Die Mezzogiorno-Politik Italiens und dessen europäische Förderung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
30 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1. Indikatoren für die Unterentwicklung des Mezzogiorno
1.2. Ursachen der wirtschaftlichen Strukturschwäche des Mezzogiorno: ein geschichtlicher Rückblick bis zur Einigung Italiens

2. Die italienische Mezzogiornopolitik
2.1. Die Erste Phase der Mezzogiornopolitik (1950 – 1956)
2.2. Die Zweite Phase der Mezzogiornopolitik (1957 – 1965):
„gezielte Industrialisierung“
2.3. Die Dritte Phase der Mezzogiornopolitik (1965 – 1970) :
„geplante Industrialisierung“
2.4. Regionalbeispiel: Das Stahlwerk von Tarent
2.5. Die Vierte Phase der Mezzogiornopolitik (1971 – 1993):
„Entwicklung ohne Autonomie“

3. Die europäische Förderung des Mezzogiorno und die patti territoriali

4. Fazit und Schluss

Abbildungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In kaum einem anderen Staat der EU sind die regionalen Disparitäten in einem Land so groß wie in Italien. Der Mezzogiorno ist einer der ältesten Problemräume Europas, der seit den 1950er Jahren eine spezielle Förderung erhält. Er ist nicht nur der wirtschaftsräumlich periphere südliche Teil innerhalb Italiens, sondern nimmt auch innerhalb Europas eine Randlage ein. Armut, Analphabetentum, Schattenwirtschaft und extreme wirtschaftliche Rückständigkeit prägen das wirtschaftliche und soziale Leben im Mezzogiorno, während die Regionen Norditaliens als wirtschaftliches Vorbild gelten. Dieser Nord-Süd-Dualismus hat tiefe Wurzeln, die weit in die Geschichte Italiens zurückreichen.

Das Problem ist so alt wie der Staat Italien selbst.“[1]

Der Süden Italiens war vom wirtschaftlichen Wachstum Westeuropas weitgehend ausgeschlossen und ist es zum Teil bis heute. Die Unterentwicklung des Mezzogiorno wirkt sich jedoch nicht nur auf den Süden selbst aus, sondern stellt ein schwerwiegendes gesellschaftliches, politisches, soziales und vor allem wirtschaftliches Problem für das ganze Land dar.

1.1. Indikatoren für die Unterentwicklung des Mezzogiorno

Die Kennzeichen der Strukturschwäche des Mezzogiorno kann man an verschiedenen Indikatoren ablesen (Abb. 1). Anhand der Tabelle kann man erkennen, dass mehr als ein Drittel der Bevölkerung im Mezzogiorno lebt, jedoch weniger als ein Viertel zum italienischen Volkseinkommen beiträgt. Das Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner lag 2004 bei nur knapp 56 % des im übrigen Italien erreichten. Die Regionen Kalabrien und Basilicata waren in den 1970er Jahren sogar die ärmsten ganz Europas. Zudem hat sich trotz intensiver Regionalförderung das BIP pro Kopf in den letzen 60 Jahren nicht an das in Norditalien angenähert. Der Wert unterlag einem ständigen Auf und Ab, das mit der Geschichte der Regionalpolitik und der Wirtschaft verbunden ist (Abb. 2).

Auch an der Arbeitslosenquote, die im Süden des Landes fast dreimal so hoch ist wie in Mittel- und Norditalien, kann man deutlich die Disparitäten erkennen. Ein besonderes Problem stellt die hohe Jugendarbeitslosigkeit im Mezzogiorno dar, da über ein Drittel der 15- bis 24-Jährigen keine Aussicht auf Arbeit haben. Die Folgen sind Massenarmut und Abwanderungen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Ausgewählte sozioökonomische Daten für den Mezzogiorno und das übrige Italien im Vergleich

eigene Zusammenstellung und Berechnung nach Daten von ISTAT und EUROSTAT

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: BIP pro Kopf im Mezzogiorno 1951 – 1999 als %-Anteil zum übrigen Italien

Quelle: SCHRÖEDER (2004): S. 32

Des Weiteren ist das Gefälle zwischen Nord- und Süditalien auch an der Beschäftigtenstruktur erkennbar. Im tertiären Sektor arbeitet zwar immer noch ein, im Vergleich zum Rest Italiens, geringer Anteil der Beschäftigten, darunter allerdings überdurchschnittlich viele im öffentlichen Dienst, der vor allem im Verwaltungsbereich als künstlich aufgebläht gilt. Die Produktivität der Industrie ist gering und spiegelt sich auch in der Beschäftigtenzahl wider. Außerdem fehlt die Einbindung des Mezzogiorno in die europäische Wirtschaft, was sich auch in den Exportzahlen äußert. Bis heute ist immer noch ein überproportional großer Anteil der Beschäftigten in der Landwirtschaft tätig.

Der Rückstand des Mezzogiorno ist jedoch nicht nur auf die statistisch messbaren Indikatoren zurückzuführen, sondern auch auf andere Erscheinungen wie Schwarzarbeit, Steuerhinterziehung, organisierte Kriminalität, Ineffizienz der Verwaltung, fehlgeleitete Fördergelder und Korruption.

Den Mezzogiorno kann man nicht als einheitliches Problemgebiet betrachten, da aufgrund der unterschiedlichen Regionalförderungsmaßnahmen und natürlichen Gegebenheiten ein völlig unterschiedlich strukturiertes und wirtschaftlich entwickeltes Gebiet besteht. Ein Beispiel für diese Heterogenität ist die unterschiedliche Verteilung der Arbeitslosigkeit in den verschiedenen Provinzen des Mezzogiorno (Abb. 3). Während in einigen Gegenden der Abruzzen die Arbeitslosenquote 2002 bei nur 4,6 % lag, erreichte sie in der Provinz Vibo Valentina in Kalabrien bis zu 27 %. Diese Varianz des Wertes ist enorm, wenn man bedenkt, dass dieser Abstand größer ist als zwischen dem schlechtesten und besten Amtsbezirk in ganz Deutschland.[2] Dieser Faktor der Heterogenität des Mezzogiorno wurde lange Zeit bei der Planung der Regionalförderung vernachlässigt, weshalb man in der Regionalpolitik nicht differenzierte und den gesamten Mezzogiorno „gleich“ behandelte.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Arbeitslosenquoten in den Provinzen des Mezzogiorno (Jahresdurchschnitt 2002)

Quelle: SCHRÖDER (2004): S. 31

Trotz jahrelanger intensiver nationaler und europäischer Förderung ist der wirtschaftliche Rückstand des Mezzogiorno zum übrigen Italien geblieben. Doch wieso gilt dieser Teil Italiens als ewiger Patient? Wieso ist er trotz intensiver Fördermaßnahmen immer noch nicht so weit entwickelt wie das restliche Italien? Will man die Ursachen für diese Unterentwicklung des Mezzogiorno herausfinden, muss man die bis in die Renaissance zurückreichende Geschichte Italiens betrachten.[3]

1.2. Ursachen der wirtschaftlichen Strukturschwäche des Mezzogiorno – ein geschichtlicher Rückblick bis zur Einigung Italiens

Die Wurzeln für die heutige Situation liegen bereits im 6. Jahrhundert. Zu dieser Zeit war ganz Italien noch ein einheitliches, von den Römern beherrschtes Gebiet mit einem einheitlichen Gesellschafts- und Wirtschaftssystem. Als die Langbarden im Norden einmarschierten, zerfiel Italien in den „barbarischen“ Süden und den langobardischen Norden. Diese Spaltung macht sich heute noch bemerkbar (Abb. 4). Die neuen Herrscher zerstörten die bis dahin bestehenden römischen Strukturen der Gutsherrschaft und führten das Lehenssystem ein. Die südliche Hälfte dagegen blieb in den alten römischen Strukturen verankert.

Im Hochmittelalter errichteten Normannen, Staufer und Anjou im Süden einen Feudalstaat mit einem effizienten Verwaltungssystem. Dieses System war so stabil, dass es bis zur Entstehung des italienischen Nationalstaats um 1860 erhalten blieb. Die Landwirtschaft war Träger der Wirtschaft, der Handel wurde vernachlässigt. Der Adel galt als Grundlage der politischen Herrschaft, wodurch sich eine bürgerliche Mittelschicht nicht entwickeln konnte. Außerdem unterlag der Süden über Jahrhunderte dauernd wechselnder Fremdherrschaft und Ausbeutung. Dadurch kehrten sich das soziale Leben und die Kultur nach innen. Hieraus resultiert auch, dass der Staat zum Teil bis heute als feindliches Herrschaftsinstrument empfunden wird, weshalb Teile der Bevölkerung auch den heutigen Fördermaßnahmen noch großes Misstrauen entgegen bringen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Historische Differenzen zwischen dem Norden und Süden Italiens

Quelle: POHL (1995): S. 152

Für die heutigen Raumstrukturen ist die Zeit des Risorgimento (Einigung Italiens) zwischen 1815 und 1870 verantwortlich. Die politische Einigung Italiens wurde von der savoyischen Dynastie, die in Piemont und auf Sardinien regierte, vollzogen (Abb. 5). Mit der Befreiung Siziliens 1860 entstand dann der italienische Nationalstaat. Diese Einigung bedeutete zwar für den Süden das Ende der bourbonischen Herrschaft, jedoch keinen wirtschaftlichen oder sozialen Aufschwung. Ganz im Gegenteil: die erwartete Landreform blieb aus, die bis dahin die Wirtschaft im Süden schützenden Zölle wurden aufgehoben, wodurch die noch jungen Industrien (v.a. um Neapel) gänzlich zusammenbrachen. Die extrem überhöhten Steuern, die dem Süden nun aufgezwungen wurden, führten zur Verarmung von weiten Teilen der Bevölkerung. Man kann sagen, dass der Süden Markt für die Industrie des Nordens war und die wirtschaftliche Entwicklung Norditaliens sonst nicht in dem Maße möglich gewesen wäre.[4]

Der Süden dagegen stagnierte in feudalistischen, rentenkapitalistischen Strukturen, wodurch die „Südfrage“ schon um 1900 zu einem wichtigen politischen Problem wurde.

Insgesamt kann man sagen, dass zwei Faktoren für die Unterentwicklung des Mezzogiorno von entscheidender Bedeutung sind. Zum einen ist dies die fundamentale Bedeutung der Landwirtschaft, zum anderen die Einigung Italiens 1861, die zwei politisch, wirtschaftlich und sozial unterschiedlich strukturierte Gebiete verband. Außerdem hatte der Norden eine ältere industrielle Tradition, mehr Erfahrungen im Kredit- und Bankenwesen, eine größere Bereitschaft für technische Neuerungen und eine nähere Lage an den Ländern, von denen die Industrielle Revolution ausging.[5]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5: Italien vor der Einigung

Quelle: Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus, Mannheim

[...]


[1] HERING (1981), S.1

[2] 2002: Freising 4 % und Neubrandenburg 24,8 %; vgl. SCHRÖDER (2004)

[3] Vgl. SCHRÖDER (2004): S.30f

[4] vgl. POHL (1995): S. 152f und TICHY (1985): S. 292f

[5] Vgl. HERING (1981): S. 38ff

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Die Mezzogiorno-Politik Italiens und dessen europäische Förderung
Hochschule
Universität Regensburg  (Institut für Geographie - Wirtschaftsgeographie)
Veranstaltung
Regionalgeographie: Wirtschaftsgeographie von Italien
Note
1,5
Autor
Jahr
2008
Seiten
30
Katalognummer
V155885
ISBN (eBook)
9783640688142
Dateigröße
1005 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mezzogiorno, Unterentwicklung, Strukturschwäche, Mezzogiornopolitik, Patti Territoriali, Europäische Förderung
Arbeit zitieren
Magistra Artium Bettina Müller (Autor), 2008, Die Mezzogiorno-Politik Italiens und dessen europäische Förderung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/155885

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Mezzogiorno-Politik Italiens und dessen europäische Förderung


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden