Zum romantischen Kunstmärchen „Das kalte Herz“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

15 Seiten, Note: 2,0

Regina Schultze (Autor)


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Das Kunstmärchen der Romantik
2.1. Einsicht und Verstand
2.2. Das Wunderbare

3. Romantische Motive in „Das kalte Herz“
3.1. Nacht und Natur
3.2. Sehnsucht

4. Abschluss

5. Literatur

1. Einleitung

Wilhelm Hauffs Kunstmärchen „Das kalte Herz“ erschien erstmals 1827 in Hauffs „Märchenalmanach auf das Jahr 1828“. Es beschäftigt sich mit dem sozialen Aufstieg und dem Berufsethos des Peter Munk. In der Zeit zwischen 1770 und 1830 entsteht in Deutschland die moderne bürgerliche Gesellschaft. Das Bürgertum erkämpft sich die Daseinsberechtigung als eigener Stand in Abgrenzung zu Adligen und Bauern. (Schmitz-Emans 2007, S. 19) Es entstehen Handwerkergilden und –zünfte, in denen sich das Bürgertum organisiert. Unter Einfluss der Französischen Revolution gewinnt die individuelle Leistung eine zentrale Bedeutung (ebd.) und die Menschen verstehen, dass sie sich selbst eine gewisse Stellung in der Welt erarbeiten können. Eine „Reflexion über die eigene gesellschaftliche Identität“ (Schmitz-Emans 2007, S. 22) ist die Folge. Die Sehnsucht danach, etwas aus dem eigenen Leben zu machen, verfolgt auch Peter Munk.

Der romantische Dichter schöpft nicht aus der Wirklichkeit, sondern seinem eigenen Innern, was nach Jean Paul heißt, dass sich auch die Geschöpfe nur von sich selbst aus entwickeln (vgl. Meyer 1963, S. 100) und dass jeder Mensch selbst eine schöpferische Kraft darstellt. Hauffs Protagonist Peter Munk scheint diesem Bild zunächst nicht zu entsprechen, denn er legt sein Glück in die Hände anderer und ihm gelingt der soziale Aufstieg ohne eigenes Zutun, denn der nötige Verstand fehlt ihm. Der Plot ist durchaus realistisch angelegt, doch er wird von Fantasiegestalten und Wundern durchkreuzt. P.W. Wührl charakterisiert „Das kalte Herz“ als Wirklichkeitsmärchen (Wührl 2003, S. 193). Die Wirklichkeit und die Wunderwelt existieren, zumeist räumlich getrennt, nebeneinander und bedrohen sich nicht gegenseitig. Sie sind miteinander vereinbar. Jedoch gelten in der jeweiligen Welt eigene Regeln. Zum Beispiel hat das Reich des Holländer-Michels eine klare Grenze - einen kleinen Graben-, die er nicht übertreten darf und über die er nicht hinauskommt, um Peter zu erhaschen (vgl. Hauff 2007, S. 20).

„Das kalte Herz“ als Kunstmärchen, und was unter diesem Terminus überhaupt zu verstehen ist, wird im folgenden Kapitel beschrieben. Das Kunstmärchen wird heute als eigene Gattung angesehen und wurde von Hermann Todsen 1906 mit diesem Begriff versehen (Wührl 2003, S. 4).

Neben dem Berufsethos und dem Wunderbaren in „Das kalte Herz“ spielen besonders „Menschenverstand und Einsicht“ (Hauff 2007, S. 24), die der Schatzhauser – ganz entgegen seinem Namen – dem Peter Munk einbläuen will, eine bedeutende Rolle, weshalb diesen Eigenschaften ebenfalls ein Kapitel gewidmet ist.

Typisch romantische literarische Motive wie die Nacht und die Sehnsucht werden in Kapitel 3 betrachtet.

2. Das Kunstmärchen der Romantik

Im Zuge der Festigung des bürgerlichen Standes und der Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit gewinnt das Bürgertum im 18. und 19. Jahrhundert als gesellschaftliche und schöpferische Instanz an Bedeutung. Die Sprache, die Mythen und Dichtungen eines Volkes dienen dem Ausdruck der Seele (vgl. Moser 1970, S. 254), und der bürgerliche Stand befasst sich mit eben diesen. So kam es, dass z.B. die Gebrüder Grimm sich nicht nur mit der deutschen Sprache auseinandersetzten und eine umfangreiche Grammatik des Deutschen erstellten (Helbig 1983, S. 11), sondern auch tradierte Sagen und Volksmärchen von ihnen verschriftlicht wurden („Kinder- und Hausmärchen“).

Nach Wilhelm Grimm gibt es zwei Arten der Märchendichtung. Die erste Art ist die möglichst „originalgetreue, kritisch-wissenschaftliche Ausgabe“ (Moser 1970, S. 258), die zweite die dichterische Neugestaltung (ebd.). Grimms Volksmärchen suggerieren Authentizität, unterliegen jedoch schon durch die Fixierung eines Wortlauts starken Eingriffen und tragen „stilistisch die Handschrift ihrer Redakteure“ (Mayer/Tismar 2003, S. 85). Sie sind Zeugnisse der Volkspoesie und werden zumeist anonym tradiert (Schmitz-Emans, S. 59). Volksmärchen sind nicht an geschichtlich gesicherte Orte und Namen gebunden, da sie „ganz in der Welt des Wunderbaren“ (Moser 1970, S. 260) handeln, worauf die Grimmsche Formulierung „Es war einmal“ anspielt. Kunstmärchen dagegen sind oft örtlich und zeitlich bestimmt. „Das kalte Herz“ handelt im Schwarzwald (Hauff 2007, S. 3), die Handlungszeit ist jedoch nicht angegeben. Kunstmärchen spielen in ironischer Art und Weise mit poetischen Stoffen und Motiven der Volksdichtung (Moser 1970, S. 266).

„Trotzdem sind Kunstmärchen kein unverbindliches ‚l’art pour l’art‘- Spiel […]. Sie deuten Wirklichkeit, auch im Scherz“ (Wührl 2003, S. 3)

Es geht nicht um eine Nachahmung des Volksmärchens, sondern um eine Neugestaltung der Gattung des Märchens; es ist ein „literarisches Experiment“ (Wührl 2003, S. 2) und „hochgradig intertextuell“ (Mayer/Tismar 2003, S. 2).

Das deutsche Kunstmärchen hat seine Vorläufer im französischen Feenmärchen und den orientalischen Märchensammlungen, welche schon Anfang des 18. Jahrhunderts in Deutschland rezipiert wurden (vgl. Mayer/Tismar 2003, S. 32).

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Zum romantischen Kunstmärchen „Das kalte Herz“
Hochschule
Universität Leipzig  (Germanistik)
Veranstaltung
Erzählungen der Romantik
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
15
Katalognummer
V156017
ISBN (eBook)
9783640689064
ISBN (Buch)
9783640689248
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kunstmärchen, Herz“
Arbeit zitieren
Regina Schultze (Autor), 2010, Zum romantischen Kunstmärchen „Das kalte Herz“ , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/156017

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