Tiberius Gracchus

Ein Phänomen der späten römischen Republik


Seminararbeit, 2007
14 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Zur Quellenlage: Was ist Fiktion und was nicht?

Das Leben des Tiberius Gracchus

Reformer oder Revolutionar?

Literaturverzeichnis:

Einleitung

Tiberius Sempronius Gracchus hat es geschafft: Seiner Person wurde die zweifelhafte Ehre zuteil im Vorabendprogramm des ZDF aufzutauchen. Nun kann der rezeptionsgeschichtlichen Betrachtungsweise ein weiteres Mosaiksteinchen hinzugefugt werden. Problematisch hierbei ist, dass schon die Quellen, aufgrund derer wir von seiner Existenz und seinen Taten, sowie ihrer Bewertung wissen, sich teilweise widersprechen beziehungsweise aufgrund ihrer zeitlichen Entfernung zu den Vorkommnissen sehr kritisch zu sehen sind. Wer war Tiberius Gracchus? Was hat er getan, dass er noch heute die Gemuter bewegt? Wie ist seine Rolle in der romischen Republik einzuschatzen? Und wie wurde sein Leben und Werk rezipiert[1] ? Dies alles sind Fragen die sich bei einer Annaherung an ihn auftun. Die Schwierigkeit einer Bewertung fangt jedoch schon bei der Uberlieferung, bei den Quellen an, denen ich mich spater noch widmen mochte. Zuvor gehe ich auf den Forschungstand ein, um die stark differierenden Meinungen bezuglich einer Einschatzung der sozio-okonomischen Situation jener Zeit und dem Handeln des Tiberius darzulegen. Theodor Mommsen beurteilte die von Tiberius angestrebte Landneuverteilung des ager publicus als zwar juristisch nachvollziehbaren[2], jedoch da an der Mehrheit des Senats vorbeigehenden, revolutionaren Versuch. Nicht was er zur Sprache brachte, sondern die Art und Weise seines Vorgehens brachten ihm laut Mommsen den Tod. Klaus Bringmann zeichnet in seinem publizierten Vortrag das damalige konventionelle Bild nach, welches seiner Meinung nach darin bestand, dass infolge der ,,romischen ,Weltpolitik’ des zweiten Jahrhunderts“[3] grofie Besitztumer in die Hande einer kleinen Oberschicht gelangten, die ihre Uberlegenheit auch durch den Einsatz von Sklaven ausspielten. Aber eine Schwachung des Bauerntums resultierte auch in der Schwachung der Wehrkraft, welcher durch Landesverteilung entgegengesteuert werden konnte. Da jedoch die Reformplane des Tiberius nur bedingt umgesetzt wurden, bleibt bis heute offen, ob durch ihn der schleichende Untergang der romischen Republik hatte verhindert werden konnen oder ob er durch ihn vorangetrieben wurde. Dieser Frage jedoch widmet sich Bringmann jedoch auf die Art und Weise, dass er die Hypothese aufstellt, dass sich die lex Sempronia agraria nicht an die Kleinbauern gerichtet habe, sondern vielmehr eine Gleichheit der Okkupation von Land unter der romischen Oberschicht sicherstellen sollte[4], auf Kosten der romischen Bundesgenossen. Des weiteren fuhrt er aus, dass er der Ansicht Rathbones[5] folgen wurde und einen Verdrangungswettbewerb zwischen kleinbauerlichen Strukturen und Grofigrundbesitzern eher anzweifelt[6]. Dies zeigt schon eine durchaus verschiedene Beurteilung der damaligen Verhaltnisse, die sich auch in einer unterschiedlichen Bewertung der Veranderung der damaligen Zensuszahlen niederschlagt[7]. Diese differierende Einschatzung der damaligen Situation wird noch unterminiert durch die Gegenuberstellung zweier Konklusionen:YanirShochatkonstatiert: „The refusal of the populace to enlist, the Senate’s weakness, and inefficient administration were the real reasons for the problems of recruitment which became acute on the eve of Tiberius Gracchus’ tribuneship.”[8]. Wahrenddessen sieht Scullard einen anderen Fokus der Problematik: Aufgrund der Latifundien komme es dazu, dass ,,free man began to abandon their land to the larger proprietors.

Forced off the land [...] most [of them] drifted to Rome”[9]. Insofem stehen wir vor dem Problem das eine eindeutige Beurteilung sehr schwer sein durfte, da auch was eine Schatzung des damaligen Umfangs der Verteilungsmasse anbetrifft, die Meinungen auseinanderklaffen[10]. Bei einer Annaherung an das Phanomen des Tiberius Gracchus ist aufgrund der eingeschrankten Quellenlage und der differierenden Forschermeinung jedoch eines deutlich: Seine Aura und Faszinationskraft, die er sich scheinbar durch viele Jahrhunderte bewahrt hat, hat ihren Grund in seiner Rolle eines fur sein Programm[11] gestorbenen Politikers. Inwiefern er ein idealistischer Revolutionar oder ein machtgieriger Konservativer oder keines von beidem war, durfte eine interessante Frage sein, die jedoch aufgrund unklarer Motivation mit Vorsicht zu stellen ist.

Zur Quellenlage: Was ist Fiktion und was nicht?

Die Frage, die sich, bei einer methodisch vorgehenden Rekonstruktion geschichtlicher Ereignisse, zu Anfang stellt ist: Woher wissen wir etwas uber Tiberius? Laut Eduard Meyer[12] gibt es drei Uberlieferungsstrange: Zum einen Poseidonios, der, nur von Diodor ausgeschrieben, eher nicht so stark benutzt wurde. Poseidonius wurde ,,von Polybios beeinflusst, schreibt Reichsgeschichte und verurteilt die Tatigkeit der Gracchen“[13]. Demgegenuber beschreibt zum anderen Appian die Tatigkeit der Gracchen wohlwollend. Es ist gut moglich, dass Plutarch Appian als Teilquelle seiner Texte nutzte, jedoch kann man daruber nichts faktisch nachweisbares sagen. Spekulationen uber vorlivianische Quellen und deren Einordnung ins Uberlieferungsgeflecht kann ich an dieser Stelle nicht leisten. Bei einer Betrachtung des Livius stofit Taeger auf die wichtige Frage inwiefern „es sich bei Livius wirklich um sekundare Bearbeitung einer ursprunglich gracchenfreundlichen Quelle“[14] handelt, doch wiederum kann man dabei nur von Plausibilitaten und nicht von facta ausgehen. Die Problematik, die sich bei einer Hinwendung zu den Quellen ergibt, ist die teilweise fragmentarische und sich widersprechende Dokumentation der ex post festgehaltenen Ereignisse[15]. Wie aus Clays und Greenidges nutzlicher Quellenedition[16] hervorgeht, lebte Tiberius Gracchus in der Uberlieferung des Sallust, Plutarch, Appian, Livius und Cicero fort. Die wichtigsten Autoren fur eine ungefahre Einordnung des Volkstribunen Gracchus sind aber vor allem Appian und Plutarch. Sein Wirken lasst sich des weiteren an Grenzsteinen der von ihm eingerichteten Dreierkommission, die in Lucanien, Campanien, Samnium und im Ager Gallicus gefunden wurden, nachverfolgen[17]. Doch was erfahren wir in diesen nur teilweise erhaltenen Texten von den Vorkommnissen? In Plutarchs Biographien beginnt das Buch uber Tiberius Gracchus mit einer Erwahnung der ruhmreichen Herkunft der Eltern der Gracchenbruder and die sich eine ,prophetische Anekdote’ anschliefit. Dort wird berichtet, dass der Vater auf seinem Bett zwei Schlangen findet, die das Schicksal von ihm und seiner Frau pragen werden[18] [19]. Dies zeigt schon die ausschmuckende und analogiereiche Art und Weise des Plutarch, der mit einer wohlwollenden Art seine Protagonisten in einen grofieren Schicksalszusammenhang stellt . In der Uberlieferung widersprichtjedoch an manchen Stellen Livius den Darstellungen des Plutarch und des Appian: Denn wahrend bei Livius die triumuiri agris diuidundis sich selbst ernennen[20], werden sie bei Plutarch und Appian gewahlt[21] [22]. Einen Nachklang an eine unter Umstanden schon damalige Verurteilung der weitlaufigen latifundien findet sich bei Plinius dem Alteren: „verumque confitentibus latifundia perdidere Italiam, iam vero et provincias“[23]. Die klare Trennungsziehung zwischen den Parteien und die Einschatzung der damaligen Situation ist wahrscheinlich nicht so eindeutig wie bei Sallust beschrieben, jedoch verdeutlicht er die scheinbar damals erfolgte Not und die Ungerechtigkeit einer einseitigen Belastung: „ceterum nobilitas factione magis pollebat, plebis vis soluta atque dispersa in multitudine minus poterat. Paucorum arbitrio belli domique agitabatur, penes eosdem aerarium, provinciae, magistratus, gloriae triumphique erant: populus militia atque inopia urgebatur.“[24]. Einen moglichen Verweis auf das Theorem von J. Davies[25], dass eine Revolution dann ausbricht, wenn die Diskrepanz zwischen erwarteter und tatsachlicher Bedurfnisbefriedigung zu grofi geworden ist, findet sich bei Livius:

,,Deinde cum minus agri esset, quam quod dividi posset sine offensa etiam plebis, qu(oni)am eos ad cupiditatem amplum modum sperandi incitaverat, legem se promulgaturum ostendit, ut his, qui Sempronia lege agrum accipere deberent, pecunia, quae regis Attali fuisset, divideretur.“[26]. Schon fur die damaligen Autoren war die Beurteilung des Tiberius Gracchus sehr ambivalent und unterschiedlich: Livius[27] und Poseidonius stellen die Tatigkeit der Gracchen in ein schlechtes Licht, wahrend Appian und Plutarch ihnen eher wohlwollend gegenuberstehen. Dieser leider nur sehr kurze Exkurs soll die unterschiedliche Darlegung und Beurteilung schon der damaligen Autoren verdeutlichen, damit nun ein Blick auf die damalige Zeit von der heutigen Warte aus geworfen werden kann.

[...]


[1] Fur eine wissenschaftsgeschichtliche Betrachtung der deutschen Geschichtswissenschaft in Bezug auf die romische Geschichte in dem Zeitraum zwischen ausgehendem 18. - 20 Jahrhundert kann die Monographie von Christ einen informativen Einblick geben: Christ, Karl: Romische Geschichte und deutsche Geschichtswissenschaft. Munchen 1982.

[2],,The distribution of the domains was not an abolition, but an exercise, of the right of property; all jurists were agreed as to its formal legality.” Mommsen, Theodor: A well­meaning conservative who leads a revolution. In: Tiberius Gracchus. Destroyer or Reformer of the Republic? Hrsg. von John M. Riddle. Lexington 1970, S. 14. Diese Beurteilung findet sich auch bei Boren wieder: ,,Tiberius Gracchus’s solution for Rome’s troubles was thoroughly conservative and basically in accord with the mos maiorum. It was his methods - which he felt gradually forced to adopt - which were revolutionary.” Boren, Henry C.: The Gracchi. New York 1968, S. 44.

[3] Bringmann, Klaus: Die Agrarreform des Tiberius Gracchus. Legende und Wirklichkeit Stuttgart 1985, S. 8.

[4] Ebd., S. 13ff.

[5] verwiesen wird auf sein Werk: Rathbone, D.W.: The Slave Mode ofProduction in Italy. In: Journal ofRoman Studies 73. 1983, S. 161f.

[6] Bringmann, Klaus: Die Agrarreform des Tiberius Gracchus. Legende und Wirklichkeit. Stuttgart 1985, S. 16f.

[7] Darstellung der verschiedenen Positionen: Bourne, F. C.: The Roman Republican Census and Census Statistics. In: The Classical Weekly 45. 1952. S. 129ff. zitiert nach Bringmann, Klaus: Die Agrarreform des Tiberius Gracchus. Legende und Wirklichkeit. Stuttgart 1985, S. 20.

[8] Shochat, Yanir: Recruitment and the Programme ofTiberius Gracchus. Bruxelles 1980, S. 76.

[9] Scullard, H. H.: From the Gracchi to Nero. A history of Rome from 133 B.C. to A. D. 68. London 1959, S. 20.

[10] Bringmann, Klaus: Die Agrarreform des Tiberius Gracchus. Legende und Wirklichkeit. Stuttgart 1985, S. 28.

[11] Die erste angedachte Agrarreform war die des Gaius Laelius, der einen Gesetzesentwurf zwischen 145.v. Chr. - 140v. Chr. vorbringen wollte,jedoch aufgrund massiven Widerstandes wider verwarf. Insofern ist der Diskurs uber die Problematik auf die sich Tiberius bezog voraussichtlich schon alter. Vgl. Linke, Bernhard: Die romische Republik von den Gracchen bis Sulla. Darmstadt 2005, S. 25.

[12] Meyer, Eduard: Untersuchungen zur Geschichte der Gracchen. Halle 1894. zitiert nach: Taeger, Fritz: Untersuchungen zur romischen Geschichte und Quellenkunde. Tiberius Gracchus. Stuttgart 1928, S. 1.

[13] Taeger, Fritz: Untersuchungen zur romischen Geschichte und Quellenkunde. Tiberius Gracchus. Stuttgart 1928, S. 1.

[14] ebd., S. 4.

[15] Dies spiegelt sich auch in den Beurteilungen von Historikern wieder: Taeger, Fritz: Untersuchungen zur romischen Geschichte und Quellenkunde. Tiberius Gracchus. Stuttgart 1928, S. 1-5. oder Meyer, Eduard: Poor Sources for Tiberius. In: Tiberius Gracchus. Destroyer or Reformer of the Republic? Hrsg. von John M. Riddle. Lexington 1970, S. 18-20.

[16] Greenidge, A.H.J. (u.a.): Sources for romanhistory. 133-70 BC. Oxford 1960.

[17] Taeger, Fritz: Untersuchungen zur romischen Geschichte und Quellenkunde. Tiberius Gracchus. Stuttgart 1928, S. 6f.

[18] Auszug aus der engl. Ubersetzung von Bernadotte Perrin: Plutarch’s Lives. Tiberius Gracchus. I. 2. Harvard 1921, S. 145.: ,,We are told, moreover, that he once caught a pair of serpents on his bed, and that the soothsayers, after considering the prodigy, forbade him to kill both serpents or to let both go, but to decide the fate of one or the other of them, declaring also that the male serpent, if killed, would bring death to Tiberius, and the female, to Cornelia. Tiberius, [...] killed the male serpent, but let the female go.”

[19] Peter, Hermann: Die Quellen Plutarchs in den Biographien der Romer. Amsterdam 1965, S. 93f.

[20] Hillen, Hans Jurgen: T. Livius. Buch XLV. Darmstadt 2000, S. 173.

[21] Bernadotte Perrin: Plutarch’s Lives. Tiberius Gracchus. XIII. 1. Harvard 1921, S. 175 . und White, Horace: Appian’s Roman History. The civil wars. Book 1. 13, S. 27.

[22] Peter, Hermann: Die Quellen Plutarchs in den Biographien der Romer. Amsterdam 1965, S. 94f.

[23] Gaius Plinius Secundus: Naturalis historiae 1. XVIII, 35.

[24] Sallust, Jugurtha c. 41.

[25] Davis, James C.: Eine Theorie der Revolution. In: Empirirsche Sozialforschung. Hrsg. von Klaus v. Beyme. Opladen 1973, S. 186.

[26] Livius: Libri LVIII Periocha, S.172.

[27] Der Tod des Tiberius Gracchus wird bei Livius in Analogie gesetzt mit vielen negativ konnotierten Ereignissen, die sein fatum versinnbildlichen sollen, darunter unter anderem Ereignisse in der Natur und Sklavenunruhen A Livius: Libri LVIII Periocha, S. 174f.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Tiberius Gracchus
Untertitel
Ein Phänomen der späten römischen Republik
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Historisches Institut - Abteilung Alte Geschichte )
Veranstaltung
Grundlagen der klassischen Welt
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
14
Katalognummer
V155668
ISBN (eBook)
9783640765850
ISBN (Buch)
9783640766284
Dateigröße
423 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Quellenkunde;, Historiographie;, Geschichte;
Arbeit zitieren
Thomas Zejewski (Autor), 2007, Tiberius Gracchus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/155668

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