Das Gallische Sonderreich sollte sich gegenüber Rom als ein Gebiet mit einer eigenen politischen und wirtschaftlichen Architektur entwickeln. Wie gelang es Postumus in dieser kurzen und krisenbehafteten Zeit eine solche politisch-wirtschaftliche Basis zu erschaffen? Es handelt sich hierbei um einen besonderen Fall in der römischen Geschichte, da sich im Kontext der Krise ein de facto souveräner Sonderstaat gegen das Römische Reich etablieren konnte. Welche Vorgänge zu diesem Sonderfall geführt haben, wird in dieser Arbeit untersucht.
Inhaltsverzeichnis
- 1. Einleitung
- 1.1. Fragestellung und Vorgehensweise
- 1.2. Forschungsstand und Quellenlage
- 2. Die Reichskrise im 3. Jahrhundert
- 2.1. Die Ausgangslage im Römischen Reich
- 2.2. Die Barbareneinfälle und Usurpationsbewegungen während der Reichskrise
- 2.3. Die Feldzüge des Valerianus und Gallienus
- 3. Die Ereignisse vor der Gründung des Gallischen Sonderreichs
- 3.1. Die Auswirkungen auf die Gefangennahme des Valerianus
- 3.2. Die Usurpation des Postumus
- 4. Das Gallische Sonderreich unter der Herrschaft von Postumus
- 4.1. Aufbau und Organisation des Gallischen Sonderreichs
- 4.2. Reaktion im Imperium Romanum auf das Gallische Sonderreich
- 4.3. Das Ende des Postumus und der Fortgang des Gallischen Sonderreichs
- 5. Die Bewertung des Gallischen Sonderreichs und seiner Herrschaft
- 6. Fazit
- 7. Quellenverzeichnis
- 7.1. Literarische Quellen
- 7.2. Inschriften
- 7.3. Fragmente
- 8. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Entstehung und Entwicklung des sogenannten Gallischen Sonderreichs im Kontext der römischen Reichskrise des 3. Jahrhunderts. Die zentrale Forschungsfrage ist, ob die Herausbildung dieses Reiches unter Postumus eine separatistische Abspaltung oder eine neue Reichsteilung nach römischem Vorbild darstellte, indem die Ursachen und Motive hinter der Reichsabspaltung bewertet werden.
- Die Reichskrise des 3. Jahrhunderts und ihre Auswirkungen.
- Die Usurpation des Marcus Postumus und die Gründung des Imperium Galliarum.
- Politische, militärische und wirtschaftliche Organisation des Gallischen Sonderreichs.
- Die Reaktion Roms und der Fortgang des Sonderreichs bis zu seinem Ende.
- Die Bewertung des Gallischen Sonderreichs hinsichtlich Separatismus und Reichsteilung.
- Quellenlage und Forschungsstand zur Geschichte des Gallischen Sonderreichs.
Auszug aus dem Buch
Die Usurpation des Postumus
Indes wurde der Statthalter der Provinz Niedergermanien Marcus Postumus damit beauftragt, die Rheingrenzen zu verteidigen. Dieser war vermutlich mit der Verwaltung und dem militärischen Schutz der Rheingrenzen gut vertraut, sodass er als Prätorianerpräfekt den Vorstoß der rechtsrheinischen Germanen verhindern sollte. Im Sommer 260 n. Chr. gelang es ihm in Deuso eine Gruppe Germanen auf ihrem Rückweg zu schlagen. Nach seinem Sieg nahm er die Beute der Plünderer an sich und verteilte sie an seine Soldaten. Saloninus und Silvanus betrachteten aber die Verteilung der Beute als unrechtmäßigen Akt und forderten, dass die Beute stattdessen an Saloninus zu übergeben sei. Postumus ließ die Forderung unter den Truppen verbreiten, doch obwohl die Soldaten durch Sold, Sonderzuwendungen und Plünderungsmöglichkeiten gut versorgt waren, lehnten sie diese ab. Im Juli oder August 260 n. Chr. kam es zu einer Revolte gegen Saloninus, in deren Verlauf die Soldaten auch Postumus zum Augustus ausriefen. Obwohl sich Postumus der möglichen Konsequenz bewusst war, schloss er sich dem Aufstand an. Seine Entscheidung, die Beute an die Truppen zu verteilen und sich damit dem Willen des Kaisers zu widersetzen, war wohl gut durchdacht. Die errungene Loyalität suggerierte einen starken Anführer, der die Bedürfnisse und Interessen über den Forderungen der eigentlichen Führer stellte. Hätte er sich anders entschieden, der Forderung zugestimmt und die bereits verteilte Beute zurückgefordert, so hätten seine Soldaten ihn direkt umgebracht. Die Ablehnung war für ihn daher ein entscheidender Moment. Das Vertrauen zu Postumus stieg, während gleichzeitig die Kluft der kaiserlichen Autorität immer größer wurde. Die Situation spitzte sich zu, als CCAA von Postumus' Soldaten belagert wurden, um Saloninus abzusetzen und die Kontrolle über die Rheinprovinzen zu übernehmen. Um eine Absetzung zu verhindern, ließ auch der Kaisersohn sich kurzfristig zum Augustus ernennen. Ein letzter taktischer Versuch, die eigene Autorität zu stärken und damit die Unterstützung der Truppen zu sichern. Dies hatte jedoch keine Bedeutung mehr, da Postumus der Bevölkerung anbot, die Belagerung zu beenden und die Stadt zu verschonen, wenn sie im Gegenzug Saloninus und Silvanus auslieferten. Die Stadt ging auf das Angebot ein und übergab die beiden. Sie wurden anschließend umgehend hingerichtet. Eine ausführliche Darstellung des Tathergangs wurde auch bei Zonaras geschildert:
Ferner erhob sich Postumus gegen Gal[l]ienus. Dieser Kaiser nämlich besaß einen Sohn gleichen Namens [Saloninus, Anm. d. Verf.], [...] den er auch als Thronfolger hatte; er ließ ihn in der Stadt Agrippina zurück, damit er den von den Skythen hart bedrängten Galliern beistehe. Wegen der Jugend seines Sohnes setzte er einen gewissen Albanus [Silvanus, Anm. d. Verf.] über ihn ein. Postumus aber, der zur Bewachung des Rheines zurückgelassen worden war, damit er die benachbarten Barbaren am Übergang in römisches Gebiet hindere, griff einige, die unbemerkt den Fluß überquert hatten und nun viele Beute mit sich führten, auf ihrem Rückweg an, tötete viele, nahm ihnen ihre ganze Beute ab und verteilte sie sofort an seine Soldaten. Als Albanus dies erfuhr, sandte er ihm eine Aufforderung, ihm und dem jungen Gal[l]ienus die Beute zurückzubringen. Und Postumus versammelte seine Soldaten und forderte von ihnen die Beutestücke ein, wobei er im Sinn hatte, sie zum Aufruhr zu bewegen; und geschah es auch; und er griff mit ihnen die Stadt Agrippina an und die Einwohner lieferten ihm den Sohn des Kaisers und Albanus aus, die er beide tötete. Die detaillierte Erzählung ist auf ähnlicher Weise bei Zosimos zu finden. Über die genauen Gründe der Auslieferung kann nur gemutmaßt werden. Gewiss standen die Bewohner aufgrund der Belagerung unter Zwang. So ging die Sorge der kommunalen Führungsschicht über den Stadtkern hinaus. Denn vor den Stadtmauern lagen ihre Güter und Betriebe, die durch den Einfall der Belagerer schutzlos ausgeliefert waren. Ferner waren die Bewohner überzeugt, dass ein naher und mit der Region stärker verbundener Herrscher unter der kontinuierlichen Gefahr von außen mehr Sicherheit versprach als ein minderjähriger Regent – selbst wenn dieser sich zum Augustus ernannt hatte. Postumus hat vermutlich nicht ausschließlich aus idealistischen Gründen gehandelt, um anstelle von Saloninus die Macht zu übernehmen, sondern er wurde auch aufgrund der materiellen Interessen der Soldaten zum Kaiser erhoben. Der Konflikt über die Verteilung der Beute war aber nicht nur ein Streit über materielle Güter, sondern kann auch als Anlass für den Machtwechsel gedeutet werden, wobei die Gründe tiefer liegen. Es mag zwar banal erscheinen, die Ursachen sind aber komplexer und mit den grundlegenden Problemen der Reichskrise eng verknüpft. Denn hier zeigt sich erneut die Unzufriedenheit der Soldaten und der Bevölkerung mit dem bisherigen Herrscher, was das Bedürfnis nach Kaisernähe wieder aufkommen ließ. Der Herrscher war auch aufgrund seines Alters zu schwach und unentschlossen, trotz der Unterstützung seines Beraters. Doch es braucht eine starke Führungspersönlichkeit, um die Grenzverteidigung effektiv zu organisieren und die Angriffe langfristig abzuwehren. Dies konnten sie nicht im Ansatz erfüllen. In diesem Zusammenhang kann die Usurpation eine legitime Möglichkeit betrachtet werden, um weitere negative Tendenzen zu verhindern.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Thematik der römischen Reichskrise des 3. Jahrhunderts ein und stellt die zentrale Forschungsfrage nach dem Charakter des Gallischen Sonderreichs unter Postumus.
2. Die Reichskrise im 3. Jahrhundert: Hier werden die Ursachen und Verläufe der Reichskrise beleuchtet, einschließlich der Ausgangslage im Römischen Reich, Barbareneinfälle, Usurpationsbewegungen sowie die Feldzüge von Valerianus und Gallienus.
3. Die Ereignisse vor der Gründung des Gallischen Sonderreichs: Dieses Kapitel beschreibt die unmittelbaren Vorgänge, die zur Gründung des Sonderreichs führten, insbesondere die Gefangennahme Valerians und die Usurpation des Postumus.
4. Das Gallische Sonderreich unter der Herrschaft von Postumus: Es wird die interne Organisation des Gallischen Sonderreichs, die Reaktion Roms darauf sowie das Ende von Postumus' Herrschaft und die weitere Entwicklung des Reiches analysiert.
5. Die Bewertung des Gallischen Sonderreichs und seiner Herrschaft: Dieses Kapitel erörtert, ob das Gallische Sonderreich separatistische Grundzüge aufwies oder ob die gallischen Kaiser sich als Repräsentanten einer Reichsteilung oder des Gesamtreiches sahen.
6. Fazit: Die Schlussfolgerung fasst die Erkenntnisse zur Natur des Gallischen Sonderreichs zusammen und diskutiert die offenen Fragen bezüglich der inneren politischen Struktur und sozialen Ordnung.
Schlüsselwörter
Gallisches Sonderreich, Reichskrise 3. Jahrhundert, Marcus Postumus, Imperium Galliarum, Usurpation, Valerianus, Gallienus, Reichsteilung, Separatismus, Römisches Reich, Militär, Provinzen, Münzpolitik, Grenzverteidigung, Köln.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Diese Arbeit befasst sich mit der Entstehung, Entwicklung und dem Wesen des Gallischen Sonderreichs im 3. Jahrhundert n. Chr. im Kontext der damaligen römischen Reichskrise.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit behandelt die römische Reichskrise, die Usurpation des Postumus, die Etablierung des Gallischen Sonderreichs, dessen innenpolitische und militärische Struktur sowie die Frage nach seinem separatistischen oder reichsteilenden Charakter.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es zu klären, ob die Herausbildung des Gallischen Sonderreichs unter Postumus eine separatistische Abspaltung oder eine neue Reichsteilung nach dem Vorbild Roms darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer tiefgehenden Analyse historischer Ereignisse, der Auswertung literarischer, numismatischer und archäologischer Quellen sowie der Berücksichtigung des aktuellen Forschungsstandes und völkerrechtlicher Prämissen zur Bewertung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil beleuchtet die Ursachen der Reichskrise, die Ereignisse vor und während der Gründung des Gallischen Sonderreichs, seine Organisation unter Postumus, die Reaktionen Roms und eine abschließende Bewertung der Herrschaft und des Reiches.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Schlüsselwörter wie Gallisches Sonderreich, Reichskrise, Postumus, Usurpation, Imperium Galliarum, Reichsteilung, Separatismus und Grenzverteidigung charakterisiert.
Welche Rolle spielte die Gefangennahme Valerians für die Gründung des Sonderreichs?
Die Gefangennahme Valerians verdeutlichte die Machtlosigkeit und Verletzlichkeit des Römischen Reichs, verstärkte das Misstrauen unter den Soldaten und führte zu einem Machtvakuum, das Usurpatoren wie Postumus zur Abspaltung von Reichsgebieten nutzten.
Warum lehnte Postumus ein direktes Duell mit Gallienus ab, um den Konflikt zu entscheiden?
Postumus lehnte das Duell ab, da er eine strategisch vorteilhafte Lage beibehalten wollte und sich als von den Galliern gewählter Kaiser sah, dessen Macht nicht von einem Duell abhängen sollte. Er vermied so eine mögliche Schwächung seiner Position und seiner Truppen.
Welche Herausforderungen prägten das Gallische Sonderreich nach Postumus' Tod?
Nach Postumus' Tod war das Gallische Sonderreich von zunehmender innerer Schwäche, Fragmentierung von Provinzen und Städten, sowie wiedererstarkten römischen Zentralmachtbestrebungen geprägt, die letztlich zur Wiedereingliederung führten.
Inwiefern ähnelte die Organisation des Gallischen Sonderreichs der römischen Zentralmacht?
Postumus und seine Nachfolger hielten am römischen Muster fest, indem sie eigene Konsulpaare ernannten, Kaisertitel wie Pontifex Maximus übernahmen und auf Münzen römische Symbole prägten, was eine Orientierung an Rom trotz der Abspaltung signalisiert.
- Arbeit zitieren
- Hoang Viet (Autor:in), 2025, Das Gallische Sonderreich. Neue Reichsseparation oder eine Reichsteilung nach dem Vorbild Roms?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1561207