Viele Kritiker schreiben Peter Handke kaum verdeckte Züge narzißtischen Größenwahns zu. Hier sei das eingetreten, was Walser so beschrieben hat: „Der Autor ist die Botschaft“ . Handke selbst vermerkt im Journal Das Gewicht der Welt in Bezugnahme auf den Mythos vom Narziß, der sich im Wasser spiegelnd, seine eigene Schönheit selbstvergessen bewundert und dabei ertrinkt:
Ob nicht vielleicht gerade das lange, ausforschende Anschauen des eigenen Spiegelbildes (und im weiteren Sinn: der von einem verfertigten Sachen) die Kraft und Offenheit zu langem, unverwandtem, sich vertiefendem Anschauen andrer geben kann?
Für ihn dient Literatur primär der Selbstreflexion, sie ist „ein Vehikel seiner Selbstbewußtwerdung. Dieser Spiegelungsvorgang fungiert als eigentlicher Kontrast Handkes zur Realität. Indem er sein Ichbewußtsein in der Literatur klärt, reflektiert er seine Beziehung zur Realität, läßt er sich von der Wirklichkeit verändern.“ Ausgehend von seinem eigenen Empfinden sucht er nach einem „Regelwerk“, um sich selbst und andere zu verstehen. Im Aufsatz „Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms“ spricht er davon, daß es nur ein Thema für ihn gebe, nämlich über sich selbst klarer zu werden. Die „Wirklichkeit der Literatur steht im Dienst der Erhellung der wirklichen Wirklichkeit, die Handke als [seine] persönliche Wirklichkeit begreift.“ Literatur, die ihre (formale) Differenz zur außerliterarischen Wirklichkeit betont, erfüllt laut Handke in zweierlei Hinsicht eine bewußtseinsbildende, Ich- klärende
Funktion.
Inhaltsverzeichnis
1. Subjekt und Selbsterfahrung in der Sprache
2. Handke und das Sprachproblem
3. Handkes „Journale“
3.1. Das Prinzip des teilnehmenden Sehens
3.2. Mythos und Epiphanie
4. Die “Phantasien der Wiederholung”
5. Nachwort
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die poetologische Bedeutung von Wiederholung, Wahrnehmung und Selbstreflexion in Peter Handkes Journalen, wobei sie insbesondere die Funktion der Literatur als Instrument der Ich-Klarung und Wirklichkeitswahrnehmung analysiert.
- Die Rolle der Subjektivität und Selbsterfahrung im literarischen Schreiben.
- Handkes kritische Auseinandersetzung mit Sprachkonventionen und Ideologie.
- Das Konzept des teilnehmenden Sehens als Gegenentwurf zur entfremdeten Wahrnehmung.
- Die Bedeutung von Mythos und Epiphanie für die Transformation des Welterlebens.
- Die „Phantasien der Wiederholung“ als Methode zur Identitätsbildung und Erneuerung.
Auszug aus dem Buch
1. Subjekt und Selbsterfahrung in der Sprache
Viele Kritiker schreiben Peter Handke kaum verdeckte Züge narzißtischen Größenwahns zu. Hier sei das eingetreten, was Walser so beschrieben hat: „Der Autor ist die Botschaft“. Über Handke sagte er :
Er bildet nicht Welt ab, sondern den Schmerz, den auch schon die geringste Identifikationsbewegung ihm bereitet: die Identifikation mit vorhandenen Wörtern und mit dem vorhandenen Gebrauch von Wörtern. Das tut weh. Er wäre am liebsten nur mit sich selbst identisch. Also stumm. Jetzt schreibt er und wird schreiben vom Schmerz und vom Ekel und von der Widerwärtigkeit, die er erleidet, weil er nicht der war, der die Chance hatte, als Allererster Es-werde-Licht zu sagen. Dieser Schmerz macht begreiflich, warum er, schambesessen, alles abstößt, was er nicht selber hervorbringen kann.
Handke selbst vermerkt im Journal Das Gewicht der Welt in Bezugnahme auf den Mythos vom Narziß, der sich im Wasser spiegelnd, seine eigene Schönheit selbstvergessen bewundert und dabei ertrinkt:
Ob nicht vielleicht gerade das lange, ausforschende Anschauen des eigenen Spiegelbildes (und im weiteren Sinn: der von einem verfertigten Sachen) die Kraft und Offenheit zu langem, unverwandtem, sich vertiefendem Anschauen andrer geben kann?
Für ihn dient Literatur primär der Selbstreflexion, sie ist „ein Vehikel seiner Selbstbewußtwerdung. Dieser Spiegelungsvorgang fungiert als eigentlicher Kontrast Handkes zur Realität. Indem er sein Ichbewußtsein in der Literatur klärt, reflektiert er seine Beziehung zur Realität, läßt er sich von der Wirklichkeit verändern.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Subjekt und Selbsterfahrung in der Sprache: Dieses Kapitel erläutert, wie Handke Literatur als Medium der Selbstreflexion und Ich-Klarung nutzt, um sich durch Abgrenzung und Auseinandersetzung mit der Umwelt seiner selbst bewusst zu werden.
2. Handke und das Sprachproblem: Der Abschnitt analysiert Handkes Bestreben, konventionelle Sprachmuster als ideologische Instrumente zu demaskieren und durch eine neue, unverfälschte Wahrnehmung zu ersetzen.
3. Handkes „Journale“: Hier werden die Journale als Aufzeichnungen alltäglicher Wirklichkeiten beschrieben, die durch das Prinzip des teilnehmenden Sehens eine Verbindung zwischen dem schreibenden Ich und der Welt stiften.
3.1. Das Prinzip des teilnehmenden Sehens: Das Unterkapitel vertieft das Konzept eines gesteigerten Schauens, das über die bloße Registrierung von Fakten hinausgeht und eine emotionale, identifizierende Teilhabe am Gegenstand ermöglicht.
3.2. Mythos und Epiphanie: Der Text untersucht, wie Wiederholung und mythisches Sehen dazu beitragen, Augenblicke der Erkenntnis (Epiphanien) festzuhalten und eine neue, verzauberte Wirklichkeit zu erschaffen.
4. Die “Phantasien der Wiederholung”: Dieses Kapitel beleuchtet, wie Handke die Wiederholung als produktives Mittel der Erneuerung und der Rückbesinnung auf kulturelle Vorbilder nutzt.
5. Nachwort: Das Kapitel schließt mit einer Reflexion über das Journal als Möglichkeitsraum, in dem der Leser durch eigene Erfahrungen und Interpretationen zur aktiven Teilhabe eingeladen wird.
Schlüsselwörter
Peter Handke, Journale, Wiederholung, Selbsterfahrung, Subjektivität, Sprache, Teilnehmendes Sehen, Mythos, Epiphanie, Wirklichkeit, Identität, Literatur, Wahrnehmung, Bewusstsein, Selbstreflexion
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die poetologische Struktur und die zentralen Themen in Peter Handkes Journalen, mit besonderem Fokus auf das Verhältnis zwischen dem schreibenden Ich und der erlebten Wirklichkeit.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Mittelpunkt stehen die Rolle der Sprache, die Kunst des Sehens, das Schreiben als Selbsterfahrung sowie die Bedeutung von Mythen und der Wiederholung für das moderne Individuum.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Handke durch seine Schreibweise – insbesondere in den Journalen – versucht, sich von sprachlichen Konventionen zu lösen und dem Leser eine neue, intensivere Wahrnehmungsweise zu vermitteln.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine literaturwissenschaftliche Analyse von Handkes Texten und zieht ergänzend philosophische und kulturwissenschaftliche Ansätze heran, um die Handke'schen Konzepte wie das „teilnehmende Sehen“ zu erläutern.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Handkes Sprachkritik, die Analyse seiner Beobachtungsmethoden in den Journalen sowie die spezifische Funktion der „Phantasien der Wiederholung“ als Mittel der Identitätskonstruktion.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie Subjektivität, literarische Selbstreflexion, Wahrnehmungsphänomenologie und dem Handke-spezifischen Konzept der „heiligen Langsamkeit“ beschreiben.
Welche Bedeutung hat das „teilnehmende Sehen“ für Handkes Protagonisten?
Es dient dazu, die Entfremdung zwischen Betrachter und Objekt aufzuheben, um eine „Wiederverzauberung der Welt“ zu ermöglichen, in der das Erlebte als Teil des eigenen Ichs begriffen wird.
Inwiefern ist die „Wiederholung“ bei Handke positiv konnotiert?
Handke versteht Wiederholung nicht als bloße Reproduktion, sondern als produktiven Akt der Rückbesinnung und Erneuerung, der es ermöglicht, das eigene Ich im Vergleich mit klassischen Vorbildern erst zu finden.
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- Eva Lirsch (Author), 2002, Über Peter Handkes "Phantasien der Wiederholung", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/155967