Prüfungsangst bei Kindern und Jugendlichen


Examensarbeit, 2010
80 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition grundlegender Begriffe
2.1 Definition von Angst
2.1.1 Angst und Furcht
2.1.2 Die Trait- und State-Komponente der Angst

3. Theorien der Angstentstehung
3.1 Psychoanalytische Theorie
3.1.1 Freuds Theorie der Angstneurose
3.1.2 Freuds Signaltheorie der Angst
3.2 Lerntheoretische Angsttheorie
3.2.1 Klassische Konditionierung von Angst
3.2.2 Operante Konditionierung von Angst
3.2.3 Zwei-Faktoren-Theorie von Mowrer
3.2.4 Die Trieb-Habit-Theorie von Spence und Taylor
3.2.5 Modellernen
3.3 Kognitive Angsttheorien
3.3.1 Die Angstverarbeitungstheorie von Lazarus
3.3.2 Die Angstkontrolltheorie von Epstein
3.4 Neurobiologische Modelle der Angstentstehung

4. Klassifikation von Ängsten

5. Prüfungsangst
5.1 Definition von Prüfungsangs t
5.2 Diagnostische Einordnung der Prüfungsangst
5.3 Symptomatik der Prüfungsangst
5.3.1 Körperliche Symptome
5.3.2 Seelische Symptome
5.3.3 Geistige Leistungsfähigkeiten
5.3.4 Verhaltensstörungen

6. Ursachen von Prüfungsangst
6.1 Prüfungsangst und elterlicher Erziehungsstil
6.2 Prüfungsangst und frühere Erfahrungen
6.3 Schulische Einflusse
6.4 Sozio - kulturelle Bedingungen
6.5 Einstellungen der Hoch- und Niedrig-Prüfungsängstlichen
6.5.1 Einstellung der Hochängstlichen
6.5.2 Einstellung der Wenig-Prüfungsängstlichen

7. Prüfungsangst und Leistungen
7.1 Yerkes-Dodson-Gesetz
7.2 Der Ansatz von Mandler und Sarason
7.3 Der Ansatz von Wine
7.4 Erklärungsansatz von Jacobs und Strittmatter

8. Bedingungen für die Beeinträchtigung bzw. Förderung der Leistung durch Prüfungsangst
8.1 Kompetenz
8.2 Angststärke
8.3 Schwierigkeitsgrad von Aufgaben
8.4 Prüfungsroutine

9. Messungen von Prüfungsangst
9.1 Die Selbsteinschätzung
9.2 Die Fremdeinschätzung
9.3 Die apparativen Messungen

10. Empirische Befunde

11. Präventions- und Interventionsmöglichkeiten bei Prüfungsangst
11.1 Angstbewältigung nach psychoanalytischer Theorie
11.2 Angstbewältigung nach verhaltenstherapeutischen Ansätzen
11.2.1 Systematische Desensibilisierung
11.2.2 Modeling
11.3 Coping - Angstbewältigung aus kognitionstheoretischer Sicht
11.3.1 Die Rational-Emotive Therapie von Ellis
11.3.2 Selbstinstruktionen
11.3.3 Mentales Training
11.4 Entspannungstechniken
11.4.1 Progressive Muskelentspannung
11.4.2 Autogenes Training
11.5 Optimale Prüfungsvorbereitung
11.5.1 Planung des Lernprozesses
11.5.2 Arbeitsorganisation
11.5.3 Effektive Lernmethoden und Lerntechniken

12. Schulische Präventions- und Interventionsmöglichkeiten
12.1 Lehrerverhalten und Lehrer-Schüler-Interaktion
12.2 Unterricht
12.3 Kooperation und Kommunikation zwischen Lehrern und Eltern

13. Schlussbetrachtung

14. Literatur

1. Einleitung

Angst gilt als alltägliches Phänomen im Leben des Menschen und ist seit langem Gegenstand philosophischer, religiöser und psychologischer Überlegungen.

In der heutigen leistungsorientierten Gesellschaft sind Prüfungsängste von großer Bedeutung. Sowohl berufliche als auch soziale Positionen werden vorwiegend aufgrund von Leistung vergeben, die hauptsächlich durch Prüfungen ermittelt wird (Weiß, 1997). Die Prüfungsangst ist eine Angst vor der Bewertung der persönlichen Leistungsfähigkeit, die auf der einen Seite einen förderlichen Charakter haben kann oder auf der anderen Seite durch eine Blockierung einen hemmenden Charakter einnehmen kann.

Um die Prüfungsangst zu verstehen, war es für mich wichtig, zu Beginn dieser Arbeit auf das Entstehen der Angst einzugehen. Dabei sind unterschiedliche Ansätze zu berücksichtigen, die die Angstentstehung unter verschiedenen Voraussetzungen beleuchten.

Im weiteren Verlauf wird auf die Prüfungsangst und ihre Merkmale eingegangen. Es wird den Fragen nachgegangen, wie sich Prüfungsangst äußert, wie sie entsteht, welche Ursachen dahinter stecken und vor allem welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Es muss berücksichtigt werden, dass die Prüfungsangst eine Emotion ist, die sich bei jedem Individuum anders auswirkt und durch verschiedene Situationen und persönliche Merkmale beeinflusst wird. Wichtig für mich ist es, die verschiedenen Einstellungen von Hoch- und Niedrigprüfungsängstlichen zu verdeutlichen sowie aufzuzeigen, dass es eine hemmende und eine förderliche Prüfungsangst gibt.

Da nachweislich ein hoher Zusammenhang zwischen Prüfungsangst und Leistung besteht, werde ich mich im siebten Kapitel mit diesem Thema befassen. Es werden die wichtigsten Modelle dargestellt, die leistungsfördernde bzw. leistungshemmende Wirkung der Angst zeigen.

Im nächsten Kapitel der Arbeit werden wesentliche Präventions- und Interventionsmaßnahmen, unter besonderer Bezugnahme auf die im dritten Kapitel aufgeführten psychologischen Positionen zur Angstentstehung, vorgestellt. Dabei konzentriere ich mich besonders auf Interventionsmöglichkeiten, die im schulischen Bereich einsetzbar sind.

Da Lehrer auf Angstgefühle ihrer Schüler als Ursachenfaktor für Lern- und Prüfungsprobleme achten sollen, ist es deshalb notwendig, sich mit dem Phänomen der Angst im Kontext der Schule zu befassen. Es werden sowohl nähere Ausführungen zum Lehrerverhalten, dem Unterricht und zur Leistungsbewertung gemacht als auch Lern- und Arbeitstechniken sowie Entspannungstechniken aufgezeigt.

Aus meiner Sicht erscheint es mir als zukünftige Lehrerin wichtig, sich mit dem Thema Prüfungsangst intensiv auseinanderzusetzen, um dann im Berufsleben zu versuchen, den Schülern nicht nur Wissen mit auf den Weg zu geben, sondern auch Kompetenzen im Umgang mit Stress und Belastungen zu vermitteln. Meiner Meinung nach kann nur ein angstfreies Lernen die Aufnahmebereitschaft und Kreativität von Kindern und Jugendlichen garantieren.

2. Definition grundlegender Begriffe

2.1 Definitionen von Angst

Angst ist ein Phänomen, das etwa so alt ist wie die Menschen selbst. Jeder Mensch kennt dieses Gefühl. Es gehört zum Menschsein dazu, genauso wie Trauer, Ärger, Freude und Hoffnung (Morschitzky, 2002, S. 1). In der Vorzeit warnte Angst die Menschen vor konkreten lebensbedrohlichen Gefahren und ermöglichte ihnen, sich auf Flucht oder Kampf einzustellen. Auch heute noch ist Angst überlebensnotwendig, weil sie eine Schutzfunktion einnimmt und den Menschen vor Gefahren warnt. Der Mensch selbst nimmt dieses Gefühl und die auftretenden Begleiterscheinungen jedoch eher negativ wahr.

Obwohl der Begriff „Angst“ aufgrund seiner Alltagsnähe intuitiv leicht verständlich erscheint, existieren verschiedene Definitionen zu diesem Konstrukt.

Das Wort „Angst“ ist verwandt mit dem lateinischen „angustus“ und bedeutet „eng“, „beengend“, „die freie Bewegung hindernd“ (Menge & Güthling, 1965, zit. nach Dorsch, 2004, S. 7).

Im Psychologischen Wörterbuch definiert Dorsch (2004) Angst als „ein mit Beengung, Erregung, Verzweiflung verknüpftes Lebensgefühl, dessen besonderes Kennzeichen die Aufhebung der willensmäßigen und verständnismäßigen ‚Steuerung’ der Persönlichkeit ist. Man sieht in der Angst auch einen aus dem Gefahrenschutzinstinkt erwachsenen Affekt, der, teils in akutem Ausbruch (dem Schreck) verwandt, teils in schleichend - quälender Form eine elementare Erschütterung bewirkt“ (Dorsch, 2004, S. 44).

Eine bündige Definition, die den kognitiven Aspekt der Angst berücksichtigt, geben Hackfort und Schwenkmetzger (1985):

„Angst ist eine kognitive, emotionale und körperliche Reaktion auf eine Gefahrensituation bzw. auf die Erwartung einer Gefahren – oder Bedrohungssituation. Als kognitive Merkmale sind subjektive Bewertungsprozesse und auf die eigene Person bezogene Gedanken anzuführen… Emotionales Merkmal ist die als unangenehm erlebte Erregung, die sich auch in physiologischen Veränderungen manifestieren und mit Verhaltensänderungen einhergehen kann“ (Hackfort & Schwenkmetzger, 1985, S. 19).

Angst als Affekt kennzeichnet ein psychophysisches Reaktionsmuster, neben dem Angstgefühl sind auch verschiedene somatische und vegetative Symptome zu beschreiben: Herzklopfen, Hitzewallungen oder Kälteschauer, Tremor (Zittern), trockener Mund, Missempfindungen in der Brust und im Magen, Atembeschwerden, Beklemmungsgefühle, Schwindel, sowie Wahrnehmungsunsicherheit (Resch et al., 1999, S. 358).

Zusammenfassend ist hier zu sagen, dass der Begriff „Angst“ kein einheitliches Phänomen ist, sondern ein komplexes Thema mit unterschiedlichen Konzepten.

2.1.1 Angst und Furcht

In vielen psychologischen Ansätzen wird es versucht, zwischen Angst und Furcht zu unterscheiden. Beide Begriffe werden als gefahrenbezogene Emotionen verstanden.

Bei Freud (1926) steht Angst im Zusammenhang mit „Erwartung“, ist also auf die Zukunft gerichtet, unbestimmt und objektlos. Furcht ist auf ein Objekt gerichtet. Freud nennt die Furcht auch „Realangst“, im Gegensatz zur „neurotischen Angst“ (zit. nach Sörensen, 1993, S. 12).

Nach Izard (1981) bezeichnet Angst ein Muster oder eine Kombination aus verschiedenen Emotionen. Eine Emotion ist für Izard ein Gefühlszustand, mit dem bestimmte Kognitionen und Handlungs­tendenzen assoziiert sind. Furcht ist die zentrale, d.h. am intensivsten erlebte, Emotion in diesem Muster. Affekte wie Schmerz und affektiv-kognitive Strukturen wie Schuld-Aggression, Schüchternheit oder Scham bilden weitere Komponenten, die jeweils mit Furcht zusammen auftreten können. Für Izard besteht der Unterschied zwischen Angst und Furcht in bestimmten strukturellen Merkmalen. Die Mehrzahl der Forscher unterscheidet Angst und Furcht allerdings nicht nach diesen strukturellen, sondern eher nach funktionalen Gesichtspunkten (zit. nach Krohne, 1996, S. 8).

Laut Epstein bezieht sich Furcht auf Situationen, in denen die Gefahrenquelle eindeutig und klar auszumachen ist (Epstein, 1973, S. 215); Angst bezieht sich

dagegen auf die Situationen, in denen Reize mehrdeutig und unbestimmt sind, so dass die Person nicht in sinnvoller Weise auf die angezeigten Bedrohungen reagieren kann (Krohne, 1996).

Von Furcht spricht man, wenn die aversive Situation vorhersehbar und eher zu bewältigen ist, von Angst bei unvorhersehbaren und nicht zu bewältigenden Situationen.

Diese terminologische Differenzierung wird von einigen Autoren abgelehnt und die beiden Begriffe werden als austauschbar angesehen, da die Unterscheidungskriterien einen kontinuierlichen Übergang als sinnvoller erscheinen lassen als zwei qualitative emotionale Zuständlichkeiten (Lukesch, 1992).

Da Angst- und Furchtzustände die gleichen Merkmale der Spannung, Betroffenheit und autonomen Erregung besitzen, werden sie in der neuen humanpsychologischen Forschung unter dem Oberbegriff der Zustandsangst (state anxiety) zusammengefasst (Fröhlich, 2002).

2.1.2 Die Trait- und State-Komponente der Angst

In diesem Zusammenhang hat es sich in der Forschung durchgesetzt, einen zeitlich relativ kurzen, emotionalen Zustand des Organismus, genannt Zustandsangst (state), von einer Verhaltensdisposition, der Eigenschaftsangst (trait), begrifflich zu trennen (Krohne, 1976, S. 20). Diese Unterscheidung geht auf Spielberger zurück, der die trait- und state-Angst folgendermaßen definiert: „The trait anxiety factor is interpreted as measuring stable individual differences in unitary [...] (and) the state anxiety factor [...] defining a transitory state or condition of the organism which fluctuates over the time“ (Spielberger, 1966, zit. nach Scholz, 1995, S. 13). Angst kann auftreten als Zustandsangst oder als Ängstlichkeit im Sinne einer relativ stabilen Bewertungs- und Verhaltensdisposition. d.h. als Persönlichkeitsmerkmal.

Die Zustandsangst stellt einen momentanen emotionalen Zustand dar, welcher durch An­spannung, Besorgtheit, Nervosität, innere Unruhe und Furcht vor zukünftigen Ereignissen gekenn­zeichnet ist.

Dabei kann die Zustandsangst als eine spezifische Konstellation „subjektiver, physiologischer und verhaltensmäßig-motorischer Merkmale“ beschrieben werden, die sich beispielsweise in der Schlagfrequenz des Herzens, der Atemfrequenz, im Zittern der Stimme, Schweißausbruch, Tränen, einer verkrampften Körperhaltung usw. bemerkbar macht (Scholz, 1995).

State - Angst ist für Spielberger etwas Vorübergehendes. Dieser Angstzustand tritt als Reaktion auf bedrohliche Stimuli auf und wird vermindert, wenn die Bedrohung nicht mehr besteht.

Angst als Eigenschaft, Trait-Angst, sei nach Spielberger eine erworbene, zeitstabile Verhaltensdisposition, welche bei einem Individuum zu Erlebens- und Verhaltensweisen führt, eine Vielzahl von objektiv wenig gefährlichen Situationen als Bedrohung wahrzunehmen. Auch wenn diese objektive Bedrohlichkeit nicht besteht, wird mit einem Anstieg der Zustandsangst reagiert (Sörensen, 1993).

Trait-Angst ist ein relativ überdauernder individueller Unterschied in Bezug darauf, wie Menschen ihre Umwelt wahrnehmen und auf sie reagieren.

Beziehungen zwischen der Neigung, in selbstwertbezogenen Situationen Bedrohli­ches zu sehen (z.B. in Erwartung prüfungs­ähnlicher Erfahrungen) und der Intensität ma­nifester Zustandsangst lassen sich mit dem State-Trait-Anxiety-Inventory (STA1) auf der erlebnisdeskriptiven Ebene darstellen. Daneben existieren zahlreiche situationsspezi­fische Verfahren, z. B. zur Ermittlung der Prü­fungsangst u.a. (Fröhlich, 2002).

3. Theorien der Angstentstehung

Die verschiedenen psy­chologischen Angsttheorien unterscheiden sich hinsichtlich der Annahmen über die Ent­stehung und die Wirkung der Angst, ihres Situationsbe­zugs und der Herleitung von Interventions­- bzw. Therapiekonzepten beträchtlich vonein­ander.

Diese Vielfältigkeit der Theorien deutet bereits auf ein globales Dilemma hin. Angst ist als Phänomen zu vielschichtig, um sie erschöpfend in einer Theorie zu behandeln. Daher können einzelne Theorien auch immer nur einzelne Aspekte der Angstentstehung und des Angsterlebens hervorheben, was zwangsläufig eine Kritik der Einseitigkeit der meisten Theorien berechtigt. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass sich Elemente aus einem Ansatz häufig auch in den anderen Gruppen wiederfinden.

Im Weiteren werden Ansätze behandelt, in denen die Auslösung der Emotion Angst und die Konsequenzen dieses emotionalen Zustandes für das Erleben und Verhalten aus bestimmten Annahmegefügen heraus erklärt werden.

3.1 Die Psychoanalytische Angsttheorie

S. Freud (1856-1939), der Begründer der Psychoanalyse, hat entscheidend zur Theoriebildung der Angst beigetragen. Im Verlauf seines wissenschaftlichen Arbeitens hat er unterschiedliche Auffassungen über die Angst vorgeschlagen. Häufig werden zwei Angsttheorien von Freud unterschieden. Die „erste Angsttheorie“ hat Freud schon früh in seinem wissenschaftlichen Arbeiten in einer kürzeren Schrift „Über die Berechtigung, von der Neurasthenie einen bestimmten Symptomkomplex als Angstneurose abzutrennen“ (1895) dargelegt. Seine „zweite Angsttheorie“, die wesentliche Aspekte der ersten Theorie modifiziert, ist besonders in seinem Werk „Hemmung, Symptom und Angst“ (1926) entwickelt worden (zit. nach Krohne, 1996, S. 155).

Generell ist Angst für Freud ein Affektzustand, der aus einer Erregungssteigerung, aus Reaktionen zur Abfuhr dieser Steigerung, aus der Wahrnehmung dieser Erregung und ihrer Abfuhr besteht. Abfuhrreaktionen wären etwa Störungen im

Herzschlag- und Atemrhythmus, Schweißausbrüche sowie motorische Unruhe (Zittern und Schütteln). Dieser Verlaufsmuster soll typisch für den Affektzustand der Angst sein und diesen von anderen Affekten, wie z.B. Trauer, unterscheiden (Krohne, 1996, S. 155).

3.1.1 Freuds Theorie der Angstneurose

Nach Freuds erster Angsttheorie, in der er sich mit der „Angstneurose“ befasste, entsteht Angst durch die Unterdrückung unbewusster Impulse, d.h. nicht entladene Libido führt zur Verdrängung und wird in Angst umgewandelt (Sörensen, 1993). Freud sah Angst als eine Reaktion des Organismus auf nicht verkraftbare Erregung, die durch Blockierung der Erreichung von Triebzielen (z.B. durch Vereitelung des Orgasmus) bzw. durch den seelischen Schmerz bei drohendem Verlust eines triebbesetzten Objekts (z.B. eines geliebten Menschen) ausgelöst wird (Fröhlich, 2002).

Zu den wichtigsten Symptomen der Angst zählt Freud folgende (zit. nach Dimitriadis, 1986):

1. Allgemeine Reizbarkeit. Diese weist auf den jeweiligen Erregungszustand hin. Gesteigerte Reizbarkeit führt zur erhöhten Erregung und kann ein Hinweis dafür sein, dass die Fähigkeit, angestaute Erregung zu ertragen, nicht vorhanden ist.
2. Ängstliche Erwartung. Damit ist die Tendenz zur pessimistischen Beurteilung einer Situation gemeint. Die unbegründbare Ängstlichkeit kann von dem Betroffenen als zwanghaft erkannt werden. Gewissensangst, Skrupellosigkeit oder Pedanterie sind weitere mögliche Ausdrucksformen der ängstlichen Erwartung:
3. Angstanfall. Zu den wichtigsten Formen des Angstanfalls zählt Freud Störungen der Herztätigkeit und der Atmung, Schweißausbrüche, Heißhunger, Schwindel sowie nächtliches Aufschrecken (pavor nocturnus).
4. Schwindel. Schwindelanfällen folgen oft starke Angst, Herz- und Atemstö-rungen sowie Ohnmachtsanfälle.
5. Störungen der Verdauungstätigkeit. Dazu gehören Brechneigung, Heißhunger und Harndrang.
6. Empfindungsstörungen. Schmerzempfindlichkeit und Tendenz zu Halluzina-tionen.
7. Phobische Symptome: chronische Ängstlichkeit, ängstliche Erwartung, sowie Neigung zu Schwindelanfällen.

Wenn sich eine Person unfähig fühlt, bestimmte Aufgaben zu bewältigen, entsteht Angst als ein Affektzustand mit physiologischen, verhaltensmäßig-motorischen und subjektiven Komponenten. Sind diese Aufgaben in der Umwelt des Individuums zu lokalisieren, spricht man von einer „normalen“ Angst. Neurotische Angst entsteht dagegen aus innerer Erregung und führt im Individuum zu einem zeitlich erheblich länger erstreckten, erhöhten Niveau des Angstaffektes. Unbefriedigende Sexualpraktiken verursachen eine Anhäufung sexueller Aufregung, die bei der ungenügender oder fehlender Abfuhrmöglichkeiten zur Angstneurose führen.

3.1.2 Freuds Signaltheorie der Angst

Die zweite Angsttheorie Freuds wird häufig als „Signaltheorie“ der Angst bezeichnet. Sie besagt, dass Angst als Gefahrensignal der wahrnehmenden und bewusst handelnden (kognitiven) Instanz der Persönlichkeit, des Ichs, dient. Diese zweite Angsttheorie setzt nicht mehr verdrängte Sexualerregung als Ursache der Angstentstehung voraus, sondern umgekehrt ist Angst jetzt die kognitive Reaktion auf die Erwartung des Eintretens einer Gefahrensituation (Sörensen, 1993, S. 12; Krohne, 1996, S. 158).

Freud unterscheidet dabei drei verschiedene Formen von Ängsten:

Die „Realangst“ wird ausgelöst, wenn das Individuum Umweltvorgänge wahrnimmt, die als eine äußere, bedrohliche Gefahr gesehen werden und eine Beeinträchtigung des Organismus erwarten lassen. Realangst ist eng mit dem Fluchtreflex verbunden und dient dem Selbsterhaltungstrieb. Angstbereitschaft kennzeichnet jeden Organismus und äußert sich durch erhöhte sensorische Aufmerksamkeit und motorische Erregung. Im Angstaffekt sieht Freud die Wiederholung eines während des Geburtsaktes entstandenen Eindruckes. Dieser Eindruck ist des Menschen erstes Angsterlebnis (Dimitriadis, 1986).

Als „neurotische Angst“ bezeichnete Freud intensive, quälende, unbeherrschbare, relativ überdauernde Formen der Angst, die mit manifesten oder

symbolischen Tendenzen zu Flucht, Vermeidung und somatischen (autonomen) Veränderungen einhergehen (Fröhlich, 2002). Sie entsteht, wenn das Ich Triebregungen aus dem eige­nen Organismus, genauer aus dem Es als der Bedürfnis- oder motivationalen In­stanz der Persönlichkeit, wahrnimmt, deren Realisierung eine Gefährdung des Organismus erwarten las­sen (Krohne, 1996). Charakteristisch für die neurotische Angst ist ein Zustand ängstlicher Erwartung und innerer Unruhe. Menschen, die unter neurotischer Angst leiden, ahnen oft Schreckliches voraus und tendieren zu pessimistischen Situationsbeurteilungen (Dimitriadis, 1986).

Als eine andere Form der Angst beschreibt Freud die Phobie. Laut dem Psychoanalytiker sind Phobien eine Abwehr gegen Angst, die durch die Verdrängung von Trieben entsteht. Sie ist im Gegensatz zu der neurotischen Angst an bestimmte Objekte oder Situationen gebunden, z. B. Angst vor Tieren, offenen Plätzen, Gewitter etc. (Sörensen, 1993).

Der psychoanalytische Ansatz Freuds sieht in der Unterdrückung von sexueller Spannung die Ursachen von neurotischer Angst. Er verfolgt in seiner zweiten Angsttheorie, der Signaltheorie, den Ansatz einer direkten Angsterzeugung durch unterdrückte Triebimpulse. Hier wird Angst zum Signalgeber, der den Organismus vor Gefahren warnt.

3.2. Lerntheoretische Angsttheorie

Im Vordergrund der lerntheoretischen Modelle steht, erstens, die Erforschung der Lernprozesse, die für die Entstehung und Aufrechterhaltung der Ängste verantwortlich sind. Zweitens, liegt der Schwerpunkt auf der Erfassung und der Beschäftigung mit der Angstreaktion selbst, dem Angstverhalten. Als Angstreaktion wird meistens das motorische Flucht- und Vermeidungsverhalten untersucht, weil sie gut beobachtbar und messbar sind (Sedlmayr-Länger, 1985).

Die behavioristische Theorie vertritt die Auffassung, dass Angst – wie jedes menschliche Verhalten – durch Lernen entsteht.

Lernen vollzieht sich nach dem Modell des Konditionierens. Konditionieren bedeutet das Herstellen einer bedingten Reaktion. Es werden in der Regel zwei

Arten von bedingten Reaktionen unterschieden: das klassische und das operante (instrumentelle) Konditionieren (Krohne, 1996).

3.2.1 Klassische Konditionierung von Angst

Beim klassischen Konditionieren wird die Reaktion eines Reflexes mit einem bis dahin hinsichtlich der Reflexauslösung neutralen Reiz verbunden.

Es genügt die ein- oder mehrmalige raum-zeitliche Paarung eines zuerst neutralen Reizes (konditionaler Stimulus) mit einem aversiven Reiz (unkonditionaler Reiz), um auf den zuerst neutralen Reiz dieselbe Angstreaktion (konditionierte Reaktion) auszulösen wie auf den aversiven Reiz (Lukesch, 1992).

Es kann dabei auch zu einer Ausbreitung des Auftretens von Angstreaktionen auf ähnliche Reize oder Situationen erfolgen, wie sie bei dem Konditionierungs-vorgang präsent waren (Generalisation).

Nach Meinung der Lerntheoretiker sei Angst ein erlernter Triebreiz auf der Grundlage einer angeborenen Neigung des Menschen, Schmerz vermeiden zu wollen, deswegen lernen die Menschen aus den Konsequenzen ihrer Handlungen (Sörensen, 1993).

Wie die klassische Konditionierung von Angst bei Menschen funktioniert, verdeutlichen Watson und Rayner (1920) am Experiment mit dem kleinen Albert. Vor dem Experiment zeigte der elfmonatige Albert keinerlei Angstreaktionen gegenüber Tieren. Wurde ihm jedoch eine Ratte gezeigt und gleichzeitig hinter seinem Kopf ein lauter Ton erzeugt, zuckte Albert zusammen und fing an zu weinen. Dieser Vorgang wurde siebenmal in einer Woche durchgeführt. Kurz danach begann Albert bereits nach Anblick der Ratte sofort zu weinen. Der ursprünglich neutrale Stimulus Ratte war innerhalb einer Woche zu einem konditionierten, angstauslösenden Reiz geworden. Die Konditionierung von Angst hatte noch einen anderen Effekt: Kaninchen, Hunde, Pelzmantel und alle pelzartige Objekte lösten beim kleinen Albert eine Angstreaktion aus. Es kam zu einer Reizgeneralisierung, oder, wie Watson und Rayner es ausdrücken, zu „einem emotionalen Transfer“, bei dem der angstauslösende Reiz in andere ähnliche Stimuli übertragen wurde (zit. nach Dimitriadis, 1986, S. 7).

3.2.2 Operante Konditionierung von Angst

Beim operanten Konditionieren spielt die momentane Bedürfnis- oder Antriebsstärke des zu konditionierenden Organismus eine wesentliche Rolle. Das Verhalten eines Lebewesens wird von den Konsequenzen gesteuert: „Wenn eine Reaktion, wie auch immer die Bedingungen ausgehen mögen, die zu ihr geführt haben – von einer Verstärkung gefolgt wird, erhöht dies die Wahrscheinlichkeit, dass die Reaktion später unter ähnlichen Umständen wieder auftritt.“ (Skinner, 1953,zit. nach Lefrancois, 1986 ).

Nach den Prinzipien des operanten Konditionierens werden Angstreaktionen aufgrund der diesen Reaktionen unmittelbar folgenden Konsequenzen gelernt oder verlernt.

Skinner (1953) vertritt die Meinung, dass Angst wie auch andere psychische Störungen sich nach den gleichen Gesetzmäßigkeiten entwickeln wie das normale Verhalten. Angstverhalten unterscheidet sich von dem normalen bezüglich Häufigkeit, Umfang und sozialer Angepasstheit (zit. nach Lefrancois, 1986). Besonders wichtig ist in diesem Zusammenhang den Begriff „Verstärker“ zu nennen, darunter versteht man alle Umweltreaktionen oder Reize, die das Verhalten in irgendeiner Weise beeinflussen. Grundsätzlich unterscheidet man vier Verstärkungsformen (Dimitriadis, 1986):

- Positive Verstärkung: Darbietung eines angenehmen Reizes, bei dem die Häufigkeit des Auftretens einer bestimmter Verhaltensweise zunimmt (z. B. Lob);
- Negative Verstärkung: bezieht sich auf das Entfernen eines unangenehmen Reizes (z. B. das Beseitigen von übelriechenden Substanzen, unangenehmen Tönen oder physischen Beschwerden);
- Bestrafung: beschreibt den Vorgang der Darbietung eines unangenehmen Reizes, bei dem die Häufigkeit des Auftretens einer bestimmter Verhaltensweise abnimmt (z. B. Strafmaßnahmen für das kindliche Fehlverhalten);
- Löschung: bezieht sich auf das Entfernen eines angenehmen Reizes, bei dem die Häufigkeit des Auftretens der zuvor erfolgten Verhaltenweise abnimmt (z. B. elterliche Ignoranz gegenüber dem weinendem Kind).

3.2.3 Zwei-Faktoren-Theorie von Mowrer

Die Zwei-Faktoren-Theorie von Mowrer (1960) versucht in der Kombination von klassischem und operantem Konditionieren Ängste zu erklären. In der ersten Phase kommt es durch klassische Konditionierung zur Verknüpfung eines neutralen Reizes mit einem aversiven Reiz, so dass der ursprünglich neutrale Reiz zum konditionierten Reiz wird, d.h. als Angstauslöser wirkt (Sörensen, 1993, S. 31). Im Verlauf können die konditionierten Stimuli generalisieren, d.h. immer mehr Reize können die Angst auslösen.

In einer zweiten Phase werden nach dem Paradigma des instrumentellen Konditionierens Flucht- und Vermeidungsreaktionen gelernt. Mit dem Fliehen oder Vermeiden von Angstauslösenden Reizen (Situationen, Orte, Objekte oder Personen) wird das Angstgefühl reduziert oder beendet. Das entspricht einer negativen Verstärkung mit der das Vermeidungsverhalten belohnt und dadurch aufrechterhalten wird (Petermann, 2005, S. 258).

Das akute Angstempfinden wird dadurch reduziert, verschwindet dennoch nicht völlig.

3.2.4 Die Trieb-Habit-Theorie von Spence und Taylor

Die von Spence (1958) und Taylor (1956) konzipierte „Trieb-Habit-Theorie“ setzt sich mit dem Zusammenhang zwischen Angst und Leistung auseinander. Im Zentrum der Theorie steht die Vorhersage von Unterschieden des Leistungsverhaltens von hoch- und niedrigängstlicher Personen unter Berücksichtigung spezifischer Aspekte der Struktur der zu lösenden Aufgabe (Krohne, 1996).

Angst wird hier definiert als ein erworbener, Energie mobilisierender Antrieb. Demnach verbindet sich die Triebstärke als motivierende Kraft mit der Habitstärke, dem Ausmaß der Gewohnheit einer Reaktion, und lässt das Reaktionspotential (Sörensen, 1993). Daraus ergibt sich für große Angst eine leistungsfördernde Wirkung: Menschen mit hoher Angstneigung ler­nen einfache Reaktionen wesentlich rascher als Menschen mit geringer Angstneigung. Bei einfachen Aufgaben bewirkt ein erhöhtes Triebniveau die rasche Herausbildung einer Reaktionsgewohnheit (Habit); bei schwereren, komplexeren Aufgaben (z.B. Ler­nen von alternativen Reaktionen, einer Liste von Wortpaaren) dagegen sind Hochängstliche den Niedrigängstlichen unterlegen. Bei komplexen Aufga­ben mit Reaktionsalternativen dagegen weckt ein hohes Triebniveau während des Lernens Tendenzen sowohl zur Ausführung richtiger als auch falscher Reaktionen, zwischen denen entschieden werden muss (Habitinterferenz) (Fröhlich, 2002).

3.2.5 Modelllernen

Ebenfalls wichtig für das Verständnis der Entwicklung von Ängsten bzw. Prüfungsängsten erscheint die Modelllerntheorie (Bandura, 1974). Lernen am Modell ist die von Albert Bandura eingeführte Bezeichnung für einen kognitiven Lernprozess, der vorliegt, wenn ein Individuum als Folge der Beobachtung des Verhaltens anderer Individuen sowie der darauffolgenden Konsequenzen sich neue Verhaltensweisen aneignet oder schon bestehende Verhaltensmuster weitgehend verändert (zit. nach Elbing & Ellgring, 1977, S. 3). Das Konzept des Modellernens erlaubt eine komplexere Betrachtung des sozialen Umfeldes und berücksichtigt Kognitionen, Selbstregulationsmechanismen und soziale Bewertungen von Konsequenzen . Modellernen äußert sich nach Bandura in drei Vorgängen: Erwerb neuer Verhaltensweisen (modeling effect), Stärkung bzw. Schwächung vorhandener Verhaltensweisen (disinhibitory and inhibitory effect), Auslösung von Verhalten durch das Modell (facilitation). Diese Vorgänge sind auch bei der Reduktion von Prüfungsangst in der Schule von Bedeutung. Kinder, die beobachten, wie wichtige Bezugspersonen in sozialen oder Leistungssituationen mit Angst reagieren, lernen diese Reaktionen und entwickeln dadurch Prüfungsängste. Besonders gefährdet sind Kinder, die durch die Abwesenheit eines erfolgreichen Modells nie die Möglichkeit haben, einen kompetenten Umgang mit Leistungssituationen zu beobachten. Ihnen dürfte es schwer fallen, angemessene Bewältigungsstrategien zu entwickeln (Elbing & Ellgring, 1977).

Es dürfte auch von Interesse sein, welches Erziehungsverhalten, welches Schulklima, welche Eigenschaften von Lehrern zu Erfahrungen führen, die mitverantwortlich sind, dass ein Kind lernt, Prüfungen als bedrohlich einzuschätzen?

3.3 Kognitive Angsttheorien

Im Zentrum kognitions- und handlungstheoretischer Ansätze stehen bestimmte kognitive Strukturen und Aktivitäten, die als Vermittler zwischen Umweltveränderungen und Verhalten auftreten. Die kognitiven Angsttheorien verstehen Angst als Emotion im Sinne eines physiologischen Erregungszustandes und analysieren primär die mit den Ängsten verknüpften Erwartungen und Bewertungen.

Für Lazarus ist jede emotionale Reaktion, so auch die Angst, die Fol­ge einer Bewertung der Situation und ihrer möglichen Bewältigung durch Umdenken oder Handeln. In dem von Spielberger ent­wickelten Prozessmodell gehen aktuelle Angstzustände ebenfalls von der Bewertung der Si­tuation aus. Die Auftretenswahrscheinlichkeit und Intensität der Angstzustände wird allerdings von der individuellen Angstneigung moduliert, besonders wenn die Bewertung den Eindruck einer Selbstwert-Bedrohung erweckt (Fröhlich, 2002).

Im Folgenden werden exemplarisch die kognitionstheoretischen Ansätze der Angstpsychologie von Lazarus und Epstein vorgestellt.

3.3.1 Die Angstverarbeitungstheorie von Lazarus

Für Lazarus (1991) ist Angst im Kontext biologischer (physiologischer), kultureller und kognitiver Momente zu diskutieren, dabei vertritt er die Ansicht,

dass kognitive Faktoren den Prozess der Emotionsauslösung und –regulierung steuern.

Lazarus stellt Angst als Emotion dar, die er unter dem Begriff „psychologischer Stress“ zusammenfasste. Angst entsteht durch eine ganz bestimmte, mit spezifischen physiologischen Veränderungen gekoppelte Bewertung der Umweltbedingungen sowie der eigenen Handlungsmöglichkeiten und den Bestandteilen der Handlungsvorbereitung. Der Bewertungsvorgang ist dabei maßgeblich durch Situationsvariablen und durch Personenvariablen determiniert.

Beim Bewertungsvorgang unterscheiden Lazarus (1966) und Lazarus & Launier (1981) drei Formen, die jeweils unterschiedliche Funktionen haben:

1) Primäre Bewertung (primary appraisal):

Auf der Stufe der primären Bewertung schätzt das Individuum wahrgenommene Reize hinsichtlich ihrer Bedrohlichkeit ein. Hierbei sind nach dem Grad des Wohlbefindens drei fundamentale Bewertungen zu nennen. Ein Ereignis kann als irrelevant, günstig oder stressreduzierend bewertet werden . Ereignisse, die weder Gefahr noch Bedrohung ankündigen, somit auf das Wohlbefinden einer Person keinerlei Auswirkungen verursachen, werden als irrelevant bezeichnet.

Eine günstige Bewertung resultiert aus Situationen, die für Sicherheit und Entspannung sorgen. Die Person erlebt Freude und Liebe (zit. nach Dimitriadis, 1986).

Eine als stressbezogene Auseinandersetzung kann nochmals differenziert werden als

a) Schädigung – erlittene physische Verletzung oder Krankheit, Verlust von geliebten Personen, Schädigung des Selbstwertgefühls.
b) Bedrohung – antizipierte Schädigung oder Verlust. Jede bereits erlittene Schädigung ist ebenfalls mit Bedrohung verbunden, weil sie Konsequenzen für die Zukunft hat.
c) Herausforderung – mobilisiert die Energie für die Bewältigung einer Gefahrensituation, zielt aber auf Nutzen, der aus dem Ereignis gezogen werden kann, und im Gegensatz zur Bedrohung mit positiven Emotionen verbunden ist (Krohne, 1996, S. 247).

2) Sekundäre Bewertung (secondary appraisal):

In einem zweiten Bewertungsprozess wird geprüft, welche Art von Bewälti­gungsverhalten (Coping) in dieser Situation zur Verfügung steht und anwendbar ist. Auf ein in der primären Bewertungsphase als Bedrohung empfundenes Ereignis wird eine adäquate Reaktion gesucht. Beim Coping wird im Modell von Lazarus zwischen emotions- und problembezogenen Bewältigungsformen unterschieden.
Beim problembezogenen Coping handelt die Person direkt, um eine Reduktion des Problems zu bewirken. Dazu wird eine instrumentelle Tätigkeit ausgeführt (z.B. für eine Prüfung lernen).

Beim emotionalen Coping steht die Regulation der Emotionen im Vordergrund. Dies kann zum Beispiel durch Selbstverbalisation, Uminterpretation von Situationen oder der Einnahme von Beruhigungsmitteln erfolgen (Weinert, 1998).
Die Person versucht beim Coping immer einen Spannungsausgleich herzustellen.
Im Weiteren wird es zwischen vier Formen von Coping unterschieden, die entweder problem- oder emotionsorientiert ausgerichtet sind:

1. Informationssuche (Suche nach Informationen, um die Gefühlslage zu verbessern),
2. direkte Handlung (z.B. ein Buch zum Prüfungsthema lesen),
3. Unterdrückung von Handlung (z.B. nach Krebsdiagnose mit dem Rauchen aufhören),
4. intrapsychischem Coping (z.B. sich durch Selbstbeobachtung der eigenen Kompetenz vergewissern) (Schwarzer, 1993).

Coping bedeutet allerdings nicht, dass die Bewältigungsversuche auch zum Erfolg führen müssen. Es handelt sich dabei nur um einen Versuch, bei dem eine Interaktion zwischen Person und Umwelt entsteht. Welche Strategie nun angewendet wird, ist individuell sehr unterschiedlich. In einem Neu- bzw.

Wiederbewertungsprozess ("reappraisal") erfolgt die Bewertung auf der veränderten Evaluationsbasis.

3) Neubewertung (reappraisal):

Hier werden die äußeren und inneren Bedingungen noch einmal reflektiert. Die ursprüngliche Situation wird noch einmal bewertet und die Bewältigungsstrategie evaluiert. Das Ergebnis dieser Neubewertung fließt dann in die Wahrnehmung kommender Situationen ein. Wird bei dieser Neubewertung festgestellt, dass durch die ausgeführ­ten Reaktionen die angstauslösenden Ursachen beseitigt sind, so ist der Bewer­tungsprozess abgeschlossen.

Angst entsteht also im Wechselspiel zwischen den Merkmalen der Person und der Situation, die zu einer neuen Einheit, einem System, zusammenschmelzen. Dieser Prozess wird von Lazarus als Transaktion bezeichnet. Die folgende Abbildung stellt schematisch dar, wie die Angstverarbeitung nach der Theorie von Lazarus zu verstehen ist.

[...]

Ende der Leseprobe aus 80 Seiten

Details

Titel
Prüfungsangst bei Kindern und Jugendlichen
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
80
Katalognummer
V155742
ISBN (eBook)
9783640687190
ISBN (Buch)
9783640687367
Dateigröße
716 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Prüfungsangst, Kindern, Jugendlichen
Arbeit zitieren
Marina Lindekrin (Autor), 2010, Prüfungsangst bei Kindern und Jugendlichen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/155742

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