinung nach, auch situative Glücksmomente freudvoller seelischer Gestimmtheit zu einer solchen Aktualisierung verhelfen. Dennoch, so betont Brumlik, ist ein „geglücktes Leben [...] nicht nur eine Anhäufung von lustvollen, glücklichen Augenblicken“[15].

Sigmund Freud sah im Wollen und Streben des Menschen nur ein Ziel: Glücklich zu sein! Dieses Streben habe zwei Seiten, eine negative und eine positive: Die Abwesenheit von Schmerz und Unlust und das Erleben starker Lustgefühle. Im engeren Sinne bezog er „Glück“ nur auf das letztere. Dieses „Erleben starker Lustgefühle“ ist nach Freud „seiner Natur nach nur ein episodisches Phänomen“[16]. Er begriff das Glück als eine „plötzliche[...]Befriedigung hoch aufgestauter Bedürfnisse“[17]. So bleiben nach Freud dem Menschen nur diese kurzen

Glücksmomente, denn dass er für einen längeren Zeitraum glücklich werde, sei „im Plan der 'Schöpfung' nicht enthalten“[18]. Freuds Glücksbegriff erinnert an dionysische Rauschzustände und hat eine starke sexuelle Konnotation.

Von jüngeren Menschen, so beschreibt Thomas Koebner in „Das Glück im Kino“, wird die Erfahrung eines situativen Glücks oft als etwas Entfesselndes empfunden: Als „das Befreitsein aus dem befangenen Geist und dem gefangenen Körper, das Leichtwerden, die Entlastung, die aufgehobene Schwerkraft, verbunden mit dem subjektiven Gefühl der Selbstvergrößerung“[19]

Ähnlich verhält es sich mit den von Mihaly Csikszentmihalyi beschriebenen „Flow“- Erfahrungen. Der Professor für Psychologie erforschte Erfahrungen, die als „optimal“ empfunden werden: „man fühlt sich in Hochform, als ob man schwebt, oder von einer Welle getragen wird“[20]. Diese Erlebnisse können auch in einer Situation des Leidens oder der Gefahr auftreten. Diese Erfahrungen zeichnen aus, dass man, „statt von anonymen Kräften herumgestoßen zu werden, sich in Kontrolle der eigenen Handlungen, als Herr des eigenen Schicksals fühlt. Bei diesen seltenen Gelegenheiten fühlt man ein Gefühl der Hochstimmung, von tiefer Freude, das lange anhält und zu einem Maßstab dafür wird, wie das Leben aussehen sollte.“[21]

Für Immanuel Kant ist „Glückseligkeit [...] der Zustand eines vernünftigen Wesens in der Welt, dem im Ganzen seiner Existenz, alles nach seinen Wünschen und Willen geht.“[22] Seine Definition betont die Erfüllung der subjektiven Bedürfnisse und Neigungen eines Menschen. Dennoch, so konstatiert Kant, solle sich der Mensch an dem „Guten für die Gemeinschaft orientieren und so handeln, „dass die persönliche Handlungsregel zugleich ein allgemeines Gesetz der Menschheit sein könnte“[23] (Kategorischer Imperativ).

Es ließen sich noch viele weitere Überlegungen zum Thema Glück dar- und anstellen. Diese kurze Annäherung soll jedoch vorerst genügen, bevor ich das Bild vom Glück in Le Bonheur genauer untersuchen werde.

3 Zur Dramaturgie und Inszenierung von Glückszuständen im Film

Das „Happy End“ im klassischen Hollywood-Film ist wohl das bekannteste aller Glücksinszenierungen im Kino, denn „der Wunsch nach einem glücklichen Ende ist kulturgeschichtlich gesehen so alt wie der aus dem Paradies vertriebene Mensch“[24].

Jenseits von diesem starken dramaturgischen Muster, tauchen im Kino von Anbeginn unzählige Bilder des Glücks auf. Hinsichtlich der schauspielerischen Ausdrucksformen gibt es „keine signifikante Ikonographie des Glücksausdrucks“[25]. Allgemein kann man, so Thomas Koebner, zwischen der „puritanische[n] Spielart des amerikanischen Kinos“ (Glück als Ergebnis und Belohnung für asketisches Handeln / Arbeit am Glück) und der „liberale[n] Spielart des europäischen Kinos“[26] (Glück als Gnadengabe, als Geschenk, als unverhofftes Wunder) unterscheiden.

[...]


[1] Vgl. Bien, Günther: Über das Glück In: Schummer, Joachim (Hrsg.): Glück und Ethik, 29.

[2] Fenner, Dagmar: Das gute Leben, 15.

[3] Aristoteles: Nikomachische Ethik, 109 5A, 16 In: Fenner, 17.

[4] Reichertz, Jo: Ich könnte schreien vor Glück. Zur Theatralisierung des Glücks in den Massenmedien In: Frölich, Margit, Middel, Reinhard und Visarius, Karsten (Hrsg.): Alles wird gut. Glücksbilder im Kino, 77.

[5] Vgl. ebenda, 77f.

[6] Fenner, 17.

[7] Ebenda, 17.

[8] Vgl. ebenda, 20.

[9] Vgl. Brumlik, Micha: Soll ich je zum Augenblicke sagen...Das Glück: Beseeliger Augenblick oder erfülltes Leben? In: Frölich, Middel, Visarius (Hrsg.), 46.

[10] Aristoteles: Nikomachische Ethik, 1100, 5-10 zit. nach Brumlik In: Frölich, Middel, Visarius (Hrsg.), 48.

[11] Brumlik In: Frölich, Middel, Visarius (Hrsg.), 52.

[12] Ebenda, 49.

[13] Vgl. ebenda, 48.

[14] Vgl. ebenda, 52.

[15] Ebenda, 49.

[16] Bien, Günther: Glück – was ist das?, 94.

[17] Freud, Sigmund: Der Dichter und das Phantasieren , in: ders. Studienausgabe, Bd.10, Frankfurt Main 1969, 173 zit. nach Anz, Thomas: Gesetze des Glücks und des Unglücks in der psychologischen Ästhetik In: Frölich, Middel, Visarius (Hrsg.), 64.

[18] Freud, Sigmund zit. nach Bien: Glück – was ist das?, 94 und Koebner, Thomas: Das Glück im Kino In: Frölich, Middel, Visarius (Hrsg.), 10.

[19] Koebner, Thomas: Glück im Kino In: Frölich, Middel, Visarius (Hrsg.), 11.

[20] Brumlik In: Frölich, Middel, Visarius, 50.

[21] Csikszentmihalyi, Mihaly: Flow. Das Geheimnis des Glücks 1990; Mihaly und Isabella S. Csikszentmihalyi (Hrsg.), Die außergewöhnliche Erfahrung im Alltag. Die Psychologie des Flow- Erlebnisses, Stuttgart 1995 zit. nach Brumlik In: Frölich, Middel, Visarius (Hrsg.), 50.

[22] Kant, Immanuel: Kritik der praktischen Vernunft, A224 zit. nach Fenner, 24.

[23] Fenner, 25.

[24] Frölich, Middel, Visarius (Hrsg.), 7.

[25] Ebenda, 8.

[26] Koebner In: Frölich, Middel, Visarius (Hrsg.), 12.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Das Glück im Spielfilm: "Le Bonheur" von Agnès Varda
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Veranstaltung
Film und Gefühle
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
23
Katalognummer
V155575
ISBN (eBook)
9783640694372
ISBN (Buch)
9783640695454
Dateigröße
565 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nouvelle Vague, Film, Glück, Agnès Varda, Le Bonheur, 60er Jahre, Philosophie, Frankreich, eudaimonia, Jean-Claude Drouot, Claire Drouot, Marie-France Boyer
Arbeit zitieren
Anne Nennstiel (Autor), 2009, Das Glück im Spielfilm: "Le Bonheur" von Agnès Varda, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/155575

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