Beschäftigt man sich mit der Frauenbildung im Mittelalter, so stößt man zunächst auf das Problem, dass dieses Thema sehr weit gefasst ist. Im Allgemeinen meint man mit dem Mittelalter einen Zeitabschnitt von rund 1.000 Jahren, nämlich ungefähr vom Jahr 500 bis zum Jahr 1500 n.Chr. Hinzu kommt, dass es in dieser Zeit nicht nur einen großen „Staat“, wie etwa in der Antike das Römische Reich, sondern mehrere große und viele kleine Herrschaftsgebiete gab, die in ihrer politischen, geographischen und religiösen Struktur oft sehr verschieden waren. Außerdem war die mittelalterliche Gesellschaft stark hierarchisch geprägt und in Stände unterteilt, die einen sozialen Aufstieg erheblich schwieriger machen als etwa im Römischen Reich.
Dies alles hat zur Folge, dass es die typische Frau des Mittelalters nicht gab, sondern auch hier verschiedene Gruppen zu betrachten sind. Zusammen mit der sehr unterschiedlichen Quellenlage zu den Gruppen wird deutlich, dass in der vorliegenden Arbeit kein detaillierter Blick auf sämtliche Formen der Frauenbildung im Mittelalter, sondern lediglich auf einzelne Aspekte geworfen werden kann. Ich gehe daher vor allem auf den deutschen Sprachraum, Frauen an den Höfen und die Zeit des Spätmittelalters1 ein, werde aber natürlich die übrigen Bereiche nicht gänzlich außer Acht lassen.
Das Ziel dieser Arbeit ist zu zeigen, dass anhand der behandelten Beispiele trotz aller Probleme doch eine gemeinsame Grundtendenz innerhalb der Frauenbildung des Mittelalters erkennbar ist. Insbesondere wird geklärt werden, ob der Frauenbildung des Mittelalters die Erziehung hin zu einem gebildeten Menschen im Sinne des boethianischen Personenbegriffs oder der viktorinischen Personenbeschreibung zugrunde liegt.
Die wesentlichen Eigenschaften einer boethianischen Person sind „Substantialität“ (in-sich und- aus-sich existieren) und „Vernunft“. Eine viktorinische Person besitzt darüber hinaus noch die Eigenschaft „Relationalität“ (sich vom anderen her erkennen und anzuerkennen). Die viktorinischen Personenbeschreibung stellt aber nicht nur eine Erweiterung des boethianischen Personenbegriffs dar, sondern hier werden „Substantialität“ und „Vernunft“ und das ist das entscheidende von der „Relationalität“ her betrachtet. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die antiken Grundlagen
2.1. Die soziale Stellung der antiken Frauen
2.2. Die rechtliche Stellung der antiken Frauen
2.3. Die Frauen bei den antiken Autoren
2.4. Religiöse Grundlagen
3. Die Lage der Frauen im Mittelalter
3.1. Einführung
3.2. Aurelius Augustinus
3.3. Der Beitrag der Scholastik
3.4. Das Frauenbild des Mittelalters
3.5. Gleichberechtigung der Frauen
3.6. Unterordnung der Frauen
3.7. Rechtliche Stellung der Frauen
3.8. Frauen in der Arbeitswelt
3.9. Zusammenfassung
4. Erziehung und Bildung der Frauen im Mittelalter
4.1. Frauen bei Hofe
4.2. Frauen im Kloster
4.3. Frauen im städtischen Handel
4.4. Frauen im städtischen Handwerk
4.5. Frauen auf dem Land
5. Schlussbemerkung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das Spannungsfeld der Frauenbildung im Mittelalter, um zu belegen, dass für die damalige Erziehung nicht ein relationales Erziehungsverständnis, sondern das Ziel der Unterordnung der Frau unter den Mann kennzeichnend war. Es wird aufgezeigt, wie kirchliche und weltliche Wertvorstellungen die Bildungswege von Frauen in verschiedenen gesellschaftlichen Ständen prägten.
- Analyse der antiken Grundlagen und deren Einfluss auf das mittelalterliche Frauenbild.
- Untersuchung des Beitrags von Aurelius Augustinus und der Scholastik zur Legitimierung der weiblichen Unterordnung.
- Darstellung der unterschiedlichen Erziehungspraktiken an Höfen, in Klöstern, im Handel sowie im Handwerk.
- Kritische Reflexion über die Rolle der Frau als „Notnagel“ und die Zielsetzung der Ausbildung zur reinen Funktionalität innerhalb der männlich dominierten Ordnung.
Auszug aus dem Buch
3.3. Der Beitrag der Scholastik
Man ging jedoch noch weiter. Die Geringschätzung der Frau durch Augustinus wurde nun noch gesteigert: „Der Mann ist Ausgangspunkt und Ziel der Frau.“81 Die scholastische Theologie, im Besonderen ist hier Thomas von Aquin zu nennen, vereinigte die jahrhundertealten christlichen Wertvorstellungen mit der wieder entdeckten Naturlehre des Aristoteles, so dass man nun die Unterordnung der Frau unter den Mann sogar auch noch wissenschaftlich belegen konnte.82 „Nach Thomas von Aquin war die Frau, aufgrund ihrer feuchteren und wärmeren Beschaffenheit, zwar in der Lage, die genossene Nahrung in Blut zu verwandeln, aber die Weiterverwandlung des Blutes in Sperma gelang nur dem Mann. Bei der Zeugung wirkte das männliche Sperma als der aktive Teil, als Werkzeug, während dem Mutterblut nur die passive Funktion eines Werkstoffs zukam. Eigentlich müßte ein Mann immer männliche Kinder erzeugen, weil jede Wirkungsursache etwas ihr Ähnliches hervorbringt. Nur wenn ,widrige Umstände’ (occasiones) bei der Zeugung einwirken (wenn das Sperma oder das Gebärmutterblut defekt war oder wenn feuchte Südwinde bewirkten, daß Kinder mit größerem Wassergehalt entstanden), wurden Mädchen gezeugt. Das Mädchen war danach nichts anderes als ,ein mißglücktes Männchen’ (mas occasionatus).“83
Diese angebliche Unvollkommenheit der Frauen offenbarte sich nach Thomas zum einen in deren geringerer Körperkraft und zum anderen in ihrer geistigen und moralischen Minderwertigkeit.84 Aufgrund dessen war die Frau sittlich gefährdeter als der Mann: „In den Frauen ist nicht genügend Kraft des Verstandes, um den Begierden zu widerstehen.“85 Die Unterordnung der Frau nach dem Sündenfall Evas wurde somit gleichzeitig zu einer Sündenstrafe ausgestaltet.86
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der weit gefassten Epoche und der sozialen Hierarchien ein und skizziert das Ziel der Arbeit, die Tendenz zur Unterordnung in der Frauenbildung aufzuzeigen.
2. Die antiken Grundlagen: Das Kapitel beleuchtet den Status und die Rolle der Frau in Antike und Judentum, wobei besonders die gesellschaftliche Benachteiligung und religiöse Begründungen für ihre Unterordnung im Vordergrund stehen.
3. Die Lage der Frauen im Mittelalter: Hier wird der Einfluss zentraler Denker wie Augustinus und Thomas von Aquin auf das Frauenbild analysiert, das die Unterordnung der Frau sowohl gesellschaftlich als auch naturwissenschaftlich zu rechtfertigen versuchte.
4. Erziehung und Bildung der Frauen im Mittelalter: In diesem Teil wird die konkrete Ausbildung von Frauen in verschiedenen Lebensbereichen untersucht, vom höfischen Milieu über klösterliche Bildung bis hin zum städtischen Handel und Handwerk.
5. Schlussbemerkung: Der Autor fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass die Frauenbildung im Mittelalter primär darauf ausgerichtet war, Frauen funktional für ihre gesellschaftlichen Rollen vorzubereiten, ohne ihnen echte Autonomie zu gestatten.
Schlüsselwörter
Frauenbildung, Mittelalter, Aurelius Augustinus, Scholastik, Thomas von Aquin, Unterordnung, Frauenrolle, Erziehung, Geschlechtsvormundschaft, klösterliche Bildung, höfische Dame, Handwerk, städtischer Handel, soziale Stellung, Patriarchat.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Erziehung und Bildung von Frauen im Mittelalter und untersucht, ob diese eher einer individuellen Entfaltung oder der Festigung einer untergeordneten gesellschaftlichen Rolle diente.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind der Einfluss antiker und christlicher Denker auf das Frauenbild, die rechtliche Stellung, die Rolle der Frau in der Wirtschaft sowie ihre spezifische Erziehung in unterschiedlichen Lebenswelten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist der Beleg, dass für die mittelalterliche Frauenbildung nicht ein relationales Erziehungsverständnis, sondern das Streben nach Unterordnung der Frau unter den Mann maßgeblich war.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Analyse historischer Sekundärliteratur, um die soziale und rechtliche Stellung der Frau im Kontext der jeweiligen Wertvorstellungen der Zeit zu deuten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung der antiken Grundlagen, eine Analyse des mittelalterlichen Frauenbildes unter dem Einfluss von Theologie und Scholastik sowie eine detaillierte Betrachtung der Mädchenerziehung in verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Frauenbildung, Mittelalter, Unterordnung, Scholastik, Erziehung und Frauenrolle charakterisiert.
Welchen Einfluss hatte Aurelius Augustinus auf die Bildungssituation?
Augustinus beeinflusste das Mittelalter maßgeblich, indem er die Unterordnung der Frau als Teil der göttlichen Ordnung festigte und jede Erziehung, die dagegen aufbegehrte, als Gotteslästerung darstellte.
Warum galt das Handwerk bei Frauen als „Notlösung“?
Da das Hauptziel einer Frau die Ehe und Familienfürsorge war, wurde eine berufliche Qualifikation primär als Absicherung für den Notfall angesehen, nicht als Weg zur eigenständigen Lebensführung.
- Citation du texte
- Thorsten Dollmetsch (Auteur), 2002, Frauenbildung im Mittelalter, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/15614