Altruismus oder Egoismus?

Soziales Verhalten als genetisch bedingter Überlebensvorteil


Hausarbeit, 2008
18 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der soziobiologische Ansatz
2.1 Geschichtlicher Hintergrund
2.2 Der Begriff der Soziobiologie
2.3 Grundannahmen
2.4 Egoismus der Gene

3. Kooperative Verhaltensweisen als genegoistische Strategien
3.1 (Reziproker) Altruismus
3.2 Nepotismus
3.3 Kampf der Geschlechter
3.4 Der Generationenkonflikt

4. Kritik am soziobiologischen Ansatz

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Für uns Menschen ist das Helfen und Unterstützen eines Artgenossen eine Selbstverständlichkeit, wenn nicht gar ein Muss. So wird jeder von uns definitiv behaupten, er würde in einen reißenden Strom springen um einen Menschen zu retten, und sei es auch kein Nahestehender. Nun bleibt zu hinterfragen, warum man denn sein Leben für das eines anderen aufs Spiel setzt. Stellt denn der Mensch eine Ausnahme in der Natur dar? So schrieb Goethe einst folgende Worte: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut! Denn das alleine unterscheidet ihn von allen Wesen, die wir kennen“.1 Es scheint, als vermöge eben nur unsere Spezies uneigennütziges Verhalten an den Tag zu legen. Jedoch drängt sich die Frage auf, ob das kooperative Verhalten lediglich das Mittel zum Zweck ist oder ob es tatsächlich so etwas wie einen „echten“ Altruismus gibt.

Genau an dieser Fragestellung setzt die interdisziplinäre Wissenschaft Soziobiologie an. So gerne der Mensch auch an ein selbstloses Handeln unter Artgenossen glauben mag, um das von ihm selbst geschaffene Menschenbild aufrecht erhalten zu können, letztendlich wird ein „Draufzahler“ und ein „Nutznießer“ niemals ewig in dieser Rolle verharren können. Denn die biologische Evolution ist unberechenbar und kennt kein Gut oder Böse. Ausschlaggebend ist alleine die Eignung der Gene, und das Individuum ist dazu geschaffen, um die erfolgreichste Strategie umzusetzen, die den Fortbestand ebendieser garantiert. Die natürliche Auslese, wie sie von Charles Darwin begründet wurde, tut ihr übriges. Denn mittel- bis langfristig löscht sie jede Strategie aus, die sich nicht rechnet. Aus dem Ansatz der Soziobiologie wird ersichtlich, dass jede Verhaltensweise, selbst die kooperative bzw. altruistische, in der Gesamtbilanz Vorteile für den Fortbestand der eigenen Gene bringen muss, anderweitige würde diese Strategie einfach nicht mehr existieren.

In dieser Ausarbeitung wird zuerst auf die Entwicklung der noch vergleichsweise recht jungen Disziplin Soziobiologie eingegangen. Dabei werden die Grundannahmen durchleuchtet und darauf folgend der Egoismus der Gene vorgestellt. Anschließend wird auf kooperative Verhaltensweisen eingegangen. Unter diesem Punkt wird die Frage geklärt, ob es den so genannten „echten“ Altruismus gibt, oder dieser lediglich als „Wolf im Schafspelz“ zu interpretieren ist. Nachdem dann einige Beispiele zur Erklärung des genegoistischen Verhaltens, wie sie die Soziobiologie begründet, herangezogen werden, wird abschließend noch eine kritische Würdigung auf ebendieses Themengebiet geworfen. Insgesamt soll die Soziobiologie nicht als eine wertende Wissenschaft verstanden werden, die radikale Ideologien vertrete, sondern als eine, die nach den Gesetzesmäßigkeiten der Naturwissenschaften agiert und dessen Erkenntnisgewinne ebendieser Wissenschaft Erwartungen genügen muss. Sie ist dementsprechend vollkommen frei von ideologischen Anschauungen, wobei man den Ansichten einigen ihrer Vertreter auch das Gegenteil zuschreiben könnte.2

2. Der soziobiologische Ansatz

2.1 Geschichtlicher Hintergrund

Die Wissenschaft Soziobiologie ist in ihrer geschichtlichen Entwicklung als das Ergebnis der Darwinistischen Evolutionstheorie zu verstehen. Die bereits im Jahre 1859 von Charles Darwin in seinem Buch „Die Entstehung der Arten“ publizierte Theorie geht von der Annahme aus, der Mensch sei das Ergebnis der Evolution. Dies impliziert, dass der gesamte Körperbau und das Verhalten, einschließlich Sozialverhalten, als Konsequenz der natürlichen Auslese/Selektion anzusehen sind. Die Soziobiologie erweitert Darwins Erkenntnisse, indem sie einige Aspekte des sozialen Verhaltens erklärt, die der Theorie der natürlichen Selektion auf den ersten Blick zu widersprechen scheinen. So bietet sie Ansätze zum Verständnis der altruistischen Verhaltensweisen von Lebewesen. Diese ergeben aus der Sicht der Evolutionstheorie jedoch keinen Sinn, da jedes Lebewesen zuerst an das eigene Überleben denkt (Überleben des Tauglichsten) und alle Individuen in Konkurrenz um mögliche Erzeuger, Ressourcen usw. stehen.3

Um für das soziale Verhalten von Mensch und Tier Erklärungen zu finden, trafen sich im Jahre 1948 Verhaltensforscher in New York. Dabei wurden verschiedene wissenschaftliche Disziplinen zur Hervorbringung von allgemeinen Gesetzesmäßigkeiten im Verhalten von Lebewesen zusammengeführt. Als Ergebnis ist die neue interdisziplinäre Wissenschaft „Soziobiologie“ anzusehen.

Im Jahre 1975 veröffentlichte der Zoologe Edward O. Wilson (*1929 in Alabama) das Werk „Sociobiology - The New Synthesis“, welches die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf diese neue Disziplin lenkte. Der Amerikaner, der heute oft als Gründervater der Soziobiologie angesehen wird, beschreibt in seinem Buch die verschiedenen Ausprägungen von Sozietäten in der Tierwelt und erweitert die bis dahin geltenden soziobiologischen Ansichten auf den Menschen. So lässt er sich im letzten Kapitel zu der polemischen Behauptung hinreisen, dass die sozialen Strukturen des Menschen ähnlich die der Tiere seien und von genetischen und biologischen Faktoren bestimmt werden. Dies rief nicht zuletzt bei einigen seiner Fachkollegen Empörung hervor, denn das menschliche Wesen könne ja keine Marionette seiner eigenen Gene sein. Außerdem folgerte Wilson aus seinen Erkenntnissen, dass Wissenschaften wie die Philosophie oder Soziologie über kurz oder lang in der Biologie aufgehen werden. Die angespannte Situation erreichte ihren Höhepunkt bei einer Tagung der American Association for the Advancement of Science in Washington, wo Wilson einen Vortrag hielt. Während des Vortrages sprang einer seiner Gegner, ein Mitglied des International Committee against Racism, auf, begab sich zum Podium und übergoss den sprechenden Wilson mit Wasser. Doch dieser fuhr mit seine Rede, nachdem er sein Gesicht abgetrocknet hatte, unbeirrt fort und erntete zum Abschluss tosenden Applaus. Seine Widersacher hatten sich verkrochen.4

Zu der damaligen Zeit konnte oder wollte noch niemand an den Egoismus der Gene, wie in Richard Dawkins (*1941 in Nairobi) in seinem Werk „The Selfish Gene“ postulier, glauben. Bei diesem wohl bedeutendsten Buch auf diesem Gebiet geht es um die Annahme, dass alle Lebewesen durch egoistische Gene geschaffene Überlebensmaschinen sind und somit jede Verhaltensform, die den Genen eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit bietet, als positives Ergebnis angesehen werden kann. Demnach sind alle Lebewesen nur „Gepäckträger“ ihrer eigenen Gene, die wiederum durch eigenen Egoismus überlebt haben.5

2.2 Der Begriff der Soziobiologie

Die Soziobiologie beschreibt die Erforschung des Sozialverhaltens von Mensch und Tier auf evolutionsbiologischer und genetischer Grundlage. Dabei untersucht sie, welche naturgesetzlichen Mechanismen die Verhaltensformen von Lebewesen geprägt haben und bietet Lösungen für vorher nicht zu erklärende Phänomene des Sozialverhaltens, wie z.B. den Infantizid, der unter anderem bei Löwen vorkommt und nach der Theorie der Artenselektion nicht der Arterhaltung dienlich zu sein scheint.

Wie bereits oben beschrieben, ist die Soziobiologie aus der Evolutionsbiologie heraus entstanden und ist ihr somit unterzuordnen.

Sie stellt aber auch gleichzeitig ein Teilgebiet der Verhaltensforschung dar. Jedoch strikt abzugrenzen ist sie von der klassischen Verhaltensforschung Ethologie, wie sie unter anderem Konrad Lorenz betrieb. Denn es geht in der Soziobiologie nicht am die Arterhaltung als Fortpflanzungsantrieb, sondern um die „reproduktive Eignung des Individuums“6, das als eine übergeordnete Einheit der im Genpool befindlichen Genotypen betrachtet wird.

2.3 Grundannahmen

Die elementaren Annahmen der Soziobiologie sind im Wesentlichen auf immer dieselbe biologische Grunderkenntnis zurückzuführen; Jede Verhaltensweise baut auf genetischen Wurzeln auf. Somit ist jede Überlebensstrategie7 der Gene letztlich als Mittel zum Zweck zu werten. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass ein relativ erfolgreiches Verhalten, also das Verhältnis der Fitness8 eines Genotyps im Verhältnis zur durchschnittlichen Fitness in der Population, zu einem überdurchschnittlichen Fortbestand der Gene führen muss. Das Sozialverhalte]n in seinen unterschiedlichen Ausdrucksformen hat eine genetische Basis, die Überlebensvorteile mit sich bringt.

Evolution vollzieht sich somit auf der Ebene der Gene und nicht auf der übergeordneten Ebene der persönlichen Fitness.9 Ein unterdurchschnittlicher Fortpflanzungserfolg ist letztendlich zum Scheitern verurteilt.

Dementsprechend muss eine jede genetisch bedingte Verhaltensweise, ob nun egoistisch oder altruistisch, für den Träger der Gene selbst bzw. für die Replikation seiner Gene von Vorteil sein. Je erfolgreicher die Gene beim Programmieren des Individuums auf ihr eigenes Überleben sind, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit des Fortbestands. Diese Erkenntnis ist auch unter dem Begriff des „Gen-Egoismus“ bekannt.

Im weiteren Verlauf wird stets das Individuum und nicht ihre Gene als das zu untersuchende Subjekt herangezogen. Denn, wie es Dawkins treffenderweise formulierte, ist es nicht passend „über Quanten und Elementarteilchen zu reden, wenn wir die Funktionsweise eines Autos erörtern“, ebenso ist es „ermüdend und unnötig, beständig die Gene heranzuziehen, wenn wir das Verhalten von Überlebensmaschinen diskutieren. In der Praxis ist es gewöhnlich zweckmäßig, den einzelnen Körper annäherungsweise als ein Subjekt zu betrachten, das die Zahl aller seiner Gene in zukünftigen Generationen zu vergrößern „sucht“.“10

Von Bedeutung ist jedoch nicht stets der persönliche Erfolg der Weitergabe eigener Gene und der damit zusammenhängenden Strategien. Hinzu kommen zwei weitere Elemente, die die Verhaltensweisen der Individuen elementar beeinflussen und diese dazu bringen, ihre Strategien zu ändern. Einerseits geht es um die Frage, wie hoch die individuelle Investition in die Weitergabe der eigenen Gene ausfällt (1) und auf der anderen stellt sich die Frage, wie evolutionär stabil die angewandte Strategie ist (2).11

(1) Entscheidend ist lediglich der dauerhafte Fortbestand des Genotyps, also der der Erbanlagen eines Individuums insgesamt. Unbedeutend ist dementsprechend, ob ein bestimmtes Lebewesen zum Fortpflanzungserfolg kommt oder eben nicht. Somit kann es unter Umständen für die Gene eines Individuums von Vorteil sein, seine persönliche Fortpflanzung zurückzustellen und die der Verwandten zu Unterstützen und dadurch das Überleben des gemeinsamen Genotyps zu gewährleisten. Es kommt also auf den Verwandtschaftsgrad an, um zu entscheiden, ob sich diese Strategie letztlich als ökonomisch rational erweist.12

(2) Der von John Maynard Smith eingeführte Begriff der evolutionär stabilen Strategie besagt, dass eben die vorprogrammierte Verhaltensweise, die sich im Laufe der Evolution als überaus überlegen anderen gegenüber behauptet hat, als evolutionär stabil gilt. Es besteht also keine andere Strategie - zumindest nicht langfristig - , die erfolgreicher ist, denn dies würde zur Elimination der Gene der weniger erfolgreichen führen.13

Ein sehr gutes Beispiel dafür ist die Gruppenbildung. Zentrales Merkmal einer Gruppe ist ein Mindestmaß an Kooperation, erst dann kann man wirklich von Sozietät sprechen, bei der die Mitglieder durch engen sozialen Kontakt miteinander verbunden sind. Der Grund für diese Art von Strategie liegt auf der Hand: Durch den Zusammenschluss mehrerer Individuen einer Art zu einer Gruppe steigt die Wahrscheinlichkeit des genetischen Überlebens. Es müssen also die Vorteile des Gruppenlebens die Nachteile mehr als ausgleichen. In der Evolution zählt ausschließlich die Gesamtbilanz, denn die natürliche Auslese löscht mittel- bis langfristig alles aus, was sich nicht rechnet. Somit ist die Wahrscheinlichkeit, dass unvorteilhafte Strukturen und Verhaltenstaktiken überleben, sehr gering. Letztlich bringt Gruppenbildung evolutions- bzw.

[...]


1 Goethe, Johann Wolfgang von, Berliner Ausgabe. Poetische Werke. Kunsttheoretische Schriften und Übersetzungen, hrsg. von Siegfried Seidel, Berlin/Weimar 1960-78, Bd. 1, S. 332.

2 Vgl. Kapitel 2.1 Geschichtlicher Hintergrund

3 Vgl. F.M. Wuketits, Soziobiologie. Die Macht der Gene und die Evolution sozialen Verhaltens, Heidelberg 1997, S.14.

4 Vgl. F.M Wuketits, Was ist Soziobiologie?, München 2002, S.11-12.

5 Vgl. R. Dawkins, Das egoistische Gen, Reinbek 1996, S.25.

6 F.M. Wuketits, Was ist Soziobiologie?, München 2002, S.30.

7 Strategie ist gleichbedeutend mit vorprogrammierten Verhaltensweisen.

8 Fitness ist hier als Fortpflanzungserfolg zu verstehen.

9 Vgl. W.Ch. Zimmerli und M.S. Aßländer, Evolutionäre Ethik, in: R. Helmut (Hrsg.), Perspektiven der Ethik, Innsbruck 1999, S.98.

10 R. Dawkins, Das egoistische Gen, Reinbek 1996, S.91.

11 Vgl. hierzu W.Ch. Zimmerli und M.S. Aßländer, Evolutionäre Ethik, in: R. Helmut (Hrsg.), Perspektiven der Ethik, Innsbruck 1999, S.98 ff.

12 Siehe weiter unten Kapitel 3.2. Nepotismus

13 Vgl. R. Dawkins, Das egoistische Gen, Reinbek 1996, S.125-131.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Altruismus oder Egoismus?
Untertitel
Soziales Verhalten als genetisch bedingter Überlebensvorteil
Hochschule
Universität Kassel
Veranstaltung
Grundlagen der Wirtschaftsethik
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
18
Katalognummer
V156358
ISBN (eBook)
9783640685097
ISBN (Buch)
9783640684847
Dateigröße
812 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wirtschaftsethik, Altruismus, Egoismus, Soziales Verhalten, Soziobiologie, Egoismus der Gene, Reziproker Altruismus, Nepotismus, Generationenkonflikt, evolutionär stabile Strategie, Das egoistische Gen, Genegoismus, Kampf der Geschlechter, Evolution, Evolutionäre Ethik
Arbeit zitieren
Diplom-Ökonom Paul Ramm (Autor), 2008, Altruismus oder Egoismus?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/156358

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