âventiure? waz ist daz? So lautet die Frage, die der wilde Mann dem Ritter Kalogrenant in Hartmanns von Aue Artusroman Iwein stellt. Die vorliegende Arbeit tut es dem wilden Mann insofern gleich, dass auch sie nach der Bedeutung von âventiure fragt, allerdings wird sie sich im Gegensatz zum Iwein nicht nur um eine Definition des Begriffs auf synchroner Ebene bemühen, sondern die Diachronie des Begriffes einer genauen Analyse unterziehen. Da sich die Bedeutungsentwicklung eines Ausdruckes immer nur aus den einzelnen Stationen seiner Bedeutung nachvollziehen lässt, wird natürlich auch eine Untersuchung des Bedeutungsspektrums von âventiure im Mittelhochdeutschen unternommen werden. Man könnte Kalogrenants Frage für die vorliegende Arbeit, die das Thema in semasiologischer Verfahrensweise bearbeiten wird, folgendermaßen präzisieren: âventiure? Was ist das geworden bzw. wie und über welche Stationen ist das geworden, was es im Mittelhochdeutschen ist?
Diese Fragestellung verlangt es zunächst zum Ursprung des Begriffes âventiure zurückzukehren, so dass der erste Teil der Analyse das lateinische adventura in den Fokus des Interesses rücken wird (1.). Dabei wird zu klären sein, von welchem Wort adventura abstammt, um was für eine Form es sich dabei handelt und welche Bedeutung sich daraus ergibt. Im Folgenden wendet sich die Untersuchung dem Nachfolger des lateinischen adventura, dem altfranzösischen aventure zu (2.). In diesem zweiten Teil der Analyse wird zunächst die Bedeutungen des Begriffes aventure aus seinem lateinischen Vorgänger hergeleitet (2.1), bevor dann die Verwendung des Begriffs bei Chrétien de Troyes einer näheren Untersuchung unterzogen wird (2.2). Dabei wird zu zeigen sein, wie Chrétien zum einen die Bedeutung des Begriffes für seine Zwecke nutzbar macht (2.2.1) und zum anderen, welche Bedeutungsvariante er mit aventure noch nicht ausdrückt (2.2.2). Im dritten Teil der Analyse wird anschließend auf den mittelhochdeutschen Begriff der âventiure einzugehen sein (3.), der anhand von Werken der hochhöfischen Dichtung (um 1200) erschlossen wird. Dabei wird zum einen dargelegt, welche Bedeutungen der Begriff als französisches Lehnwort ins Mittelhochdeutsche transportierte (3.1), und zum anderen gezeigt, welche andere Hauptbedeutung zum Begriff der âventiure hinzutrat und wie sich diese weiter differenzierte (3.2).
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Inhaltsverzeichnis
Einführung
1. Das lateinische adventura
2. Das altfranzösische aventure
2.1 Die Herleitung der Bedeutungen ausgehend vom lateinischen adventura
2.1.1 aventure als Begebenheit, Ereignis
2.1.2 aventure als Zufall
2.1.3 aventure als Los, Schicksal
2.2 Die Verwendung von aventure bei Chrétien de Troyes
2.2.1 Die Verritterlichung des Begriffs: aventure als ritterliche Bewährungsprobe
2.2.2 aventure noch nicht als Erzählung
3. Das mittelhochdeutsche âventiure
3.1 Die Entlehnung des Begriffs aus dem Französischen: âventiure als Geschehen
3.2 âventiure als Erzählung
3.2.1 âventiure als Quelle, Vorlage
3.2.2 âventiure als eigene Erzählung
3.2.3 âventiure als Erzählabschnitt
Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die diachrone Bedeutungsentwicklung des Begriffs „âventiure“ von seinen lateinischen Wurzeln über die altfranzösische Stufe bis hin zum mittelhochdeutschen Sprachgebrauch, um die Stationen des Bedeutungswandels präzise nachzuzeichnen.
- Etymologische Herleitung vom lateinischen „adventura“
- Semantische Erweiterung im Altfranzösischen („aventure“)
- Die „Verritterlichung“ des Begriffs durch Chrétien de Troyes
- Entlehnung und Assimilation ins Mittelhochdeutsche
- Differenzierung in die Hauptbedeutungen „Geschehen“ und „Erzählung“
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Die Verritterlichung des Begriffs: aventure als ritterliche Bewährungsprobe
Da Chrétien de Troyes eine besondere Rolle in der Bedeutungsentwicklung von âventiure zukommt, befasst sich der folgende Teil mit der Arbeit des französischen Epikers an dem Begriff.
Bei Chrétien taucht erstmals die Kollokation acs. aler querre (l’)aventure auf. Auch wenn man den französischen Epiker nicht zweifelsfrei als Schöpfer dieser Kollokation bestimmen kann, so ist er doch derjenige, bei dem diese zuerst überliefert ist: [Zitat gekürzt].
„Chrétiens Kollokation“ acs. aller querre (l’)aventure stellt gegenüber der zuvor am häufigsten gebrauchten aventure avenir a ac. sowohl in syntaktischer als auch in rollensemantischer Hinsicht eine Umkehrung dar. Auf syntaktischer Ebene wandelt sich aventure vom Subjekt zum Objekt, wodurch auch auf rollensemantischer Ebene aus der von der aventure nur betroffenen Person, eine selbst handelnde Person wird, deren Handlungsziel diese aventure als Bewährungsprobe darstellt. Chrétien schafft auf diese Weise eine Bedeutung von aventure, die den außerhalb des menschlichen Willens liegenden Zufall als vom Subjekt selbst gesuchte Bewährungsprobe in die Intention des Subjekts hereinnimmt.
Zusammenfassung der Kapitel
Einführung: Die Einleitung steckt den semasiologischen Rahmen ab und definiert die diachrone Fragestellung zur Entwicklung des Begriffs âventiure.
1. Das lateinische adventura: Dieses Kapitel erläutert die etymologischen Wurzeln als Partizip Futur des Verbs advenire.
2. Das altfranzösische aventure: Es wird die Ausfächerung der Bedeutung von einem bloßen Ereignis hin zu Zufall und Schicksal untersucht, ergänzt durch die spezifische ritterliche Prägung bei Chrétien de Troyes.
3. Das mittelhochdeutsche âventiure: Hier steht die Rezeption als Lehnwort im Vordergrund, insbesondere die Aufspaltung in die beiden Hauptbedeutungen von Geschehen und Erzählung.
Schlussbetrachtung: Die Ergebnisse werden resümierend zusammengefasst und die semantische Kontinuität über die Sprachstufen hinweg aufgezeigt.
Schlüsselwörter
âventiure, aventure, adventura, Etymologie, historische Semantik, Chrétien de Troyes, Hartmann von Aue, ritterliche Bewährungsprobe, Bedeutungswandel, Artusroman, Mittelhochdeutsch, Altfranzösisch, Erzähltheorie, Lehnwort, Diachronie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die sprachgeschichtliche Entwicklung des Begriffs „âventiure“ von seinen lateinischen Anfängen bis in die mittelhochdeutsche Literatur.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Fokus stehen die etymologischen Ursprünge, die semantische Ausdifferenzierung im Altfranzösischen und die spezifische Bedeutung als ritterliche Bewährungsprobe sowie als literarische Erzählkategorie.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, nachzuzeichnen, über welche Stationen und durch welche Bedeutungswandel der Begriff „âventiure“ seine spezifische Rolle im höfischen Kontext erlangte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit folgt einer semasiologischen Verfahrensweise, bei der von einem Wort ausgegangen wird, um dessen Bedeutungsspektrum über verschiedene Texte und Epochen hinweg aufzuzeigen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des lateinischen „adventura“, des altfranzösischen „aventure“ unter Berücksichtigung von Chrétien de Troyes und schließlich des mittelhochdeutschen „âventiure“ in den Werken der hochhöfischen Dichtung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem historische Semantik, ritterliche Bewährungsprobe, Artusdichtung, Lehnwortbildung und diachroner Bedeutungswandel.
Wie beeinflusste Chrétien de Troyes den Begriff?
Chrétien de Troyes transformierte das passiv erfahrene Ereignis in eine aktiv gesuchte „ritterliche Bewährungsprobe“, wodurch er den Begriff zum zentralen Bauelement des Artusromans machte.
Warum wird „âventiure“ im Mittelhochdeutschen doppeldeutig?
Die Doppeldeutigkeit zwischen „Geschehen“ und „Erzählung“ entstand laut Arbeit durch eine metonymische Verschiebung, bei der die ritterliche Tat und ihr berichtender Vortrag semantisch eng miteinander verknüpft wurden.
- Arbeit zitieren
- Bastian Heger (Autor:in), 2008, âventiure? waz ist daz?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/155588