Über Peter Handkes "Phantasien der Wiederholung"


Hausarbeit, 2002

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Subjekt und Selbsterfahrung in der Sprache

2. Handke und das Sprachproblem

3. Handkes „Journale“
3.1. Das Prinzip des teilnehmenden Sehens
3.2. Mythos und Epiphanie

4. Die “Phantasien der Wiederholung”

5. Nachwort

6. Literaturverzeichnis

Peter Handke: Phantasien der Wiederholung

1. Subjekt und Selbsterfahrung in der Sprache

Viele Kritiker schreiben Peter Handke kaum verdeckte Züge narzißtischen Größenwahns zu. Hier sei das eingetreten, was Walser so beschrieben hat: „Der Autor ist die Botschaft“[1]. Über Handke sagte er :

Er bildet nicht Welt ab, sondern den Schmerz, den auch schon die geringste Identifikationsbewegung ihm bereitet: die Identifikation mit vorhandenen Wörtern und mit dem vorhandenen Gebrauch von Wörtern. Das tut weh. Er wäre am liebsten nur mit sich selbst identisch. Also stumm. Jetzt schreibt er und wird schreiben vom Schmerz und vom Ekel und von der Widerwärtigkeit, die er erleidet, weil er nicht der war, der die Chance hatte, als Allererster Es-werde-Licht zu sagen. Dieser Schmerz macht begreiflich, warum er, schambesessen, alles abstößt, was er nicht selber hervorbringen kann.[2]

Handke selbst vermerkt im Journal Das Gewicht der Welt in Bezugnahme auf den Mythos vom Narziß, der sich im Wasser spiegelnd, seine eigene Schönheit selbstvergessen bewundert und dabei ertrinkt:

Ob nicht vielleicht gerade das lange, ausforschende Anschauen des eigenen Spiegelbildes (und im weiteren Sinn: der von einem verfertigten Sachen) die Kraft und Offenheit zu langem, unverwandtem, sich vertiefendem Anschauen andrer geben kann?[3]

Für ihn dient Literatur primär der Selbstreflexion, sie ist „ein Vehikel seiner Selbstbewußtwerdung. Dieser Spiegelungsvorgang fungiert als eigentlicher Kontrast Handkes zur Realität. Indem er sein Ichbewußtsein in der Literatur klärt, reflektiert er seine Beziehung zur Realität, läßt er sich von der Wirklichkeit verändern.“[4] Ausgehend von seinem eigenen Empfinden sucht er nach einem „Regelwerk“, um sich selbst und andere zu verstehen. Im Aufsatz „Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms“ spricht er davon, daß es nur ein Thema für ihn gebe, nämlich über sich selbst klarer zu werden. Die „Wirklichkeit der Literatur steht im Dienst der Erhellung der wirklichen Wirklichkeit, die Handke als [seine] persönliche Wirklichkeit begreift.“[5] Literatur, die ihre (formale) Differenz zur außerliterarischen Wirklichkeit betont, erfüllt laut Handke in zweierlei Hinsicht eine bewußtseinsbildende, Ich- klärende Funktion: Einerseits mache sie auf ideologische Feststellungen und Verstellungen der empirischen Wirklichkeit aufmerksam, andererseits bringe Literatur als Alternative den Möglichkeitssinn ins Spiel, welcher dem Subjekt die ihm entzogene Welt wiedergewinnen soll. Selbsterkenntnis ist nicht nur Ziel von Handkes Schreiben, sondern auch ein Prozeß im Werk selbst.- ein Prozeß des fiktionalen und des mit in den Text gezogenen Leser- Ichs. In seinen Werken nimmt sich das fiktionale Ich nur im Gegensatz zu den anderen wahr, findet zu sich selbst nur durch Abgrenzung und Hervorhebung des Eigenen vom Allgemeinen und Anderen, gewinnt das „Ich“ erst an Bedeutung und Kontur, wenn es zu einem „Du“ spricht und erfährt sich selbst erst durch Auseinandersetzung mit der Umwelt. Im Aufsatz „Über die Subjektivität in der Sprache“ von E. Benveniste heißt es dementsprechend:

Sie [Die Subjektivität] wird nicht durch das Gefühl, das jeder von sich hat, definiert[...], sondern als psychische Einheit, welche die Gesamtheit der erlebten Erfahrungen, die sie vereint, transzendiert und die Dauerhaftigkeit des Bewußtseins garantiert.[...]Hier finden wir die Grundlage der Subjektivität, die durch den sprachlichen Status der Person bestimmt wird. Das Selbstbewußtsein ist nur möglich, wenn es sich durch einen Kontrast erfährt. Ich benutze „ich“ nur dann, wenn ich mich an jemanden wende, der in meiner Anrede ein „du“ sein wird. Ohne Kommunikation gibt es also keine Subjektivität.[...][6]

Handke möchte jemand sein, der die verdrängten und unterdrückten Wünsche und Befürchtungen seiner Epoche oder auch nur seiner „gehüpften und gesprungenen Tage[7] “ formuliert und seinen Lesern zur neuen Wahrnehmung ihres Ich- und Existenzgefühls verhilft. Schließlich würde nicht die in Chroniken festgehaltene politische Geschichte, die Geschichte der Eroberung und Machtausübung ist, sondern die in der Literatur geschilderten Verlust- und Leidenserfahrungen anderer Menschen helfen, als Medium der Selbsterkenntnis das Verhältnis des einzelnen zur Wirklichkeit zu beleuchten. Der Autor versucht, Augenblicke der Sprache festzuhalten: “Immer wieder auf die paar Momente am Tag hindenken, wo die schmerzhaft sprachlose, stammelnde Welt spruchreif geworden ist. (GW 194)“[8] Wahrnehmung des Subjekts, der Vorgang des Schreibens und der Anspruch auf Mittelung verbinden sich in den Journalen miteinander. Im Gewicht der Welt wird die Auflösung der Differenzen zwischen der “ewigen Entzweitheit zwischen einem und der Welt (GW 118) ” angestrebt, indem die eigenen, fixen Ideen in die “Mythen aller” verwandelt werden sollen: “Das Ich, das schreibend dem Mythos vieler zustrebt, ist bemüht, sich zuallererst von den Meinungen der vielen abzusetzen.”[9] Und in der Geschichte des Bleistifts (GB 152) heißt es: “jede Art Gruppe ist mein Feind”, in den Phantasien der Wiederholung (PW 92): “Wenn einer einmal ein Weltbild hat, wird er erbarmungslos; und die Gruppe mit einem gemeinsamen Weltbild wird mörderisch.“ Das Ausgehen von sich selbst, das “Sich- selber- Anschauen” wird zur Voraussetzung für das Nachdenken. Aus dem Ich-Gefühl leitet sich dann das Gefühl für andere ab.[10]

2. Handke und das Sprachproblem

Was als Wahrnehmung noch einfach und unangefochten ist, wird problematisch, sobald es in Sprache umgesetzt wird. Erst die Sprache erfaßt die Gegenstände und Vorgänge in ihrer Komplexität. [...] Ich entledige mich nicht der Kleider, sondern die Kleider entledigen sich meiner. Das simple Vertauschen von Subjekt und Objekt gefährdet die feste Ordnung der Welt ,es signalisiert das Ende der geltenden Hierarchien . Schreiben kann ein zerstörerischer Akt sein.[...] Ich erwarte von der Literatur ein Zerbrechen aller endgültig scheinenden Weltbilder. Literatur stellt die eigentliche Wirklichkeit erst her. Die gegebene Wirklichkeit- [...] eine der Übereinkunft, eine konventionelle also-[...] muß angezweifelt werden. Schreiben heißt anzweifeln.[11]

Sprache erscheint als „formalisiertes, zur bloßen Benennungsroutine verflachtes Instrument, dessen man sich nicht mehr mit naiver Ursprünglichkeit bedienen kann, um der unbewußt registrierten Wirklichkeit wieder habhaft zu werden, sondern sie muß als formalisierte Methode einsichtig gemacht und dadurch dialektisch aufgebrochen werden. Das konventionelle Schreiben spiegelt bestehende Ordnungen und Hierarchie und schafft Identität:

Dabei erweisen sich [durch Possessivpronomen dargestellte] „Besitzverhältnisse“ als Machtverhältnisse, ergibt sich die Gleichung Besitz = Macht. Unterdrückung und Abhängigkeiten, Ängste und Arroganz, [...]ideologische Voraussetzungen treten hinter den Wörtern und dem Aussprechen und Auslassen von Wörtern hervor. Dasselbe Wort zeigt die selbstverständliche Überheblichkeit des einen, und wie selbstverständlich sich der andere duckt.[...] Sprache enthält Ideologie.[12]

[...]


[1] Zitiert nach: Handkes narzißtische Literaturrituale. In: Manfred Durzak: Peter Handke und die deutsche Gegenwartsliteratur. Stuttgart: Kohlhammer 1982 (Sprache und Literatur, Bd. 8)

[2] ebd., S. 26

[3] zitiert nach: ebd., S. 27

[4] ebd., S. 35

[5] ebd., S. 35

[6] Subjektivität und „Neue Subjektivität“. In: Christoph Bartmann: Suche nach Zusammenhang. Handkes Werk als Prozeß. Wien: Braumüller 1984, S. 138

[7] In: Vornotiz zum Gewicht der Welt

[8] GW= Gewicht der Welt

[9] Selbstreflexion und poetologische Skizzen: Die Journale. In: Rolf Günter Renner: Peter Handke. (Sammlung Metzler, Bd. 218), S. 160

[10] zitiert nach: ebd., S. 157

[11] Heinz F. Schafroth: Nachwort zu: Peter Handke: Der Rand der Wörter. Erzählungen, Gedichte, Stücke. (UB 9774), S. 87

[12] ebd., S. 88

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Über Peter Handkes "Phantasien der Wiederholung"
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Proseminar Mikroliteratur
Note
1,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
20
Katalognummer
V155967
ISBN (eBook)
9783640701162
ISBN (Buch)
9783640700868
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Peter Handke, Mikroliteratur, Journale, Das Gewicht der Welt, Phantasien der Wiederholung, Epiphanie, Subjektivität, Sprache, Geschichte des Bleistifts
Arbeit zitieren
Eva Lirsch (Autor), 2002, Über Peter Handkes "Phantasien der Wiederholung", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/155967

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