Zwischen Monismus und Dualismus. Die Struktur von Ludwig Tiecks 'Der blonde Eckbert'


Hausarbeit, 2008
20 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

Einführung

1. Das dualistische Prinzip: Die Trennung von Gewöhnlichem und Märchenhaftem
1.1 Die einführende Rahmenerzählung: Der gewöhnliche Gang von Eckberts und Berthas Leben
1.1.1 Der realistische Einstieg: Die Vorstellung der Protagonisten
1.1.2 Verweise auf eine andere Wirklichkeitsebene
1.2 Die eingeschobene Binnenerzählung: Berthas märchen hafte Kindheit
1.2.1 Der realistische Einstieg: Berthas Erziehung
1.2.2 Die Annäherung an das Märchen: Die Flucht von zu Hause
1.2.3 Das Märchen: Die Waldeinsamkeit
1.2.4 Zurück in die Realität: Die Flucht aus der Waldeinsamkeit

2. Das monistische Prinzip: Die Einheit von Gewöhnlichem und Märchenhaftem
2.1 Der Einbruch der Binnenerzählung in den Rahmen: Das Wunderbarste vermischte sich mit dem Gewöhnlichsten
2.1.1 Der Wendepunkt: Walthers Nennung des Namens Strohmian
2.1.2 Die allmähliche Verschmelzung der beiden Wirklichkeitsebenen: Eckberts Weg in den Wahnsinn
2.1.3 Die vollkommene Synthese von Realität und Märchen: Eckbert auf den Spuren der jungen Bertha

Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Einführung

Ludwig Tiecks Der blonde Eckbert[1] wurde seit seiner Erstveröffentlichung im Band 1 der Volksmärchen, der im Jahre 1797 von C.A. Nicolai herausgegeben wurde[2], zum Gegenstand zahlreicher literaturwissenschaftlicher Untersuchungen und gab Anlass zu den unterschiedlichsten, sich teilweise widersprechenden Interpretationen. Als Gründe dieser Vielzahl von Auslegungen sind zum einen die vielen Leerstellen des Textes und zum anderen die der jeweiligen Analyse zugrunde liegende Fokusierung anzusehen. Die vorliegende Arbeit will zur Interpretationsbasis zurückkehren, indem sie die Struktur des Werkes einer genauen Analyse unterzieht, um von dort aus zu einer Deutung zu gelangen.

Zahlreiche Versuche der Gattungszuordnung des blonden Eckbert, wie z.B. Märchennovelle oder märchenhafte Erzählung weisen auf die Präsens zweier normalerweise voneinander getrennten Wirklichkeitsebenen innerhalb des Werkes hin: Auf der einen Seite das Gewöhnliche, die vordergründige Realität, das einfach Wirkliche, das durch die Naturgesetze bestimmt wird, und auf der anderen Seite das Märchenhafte, das Wunderbare, das gesteigert Wirkliche, das seinen eigenen phantastischen Gesetzen gehorcht. Die Analyse des Bauprinzips des Werkes wird dem Leitgedanken der Differenzierung dieser beiden Wirklichkeitsbereiche folgen, wobei zu untersuchen sein wird, wie sich die Ebenen zueinander verhalten: Inwieweit schließen sich das Gewöhnliche und das Märchenhafte gegenseitig aus und weisen eine Trennung auf, die sich in einem unvereinbaren Nebeneinander der Ebenen manifestiert, bzw. inwiefern sind die Ebenen nicht voneinander zu unterscheiden und bilden eine Einheit, die in einem Ineinander von Gewöhnlichem und Märchenhaftem sichtbar wird? In philosophischer Terminologie gesprochen: Folgt das Verhältnis zwischen Gewöhnlichem und Märchenhaftem dem dualistischen Prinzip[3], in dem sich die Gegensatzpaare unvereinbar gegenüber stehen, oder dem monistischen Grundsatz, nach dem sich die Gegensätze in einer Einheit aufheben? Es wird herauszuarbeiten sein, welchen Abschnitten des Textes welches Prinzip zugrunde liegt, wo sich ein Wechsel vom einen zum anderen Prinzip feststellen lässt und welche Konsequenzen dies für die Protagonisten mit sich bringt.

Die strukturelle Analyse wird der Chronologie des Textes folgen, wobei eine systematische Zweiteilung vorgenommen wird: Zunächst wird die einführende Rahmenerzählung (S. 126/ Z. 2 – S. 127/ Z. 33) und die Binnenerzählung Berthas (S. 127/ Z. 34 – S. 140/ Z. 8) zu untersuchen sein (1.), bevor im Anschluss der zweite Teil der Rahmenerzählung (S. 140/ Z. 9 – S. 146/ Z. 15) ins Zentrum des Interesses rückt (2.). Im ersten Teil wird zum einen auf die Beschreibung von Eckberts und Berthas gegenwärtigem Leben sowie auf Verweise auf eine andere Wirklichkeitsebene einzugehen sein (1.1). Zum anderen werden in der Betrachtung der Schilderung Berthas Kindheit verschiedene Stationen ihrer Entwicklung zu analysieren und Übergänge vom einen zum anderen Wirklichkeitsbereich herauszuarbeiten sein (1.2). Im zweiten Teil wird anschließend die veränderte Wirklichkeit unter die Lupe genommen, wobei die Entwicklung dieses Wandels vom Wendepunkt bis zu deren Ende und dessen Konsequenzen für die Protagonisten aufgezeigt wird (2.1). In einer Schlussbetrachtung werden die gesammelten Ergebnisse schließlich zusammenzufassen sein

1. Das dualistische Prinzip: Die Trennung von Gewöhnlichem und Märchenhaftem

1.1 Die einführende Rahmenerzählung: Der gewöhnliche Gang von Eckberts und Berthas Leben

1.1.1 Der realistische Einstieg: Die Vorstellung der Protagonisten

Die eröffnende Rahmenerzählung (S. 126/ Z. 2 – S. 127/ Z. 33) führt den Leser in die Welt Eckberts und Berthas ein. Das Ehepaar lebt in einer Gegend des Harzes (S. 126/ Z. 1) auf einer Burg (S. 126/ Z. 25), die von Ringmauern (S. 126/ Z. 8) umgeben ist, unweit einer Stadt, in der Eckbert später mit seinem Freund Hugo gesellschaftlich verkehren wird (vgl. S. 143/ Z. 2). Im Kontext dieser Umgebung wird auch Eckberts Freund Philipp Walther eingeführt, der aus Franken (S. 126/ Z. 24) stammt und in der Nähe Eckberts Burg naturkundliche Studien treibt, in welcher die beiden Freunde auch Spaziergänge zu unternehmen pflegen. Insgesamt wird der Raum des Geschehens ziemlich genau umrissen: Es wird eine bekannte Umwelt vorgestellt, deren Schauplätze nichts Geheimnisvolles oder Phantastisches an sich haben.[4]

Auch bei der Betrachtung von Berthas und Eckberts Lebensweise ist zunächst nichts Außergewöhnliches festzustellen. Vielmehr leben beide in einem monotonen Miteinander, dessen Lebensrhythmus durch feste Normen, Mäßigkeit und Sparsamkeit (S. 126/ Z. 15f.) bestimmt wird, kurz: es herrscht ein bürgerliches Mittelmaß, ein Leben, das ganz im Alltäglichen angesiedelt ist (vgl.: gewöhnlichen Gange des Lebens, S. 126/ Z. 15).

Kaum scheint das Paar in seiner Durchschnittlichkeit, die beispielhaft in Eckberts Physiognomie verdeutlicht wird (kaum von mittlerer Größe, und kurze hellblonde Haare, S. 126/ Z. 4f.), des Erzählens wert.[5]

Insgesamt wird in der einführenden Rahmenerzählung eine völlig vertraute Welt vorgestellt, die ganz dem Bereich des Gewöhnlichen zuzuordnen ist (siehe dreimalige Nennung des Adjektivs gewöhnlich, S. 126/ Z. 1+ 11 + 15). Wir bewegen uns auf der Ebene der vordergründigen Realität, die klar und fest umrissen ist. Die Erzählung erweckt in der Exposition den Anschein einer realistischen Novelle. Allerdings nicht ohne auf eine andere Wirklichkeitsebene zu verweisen, was mich zum zweiten Teil meiner Betrachtung des einleitenden Rahmens überleitet.

1.1.2 Verweise auf eine andere Wirklichkeitsebene

Man könnte meinen, Eckbert und Bertha lebten glücklich und zufrieden in ihrem Idyll des kleinen Schlosses (S. 126/ Z. 9) im Gebirge, jedoch erkennt man bei genauerer Betrachtung eindeutige Spuren des Kummers an beiden Protagonisten: Eckberts Gesicht zeigt sich blass und eingefallen (vgl. S. 126/ Z. 5f.) und man bemerkt an ihm eine stille zurückhaltende Melancholie (S. 126/ Z. 19). Die Beziehung zwischen Eckbert und Bertha wird mit Zweifeln versehen, indem es heißt: beide schienen sich von Herzen zu lieben (S. 126/ Z. 10; meine Hervorhebung). Außerdem klagt das Paar darüber, dass der Himmel ihre Ehe mit keinen Kindern segnen wolle (S. 126/ Z. 11f.). Die wohlgeordneten äußerlichen Verhältnisse, in denen Eckbert und Bertha leben, scheinen einen nicht bekannten, ungeordneten inneren Zustand zu überdecken. Dem unauffälligen Geschehen wird ein Anflug des Zweideutigen und Rätselhaften gegeben,[6] denn es wird die Vermutung genährt, dass es neben der vordergründigen Realität noch mehr geben muss, eine weitere, geheime Wirklichkeitsebene, die in enge Verbindung zur Innerlichkeit der Personen gebracht wird. Gerade in der Introversion der Protagonisten, die sich im zentralen Motiv der Einsamkeit (S. 126/ Z. 9) und Zurückgezogenheit von der äußeren Welt (Eckbert und Bertha sind selten außerhalb [von] den Ringmauern ihrer Burg anzutreffen, S. 126/ Z. 8) manifestiert, wird eine andere, eine phantastische Wirklichkeitsebene möglich. Auf diese andere, im Dunkeln liegende Ebene wird dann zusätzlich in einem Erzählerkommentar (S. 126/ Z. 21- S. 127/ Z. 7) verwiesen, indem in allgemeiner Form von einem Geheimnis (S. 126/ Z. 32), gesprochen wird, das ein Mensch vor seinem Freund hat.

Durch die Spuren des Kummers an den Protagonisten und mittels des Ansprechens eines Geheimnisses wird eine Rätselspannung aufgebaut,[7] es wird die Frage aufgeworfen, ob neben der vordergründigen Realität nicht noch eine andere, eine phantastische Wirklichkeitsebene existiert. Der Verdacht auf das potenzielle Vorhandensein dieser zweiten Ebene wird durch die Introversion der Protagonisten zunächst noch vermehrt, bevor ihn die eingeschobenen Binnenerzählung Berthas bestätigt. Durch Berthas Aufforderung an Walther, ihre Erzählung für kein Märchen (S. 127/ Z. 32f.) zu halten, weist sie gerade auf deren Märchenhaftigkeit hin. Außerdem wird der außergewöhnlicher Charakter ihrer Geschichte durch die Adjektive seltsam (S. 127/ Z. 26) und sonderbar (S. 127/ Z. 33) verdeutlicht. Berthas Geschichte von ihrer Kindheit wird zur Manifestation der bisher nur latent vorhandenen phantastischen Ebene, die den Gegensatz zur vordergründigen Realität, zu Eckberts und Berthas gewöhnlichem Leben darstellt, doch zur Binnenerzählung im Folgenden mehr.

1.2 Die eingeschobene Binnenerzählung: Berthas märchen hafte Kindheit

1.2.1 Der realistische Einstieg: Berthas Erziehung

Zu Beginn der Binnenerzählung befinden wir uns noch auf dem gesicherten Boden der vordergründigen Realität, die zuvor auch den eröffnenden Rahmen bestimmt hat. Die erste Station Berthas Kindheit, ihre Erziehung bei einem Hirten (S. 127/ Z. 34 – S. 129/ Z. 4) steht ganz unter dem Stern der Alltäglichkeit. Es geht um den Kampf von Berthas (Schein)Eltern ums tägliche Brot, bei dem das kleine Mädchen in keiner Weise behilflich sein kann, da sie sich im Wirtschaften äußerst ungeschickt und unbeholfen (S. 128/ Z. 6) anstellt. Vielmehr wird sie in einer Welt, die ganz dem Diktat der Nützlichkeit gehorcht, als eine ganz unnütze Last des Hauswesens (S. 128/ Z. 22) angesehen, da sie nichts zur materiellen Grundlage des Lebens beisteuert.

Den Gegensatz zu dieser materiellen Welt, die für Bertha mit Armut, Bestrafung und Wertlosigkeit verbunden ist, bilden ihre Vorstellungen (S. 128/ Z. 10), die sie aus dem Alltag in einen glücklicheren Zustand versetzen. Berthas Begabung zu den wunderbarsten Phantasien (S. 128/ Z. 16), ihre Fähigkeit, Geister herauf schweben (S. 128/ Z. 13f.) zu lassen, weist bereits auf die spätere Entwirklichung der Welt, auf das Hineingehen ins Phantastische voraus, zumal da in ihren Vorstellungen bereits Edelsteine (S. 128/ Z. 15) auftauchen, die auf die Eier des wunderbaren Vogels in der Waldeinsamkeit verweisen. Es wird hier eine Verbindung zwischen dem Psychologischen, also dem Phantastischen als Ausdruck der Innerlichkeit auf der einen und dem Märchenhaften auf der anderen Seite aufgebaut, die bereits im einleitenden Rahmen nahe gelegt wurde. Der Schauplatz der märchenhaften Ereignisse wird in die Seele der Protagonisten verlagert.[8] Auf diese Weise wird die Flucht Berthas aus der harten Realität ihres Elternhauses in ihre eigene Phantasiewelt zu einem Weg, der hinein ins Märchenhafte führt und der im Folgenden zu untersuchen sein wird.

[...]


[1] Ludwig Tieck: Der blonde Eckbert. In: Derselbe. Schriften in zwölf Bänden. Bd. VІ. Phantasus. Hrsg. Manfred Frank, Paul Gerhard Klussmann, Ernst Ribbat, u.a. Frankfurt am Main. 1985. S. 126-146. Im Folgenden werden bei Zitaten aus dieser Ausgabe nur noch die Seiten- und Zeilenzahlen in Klammern angegeben.

[2] Im Jahre 1812 veröffentlicht Tieck das Werk in leicht abgeänderter Form im ersten Band seiner eigenen Sammlung, dem Phantasus, in dem die Dichtungen in ein fiktives Rahmengespräch eingebettet sind.

[3] Informationen zu Dualismus und Monismus aus: Metzler-Philosophie-Lexikon. Begriffe und Definitionen. Hrsg. Peter Prechtl. 2. erw. und aktual. Aufl. Stuttgart 1999. S. 120 + 378f.

[4] Hänicke, Diether H.: Ludwig Tieck und „Der blonde Eckbert“. In: Vergleichen und Verändern. Festschrift für Helmut Motekat. Hrsg. Albrecht Goetze u. Günther Pflaum. München 1970. S. 177.

[5] Freund, Winfried: Das gescheiterte Märchen – Ludwig Tieck: „Der blonde Eckbert“. In: Derselbe: Literarische Phantastik. Die phantastische Novelle von Tieck bis Storm. Stuttgart 1990. S. 17.

[6] Fischer, Jens Malte: „Selbst die schönste Gegend hat Gespenster“. Entwicklung und Konstanz des Phantastischen bei Ludwig Tieck. In: Phantastik in Literatur und Kunst. Hrsg. Christian W. Thomsen. 2. unveränd. Aufl. Darmstadt 1985. S. 142.

[7] Schuhmacher, Hans: Der blonde Eckbert. In: Derselbe: Narziss an der Quelle. Das romantische Kunstmärchen. Geschichte und Interpretationen. Wiesbaden 1977. S. 47.

[8] Schlaffer, Heinz: Roman und Märchen. Ein formtheoretischer Versuch über Tiecks „Blonden Eckbert“. In: Romantikforschung seit 1945. Hrsg. Klaus Peter. Königstein i. Ts. 1980. S. 253.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Zwischen Monismus und Dualismus. Die Struktur von Ludwig Tiecks 'Der blonde Eckbert'
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Philologische Fakultät, Deutsches Seminar)
Veranstaltung
Proseminar Prosa der Romantik
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
20
Katalognummer
V155592
ISBN (eBook)
9783640683321
ISBN (Buch)
9783640683383
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ludwig Tieck, Der blonde Eckbert, Romantik, Goldenes Zeitalter, Subjektivität, Egozentrismus, Waldeinsamkeit, Märchen, Märchennovelle, Strohmian, Monismus, Dualismus, Realität, Phantasie, Wahnsinn, Deja-Vu, Entgrenzung, Introversion, Rahmenerzählung, Binnenerzählung, Desorientierung, Indifferenz, Utopie, Synthese der Gegensätze
Arbeit zitieren
B.A. Bastian Heger (Autor), 2008, Zwischen Monismus und Dualismus. Die Struktur von Ludwig Tiecks 'Der blonde Eckbert', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/155592

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