Der informelle Sektor

Theoretischen Ansätze und Instrumente der Entwicklungszusammenarbeit


Hausarbeit, 2009

18 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ursprünge und Kriterien des Begriffs der Informalität

3. Problematik des Begriffs

4. Ursachen der Informalität

5. Vier Theorieansätze
5.1. Die Modernisierungs- und Dependenztheorien
5.2. Das neoliberale Konzept
5.3. Anthropologische Ansätze
5.4. Weltsystemtheorien

6. Formalisierung
6.1. Formalisierung als Weg aus der Armut?
6.2. Kosten der Formalisierung
6.3. Ansätze zur praktischen Umsetzung

7. Fazit

Literatur
Internetquellen

1. Einleitung

Wer, aus welchen Gründen auch immer, einmal Informationen zum Konzept des informellen Sektors (IS) recherchieren will, wird erstens nicht lange danach suchen müssen und zweitens zumindest nicht unbeeindruckt sein von der Fülle an Material, die zu diesem Thema verfügbar ist. Entsprechend groß ist auch die Bandbreite an Erklärungen, Deutungen und dem Umgang mit diesem, auch als Schattenwirtschaft oder Überlebensökonomie bezeichneten, Sektor. Der Begriff der Überlebensökonomie vermittelt dabei den Eindruck, dass wirtschaftlich informelles Handeln gerade die Grundbedürfnisse der Menschen abdecken kann. In vielen Fällen mag das zutreffen, jedoch gibt es genügend Beispiele von informell Tätigen, die besser verdienen als formelle Lohnarbeiter (ESCHER 1999, S.660). Während manche Autoren einerseits das Sektorenkonzept als hilfreich erachten, um soziale und wirtschaftliche Vorgänge in Entwicklungsländern zu verstehen, stellen andere dies gänzlich in Frage. Das ist umso brisanter, betrachtet man die gewichtige Rolle des Konzepts des IS in der Entwicklungszusammenarbeit (EZ) (SCHAMP 1989, S.12).

In dieser Arbeit wird die theoretische Auseinandersetzung mit informeller Wirtschaft im Vordergrund stehen. Sie gliedert sich daher wie folgt:

Um das Konzept des IS verstehen zu können, muss zunächst sein Ursprung und seine Bedeutung geklärt werden. Daraufhin werden einige Kritikpunkte angesprochen, welche auf die Unzulänglichkeiten dieses viel diskutierten Begriffs hinweisen. Nach der Auseinandersetzung mit dem Begriff sollen grundlegende Entstehungsursachen des Phänomens erläutert werden. Vervollständigt werden diese durch die vier verschiedenen theoretischen Perspektiven, die darauffolgend vorgestellt werden. Diese vier Ansätze repräsentieren die Vielfalt der Deutungsmöglichkeiten des IS. Ebenso bieten sie auch Antworten auf die Frage nach dem Umgang mit ökonomischer Informalität in der Entwicklungszusammenarbeit.

Ein aktuell bedeutendes Stichwort in diesem Zusammenhang ist die Formalisierung. Mit diesem Instrument der Armutsbekämpfung werden durch die Nutzung des im IS gebundenen Potentials positive Effekte auf die Gesamtwirtschaft von Entwicklungsländern erhofft. Welche Vorteile Formalisierung für informelle Unternehmen mit sich bringt und vor allem, wie dies umgesetzt werden soll, wird darauffolgend erläutert. Letztlich soll geklärt werden, welche theoretischen Ansätze sich im Konzept der Formalisierung wiederfinden lassen.

2. Ursprünge und Kriterien des Begriffs der Informalität

Die vorhandenen Definitionen zum Konzept des informellen Sektors sind zahlreich und variieren nach Autor und Forschungsfeld. Immer wieder lassen sich jedoch die bereits in den 1970ern, von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) formulierten Kriterien, zur Eingrenzung des Phänomens wiederfinden. Ursprünglich geht der Begriff auf KEITH HART zurück, der in seiner Forschung über Ghana erstmals das Problem benannte. Jedoch war es die ILO, die in dem Kenya-Report von 1972 auf das Potential des informellen Sektors aufmerksam machte und so maßgeblich zur Verbreitung des Begriffs beitrug[1]. In dieser Studie wird der informelle Sektor als Möglichkeit der Generierung von Arbeitsplätzen positiv bewertet und als„[...] a sector of thrivig economic activity and a source of Kenya’s future wealth“ (ILO 1972, S.5, in WETTER 1985, S.36) bezeichnet.Den informell Tätigen wurde somit bereits zu Beginn der Debatte das Potential zuerkannt, durch ihre produktive Tätigkeit außerhalb des staatlich erfassten Bereiches, einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der Ökonomie im Land zu leisten.

Obwohl oft kritisiert, ist die überarbeitete Definition der ILO auch aktuell von Bedeutung und wichtige entwicklungspolitische Träger beziehen sich im Wesentlichen auf die Kriterien, wie im Kasten 1 aufgeführt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Kasten 1: Charakteristika informeller Tätigkeit aus Sicht der ILO

Zu trennen ist der IS von krimineller Wirtschaft, in der Produkte gehandelt werden, die in den jeweiligen Gesellschaften als illegal bezeichnet werden. Es kann allerdings zu Überschneidungen kommen, etwa dann, wenn legale aber gestohlene Waren gehandelt werden (ORLIK 2002, S.9).

3. Problematik des Begriffs

Das Konzept des informellen Sektors beinhaltet einige strittige Punkte und Unklarheiten, die wichtigsten sollen im Folgenden angesprochen werden.

Auffällig am Begriffskonzept ist die Masse der Tätigkeiten, die dem informellen Sektor zugerechnet werden. An dieser Stelle könnte eine Aufzählung verschiedenster Tätigkeiten folgen, die kaum etwas gemeinsam haben, außer dass sie allgemein dem informellen Sektor zugeordnet werden. Der Begriff des informellen Sektors ist eine Art „Allesfänger“ für das, was als nicht-formell bewertet wird und büßt dadurch an Ausdruckskraft ein. Hinzu kommt, dass die meisten Eigenschaften des informellen Sektors negativ bestimmt sind (SCHAMP 1989, S.12). Die staatlichnichterfasste Arbeit steht der formellen gegenüber. So wird zwar klar, was der informelle Sektor nicht ist. Es stellt sich jedoch die Frage, inwiefern eine solche Begriffsbestimmung hilfreich ist.

Eine weitere Problematik betrifft die Abgrenzung des informellen Sektors und die damit verbundene Frage nach geeigneten Indikatoren. So ist unklar, ob bereits von Informalität gesprochen werden kann, wenn nur ein Merkmal auf ein Unternehmen, Betrieb oder eine Dienstleistung zutrifft, oder ob alle Merkmale erfüllt sein müssen. Tatsächlich ist im Moment die Beschäftigungszahl der wichtigste Indikator für die Bestimmung von Informalität. Dort, wo Unternehmen weniger als 10 beziehungsweise 5 Personen beschäftigen, werden sie dem informellen Sektor zugerechnet. Diese Vereinfachung der Komplexität des Begriffs auf einen Indikator kann der Problematik sicher nicht gerecht werden. Es werden somit alle kleinen Unternehmen, egal ob formell oder informell, pauschal „informalisiert“ (SCHNEIDER 2001, S.6).

Abgrenzung ist vor allem aber auch deshalb ein Problem, weil in vielerlei Hinsicht eine starke Verbindung zwischen beiden Sektoren besteht. So profitieren etwa formelle Wirtschaftsunternehmen von den geringen Produktionskosten informeller Zulieferer, oder formell Beschäftigte greifen auf die zusätzlichen Einkommensmöglichkeiten oder das soziale Netzwerk des informellen Sektors zurück (STACHER 1997, S.161- 162).

Bis heute existiert keine eindeutige Maßeinheit zur quantitativen Bestimmung des Phänomens des informellen Sektors. Eine statistische Erfassung ist auch gerade auf Grund des mobilen, ortsungebundenen Charakters vieler informeller Tätigkeiten schwierig. Das macht eine realistische Einschätzung der globalen Tragweite dieses Sektors sehr schwierig. Die geschätzten Werte sind deshalb weit gefasst und schwanken erheblich (SCHAMP 1989, S.17). Die unterschiedlichen Erhebungsmethoden für Subsahara-Afrika kommen dabei auf einen Anteil von 33 bis 84 Prozent der städtischen Bevölkerung, die informell beschäftigt ist (SCHNEIDER 2001, S.5).

Erschwerend kommt hinzu, dass der informelle Sektor bezüglich der Motivation der Arbeit schon in sich nicht homogen ist. So muss unterschieden werden zwischen gewinnorientierten Unternehmen, die nach Schätzungen 1/5 des Sektors ausmachen und den Unternehmen, die der eigenen Lebenssicherung dienen. Diese Unterscheidung, die das Verhalten der Akteure maßgeblich beeinflusst, ist nach Ansicht mancher Forscher entscheidender als die Unterscheidung formell/informell (STACHER 1997, S.150). Die angesprochenen vielfältigen Verflechtungen der Wirtschaftssektoren tragen dazu bei, dass eine Abgrenzung formell/informell generell nur sehr vereinfacht und kategorisch vorgenommen werden kann. Die komplexe Realität kann mit diesem Instrument einer dualistischen Kategorisierung nicht abgebildet werden. Weil in der Realität der Entwicklungsländer kaum Unternehmen vorkommen, die rein formeller beziehungsweise informeller Natur sind, sondern sich vielmehr in einem Kontinuum zwischen diesen beiden Polen bewegen, greifen manche Forscher auf den Begriff „Kleinunternehmen“ zurück, dem beide Eigenschaften zugestanden werden (SCHNEIDER-BARTHOLD 1995, S.36). Da sowohl dieser Begriff, wie auch die Dichotomie formell/informell in der zitierten Literatur verwendet wird, werden auch in dieser Arbeit beide Formulierungen benutzt werden.

[...]


[1]Die Erkennung des informellen Sektors als solchen, verlief durchaus nicht parallel mit dem tatsächlichen Entstehen dieses Wirtschaftsbereiches. Heute geht man davon aus, dass er im urbanen Bereich Ende der 1920er Jahre entstand und in den 80ern noch mal einen Aufschwung erlebte (ZIMMERMANN et al. 1997, S.9).

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Der informelle Sektor
Untertitel
Theoretischen Ansätze und Instrumente der Entwicklungszusammenarbeit
Hochschule
Universität Bayreuth  (Bevölkerungsgeographie)
Veranstaltung
Wirtschaftsgeographie Afrikas
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
18
Katalognummer
V155608
ISBN (eBook)
9783640693955
Dateigröße
618 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sektor, Theoretischen, Ansätze, Instrumente, Entwicklungszusammenarbeit
Arbeit zitieren
Fabian Lehmann (Autor:in), 2009, Der informelle Sektor, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/155608

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