Der Fußballverein Dynamo Dresden. Leistungssport in der DDR


Examensarbeit, 2010
102 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 4

2. Struktureller Rahmen des Leistungssportsystems
2.1. SED und Leistungssport
2.2. Staatliche Organisationsebene
2.2.1. Das Staatsekretariat f ü r K ö rperkultur und Sport (StKS)
2.2.1.1. Sportmedizinischer Dienst
2.2.1.2. Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport
2.2.1.3. Deutsche Hochschule für Körperkultur und Sport
2.2.2. Die Leistungssportkommission (LSK)
2.3. Gesellschaftliche Organisationsebene
2.3.1. Nebenakteure
2.3.2. Hauptakteur - Deutscher Turn- und Sportbund (DTSB)

3. Sichtungs- und Förderungsverfahren

3.1. Auswahlverfahren
3.2. Spartakiade
3.3. Das Drei-Stufensystem
3.3.1. F ö rderstufe 1 (Trainingszentren und -st ü tzpunkte)
3.3.2. F ö rderstufe 2 (Kinder- und Jugendsportschulen)
3.3.3. F ö rderstufe 3 (Kadersystem der Sportclubs)
3.3.4. Problematiken des Systems

4. Sonderfall DDR-Fußball

5. Fallbeispiel SG Dynamo Dresden
5.1. Historische Entwicklung
5.1.1. Dresdens Fu ß balltradition
5.1.2. Sportliche Talfahrt trotz vielversprechendem Beginn
5.1.3. Die Ä ra Fritzsch
5.1.4. Sportliche Durststrecke
5.1.5. Wiederkehrender Erfolg
5.2. „ Talentschmiede “ SG Dynamo Dresden
5.2.1. Sichtungsmethoden.
5.2.2. F ö rderungsmethoden
5.2.2.1. Erste Förderstufe
5.2.2.2. Zweite Förderstufe
5.2.2.3. Dritte Förderstufe
5.3. Fu ß ball als Risikofaktor
5.3.1. Sicherungsma ß nahmen gegen ü ber Aktiven
5.3.2. Sicherungsma ß nahmen gegen ü ber Fankultur
5.4. Besondere Strukturmerkmale der SG Dynamo
5.4.1. Externe Strukturen
5.4.2. Interne Organisationsstruktur
5.5. Ursachen f ü r den Zusammenbruch

6. Zusamme nfassung und Ausblick

7. Verzeichnisse
7.1. Abk ü rzungsverzeichnis
7.2. Abbildungsverzeichnis
7.3. Quellenverzeichnis
7.4. Literaturverzeichnis

8. Anlagen
8.1. Anlage 1 - Interview mit Karl-Heinz Noack vom 30.03.2010
8.2. Anlage 2 - Interview mit Frank Lippmann vom 14.05.2010

1. Einleitung

Ich kam mir vor wie im Schlaraffenland. Gut 100 Leute waren bei Dynamo besch ä ftigt - von der ersten Mannschaft bis zum Nachwuchs, von der Platz- pflege bis zur Physiotherapie und Fuhrpark. Bei St. Pauli konnten wir uns das nicht leisten.1 So wurde Helmut Schulte zitiert, als er 1991 das Traineramt beim 1. FC Dynamo Dresden in der ersten Bundesliga und damit die strukturel- len „Überreste“ des DDR-Leistungssportsystems übernahm. Im Kern seiner Aussage wird deutlich, dass spürbarere Unterschiede zwischen dem Leistungs- sport in der BRD und der DDR vorherrschten. Zweifelsfrei gehörte die Dyna- moelf zu DDR-Zeiten zu den sportlichen Aushängeschildern Dresdens, an de- ren Erfolge noch immer gern erinnert wird.

Aus dem Zitat lassen sich folgende Kernfragen für die vorliegende Arbeit ableiten: Worauf lassen sich diese strukturellen Merkmale bei der SG Dynamo Dresden zurückführen? Waren es für den Leistungssport der DDR typische Erscheinungen oder waren sie Ausdruck einer Sonderrolle?

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, durch die Beantwortung dieser Fragen die überregionalen Leistungssportstrukturen anhand der SG Dynamo Dresden zu spiegeln und zu prüfen, inwiefern der Dresdner Traditionsclub am Leistungssportsystem partizipierte oder eine Sonderrolle einnahm.

Obwohl die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten bereits knapp 20 Jahre zurückliegt und umfassende Forschungsarbeit im Bereich des DDR- Leistungssports geleistet wurde, sind dennoch einige Lücken zu verzeichnen. Insbesondere lokale und regionale Ansätze müssen durch die Sicht „von unten“ dazu beitragen, die bestehenden Erkenntnisse zu verdichten und gegebenenfalls zu erweitern.2 Daraus leitet sich indirekt die der Arbeit zugrunde liegende Vor- gehensweise ab.

Im ersten Teil sollen die charakteristischen Strukturmerkmale des Leistungs- sportsystems deskriptiv skizziert werden. Dabei werden einerseits die Organi- sationsträger fokussiert und andererseits das komplexe System der Auswahl und Förderung von Leistungssportlern.

Im zweiten Teil sollen diese Strukturen dann am konkreten Beispiel durch die Analyse von regionalgeschichtlicher Literatur und Quellenmaterial gespiegelt werden.

Allgemein lässt sich die Literaturlage bezüglich des Leistungssports in der DDR als umfangreich und gut bearbeitet charakterisieren. Vor allem die Stan- dardwerke der Forschungsgruppen um Teichler, Reinartz und Spitzer wurden zentral für den ersten Teil der Arbeit herangezogen. Als ebenso elementar für die allgemeinen Darstellungen wurde das Werk von Reichelt genutzt.

Der regionalgeschichtliche Rahmen dieser Arbeit schränkte die Relevanz der Werke jedoch ein. Es existieren kaum wissenschaftliche Veröffentlichungen, die sich bis dato kritisch mit dem Beispiel Dynamo Dresden im Kontext des Leistungssports der DDR auseinandergesetzt haben. Hervorzuheben ist hierbei das Werk von Ingolf Pleil, in dem er sich tiefgründig mit der Durchdringung der Sportgemeinschaft Dynamo Dresden durch den Staatssicherheitsapparat auseinandersetzte. Dadurch bekam es einen besonderen Stellenwert für die vorliegende Arbeit. Andere Werke zu Dynamo Dresden fokussieren zwar den sportlichen Werdegang, geben diesen aber zumeist oberflächlich wieder und haben dadurch eher informativen Charakter. Überwiegend wurde die Vereins- historie chronologisch auf der Basis von Statistiken und Spielerporträts nach- empfunden. Karte und Zimmermann schildern so beispielsweise im Wesentli- chen die einzelnen Etappen des Sportclubs, werden jedoch ihrem Anspruch, Hintergrundinformationen zu liefern, aus wissenschaftlicher Sicht nur bedingt gerecht. Insgesamt ist in diesen Werken eine überwiegend nostalgische Sicht auf die Historie des Dresdner Traditionsvereins zu konstatieren. Im Dresdner Fußballmuseum manifestiert sich dieser Betrachtungswinkel zwar sehr an- schaulich, aber im Kontext der Arbeit wenig gewinnbringend.

Der Mangel an wissenschaftlichen Werken zu diesem Themenkomplex sollte durch das Heranziehen und Analysieren von Primärquellen kompensiert wer- den. Die Aktenlage in den Dresdner Archiven stellte sich jedoch im Verlauf der Arbeit als nicht so ertragreich heraus, wie ursprünglich angenommen. Bei einem Teil der relevanten Bestände wurde die archivalische Erschließung noch nicht beendet, was die Suche nach brauchbaren Quellen verkomplizierte. Er- schwerend kam hinzu, dass der Zugang zum Quellenmaterial aus Datenschutz- gründen nur beschränkt möglich war. Während der zeitintensiven Recherche und Analyse der zugänglichen Bestände, dezimierte sich das verwendbare Ma- terial weiter. Dennoch war es möglich, vorwiegend aus diversen Aktenbestän- den der SED-Bezirksleitung Dresden verwertbares Material heranzuziehen.

Insgesamt setzte die dargestellte Literatur- und Quellenlage der Arbeit somit enge Grenzen. Um dennoch eine schlüssige Argumentation zu gewährleisten, wurden Zeitzeugen zur Befragung herangezogen. Die geführten Interviews sollen dazu dienen, allgemeine Aussagen zu plausibilisieren und Sachverhalte zu illustrieren. Auch wenn dem Verfasser die Tatsache bewusst ist, dass die Interviews einen wesentlich geringeren Objektivitätsstatus haben als beispiels- weise die analysierten Akten, haben sie in der Arbeit mangels Alternativen an den Stellen ergänzenden Charakter, an denen aus besagten Gründen nicht aus- reichend oder kein Quellenmaterial zur Verfügung stand. Weil die Interviews nicht im Zuge einer empirischen Befragung stattfanden, werden sie repräsenta- tiven Ansprüchen nicht gerecht und geben lediglich einen subjektiven Eindruck des Erlebten wider.

Auch deshalb kann die vorliegende Arbeit keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Vielmehr soll der vom Autor geschilderte „Status quo“ Ansatzpunkte für weitere Analysen und Diskussionen aufzeigen.

2. Struktureller Rahmen des Leistungssportsystems

In diesem Abschnitt sollen die strukturellen Rahmenbedingungen und deren Funktionsweise skizziert werden, die für das Leistungssportsystem von zentra- ler Bedeutung waren. Bevor sich die Strukturen und Kompetenzen etablierten, war die „Konstitutionsphase“ des Systems von komplizierten Transformations- prozessen charakterisiert, die im Rahmen dieser Arbeit nur eine untergeordnete Rolle spielen.3

2.1. SED und Leistungssport

Zurückblickend und an den Erfolgen gemessen, arbeitete der Leistungssportbereich im Vergleich zu anderen gesellschaftlichen Bereichen wesentlich effizienter und vermittelte nicht den Eindruck eines zentral geplanten Systems. Dennoch schien der Erfolg eng an die hierarchischen Strukturen gebunden zu sein, an deren oberster Position die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) stand. Das Politbüro der Partei traf im Wesentlichen alle wichtigen Entscheidungen hinsichtlich des Sports.4 Unter der Führung der SED differenzierte n sich im Machtapparat diverse Institutionen heraus, die direkten oder indirekten Einfluss auf den Sport in der DDR ausüben sollten.

Das Zentralkomitee (ZK) stellte das Führungsorgan der SED dar und wurde vom Parteitag gewählt. Das ZK wiederum wählte das Politbüro und das Sekretariat. Diese beiden Organe bestimmten die politischen Entscheidungen, die in den staatlichen und gesellschaftlichen Bereichen umgesetzt wurden. So konstituierte sich die Abteilung Sport des ZK.

K ö rperkultur und Sport sind fest in die Gestaltung der entwickelten sozialistischen Gesellschaft eingebettet. Ihre Entwicklung vollzieht sich im Rahmen der Gesamtpolitik der SED und ihrer f ü r diesen Bereich ausgearbeiteten Sportpolitik.“5

Der Sport leiste nach SED-Vorstellungen demnach einen wichtigen Beitrag zur allseitigen Persönlichkeitsentwicklung insbesondere im Hinblick auf die Aus- prägung sozialistischer Eigenschaften. Erstmalig wurde der Sport in der Ver- fassung verankert und im Schulunterricht Turnen und Schwimmen zum festen Bestandteil.6

Der Leistungssport der DDR erf ü llt wichtige Funktionen der internati onalen Repr ä sentation unseres Landes und der St ä rkung des Ansehens des Sozialismus in der Welt.7

Die Parteiführung sah in der Körperkultur ein ideologisches Instrument zur Repräsentation des eigenen Staates. Über die Erfolge im Spitzensport sollte die weltweite Anerkennung des sozialistischen Staats erfolgen. Der Leistungssport wurde also Mittel zum Zweck.

Insbesondere in der deutsch-deutschen Politik wurde der Sport seitens der DDR zum Medium der Systemkämpfe stilisiert. Oberste Priorität für die Partei- funktionäre hatte die Zerschlagung des Alleinvertretungsanspruchs der BRD bei den Olympischen Spielen und die daraus resultierende Überbietung der westdeutschen Sportler. Hierfür wurde am 22.4.1951 das Nationale Olympi- sche Komitee (NOK) der DDR gegründet, welches 1955 vorläufig und bedingt vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) anerkannt wurde. 1956 be- stand erstmals ein Teil der gesamtdeutschen Olympiamannschaft aus DDR- Sportlern.8

2.2. Staatliche Organisationsebene

2.2.1. Das Staatsekretariat f ü r K ö rperkultur und Sport (StKS)

Am 24.07.1952 wurde das staatliche Komitee für Körperkultur und Sport (Sta- ko) durch eine Verordnung des Ministerrates gegründet. Grundlage dafür war das erste Jugendgesetz, wodurch eine generelle Förderung der Sportbewegung durch staatliche Behörden und der Bau von neuen Sportstätten festgeschrieben wurden.9

Manfred Ewald wurde zum ersten Vorsitzenden ernannt und startete damit sei- ne Karriere als bedeutendster Sportfunktionär der DDR. Auf seine Anweisung wurden die diversen Sportarten jeweils einer Betriebssportgemeinschaft zuge- ordnet, um deren Förderung zu gewährleisten.10

Das Komitee für Körperkultur und Sport wurde nach sowjetischem Vorbild als Institution gegründet, mit dem Ziel den Sport auf staatlicher Ebene zu zentrali- sieren. Um jeden Bereich der Körperkultur und des Sports abzudecken, gehör- ten dem Komitee Vertreter aus allen gesellschaftlichen und staatlichen Sport- organisationen an. Dazu zählten unter anderem FDJ, FDGB, GST, die Ministe- rien des Inneren, - der Volksbildung, - des Gesundheitswesens, außerdem Mit- glieder aus dem Bereich Berufsbildung und Hochschulwesen.11

Die folgenden Aufgaben verdeutlichen die zentrale Bedeutung des Komitees. Alle Fachkräfte in den jeweiligen Sportarten wurden hier geschult und einge- setzt. Es erfolgte die Herausgabe der Richtlinien für den Sportunterricht. Die Sportforschung wurde koordiniert. Das Komitee leitete alle Unterabteilungen für Körperkultur und Sport und wertete die sowjetischen Sporterkenntnisse hinsichtlich des DDR-Sports aus. Die Aufgabenbereiche dieser staatlichen In- stitution wuchsen stetig. Vor allem den untergeordneten Gremien und Einrich- tungen wurden immer konkretere Vorgaben erteilt. Exakte Leistungsdaten als Zielvorgaben in den Sportarten, die Verteilung von Investitionen und die Ko- ordination von Aufgaben führten zu einem immer größer werdenden Personal- bedarf.12

Mit der Gründung des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB) 1957 wurde das bestehende System neu strukturiert und die Aufgabenbereiche gingen im Wesentlichen an den DTSB über.

Das Staatssekretariat für Körperkultur und Sport wurde am 17.06.1970 ge- gründet und übernahm die Funktionen des früheren Komitees. Das StKS koor- dinierte fortan die Sportbelange und avancierte zu einer wesentlichen Säule des Leistungssportsystems. Zu den zentralen Aufgabenbereichen zählte insbeson- dere die Ausarbeitung und Überprüfung von langfristigen Plänen zur kontinu- ierlichen Verbesserung der Bedingungen für Körperkultur und Sport.13

Als Organ des Ministerrats der DDR war das StKS durch die untergeordneten Einrichtungen für die Infrastruktur des DDR Leistungssports zuständig. Verwaltet wurden die Bereiche der Sportbauten und Sportgeräte, die sportwissenschaftliche Forschung und Lehre sowie die sportmedizinische Betreuung. Dadurch wurden die wissenschaftlich-technischen Zuarbeiten für den DTSB geleistet und die Grundlagen für den Erfolg des Leistungssportsystems geschaffen.14 Exemplarisch sollen drei dieser elf Institutionen skizziert werden, um die umfangreichen Aufgabenfelder anzudeuten.

2.2.1.1. Sportmedizinischer Dienst

Besonderes Augenmerk bei den Sportwissenschaften erhielt die Sportmedizin. Der Sportmedizinische Dienst (SMD), insbesondere dessen Zentralinstitut in Kreischa, gewann im DDR-Leistungssportsystem immer mehr an Bedeutung. Er unterstand dem Staatssekretariat für Körperkultur und Sport und avancierte bis 1988 zu dessen größter Institution. Der SMD wurde in die Bereiche Diag- nostik, Prophylaxe, Therapie und Rehabilitation unterteilt. Generell war er für die sportmedizinische Absicherung beim Aufbau-, Anschluss- und Hochleis- tungstraining, das heißt für die einzelnen Förderstufen, verantwortlich. Diese Institution wies ebenfalls klare hierarchische Strukturen mit zentraler Leitung auf: über sportärztliche Hauptberatungsstellen in den 15 Bezirken der DDR und die untergeordneten Kreisberatungsstellen bis hin zur Versorgung an den diversen Sportschulen sowie in den zivilen Sport- und Fußballclubs wurde die medizinische Betreuung flächendeckend sichergestellt.15 Die offizielle Aufga- be des SMD war „… die wirksame Einflussnahme auf die Erh ö hung der Be- lastbarkeit mittels geeigneter sportmedizinischer und trainingsmethodischer Ma ß nahmen “ und „… ein intensives sportmedizinisches Betreuungssystem zur schnellen Wiederherstellung der Belastbarkeit “ bei Erkrankungen und Verlet- zungen.16 Unter höchster Geheimhaltung hatte der SMD in Zusammenarbeit mit dem Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport eine zentrale Rolle beim Erforschen und Einsatz von Dopingmitteln inne.

2.2.1.2. Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport

Das Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport (FKS) wurde im Zuge der akribischen Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 1972 in München als eigenständige Institution der DHfK etabliert und betrieb hauptsächlich Ge- heimforschung im Hochleistungsbereich der für Olympia relevanten Sportar- ten.17 Hierbei ging es vorrangig um die stetige Maximierung der sportlichen Leistungsfähigkeit.18 Forschungsgegenstände waren unter anderem die Physio- logie der Muskulatur, wobei zum Beispiel versucht wurde, mit gezielten Stromstößen eben jene zu stärken. Außerdem wurde die Psyche des Leistungs- sportlers fokussiert, um durch mentales Training ebenso Leistungssteigerungen zu erzielen. In Abstimmung mit den jeweiligen Spitzen der Sportverbände und mit Genehmigung des DTSB wurden immer präzisere Forschungsaufträge er- teilt und bearbeitet. Resultat waren unüberschaubare Datensammlungen, die häufig nicht tiefgründig genug ausgewertet werden konnten, um adäquate Rückschlüsse ziehen zu können.19 Außerdem unterstanden die Arbeiten und Ergebnisse höchster Geheimhaltungsstufe.

2.2.1.3. Deutsche Hochschule für Körperkultur und Sport

Die Deutsche Hochschule für Köperkultur und Sport (DHFK) wurde bereits 1950 in Leipzig gegründet. Sie avancierte zum internationalen Aushängeschild der DDR-Sportforschung. Walter Ulbricht galt als besonderer Förderer dieser Einrichtung.20 Im Zentrum der dortigen Lehre stand die Diplom-Sportlehrer- Ausbildung. Nach den Planvorgaben des DTSB und im politischen Korsett der SED wurden Lehrer, Trainer und Übungsleiter für einzelne Sektionen nach sowjetischem Vorbild aus- und weitergebildet. Zu ihnen gehörten vorwiegend DDR-Bürger aber auch Personen aus dem sozialistischen und nichtsozialisti- schen Ausland. Die Forschung an der DHfK hinsichtlich des Leistungssports konzentrierte sich vor allem auf die „Sicherung und Erhöhung der Leistungsfä- higkeit der Sportspiel- und Kanuforschung und die Qualifizierung der Eig- nungsforschung“. Insbesondere die Erkenntnisse bei moderner Geräte-, Messund Auswertungstechnik und die Forschungen zum Stütz- und Bewegungssystem waren offizielle Aushängeschilder der DHfK.21

2.2.2. Die Leistungssportkommission (LSK)

Die Leistungssportkommission ging aus dem Wissenschaftlichen Rat (WR) des Staatssekretariats für Körperkultur und Sport hervor. Der WR bestand formal aus 52 Ärzten, Trainern und Leistungssportlern. Er hatte vor allem beratende Aufgaben, wodurch die sportwissenschaftliche Arbeit vorangetrieben und der DTSB unterstützt werden sollte.22

Die LSK wurde 1962 als gemeinsames Organ des Staatlichen Komitees für Körperkultur und Sport und dem DTSB gegründet. Durch die Kommission sollte die Zusammenarbeit zwischen Trainern, Sportwissenschaftlern und Sportärzten organisiert werden. Ziel war es, die Sportwissenschaft in den Trai- ningsprozess zu integrieren und die Forschung im Leistungssportbereich zu vereinheitlichen. Bis 1967 wuchs die Anzahl an Mitgliedern aufgrund der ge- stiegenen Aufgabenbereiche. Um die Ressourcen im Bereich des Leistungs- sports bündeln zu können und nicht im Breitensport zu „verschwenden“, wurde sie auf Anraten Ewalds in die Zentrale Leistungssportkommission umbe- nannt.23 Zu dem erweiterten Aufgabenspektrum gehörten die Entscheidung über die Jahrespläne des Leistungssportbereichs, die Einberufung von Konfe- renzen und Seminaren sowie die Veröffentlichung von sportwissenschaftlichen Beiträgen.24 Auf kommunaler Ebene unterstand der LSK eine Bezirkskommis- sion, die den Einsatz von Trainern und finanziellen Mitteln steuerte. Die Trai- ningsprozesse blieben dahingehend unangetastet, dass nur die Richtlinien der drei Förderstufen vorgegeben und deren Einhaltung kontrolliert wurden.25

2.3. Gesellschaftliche Organisationsebene

Die gesellschaftlichen Strukturen des Sports müssen differenziert betrachtet werden, können aber aufgrund ihrer Bedeutung für den Leistungssport in zwei Kategorien eingeteilt werden. Die Nebenakteure waren zwar quantitativ in einem gewissen Maß am Leistungssport beteiligt, konnten aber qualitativ nicht an den Einfluss des Hauptakteurs heranreichen.

2.3.1. Nebenakteure

Gegen Ende der 1940er Jahre waren FDGB und FDJ Wegbereiter der „ antifaschistisch-demokratischen Sportbewegung “.26 Die Betriebssportgemeinschaften (BSG) stellten die Grundlage für die Organisationsstruktur des Sports in der DDR dar und schlossen sich zu Sportvereinigungen zusammen. Durch die Gründung des Komitees für Körperkultur und Sport verloren FDGB und FDJ die Trägerfunktion, aber waren fortan für die Massensportfeste in der DDR27 verantwortlich. Deswegen war ihr Anteil am Leistungssportbereich eher gering und ihre Arbeit mehr auf den Breitensport ausgerichtet.28

Am 07.08.1952 wurde die Gesellschaft für Sport und Technik (GST) gegrün- det, um nach sowjetischem Vorbild die bestehenden wehrsportlichen Interes- sensgemeinschaften zusammenzuführen. Zu den Hauptaufgaben gehörte die wehrsportliche Erziehung und vormilitärische Ausbildung der Mitglieder. In zahlreichen untergeordneten Sektionen konnten so genannte „Wehrsportarten“ ausgeübt werden.29 Auffällig war, dass der GST vorerst alle Reit- und Schieß- sportarten angegliedert waren. Aufgrund des internationalen Erfolges wurden jedoch einzelne Sektionen ausgegliedert und dem DTSB untergeordnet.30 Die GST diente scheinbar auch als Ausweichorganisation für einen verhältnismäßig geringen Teil an Sportlern, die den Sprung in den Leistungssportbereich nicht geschafft hatten.31 Die GST war im Leistungssportbereich vor allem durch die Schießsportarten vertreten.

2.3.2. Hauptakteur - Deutscher Turn- und Sportbund (DTSB)

Zweifelsfrei hatte der Deutsche Turn- und Sportbund im Verlauf der DDR den größten Einfluss auf die Entwicklung im Leistungssport, weil in ihm sukzessive alle wesentlichen Sportarten vereinigt wurden.

Wie bereits beschrieben, wurden FDJ und FDGB im Juni 1948 vom ZK der SED damit beauftragt, eine einheitliche Trägerorganisation für den Sport zu konstituieren. Daraufhin wurde der Deutsche Sportausschuss (DS) am 01.10.1948 gegründet. Die Förderung des Sportbetriebs wurde fortan an Trä- gerbetriebe geknüpft. Kommunale Sportgemeinschaften wurden durch Be- triebssportgemeinschaften ersetzt.32 Durch die untergeordneten Landessport- ausschüsse sollte die Umstrukturierung der Sportbewegung fortgeführt werden. Die BSG wurden in den neu gegründeten Betriebssportvereinigungen zusam- mengefasst und koordiniert.33 Zu den Hauptaufgaben des DS zählte bis 1957 die Schaffung der nötigen Rahmenbedingungen, um das Sporttreiben zu ge- währleisten.34 Mit der Gründung des Stako ging jedoch der Großteil der Kom- petenzen von gesellschaftlicher auf staatliche Ebene über.

Am 27./28.04.1957 wurde der Deutsche Turn- und Sportbund gegründet und übernahm fortan die Aufgaben des DS.35 Die Restrukturierung des Sportsys- tems wurde nötig, weil die bestehenden Strukturen als nicht optimal für die Ausrichtung auf den Leistungssport galten. Der DTSB übernahm die Träger- schaft des Sports, löste 14 von 18 Sportvereinigungen auf und machte die Be- triebssportgemeinschaften zu untergeordneten Organisationen. Die Sportverei- nigungen Dynamo, Wismut, Vorwärts und Lokomotive blieben zwar aufgrund ihrer besonderen Struktur bestehen, wurden aber dennoch dem DTSB als Be- zirksorganisationen untergeordnet. 1958 wurden die ehemaligen Fach- Sektionen des DS in 35 Sportverbände umgewandelt.36

Gegliedert wurde der DTSB in 15 Bezirksorganisationen, die wiederum jeweils in Stadt-, Kreis-, Stadtbezirksorganisationen, Sportgemeinschaften und die Bezirksfachausschüsse der Sportverbände unterteilt wurden.37 Dadurch war der DTSB hierarchisch bis auf die kommunale Ebene durchstrukturiert. Zur weite- ren Ausdifferenzierung trug die Etablierung von diversen Planungs- und Kont- rollstrukturen bei. Auf den einzelnen Ebenen institutionalisierten sich schritt- weise unzählige beratende und mitwirkende Kommissionen, die für spezielle Teilbereiche zuständig waren. Zum Beispiel ordneten sich Bezirks- oder Kreis- fachausschüssen spezielle Kommissionen unter, die etwa für Leitung und Pla- nung, für Kinder- und Jugendsport oder Kaderplanung verantwortlich waren.38 Die angedeutete Komplexität der hierarchischen Organisationsstruktur wuchs stetig und führte den zentralen Steuerungsanspruch häufig an seine Grenzen.

Die Lenkung des DTSBs erfolgte zentral durch dessen Sekretariat, welches wöchentlich in Berlin tagte. Bis zum Rücktritt Manfred Ewalds im November 1988 war er Präsident dieses Gremiums. Unter seiner Leitung erfolgte zu Be- ginn jeder Sitzung ein akribisch genauer Statusbericht der einzelnen Sommer- und Wintersportarten. Die Ergebnisse von Wettkämpfen wurden mit den Ziel- vorgaben abgeglichen, von zuständigen Vertretern erläutert und verteidigt. Au- ßerdem wurden die Generalsekretäre der Sportverbände regelmäßig zum Rap- port einberufen. Zusätzlich fanden Besprechungen mit den Vorsitzenden der Sportclubs und den jeweiligen Sektionsleitern statt, um stets über die Entwick- lungen im Leistungssport auf aktuellem Kenntnisstand zu sein.39

Die zentrale Rolle des DTSBs im Leistungssportsystem wurde auch dadurch erkennbar, dass bei dessen Sekretariatssitzungen der Staatssekretär für Körper- kultur und Sport, der Leiter der Abteilung Sport des ZK der SED und Füh- rungspersonen der Leistungssportkommission persönlich oder in Vertretung anwesend waren.40

Ein weiteres Indiz für die ausschlaggebende Funktion des DTSB war, dass die den Leistungssport betreffenden Beschlüsse im Wesentlichen im DTSB- Sekretariat in Kooperation mit der Abteilung Sport im ZK der SED und de m Staatssekretariat für Körperkultur und Sport entstanden. Im Politbüro erfolgte anschließend deren formale Bestätigung.41 Zu diesen Beschlüssen gehörten vor allem die Jahressportpläne, die verbindlichen Charakter für die untergeordneten Institutionen hatten. Diese wurden wiederum im jeweiligen Zuständigkeitsbereich in Form von spezifischen Sportplänen präzisiert. In den einzelnen Ebenen wurden die bereits erwähnten Kontrollmechanismen verankert, um die Erfüllung der Planvorgaben zu überwachen.42

Bis 1962 war beim DTSB noch eine zweigeteilte Sportpolitik erkennbar. Der Breitensport sollte ebenso wie der Leistungssport gefördert werden. Ab diesem Zeitpunkt wurden die Kompetenzen für den Breitensport jedoch an andere ge- sellschaftliche Organisationen abgegeben und der Leistungssport fokussiert. Daraus erwuchs die Notwendigkeit, andere Fördermechanismen zu entwickeln, die im dritten Kapitel näher erläutert werden. Darüber hinaus legte der DTSB klare Richtlinien fest, welche Sportarten durch die Aussicht auf Erfolg förde- rungswürdig waren und welche nicht. Die Sportarten von nicht mehr geförder- ten Sektionen wurden dann aus den Kinder- und Jugendsportschulen sowie den Sportclubs ausgegliedert und in Sportgemeinschaften beziehungsweise Be- triebssportgemeinschaften überführt. Damit wurde den ausgesonderten Sportar- ten die ökonomische Grundlage entzogen und die Möglichkeit zur Weiterent- wicklung verwehrt.

Ende 1965 wurden auch die Fußballsektionen aus den Sportclubs ausgegliedert und in eigenständige Fußballclubs (FC) überführt. Allerdings wollte der DTSB damit eine Leistungssteigerung im Vereinsfußball erreichen - was jedoch nicht im erwarteten Umfang funktionierte. Im DDR-Fußball wurde vielmehr ver- sucht, durch die gesonderte Delegierung von Spielern erfolgreiche Mannschaf- ten zusammenzustellen. Zu den favorisierten Clubs gehörten dabei die Mann- schaften der Exekutivorgane - zum Beispiel der SC Dynamo.43

Die vom DTSB in den 1960ern veranlassten Strukturveränderungen des Leis- tungssports zeigten in den Folgejahren erste Erfolge. Schrittweise wuchs die Medaillenanzahl in den olympischen Disziplinen bis zu ihrem Höhepunkt 1980. Die steigende Anzahl an Mitgliedern und Sportgemeinschaften unterstrich diese Tendenz.44

Im Verlauf der 1980er Jahre verlor der Leistungssportsektor der DDR jedoch an Glanz. Das vom DTSB etablierte System fing an zu bröckeln. Insbesondere die Nachwuchsgewinnung kam ins Stocken. Zunehmende Unruhen und Ent- täuschungen bei allen Beteiligten (Sportlern, Trainern, Eltern, Sportwissen- schaftlern, Funktionären), sowie die scheinbar nicht mehr gesicherte Sportler- laufbahn führten zu einem erheblichen Einbruch. Ausdruck dafür waren die rückläufigen Teilnehmerzahlen im Nachwuchsbereich, zum Beispiel bei den Spartakiaden und an den Kinder- und Jugendsportschulen. Der DTSB versuch- te dieser Tendenz entgegenzuwirken, indem die Basisarbeit verbessert werden sollte. Vor allem in den Kreisen und Bezirken sollte die Qualität der Nach- wuchsgewinnung gesteigert werden. Hierfür wurde einerseits eine höhere An- zahl an Trainern und Übungsleitern eingesetzt. Andererseits wurde durch um- fangreiche Qualifizierungs- und Weiterbildungsmaßnahmen dieses Ausbil- dungspersonals ein effektiverer Trainingsbetrieb gewährleistet.45

Gegen Ende der 1980er Jahre wurde die wirtschaftlich miserable Situation der DDR auch im Leistungssport spürbar. Insbesondere bei Instandsetzungs- und Neubaumaßnahmen von Sportstätten klafften massive Finanzierungslöcher. Die ursprünglich beantragten Unterstützungen mussten mehrmals nach unten korrigiert werden. Vor allem dem kommunalen Breitensport wurde der Geld- hahn zugedreht, um dem Spitzensport letzte Finanzreserven zur Verfügung zu stellen. Der Zerfall der sportlichen Infrastruktur und die mangelnden Investiti- onsmöglichkeiten deuteten auf ein baldiges Ende des so genannten „Sportwun- ders“ hin.46

Im Wiedervereinigungsprozess traten die einzelnen Fachverbände schrittweise dem DSB bei. Der DTSB wurde daraufhin am 5.12.1990 als Institution aufge- löst.47

Die skizzierten strukturellen Rahmenbedingungen sollen durch folgendes Or-

ganigramm abschließend veranschaulicht werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Darstellung des Leistungssportsystems (mod. nach Reichelt, 2006, S. 165)

3. Sichtungs- und Förderungsverfahren

Aus der Retrospektive betrachtet, basierte der Erfolg des DDR-Leistungssports zu einem wesentlichen Anteil auf einem komplexen System der Talentsichtung und -förderung. Das erkannten die zeitgenössischen Sportfunktionäre der anderen Länder bereits und versuchten es zu durchschauen, um Rückschlüsse für den eigenen Leistungssport ziehen zu können.48

Allerdings war es ein schrittweiser Entwicklungsprozess, dessen gewinnbrin- gender Ertrag erst deutlich später spürbar wurde. Im folgenden Kapitel sollen daher die Besonderheiten im Nachwuchsbereich des Leistungssports der DDR verdeutlicht werden.

3.1. Auswahlverfahren

Bis in die 1960er Jahre basierte die Sichtung und Auswahl von sportlichen Talenten auf den Einschätzungen von Übungsleitern und Trainern der jeweiligen Sportgemeinschaft beziehungsweise von Sportlehrern der allgemeinbildenden Schulen. Erst dann setzte ein Bestreben zur flächendeckenden Systematisierung der Auswahlverfahren ein.

Die Überprüfungsmethoden wurden generell in zwei Kategorien unterteilt. Vorerst erfolgten sportartspezifische Tests mit Übungen, die besonders rele- vant für die jeweilige Sportart waren. Dabei mussten die Prüfer jedoch feststel- len, dass durch die spezifischen Übungen zu viele Sportler durch das Raster fielen und zu wenige als geeignet eingestuft wurden. Daraufhin entwickelten die Sportfunktionäre Komplexüberprüfungen, bei denen Übungen bewegungs- verwandter Sportarten zusammengefasst wurden. Dadurch konnten einerseits problemlos Eignungen für verschiedene Sportarten festgestellt und damit der Output gesteigert werden. Andererseits ermöglichte dieses Verfahren die Be- wältigung der steigenden Teilnehmerzahlen.49

Mit den gestiegenen Ansprüchen im Leistungssportbereich mussten die Sich- tungsmethoden optimiert werden. Dafür wurden spezielle Verfahren entwi- ckelt. Die Auswahlverfahren begannen bereits in der ersten Klasse. Aufgrund körperlicher Merkmale sollte hier durch die Lehrer eine Eignung für spezielle Sportarten festgestellt werden. In der dritten Klasse kamen dann differenzierte- re Auswahlkriterien und Prognosen hinzu. Dazu zählten in erster Linie physi- sche Faktoren, die messbar waren und erst anschließend schulische Leistungen oder Verhaltensweisen. Die Eigenschaften der Schüler wurden dann akribisch durch ein Punktesystem bewertet und zusammengefasst. Stellte sich daraufhin eine Eignung für eine gewisse Sportart heraus, wurden sportärztliche Untersu- chungen und Probetrainings verordnet. Dieses Auswahlverfahren wurde seit 1973 vereinheitlicht und als „Einheitliche Sichtung und Auswahl für die Trai- ningszentren und Trainingsstützpunkte des DTSB der DDR“ (ESA) bezeichnet. Dieses standardisierte System wurde bis 1989 beibehalten und praktiziert.50 Der aufwendige Sichtungsprozess basierte auf wissenschaftlichen Erkenntnis- sen und erfolgte in zwei Auswahlschritten. In der ersten Klasse wurden sechs und in der dritten Klasse 14 Leistungsmerkmale getestet. Die erzielten Werte wurden mit Normwerttabellen abgeglichen. Wurde dadurch eine Eignung für eine Sportartengruppe festgestellt, folgte der zweite Auswahlschritt, indem Trainer und Kreissportlehrer spezifisch testeten. Ergänzt wurden diese Kenn- werte von schulischen Beurteilungen, sportmedizinischen Untersuchungen und Entwicklungsprognosen.51

Um Lücken in diesem System zu schließen, fanden in der sechsten und neunten Klasse weitere Sichtungen statt.52 In diesem Zusammenhang erhielten auc h Überprüfungsverfahren zur Nachaufnahme besondere Aufmerksamkeit. Das ermöglichte einerseits eine erneute Sichtung von Talenten, die bei der ersten Überprüfung nicht den Normen entsprachen oder bei denen einzelne Daten fehlten. Andererseits konnten Sportler, die am ersten Test nicht teilnehmen konnten, erstmalig überprüft werden.53

Zusätzlich zu den standardisierten Auswahlverfahren wurden sportliche Talen- te auch individuell im allgemeinem Übungs-, Trainings- und Wettkampfbetrieb der Sport- oder Schulsportgemeinschaften gesichtet.54

Der betriebene Aufwand zur Sichtung von sportlichen Talenten war enorm. Durch die Unmengen an gesammelten Daten kamen an den sportwissenschaftlichen Einrichtungen der DDR zunehmend Methoden der elektronischen Datenverarbeitung (EDV) zum Einsatz. Diese Tendenz ging mit der Standardisierung der Auswahlverfahren einher.

Ziel war es, die Effizienz der Sichtungsmethoden stetig zu steigern, um die erfolgversprechendsten Talente für das Fördersystem zu gewinnen und entstandene Lücken in der Kaderpyramide zu schließen.

3.2. Spartakiade

Bis 1964 existierte ein relativ ungeordnetes Wettkampfsystem.55 1965 wurden erstmals großflächig Vergleichswettkämpfe auf Kreisebene im Rahmen der Deutschen Kinder- und Jugendspartakiade56 durchgeführt. Der DTSB initiierte diese Veranstaltung und übergab die Organisation zunehmend der FDJ als füh- rende Jugendvereinigung. Die Einrichtungen der Volks- und Berufsbildung hatten ebenfalls Interesse an diesen Veranstaltungen und galten als Förderer seitens der diversen Schulen.57

So sollten einerseits die Teilnehmer zum regelmäßigen Sporttreiben animiert und andererseits bei den Veranstaltungen Talente gesichtet werden. Die Spartakiaden, bei denen vorwiegend in Schulen und Kindergärten gesichtet wurde, leiteten ein umfangreiches System der Talentsuche und -ausbildung ein. Dem Nachwuchssport konnten so neue Impulse gegeben und anhand messbarer Größen die Talentauswahl erweitert werden.58

Mit der ersten Spartakiade-Bewegung kam auf die Initiatoren allerdings ein ungeahnter Umfang an Aufgaben zu. Neben den massenhaft besuchten Quali- fikationswettkämpfen, wofür ausreichend Talentspäher benötigten wurden, mussten außerdem Unmengen an Medaillen und Urkunden produziert werden.

In den Folgejahren wurde das Konzept der Spartakiade optimiert und regelmä- ßig generalstabsmäßig durchgeplant. Federführend im Optimierungsprozess war die DHfK Leipzig. Die Forschungsmitarbeiter bestimmten Wettkampffor- men, gaben Normen vor und analysierten die jeweiligen Ergebnisse.59

Schul-, Kreis-, Bezirks- und Gesamtspartakiaden wurden gestaffelt organisiert. Mit den charakteristischen Zügen der Olympischen Spiele avancierten sie zu sportlichen Großveranstaltungen mit einem strukturierten Ablauf. Der eigentli- che sportliche Wettkampf wurde von einem zeremoniellen Rahmen begleitet. Das Entzünden des Spartakiade-Feuers, diverse Eidesverkündungen, das Fah- nenhissen und verschiedene Ansprachen von Funktionären gehörten ebenso zum Programm wie künstlerische Vorführungen und musikalische Unterma- lungen.60 Hierbei wurde deutlich, welcher Stellenwert diesen Wettkämpfe n beigemessen wurde. Durch die hohe gesellschaftliche Resonanz erreichte auch die direkte und indirekte Propaganda der SED-Organe ein breites Teilnehmer- feld und Publikum.

Die Teilnehmerzahlen auf Kreis- und Bezirksebene stiegen kontinuierlich. 1975 waren angeblich bereits zwei Drittel aller Kinder und Jugendlichen der DDR vom „Spartakiadefieber“ infiziert. Damit schien die Rechnung der Parteifunktionäre, möglichst alle Kinder und Jugendlichen in einem Wettkampfsystem zu erfassen, aufzugehen. So verwundert es nicht, dass die Spartakiade als Sprungbrett für olympischen Erfolg stilisiert wurde. In der Realität gehörte jedoch für die Sportler ein weiter Weg über die Trainingszentren, die Kinderund Jugendsportschulen und das Kadersystem der Sportclubs dazu, um bei internationalen Wettkämpfen erfolgreich zu sein.61

Die Spartakiaden avancierten größtenteils zu volkssportlichen Großveranstal- tungen, bei denen die Teilnehmer ehrgeizig und freudbetont wettkämpften.

Gerade auf den untersten Ebenen stellten sie häufig den jährlichen Sporthöhe- punkt für viele junge Athleten dar.62 Die ursprüngliche Intention der Spartaki- ade, den DDR-Nachwuchs zum Sporttreiben zu motivieren, ging zwar nicht verloren, es zeichnete sich aber schrittweise eine leistungssportliche Tendenz ab. Das sportliche Niveau auf Kreis- und Bezirksebene wurde durch das Leis- tungsstreben immer weiter angehoben, um den Erfolg der jeweiligen Region zu verdeutlichen. Folglich waren die Zugangsvoraussetzungen schon so hoch, dass Teilnehmer bereits im Trainingsprozess sein mussten, um überhaupt eine Teilnahme- beziehungsweise Platzierungschance zu haben.63 Die erfolgshung- rigen Bezirksfunktionäre sahen sich in ihrem Spartakiade-Wetteifer dadurch bestätigt, dass die DDR führende Positionen bei Welt- und Europameister- schaften der Junioren sowie Jugendwettkämpfen der sozialistischen Länder einnahm.64

Die Spartakiade kann im Hinblick auf den Leistungssport als erfolgreiche Er- gänzung zu den primären Auswahlverfahren gezählt werden. Insbesondere der hohe motivierende Charakter dieser prestigeträchtigen Wettstreite forderte zur Teilnahme und darüber hinaus zum gezielten und regelmäßigen Sporttreiben auf. Die jährlichen Vergleichswettkämpfe konnten das etablierte Sichtungssys- tem also indirekt unterstützten. So war es beispielsweise für junge Sportler möglich, einen zusätzlichen oder erneuten Zugang zum Fördersystem zu erhal- ten.65 Kritisch betrachtet, wurde durch diese Vergleichswettkämpfe schrittwei- se ein weiteres Medium zur gnadenlosen „Parameter-Jagd“ etabliert, um Eig- nungen für den Leistungssport frühzeitig feststellen zu können.66

3.3. Das Drei-Stufensystem

Das primäre Fördersystem lässt sich anhand der entwickelten dreigliedrigen Leistungssportpyramide nachvollziehen. Insgesamt wurden circa 80000 Sportler im Stufensystem gefördert. Die erste Förderstufe bildete dabei das breiteste Spektrum mit bis zu 70000 Aktiven in den ungefähr 2000 Trainingszentren der DDR. Ausgesuchte Sportler wurden in die zweite Stufe zu den Kinder- und Jugendsportschulen delegiert. Dort trainierten bis zu 12000 Athleten. In der dritten Förderstufe wurden dann nur noch bis zu 3500 Sportler in den jeweiligen Kaderstufen der Sportclubs trainiert.67

Dieses System wurde in den 1960er Jahren entwickelt und etabliert. Ziel sollte es sein, „ junge Talente planm äß ig an Spitzenleistungen heranzuf ü hren und die bestehenden Auswahlmannschaften systematisch zu erg ä nzen “.68 Es ermöglich- te die sportwissenschaftliche Fundierung der Trainingsprozesse, wodurch ge- zielte Vorgaben für die einzelnen Stufen erarbeitet werden konnten.

Bevor die ausgewählten Kinder jedoch in das Stufensystem übergingen, fanden in der Regel schon erste Belastungstests oder Probetrainings in so genannten Schulsportgemeinschaften (SSG) oder Betriebssportgemeinschaften statt.69

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Kaderpyramide (mod. nach Kluge, 2004, S. 86)70

3.3.1. F ö rderstufe 1 (Trainingszentren und -st ü tzpunkte)

Durch das erfolgreiche Bestehen der Auswahlverfahren und des Probetrainings schafften die Sportler den Sprung in die erste Förderstufe. Darin wurden alle Bereiche zusammengefasst, in denen Kinder außerschulisch in Trainingszen- tren oder -stützpunkten trainierten.71 Allerdings erfolgte die Etablierung nur schrittweise. Seit 1956 trainierten ausgewählte Sportler in verschiedenen SSG. Zwar entstanden bereits 1962 die ersten Trainingszentren in ausgewählten Kreisorganisationen des DTSB72, doch flächendeckend erst zu Beginn der 1970er Jahre. Auch die Trainingsstützpunkte wurden erst seit 1974 errichtet. Ein Grund dafür war, dass die Sportfunktionäre eine Diskrepanz zwischen den geprüften Leistungen der Auswahlverfahren und den relativ hohen Anforde- rungen der Kinder- und Jugendsportschulen erkannten. Mithilfe dieser Einrich- tungen sollten die Sportler dann gezielt auf die Anforderungen der darauffol- genden Stufe vorbereitet werden.73 Darüber hinaus verdeutlicht die von der Leistungssportkommission 1977 verabschiedete Arbeitsrichtlinie das erweiterte Aufgabenspektrum der TZ:

„ Die Trainingszentren (TZ) sind die erste Vorbereitungsstufe zur F ö r- derung sportlich geeigneter Kinder und Jugendlicher. Sie haben die Aufgabe, diesen Kindern und Jugendlichen in einem in der Regel drei- bis vierj ä hrigen Training eine vielseitige, sportartgerechte Grundaus- bildung zu vermitteln, an ihrer kommunistischen Erziehung mitzuwirken und sie auf eine weitere leistungssportliche Entwicklung und F ö rderung in den KJS/SC vorzubereiten. “ 74

Die Anzahl solcher Einrichtungen spiegelte gleichzeitig den Stellenwert der jeweiligen Sportart im System wider. Die mit Abstand größte Anzahl an Trai- ningszentren wurde aufgrund der olympischen Relevanz in der Leichtathletik unterhalten. Dahinter folgten die Sportarten Fußball, Geräteturnen und Schwimmen.75

Die Sportler trainierten unter ständiger Betreuung von Fachkräften sportarten- abhängig drei bis fünf Jahre in dieser Stufe.

[...]


1 Vgl. Artikel „Der DDR-Sport zwischen Licht und Schatten“ in der Sächsischen Zeitung auf Seite 5 vom 27./28. März 2010.

2 Vgl. Peiffer & Fink, 2003, S. 83f.

3 Vgl. hierzu insbesondere das Werk von Buss & Becker, 2001.

4 Vgl. Reichelt, 2006, S. 16.

5 Zitiert nach: Baur/Spitzer/Telschow, 1997, S. 371.

6 Vgl. Reichelt, 2006, S. 20.

7 Zitiert nach: Baur/Spitzer/Telschow, 1997, S. 373.

8 Vgl. Herbst/Ranke/Winkler, 1994, S. 757f.

9 Vgl. Pfeiffer & Fink, 2003, S. 23.

10 Vgl. Reichelt, 2006, S. 28.

11 Vgl. Herbst/Ranke/Winkler, 1994, S. 1005.

12 Vgl. Reichelt, 2006, S. 29f.

13 Vgl. Reichelt, 2006, S. 33f.

14 Vgl. Reinartz, 1999, S. 343.

15 Vgl. Reinartz, 1999, S. 339ff.

16 Vgl. Grundlinie zur weiteren Entwicklung der Sportmedizin in der DDR bis 1990, zitiert nach Reinartz, 1999, S. 341.

17 Vgl. Hartmann, 1998, S. 145.

18 Vgl. Reinartz, 1999, S. 333f.

19 Vgl. Hartmann, 1998, S. 147ff.

20 Vgl. Hartmann, 1998, S. 133.

21 Vgl. Reinartz, 1999, S. 342f.

22 Vgl. Reichelt, 2006, S. 34f.

23 Vgl. Hartmann, 1998, S. 74.

24 Vgl. Reichelt, 2006, S. 38.

25 Vgl. Reichelt, 2006, S. 40.

26 Vgl. Herbst/Ranke/Winkler, 1994, S. 1004f.

27 Zum Beispiel für die Spartakiaden, die im Kapitel 3 näher beleuchtet werden.

28 Vgl. Reichelt, 2006, S. 42.

29 Vgl. Herbst/Ranke/Winkler, 1994, S. 344f.

30 Zum Beispiel 1961 der Deutsche Pferdesportverband und der Verband Moderner Fünfkampf.

31 Vgl. Reichelt, 2006, S. 43.

32 Vgl. Herbst/Ranke/Winkler, 1994, S. 231f.

33 Die entstandenen Betriebssportgemeinschaften wurden schrittweise in 18 Betriebssportvereinigungen zusammengefasst. Die BSGs der Staatssicherheit und der Volkspolizei wurden daraufhin in der SV Dynamo vereinigt, Vgl. dazu Reichelt, 2006, S. 44f.

34 Hierbei sind insbesondere die Schaffung neuer und die Instandsetzung alter Sportanlagen sowie die Bereitstellung von Geräten und Materialen zu erwähnen.

35 Vgl. Herbst/Ranke/Winkler, 1994, S. 234.

36 Vgl. Reichelt, 2006, S. 47.

37 Vgl. Herbst/Ranke/Winkler, 1994, S. 234.

38 Vgl. Baur/Spitzer/Telschow, 1997, S. 379.

39 Der Turnus war abhängig von der Bedeutsamkeit der jeweiligen Sportart. Je wichtiger sie war, desto häufiger fanden solche Statusmeldungen statt.

40 Vgl. Teichler, 1999, S. 94f.

41 1988 wurde erstmals ein eingereichter Sportplan zurückgegeben. Bis dato erfolgte die Zustimmung nahezu anstandslos, Vgl. Spitzer, 1997, S. 170.

42 Vgl. Baur/Spitzer/Telschow, S. 377.

43 Vgl. Reichelt, 2006, S. 55.

44 Vgl. Reichelt, 2006, S. 57f.

45 Vgl. Reichelt, 2006, S. 59f.

46 Vgl. Teichler, 1998, S. 246.

47 Vgl. Herbst/Ranke/Winkler, 1994, S. 237f.

48 Vgl. Teichler, 1999, S. 116.

49 Vgl. Reichelt, 2006, S. 119.

50 Vgl. Reichelt, 2006, S. 114.

51 Vgl. Ledig, 2001, S. 15f.

52 Vgl. Hartmann, 1998, S. 114ff.

53 Vgl. Ledig, 2001, S. 17.

54 Vgl. Ledig, 2001, S. 16.

55 Vgl. Lehmann, 2007, S. 395.

56 Der Name dieser Veranstaltung wurde der römischen Geschichte entlehnt. Zurückzuführen ist die Bezeichnung auf Spartacus, der 73 v.Chr. einen Sklavenaufstand im Römischen Reich anführte, Vgl. Kluge, 2004, S. 56.

57 Vgl. Wille, 1999, S. 138.

58 Vgl. Reichelt, 2006, S. 56.

59 Vgl. Lehmann, 2007, S. 396.

60 Vgl. Kluge, 2004, S. 58f.

61 Vgl. Hartmann, 1998, S. 110ff.

62 Vgl. Seifert, 1990, S. 62ff.

63 Vgl. Reichelt, 2006, S. 128.

64 Vgl. Seifert, 1990, S. 67.

65 Vgl. Reichelt, 2006, S. 121.

66 Vgl. Seifert, 1990, S. 57.

67 Vgl. Kluge, 2004, S. 86.

68 Vgl. Kluge, 1997, S. 197.

69 Vgl. Reichelt, 2006, S. 115.

70 Diese Werte dürfen nicht absolut sondern müssen relativ gesehen werden, zumal die Glaub- haftigkeit der zugrundeliegenden Statistiken nicht ohne Einschränkungen gewährleistet ist.

71 Vgl. Reichelt, 2006, S. 50.

72 Vgl. Teichler, 1999, S. 125.

73 Vgl. Reichelt, 2006, S. 129.

74 Vgl. DTSB: Arbeitsrichtlinie für die Trainingszentren des Deutschen Turn- und Sportbundes der DDR, zitiert nach: Teichler, 1999, S. 127.

75 Vgl. Reichelt, 2006, S. 131.

Ende der Leseprobe aus 102 Seiten

Details

Titel
Der Fußballverein Dynamo Dresden. Leistungssport in der DDR
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Institut für Sportwissenschaft)
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
102
Katalognummer
V155725
ISBN (eBook)
9783668690110
Dateigröße
823 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
fußballverein, dynamo, dresden, leistungssport
Arbeit zitieren
Stefan Blankenhagen (Autor), 2010, Der Fußballverein Dynamo Dresden. Leistungssport in der DDR, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/155725

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