Das Fernsehinterview. Ein Vergleich - Der Interviewstil von Johannes B. Kerner und Michel Friedman


Zwischenprüfungsarbeit, 2003
53 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Das Fernsehinterview
1.1 Das verschrankte Interview
1.2 Das Interview im Fernsehtalk
1.3 Zwei Gattungen des Fernsehtalks
1.4 Die Beziehung zwischen Zuschauer und Moderator

2. Vergleich - Johannes B. Kerner und Michel Friedman
2.1 Aufierer Interviewrahmen
2.1.1 Gesprachsatmosphare
2.1.2 Nonverbale Kommunikation - Das Verhaltnis vom Moderator zum Befragten
2.2 Inhaltlicher Interviewrahmen
2.2.1 Interviewstil - Fragenanalyse
2.2.2 Interviewstrategie und Interviewziel

3. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang
Anhang A: Fernsehinterview Michel Friedman
Anhang B: Fernsehinterview Johannes B. Kerner

0. Einleitung

„Mein Partner soil nicht mit mir argumentieren, sondem von sich erzahlen.

Ich bin ein Katalysator, der dem Partner das Reagieren nicht anheim stellt,
sondern ihn zur Reaktion in den wesentlichen Punkten zwingt[1]

Mit diesem Zitat beschreibt Gunter Gaus, einer der ersten und gleichzeitig erfolg- reichsten Interviewer im deutschen Fernsehen, seine Aufgabe in einem schweren journalistischen Genre, dem Fernsehinterview.[2]

Fur den Moderator, aber auch fur den Gesprachspartner stellt diese Art des Inter­views eine der grobten journalistischen Herausforderungen dar, die ich mit dieser Arbeit naher untersuchen mochte. Im Besonderen geht es in meinen Ausfuhrun- gen um den Fernsehtalk, der sich deshalb bevorzugt fur eine Analyse anbietet, da er dem Fernsehzuschauer alltaglich begegnet. Zwei sehr unterschiedliche Arten des Fernsehtalkinterviews sollen hier gegenubergestellt und auf ihre Wirkung und Ziele hin untersucht werden. Zum einen ein Interview vom 25.02.2003 des Jour- nalisten und Showmoderators Johannes B. Kerner mit Laurenz Meyer, dem der- zeitigen CDU-Generalsekretar, zum anderen ein Interview vom 05.02.2003 des Journalisten Michel Friedman mit dem ehemaligen SPD-Vorsitzenden Oskar La- fontaine. Beide Interviewpartner kommen aus demselben Genre, der Politik, was eine genaue Analyse der beiden Interviewstrategien vereinfacht. Der erste Teil der Arbeit beschaftigt sich mit dem Fernsehinterview und primar dem Fernsehtalk und stellt beide zu analysierenden Interviews in ihrem jeweiligen Kontext gegen- uber. Im Anschluss daran wird im zweiten Teil der direkte Vergleich der beiden genannten Interviews Aufschluss uber die beiden zu untersuchenden Interviewsti- le geben. Das zweite Kapitel bildet auch den empirisch-werkimmanenten Teil der Arbeit, wahrend im ersten Teil verschiedene Autoren mit ihrer Fachliteratur zum Thema Fernsehinterview und Talk herangezogen werden.

Im Besonderen ist hierbei zu beachten, dass der Fokus immer auf den Interviewer gerichtet ist, da seine Art das Gesprach zu lenken, Fragen zu stellen und eine be- stimmte Interviewstrategie zu verfolgen, die besondere Art des Interviewstils aus- macht, die ich mit meinen Ausfuhrungen analysieren mochte. Auf Grund der Komplexitat und Lange der Interviews sollen deren Themen und die Gesprachs- partner hierbei eine sekundare Rolle spielen, genauso wie die Technik durch Ka- merafuhrung und Schnitt. Das Ziel dieser Arbeit ist es, die wesentlichen Unter- schiede, aber auch Parallelen der beiden Interviewstile herauszustellen, die im Fazit resumiert werden sollen.

Anmerkung der Autorin zur Einleitung:

Bei allen Ausfuhrungen zum direkten Interviewvergleich ist anzumerken, dass der Fachliteratur keine allgemeingultigen Kriterien zur Gegenuberstellung der beiden Talkshowsendungen zu entnehmen sind. Auf Grund der fehlenden Vorgaben er- folgt die angestrebte objektive Analyse nach meinem eigenen Ermessen. Subjek- tiv-wertende Elemente konnen, wie bei jeder Interpretation, auch hier nicht ausge- schlossen werden.

1. Das Fernsehinterview

„Gunter Gaus fragte stets knapp und immer direkt auf die Rede der Person, abgesichert durch einen groBen Wissens-Fundus, doch nie auf seine eigene Meinung bezogen. Seine Technik war das Optimum zwischen klarer Gesprachsfuhrung und der Absicht, sich selbst zuruckzunehmen - und so das Gegenteil von Eitelkeit.“[3]

Michael Haller beschreibt in seinem Buch „Das Interview“ den Virtuosen des Fersehinterinterviews, Gunther Gaus. In seinem Zitat wird besonders deutlich, wie sehr ein gutes Fernsehinterview im Wesentlichen von den Fahigkeiten des Inter­viewers abhangt. Die Schlagworte „Zuruckhaltung“ und „Eitelkeit“ zeigen aber noch viel mehr uber eine entscheidende Eigenschaft des Fernsehinterviews: seine Vielschichtigkeit und Hintergrundigkeit. „Das Interview ist ein Prozess, in dem zwei Dimensionen bedeutsam sind: eine emotionale und eine inhaltliche. Der e- motionalen Dimension entspricht die Beziehung zwischen Interviewer und Be- fTagtem (...).“ Das Verhaltnis der beiden Gesprachspartner und ihr Umgang mit- einander, den man „Rapport“[4] nennt, zahlt ebenso zu dieser Ebene wie ihre Ge- fuhle in nonverbalem Verhalten auszudrucken. „Der inhaltlichen Dimension ent- spricht die Aufgabe, Informationen zu erhalten und zu geben.“[5] Die Herausforde- rung fur den Interviewer liegt im Kontrollieren der beiden Dimensionen zur glei- chen Zeit. Der Journalist muss sein inhaltliches Interviewziel im Auge behalten, aber gleichzeitig seinen Rapport zum Gegenuber standig neu einschatzen und kontrollieren konnen.

Der Zuschauer nimmt die beiden Ebenen des Interviews nur unbewusst wahr, da er meistens das Gefuhl hat, das Interview gleiche einem Alltagsgesprach. Doch das Gegenteil ist der Fall: Hochgradig geplant und intendiert grenzt sich das Fern­sehinterview in funf entscheidenden Punkten (nach Jurgen Friedrichs[6] ) vom Ge- sprach ab. „Der erste Unterschied besteht darin, dass der Interviewer nicht fur sich fragt, sondern als Stellvertreter fur die Fernsehzuschauer.“[7] Speziell im Medium Fernsehen besteht immer ein Beziehungsdreieck zwischen Journalist, Befragtem und den Zuschauern, das entscheidend Art und Ziel des Interviews beeinflusst. An dem praktischen Beispiel der Zielgruppen der zu untersuchenden Talkshows wird hierzu im Kaptitel 1.3. Bezug genommen.

Der zweite Aspekt beleuchtet, dass der Journalist ein Interviewziel hat und zu einem Sachverhalt bestimmte Informationen erlangen mochte. Der dritte und auch entscheidende Unterschied, der das Interview vom Gesprach abgrenzt, ist die „A- symmetrie“[8] in der Interviewfuhrung und die spezifische Rollenverteilung: Der Journalist fragt und der Beffragte antwortet. Wird diese Asymmetrie verlassen und kehren sich die Rollen von Interviewer und Befragtem um, handelt es sich wirk- lich um ein Gesprach und nicht mehr um eine klassische Interviewsituation. Hier zeigt sich ganz deutlich, dass dem Fragesteller immer die dominante Rolle im Interview zukommt, der er gewachsen sein muss. Der Fernsehjournalist muss die Fahigkeit besitzen, das Interview zu fuhren und darf sich diese Kompetenz nicht aus den Handen nehmen lassen. Sich diese zu erarbeiten ist besonders schwierig, da der Interviewer „zwei Aufgaben gleichzeitig erfullen muss: Sich inhaltlich auf Fragen und Antworten zu konzentrieren, sowie die sozial-emotionale Beziehung zwischen ihm und seinem Gesprachspartner zu beobachten.“[9], Letzterer Punkt markiert die vierte Abgrenzung zum Gesprach.

Beim Medium Fernsehen kommt beim Interview noch ein funfter Aspekt hinzu: Wenn das Interview live gesendet wird, weib der Interviewer, dass es keine Mog- lichkeit gibt, Statements oder Fragen herauszuschneiden, ganz anders als beim aufgezeichneten Interview. Hier zeigt sich, dass die Technik durch Kamera und Schnitt ein Interview ebenfalls beeinflussen kann.

Die technische Seite, die Visualisierung von Personen im Interview, erregt beim Fernsehpublikum besondere Aufmerksamkeit. Die Moglichkeit, eine Person live zu sehen und ihre korperlichen sowie sprachlichen Reaktionen gleichzeitig einzu- fangen, ist fur jeden Zuschauer immer wieder ein spannendes Erlebnis. Das Beo- bachten des Zusammenspiels von verbaler und nonverbaler Kommunikation zwi­schen zwei Interaktionspartnern erregt Emotionen, kann informieren und unterhal- ten. Doch es kann auch Widerspruchlichkeit ausdrucken: Der Zuschauer bemerkt, dass der Interviewpartner nicht hinter seiner Meinung steht, wenn Gestik und Mimik nicht zum Gesagten passen. „Vor allem im Fernsehinterview wirkt der

Befragte weniger durch das, was er sagt, als durch die Art, wie er es sagt: Sein Spontanverhalten - und sei es auch fur den Fernsehauftritt sorgsam einstudiert - pragt mabgeblich den Eindruck des Zuschauers“[10] von der interviewten Person. Auge in Auge mit dem Journalisten gibt es vor der Kamera kein Entrinnen. Jegli- che nonverbale und verbale Kommunikation wird unwiderruflich eingefangen und ist nicht mehr zu andern. Fur den Fragensteller, aber auch fur den Interviewpart- ner ist das Fernsehinterview deshalb eine grofte Herausforderung und verlangt enorme Vorbereitung, Beherrschung, gute Rhetorik und Disziplin.

Gerade weil die Kamera bewusste und auch unbewusste Gesten einfangt, zeigt sie, gerade bei kameraunerfahrenen Interviewern und Interviewpartnern, auch die kleinste Unsicherheit: Das Fernsehinterview hat deshalb die entscheidende Fahig- keit, zu entlarven. Es ist immer stuckweit ein Test - besonders fur den Interview- ten, der sich den Fragen des Journalisten stellt. „Die Art, wie der Befragte mit diesem Test umgeht, soll dem Zuschauer Einblick geben in dessen sonst verbor- gene Personlichkeit.“[11]

Uber je mehr Kompetenz der Journalist verfugt und je mehr Geschicklichkeit er bei seiner Fragestellung und Fragenstrategie beweist, desto mehr kann er die wah- re Seite der Personlichkeit seines Gesprachspartners zeigen. Genauso kann er den Interviewten auch auf die Probe stellen und entlarven, ob seine Aussagen wirklich ernst und wahrheitsgetreu sind.

Die angesprochene sozial-emotionale Beziehung zwischen Interviewer und dem BefTagten ist besonders bei den Fernsehinterviews von Belang, die nicht nur zum Ziel haben, Informationen zu gewinnen, sondern in denen es auch darum geht, die Personlichkeit des Interviewten hervorzuheben. Da es sich um eine Verschran- kung des Gegenstandes mit der zu befragenden Person handelt, spricht man von einem „verschrankten Interview[12]. „Das verschrankte Interview sieht im Inter- viewpartner nicht nur den Informanten,[13] aber auch nicht nur den Selbstdarsteller, es versucht vielmehr, das eine im anderen aufzuzeigen.“ Die Aufgabe des Inter­viewers bei dieser Art des Gesprachs ist es, den Interviewpartner zu veranlassen, sich moglichst einlasslich und offen uber aktuelle Ereignisse in Verbindung mit seinen Handlungen, Meinungen oder Denkweisen zu aubern, damit er sich zugleich auch selbst charakterisiert.

In der Fragetechnik des verschrankten Interviews gibt es keine festgelegten Re- geln, sondern „es wechselt zwischen weichen und harten Formen, zwischen inva- siven und explorierenden Frageformen, wobei die weicheren, offeneren Formen die einzelnen Themen einleiten und gleichsam den Boden ebnen fur nachfassende, auch invasive Fragen.“[14] Die Gefahr bei dem Genre des verschrankten Interviews besteht darin, dass die Fragen und Antworten sehr trivial ausfallen konnen. So kann der Dialog leicht nur allzu sehr dem Erwarteten entsprechen, wenn sich der Interviewer nicht ausreichend auf das Gesprach vorbereitet hat.[15]

Nur durch explizite und ausreichende Recherche kann der Fernsehinterviewer „unerwartete Aspekte, komische Episoden und originelle Bezugnahmen“[16] in den Dialog einstreuen. Dies macht das Gesprach fur den Zuschauer spannend und in- formativ zugleich.

Im Folgenden soll es um die Art des „verschrankten Fernsehinterviews“ gehen, das sich, wie ich zeigen werde, eindeutig im Fernsehtalk wieder findet.

Das Interview in Talkshows unterscheidet sich deshalb besonders von anderen Arten des Interviews im Fernsehen, weil hier die Moderatoren nicht nur Stellver- treter der Zuschauer sind, sondern auch prominente Personlichkeiten, die Mei- nungen und Kommentare aubern. Im gewissen Sinne ist es auch immer „eine Selbstdarstellung der Journalisten, sie pragen durch ihren Stil und ihre Kommen­tare, kurz: durch ihre Person, die Talkshow.“[17] Durch den Aspekt der Selbstdar­stellung verandert sich auch die Art, das Interview zu fuhren, manchmal sogar erheblich. Oft macht ein bestimmter personlicher Frage- und Interviewstil, aber auch Verhalten und Rhetorik des Moderators den ganzen Erfolg des Formates aus. Besonders der letzte Punkt muss far die spatere Interviewanalyse prasent bleiben. Des Weiteren bieten Talkshows „eine besondere Moglichkeit, Person und Sache zu verbinden. (...). Sie bieten die Chance in einer ungezwungenen Atmosphare kritische Fragen zu stellen, die in starker formelleren Sendungen nicht moglich waren.“[18] Oft verfolgt der Interviewer hierbei eine besondere Fragenstrategie. Der Moderator in einer Talkshow hat in den meisten Fallen zunachst eine An- nahme uber die Einstellung der interviewten Person zu einem bestimmten Thema und baut darauf seine Fragen auf. Diese Annahme ist meistens die populare Mei- nung, die gerade in der Gesellschaft zu einem Thema vorhanden ist, da der Fra- gensteller, gerade in der Talkshow, die breite Offentlichkeit reprasentiert.

Damit diese Art, Fragen zu stellen, erfolgreich ist, muss es dem Interviewer gelin- gen, Amt und Person des Befragten zu trennen, denn oft soll der Gesprachspartner nicht als Inhaber eines Amtes antworten, sondern als Privatperson. Begunstigt wird diese Fragestrategie durch eine gemutliche Atmosphare des Studios, in der sich der Interviewte wohl fuhlt. „Die Fragestrategie selbst besteht darin, Fragen zur Person zu stellen und die Gaste dazu zu bringen, sich selbst darzustellen: of- fen, eitel, wertend, unausgewogen.“[19] Entscheidend ist, dass es eine der wichtigs- ten Kriterien einer Talkshow ist, dass die Interviewten von den Fragen des Moderators oft in diese Richtung gedrangt werden, namlich das Amt, das sie bekleiden, ein Stuck weit hinter sich zu lassen und dafur mehr als Privatperson zu antworten.

Der Moderator unterscheidet geschickt zwischen Rolle und Person des Interview- partners und stellt Fragen, in denen sachliche und emotionale Inhalte verknupf werden. Dazu gehoren beispielsweise Fragen nach einer personlichen Bewertung von aktuellen Ereignissen, Anspielungen, SuggestivfTagen und Provokationen. Wenn der Interviewer allerdings selbst wertet oder provoziert und die Neutralist verlasst, dann muss er darauf gefasst sein, dass er „sich selbst der Kritik der Be- fragten und Empfanger aussetzt.“[20]

Moderatoren und Gaste haben in einer Talkshow bestimmte Erwartungen anein- ander. Gerade prominente Gaste neigen dazu, in einem Talkinterview, in dem die Atmosphare scheinbar locker und ungezwungen ist, mehr zu erzahlen, als sie ei- gentlich beabsichtigen. „Die gut vorbereiteten Moderatoren nutzen (...) gerade diesen Eindruck, um an die weniger gut vorbereiteten Gaste sowohl einfache als auch komplizierte und kritische Fragen zu stellen.“[21]

1.3. Zwei Gattungen des Fernsehtalks

Die Fernsehinterviews, die Gegenstand meiner Analyse sind, sind beide in das Format der Talkshow eingebettet, obwohl ihr Dialog ganz verschieden ist.

Es gibt keine einheitlichen Regeln, wie ein Talkshowinterview zu fuhren ist, denn jeder Interviewer hat seine eigene Strategie, wie er gleichzeitig Informationen und die befragte Person zum Gegenstand seines Gesprachs macht.

Genau dieser Aspekt spiegelt sich in den beiden zu analysierenden Interviews von Johannes B. Kerner und Michel Friedman wieder, die zeigen, wie gegensatzlich Interviews in einer Fernsehtalkshow sein konnen. Eine wesentliche Rolle im Hin- blick auf die angesprochene Unterschiedlichkeit beider Interviews spielt die Art der Talkshow, welcher thematische Schwerpunkt ihr gesetzt ist, kurz: welchem Genre sie angehort.

Michel Friedman ist eine politische Talkshow, die in erster Linie zum Ziel hat, durch Interviews mit Politikern Informationen zum aktuellen politischen Gesche- hen in Deutschland zu vermitteln. Das Format Polit-Talkshow verfolgt ganz eige- ne inhaltliche Ziele, die sie von der Unerhaltungstalkshow abgrenzen. „Politische Vorgange sollen aus dem Blickwinkel der Akteure transparent gemacht werden.

Das Interview setzt darum die zu befragende Person in Beziehung zu einem aktu- ellen Vorgang, der als Anlass dient oder zum Thema gemacht wird."[22] Erst an zweiter Stelle stehen die Interviewpartner als Privatpersonen, denn ihre personliche Meinung ist in der Regel nur in Verbindung mit aktuellen Ereignissen relevant. Personliche Belange der Politiker werden fast nie primar zum Thema gemacht, nur, wenn sie den Gegenstand des Interviews touchieren.

Es handelt sich hierbei um ein „One-to-One Interview" denn die halbstundige Sendung besteht nur aus dem Interview zwischen einem Politiker und dem Mode­rator. Friedman ist eine Live-Talkshow. Das Interview wird eins zu eins ubertra- gen und es konnen keine Sequenzen herausgeschnitten werden. Im Falle des vor- liegenden Interviews vom 05.02.2003 mit Oskar Lafontaine wurde die Sendung aus terminlichen Grunden kurz vorher aufgezeichnet. Doch auch in diesem Fall hat die Talkshow Friedman Live-Charakter, da es sich um eine Aufzeichnung an einem Stuck handelt. Auf Grund dessen und der Tatsache, dass die Aufzeichnung kurz vor Sendetermin erstellt wurde, konnten auch hier keine Statements heraus­geschnitten oder verkurzt werden. Letzteres gilt ebenfalls fur die Sendung Johan­nes B. Kerner, die auch live produziert wird. Sie zahlt zu der Gattung des Unter- haltungstalks. Meist drei Interviewpartner sind Gaste der circa einstundigen Sen­dung, die jeweils in einem „Face-to-Face“ Interview etwa 20 Minuten befragt werden. Bei dieser Art der Talkshow vertauschen sich, im Gegensatz zu Fried­mans Polit-Talk, die Schwerpunkte: Im Interview steht hier erst die Privatperson im Vordergrund, wahrend die Vermittlung von konkreter Information zu be- stimmten Sachverhalten in den Hintergrund ruckt. Das offensichtlichste Beispiel hierfur liefern die Fotoeinblendungen der Gaste wahrend der Interviews, die sie meist in privaten Situationen zeigen.

Bereits hier wird klar, dass es sich bei beiden Interviews um die Art des ver- schrankten Interviews handelt, die Person und Sache zum Gegenstand machen. Jedoch liegt bei Friedman der klare Schwerpunkt auf aktueller Information, wah- rend er bei Johannes B. Kerner auf der Person liegt.

1.4. Die Beziehung zwischen Zuschauer und Moderator

Bei dem Format Talkshow wiegt ein Aspekt ganz besonders schwer: Sie erreicht eine grobe Zielgruppe. Die Zuschauer, fur die das Format gestaltet wird, spielen eine nicht zu unterschatzende Rolle bei der Frage, wie der Talkshowmoderator seine Gaste interviewt. Schlieblich muss der Zuschauer die Informationen und Inhalte verstehen und auch behalten konnen. Das macht nicht zuletzt den Erfolg der Talkshow aus.

Das im Kapitel 1 bereits angesprochene Beziehungsdreieck (nach Friedrichs[23] ) zwischen Interviewer, Befragtem und Zuschauer bestimmt mabgeblich die Inter- viewweise des Moderators. Funf Komponenten sind hierbei gleichermaben bei den zwei Gesprachspartnern und den Zuschauern, als Einzelpersonen betrachtet, zu berucksichtigen: Alter und Geschlecht, Status, Informationshorizont, Interessen und Erwartungen. In diesem Kapitel soll zunachst das Verhaltnis von Zuschauer und Moderator beleuchtet werden. Im zweiten Teil der Arbeit gehe ich auf die Beziehung vom Moderator zum Befragten im Beziehungsdreieck des Interviews ein, die besonders durch nonverbale Kommunikation verdeutlicht wird. Besonders wichtig in diesem Beziehungsgeflecht zwischen Fernsehpublikum und Moderator ist, ob sich der Interviewer als „Reprasentant der Zuschauer, Promoter des Befragten oder als Selbstdarsteller“[24] versteht. Dies soll in meinen folgenden Ausfuhrungen ersichtlich werden.

Die Zielgruppen der Talkshows Johannes B. Kerner und Michel Friedman sind scheinbar gleich, da sie sich auf Grund des spaten Sendeplatzes um 22.45 Uhr und 23.00 Uhr an Erwachsene ab 18 Jahren richten. Jedoch sind sie in der Tat sehr verschieden, da beide Talkshows an ganz unterschiedliche Interessen der Zu- schauer in ihrer Zielgruppe appellieren.

Da die Talkshow Friedman ein Polit-Talk ist, was sich in der Auswahl der Gaste widerspiegelt, die uberwiegend Politiker sind, kommen dort politisch Interessierte auf ihre Kosten. Die Sendung Friedman ist so angelegt, dass sie den Anspruch an die Zielgruppe stellt, politisch bereits vorgebildet und informiert zu sein, denn in der Regel wird das aktuelle politische Geschehen nicht noch einmal explizit er- klart, sondern es wird konkret daruber diskutiert. Die Zielgruppe dieser Talkshow
mochte sich also in erster Linie politisch weiterbilden und uber das aktuelle Ge- schehen in Deutschland informiert werden. Dies setzt naturlich einen gewissen Grad an Bildung und Intellekt voraus, der die Zielgruppe charakterisiert. Michel Friedman fungiert hier als Moderator naturlich als Reprasentant genau dieser Zielgruppe. Er stellt seine Fragen aus der Perspektive der Zuschauer, weil er ihren Informationsstand und ihre Interessen berucksichtigt und genau kennt.

Bei Johannes B. Kerner schalten die Zuschauer ein, die vielfaltig interessiert sind und gerne informativ unterhalten werden mochten. Die prominenten Interview- partner interessieren sie besonders als Privatpersonen, da sie oft in offiziellen Rol- len in den Medien zu sehen sind. Hier liegt der Reiz genau darin, die Prominenten in der Rolle des einfachen Privatmenschens kennen zu lernen, mit Schwachen und ganz normalen Problemen, mit denen der Zuschauer vor dem Fernseher ebenfalls tagtaglich konfrontiert wird. Generell kann man also festhalten, dass es sich bei der Zielgruppe der Sendung Johannes B. Kerner um ein breit gefachertes Publi- kum handelt, wahrend der Talk mit Michel Friedman eher eine kleinere, ausge- wahlte Zielgruppe anspricht. Entsprechend fallen bei den unterschiedlichen Ziel- gruppen auch die Erwartungen der Zuschauer an die Moderatoren aus.

Der Moderator einer Unterhaltungstalkshow muss im Interview nicht zeigen, wie viel er weib, denn er mochte ja den Privatmenschen hinter der „o ffiziellen Rolle“ des Prominenten fur den Zuschauer kennen lernen, und steht sozusagen fur die breite Offentlichkeit. Johannes B. Kerner ubernimmt somit noch viel mehr die Rolle als Reprasentant seiner Zielgruppe. Er stellt Fragen, die viele Menschen interessieren und die sie vielleicht genauso stellen wurden, unter besonderer Be- rucksichtigung ihrer Interessen und ihres Bildungsstandes. Wenn ihm eine Ant- wort seines Gegenubers inhaltlich zu unklar erscheint, erklart er sie in seinen Aus- sagen oder Folgefragen dem Zuschauer, um sicherzugehen, dass dieser die The- matik des Gesprachs erfassen kann. Anders Michel Friedman: Er muss mit enor- mem Fach- und Hintergrundwissen seinen Interviewpartner und auch den Zu­schauer beeindrucken, weil er sich in seinem Interview auf das Niveau von Politi- kern begeben muss, um diese gegebenenfalls mit Widerspruchlichkeiten in ihren Aussagen zu konfrontieren und um sie vielleicht sogar entlarven zu konnen. Des- halb ist er fur die Zuschauer nicht nur Reprasentant, sondern auch ein souveraner Selbstdarsteller. Der Moderator als Selbstdarsteller ist „gut informiert und konkur- riert mit dem Befragten um die fachliche Kompetenz.“ Johannes B. Kerner muss uber ein gewisses Mab an Informationen uber die zu interviewende Person verfugen, aber nicht mit grobem Fachwissen glanzen, da er im gewissen Sinne eine Person seiner eigenen Zielgruppe darstellt. Die Zuschauer sollen sich mit Ihren Fragen, Vorstellungen und Wunschen in ihm wieder finden.

Beide Moderatoren ubernehmen nicht die Funktion des Promotors des Befragten, der dadurch charakterisiert ist, dass er „sich vielmehr an den Interessen des Be­fragten ausrichtet“, ihn nicht unterbricht, und meist einen niedrigeren Status einnimmt als der Interviewte. „Dies kommt besonders haufig bei politischen In­terviews vor, was darauf zuruckzufuhren ist, dass der Interviewer befurchtet, kein weiteres Interview mehr zu bekommen, wenn er zu hart fragt.“ Gerade Michel Friedman hinterfragt eher seinen Gesprachspartner und seine poli­tischen Ansichten als ihm zuzustimmen. Er unterbricht bevorzugt und fragt scharf nach. Offensichtlich stellt er hier wohl eine Ausnahme dar, da er genau das Ge- genteil des Promoters des Befragten reprasentiert. Sicherlich ist dieses Phanomen mitentscheidend fur den groben Erfolg dieser Talkshow.

Johannes B. Kerner sieht seine Interviewpartner als Gaste in seiner Show und behandelt sie dementsprechend in einer viel freundlicheren, moderateren Art und Weise. Dennoch spricht er auch kritische Themen, Probleme und Unwahrheiten an und setzt sich mit seinen Gesprachspartnern daruber auseinander. Auch fur ihn gilt daher, dass er kein kritikloser Moderator ist, der seinen Gasten eine bessere PR verschaffen mochte.

In welcher Art und Weise Johannes B. Kerner und Michel Friedman den Anspru- chen der Zielgruppe ihrer Talkshow gerecht werden, und welche Mittel sie dazu verwenden, soll im Folgenden der direkte Vergleich der beiden Interviews zeigen.

[...]


[1] Haller, Michael: Das Interview. Ein Handbuch fur Journalisten. (Konstanz: UVK Medien

[2] 1997), S. 42/43.

[3] Ebd., S.43.

[4] Friedrichs, Jurgen: Journalistische Praxis: Das Interview. In: Fernsehen undBildung Jhrg. 10/3 (Munchen: Verlag Dokumentation 1976), S. 175.

[5] Ebd.

[6] Friedrichs, Jurgen: Das Interview im Fernsehen. In: Bleas, Ruth/ Heussen, Gregor A.: ABC des Fernsehens. (Konstanz: UVK Medien 1997), S. 306.

[7] Ebd.

[8] Friedrichs, Jurgen (1976), S. 170.

[9] Friedrichs, Jurgen/ Schwinges, Ulrich: Das journalistische Interview. (Wiesbaden: Westdeut- scher Verlag 1999), S. 14.

[10] Haller, Michael (21997), S. 109.

[11] Vgl. Ebd., S.108.

[12] Haller, Michael (1997) S. 149.

[13] Ebd., S. 151.

[14] Ebd.

[15] Vgl. Ebd.

[16] Ebd.

[17] Bleas, Ruth/ Heussen, Gregor A.: ABC des Fernsehens. (Konstanz: UVK Medien 1997), S.312.

[18] Friedrichs, Jurgen/ Schwinges, Ulrich (1999), S. 178.

[19] Ebd., S. 187.

[20] Ebd., S. 188.

[21] Ebd., S. 189.

[22] Haller, Michael (1997), S. 163.

[23] Friedrichs, Jurgen (1976), S. 172.

[24] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 53 Seiten

Details

Titel
Das Fernsehinterview. Ein Vergleich - Der Interviewstil von Johannes B. Kerner und Michel Friedman
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Magisterprüfungsamt Germanistik)
Veranstaltung
Seminar: Journalistische Darstellungsformen
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
53
Katalognummer
V15634
ISBN (eBook)
9783638206945
ISBN (Buch)
9783638787925
Dateigröße
603 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fernsehinterview, Vergleich, Interviewstil, Johannes, Kerner, Michel, Friedman, Seminar, Journalistische, Darstellungsformen
Arbeit zitieren
Magister Kommunikationswissenschaft Linda Neuhaus (Autor), 2003, Das Fernsehinterview. Ein Vergleich - Der Interviewstil von Johannes B. Kerner und Michel Friedman, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/15634

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