Die Jugendkultur der 1960er und 1970er Jahre in Westdeutschland und der Kleinstadt Burghausen. Eine oder zwei Geschichte(n)?

»1968« in der Provinz


Magisterarbeit, 2010
119 Seiten, Note: 1,0
Adam Seitz (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. DIE JUGENDKULTUR DER 60ER UND 70ER JAHRE IN DER BUNDESREPUBLIK
2.1 EINFÜHRUNG
2.1.1 GENERATIONEN
2.1.2 GELD, FREIZEIT, BILDUNG
EXKURS: BILDUNGSEXPANSION
2.1.3 WERTEWANDEL
2.1.4 KONSUM UND POLITISIERUNG
2.2 »TRADITIONELLE« JUGENDARBEIT UND NEUE JUGENDKULTUR
2.3 NEUE MUSIKKULTUR: KELLER, CLUBS UND KNEIPEN
2.4 SCHÜLERBEWEGUNG
2.5 LEHRLINGSBEWEGUNG
2.6 JUGENDZENTRUMSBEWEGUNG

3. BRD VS. BURGHAUSEN: ZWEI JAHRZEHNTE JUGENDKULTUR IN WESTDEUTSCHLAND UND DER KLEINSTADT BURGHAUSEN: EINE ODER ZWEI GESCHICHTE(N)?
3.1 STADT-LAND
3.2 DER ORT: BURGHAUSEN, OBERBAYERN
3.3 »TRADITIONELLE« JUGENDARBEIT IM REGIONALEN SPIEGEL
3.4 POLITISIERUNG: SCHÜLER- UND LEHRLINGSBEWEGUNG?
3.5 FREIZEIT UND KONSUM
3.5.1 MUSIK- UND CLUBKULTUR: DER B IRDLAND J AZZCLUB
3.5.2 JUGENDZENTRUMSBEWEGUNG: DAS FREIZEITHEIM BURGHAUSEN

4. RESÜMEE

5. QUELLEN UND LITERATUR
5.1 UNGEDRUCKTE QUELLEN
5.2 GEDRUCKTE QUELLEN
5.3 ZEITGENÖSSISCHE LITERATUR
5.4 LITERATUR AB 1980

1. Einleitung

Die »langen sechziger Jahre«, nach gängiger Periodisierung der Zeitraum zwischen dem letzten Drittel der fünfziger und dem ersten Drittel der siebziger Jahre, gelten als „Wendezeit der Bundesrepublik,“1 als „Jahrzehnt des Aufbruchs“2 und als „Scharnierjahrzehnt,“3 in dem die westdeutsche Gesellschaft die Transformation zu einer zunehmend »postindustriellen« Gesellschaft vollzog. Das Ausmaß, die Intensität und die Geschwindigkeit des gesellschaftlichen Wandels, in denen sich die westdeutsche Gesellschaft aus kulturellen Normen und Traditionen löste, Lebensstile massiv veränderte und insgesamt „eine zivile und liberale Prägung annahm,“4 gelten als „geradezu atemverschlagend.“5

Zentrale Aspekte des „Strukturbruch[s] der Moderne,“6 der - mit erheblichen Ungleichzeitigkeiten - die gesamte Gesellschaft erfasste und dessen historische Bewertung keinesfalls abgeschlossen ist, können mit den Begriffen „Enttraditionalisierung, Individualisierung und Pluralisierung“7 grob umrissen werden. Gemeint sind etwa eine wachsende individuelle Freiheit, das Infragestellen traditioneller Hierarchien und Autoritäten, ein verstärkter inner- wie außerinstitutioneller Partizipationswillen, eine zunehmende Politisierung und gleichzeitig Konsumorientierung, eine tiefgreifende Veränderung der Geschlechterverhältnisse, die Aufgabe ehemals dominanter kirchlicher Normen insbesondere in Bezug auf Sexualität und Familie, eine ausgeprägte Experimentierlust und die Entstehung von alternativen Milieus und Subkulturen, ein grundlegender Wandel der Erziehungsziele und Erziehungsstile und nicht zuletzt die Relativierung und Ausdifferenzierung des eigenen Lebensstils - um nur einige Schlagworte zu nennen. Die sozialwissenschaftliche Forschung zeigt, dass sich in diesem Zeitraum „die Neigung der Bundesbürger, das Leben zu genießen anstatt es als Pflicht und Aufgabe zu betrachten, erheblich verstärkte.“8

Getragen wurde dieser Wandel von einem bis dahin beispiellosen wirtschaftlichen Boom. Er reichte vom Ende der vierziger Jahre bis in die siebziger Jahre, als eine Reihe von weltweiten Wirtschaftskrisen die lange Wachstumsperiode beendete. Dieser Boom war nicht nur in der Bundesrepublik, sondern „europaweit eine Epoche fundamentaler Weichenstellungen und Umbrüche“9 - in der Bundesrepublik erhielt er als »Wiederaufbauboom« allerdings eine besondere Dynamik. Die Ursachen und Symptome, wie auch die Folgen des lange andauernden wirtschaftlichen Aufschwungs sind außerordentlich vielschichtig. Die für eine moderne Volkswirtschaft meist als grundlegend betrachtete Kennziffer des Bruttosozialprodukts hatte sich in der Bundesrepublik bereits zwischen 1950 und 1960 verdoppelt, um sich bis in die Mitte der siebziger Jahre noch einmal nahezu zu verdoppeln - während die durchschnittlichen Nettoeinkommen der Arbeitnehmer schon während der fünfziger Jahre um 70% zugenommen hatten, um sich im Laufe der sechziger Jahre ebenfalls noch einmal zu verdoppeln.10 Gleichzeitig verringerte sich sukzessive die durchschnittliche Wochenarbeitszeit; die Einführung des »langen Wochenendes« und später zunehmend verkürzte Arbeitstage führten zu einer massiven Ausweitung der Freizeit. Neben dem gleichzeitigen Anstieg von Nettolohn und Freizeit herrschte von 1961 bis 1971

»Vollbeschäftigung«, d. h. die Erwerbslosenquote lag meist unter einem Prozent.

Diese ökonomischen Rahmenbedingungen waren die Basis für eine präzedenzlose Steigerung des Lebensstandards in allen Schichten und der sukzessiven Ausbildung der modernen Konsumgesellschaft. Während die starke soziale Ungleichheit trotz einer allgemeinen Wohlstandssteigerung in den fünfziger Jahren im Wesentlichen noch weiter bestand, lösten sich die traditionellen Klassenstrukturen seit den sechziger Jahren langsam auf, und zu Beginn der siebziger Jahre wurde der Massenkonsum zum „kollektiven Verhaltensstil“11 und zur „sozialkulturellen Norm.“12 Folge war eine „Entschichtung,“13 also die „soziale Nivellierung […] und die Einschließung großer Teile der Arbeiterschaft und der (schwindenden) bäuerlichen Bevölkerung in den gesamtgesellschaftlichen Konsumtrend,“14 der sich in einer allgemeinen Ausstattung mit den Standardartikeln des Massenkonsums (Kühlschrank, Waschmaschine, Fernseher, Auto, Telefon) manifestierte und damit vor allem eine massive Medialisierung und Automobilisierung der Gesellschaft zur Folge hatte. Hinzu kam, dass Ende der sechziger bis weit in die siebziger Jahre mit dem massiven Ausbau des Sozialstaats die „Phase der größten Beschleunigung sozialstaatlicher Expansion“15 vonstatten ging. Die Nachkriegsgesellschaft veränderte sich in eine Wohlstandsgesellschaft. „Was blieb, waren »feine« Unterschiede“16 - zwar keinesfalls im Sinne einer Egalisierung der Gesellschaft, aber doch im Sinne einer erheblichen Verbesserung der Lebensqualität und der Lebenschancen für die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung.

Spätestens der so genannte Ölpreisschock von 1973 war der Anfang vom Ende des drei Jahrzehnte anhaltenden wirtschaftlichen Booms. In der aktuellen Zeitgeschichtsforschung neigt man zunehmend dazu, den Beginn der siebziger Jahre als tiefen Einschnitt für die weitere Entwicklung nicht nur der Bundesrepublik, sondern aller hochindustrialisierten Länder zu betrachten. Der »Ölpreisschock« und die folgenden Krisen der siebziger Jahre „verstärkten das Klima verbreiteter Krisenangst“17 und beendeten „jäh die öffentliche Zuversicht in die Unaufhaltsamkeit des Fortschritts. […] Der Stimmungsumschwung in der Bundesrepublik vom Optimismus zur Zukunftsangst [hätte] kaum drastischer ausfallen können.“18 Während 1972 noch etwa zwei Drittel der Befragten an den »Fortschritt« glaubten, gaben 1978 ebenso viele an, „dass das Leben für die Menschen immer schwerer werde.“19

Die strukturellen Krisen in traditionellen Industriebereichen trugen zur Wiederkehr einer Sockelarbeitslosigkeit bei, die weder mit den in den sechziger Jahren noch als Allheilmittel fetischisierten staatlichen Steuerungsmaßnahmen, noch durch die positiven Entwicklungen in anderen Wirtschaftsbereichen zu reduzieren war. Allein von 1974 auf 1975 verdoppelte sich die Zahl der Erwerbslosen auf über eine Million. Trotzdem stiegen in den siebziger Jahren die Durchschnittslöhne aber zunächst noch weiter an, und auch die durchschnittliche Freizeit der Bundesbürger erhöhte sich zwischen 1969 und 1982 erneut um ein Viertel: „Die westdeutsche Gesellschaft erlebte […] eine weitere erhebliche Wohlstandssteigerung.“20 Auch der Ausbau des Sozialstaats wurde in den ersten Jahren der Krise weiter fortgesetzt: „Die expansive Sozialpolitik war in diesem Sinne der Schlußstein [!] des westeuropäischen Modernisierungsmodells. Er wurde erst gesetzt, als der Boom bereits vorbei war.“21 Trotz dieser Entwicklungen

Axel Schildt: „Die Kräfte der Gegenreform sind auf breiter Front angetreten.“ Zur konservativen Tendenzwende in den Siebzigerjahren. In: Archiv für Sozialgeschichte 44 (2004), S. 449-478, hier S. 459. begannen sich mit dem Ansteigen der Sockelarbeitslosigkeit aber auch die sozialen Ungleichheiten in der Bundesrepublik wieder zu verschärfen. So erhöhte sich gerade zwischen 1970 und 1980 der Anteil der als arm geltenden Bevölkerungsgruppe (weniger als die Hälfte des Durchschnittseinkommens) immens: „Erstmals in der Geschichte der Industriegesellschaft entstand trotz allgemeinem Wohlstand eine dauerhafte Armut, die auf offene Arbeitslosigkeit als Massenphänomen zurückzuführen war.“22

Für den gesellschaftlichen Wandel der sechziger und siebziger Jahre lassen sich Zäsuren weniger leicht ausmachen als für die wirtschaftlichen Entwicklungslinien. Die Konstruktion von Epochen oder symbolisch aufgeladenen Bezeichnungen für Dekaden, denen scheinbar unzweideutig bestimmte gesellschaftliche Zustände oder Entwicklungen zugeschrieben werden, hat sich des öfteren als heikel erwiesen. Längst wurde etwa mit dem Klischee der lange so bezeichneten »bleiernen« fünfziger Jahre aufgeräumt.23 Für das darauf folgende Jahrzehnt gilt, dass das sowohl in negativem wie positivem Lichte immer wieder beschworene »1968« von einem „verengten Blick“24 zeugt, der auf der einen Seite verschleiert, dass die Wurzeln vieler Umbrüche bereits in den fünfziger Jahren angelegt waren, und auf der anderen Seite Gefahr läuft, die siebziger Jahre als bloßes Nachspiel des mythisch aufgeladenen Wendepunktes zu betrachten. Auch die Bezeichnung der siebziger Jahre als „rotes Jahrzehnt“25 ist zumindest problematisch, da leicht aus dem Blick geraten kann, dass „die konservative Rekonstruktion bereits Mitte der 1970er-Jahre eine kräftige Belebung erfuhr.“26

Die Zeitgeschichtsschreibung legt den fundamentalen gesellschaftlichen Wertewandel mit unterschiedlichen Akzentuierungen in die sechziger und siebziger Jahre. Gesellschaftlicher Wandel ist generell nur dann zu fassen, wenn man auch „die Vergleich. In: Konrad H. Jarausch (Hg.): Das Ende der Zuversicht? Die siebziger Jahre als Geschichte. Göttingen 2008, S. 138-156, hier S. 142f. Die alte deutsche Rechtschreibung in Zitaten wird nachfolgend mit [!] gekennzeichnet.

Gegentendenzen in den Blick nimmt,“27 Gegentendenzen zu dem jeweils dominierenden Zeitgeist. Gerade die siebziger Jahre wurden dahingehend auch als „Jahrzehnt des markanten historischen Widerspruchs“28 bezeichnet, was wiederum als „Beleg für die Intensität“29 des Wandels und als Beginn eines Umbruchs von „revolutionärer Qualität“30 gedeutet werden kann. Aus dieser Perspektive werden die siebziger Jahre als Jahrzehnt eines „besonders dynamischen Wandels“31 charakterisiert, an deren Ende erst überkommene kulturelle Ordnungsmuster „keine selbstverständliche Ordnungskompetenz mehr“32 aufwiesen. Mit etwas anderer Akzentuierung gelten die »langen sechziger Jahre«, also der Zeitraum zwischen 1958 und 1973, als „Kernphase“33 oder als „Zeitraum enormer Beschleunigung des Wertewandels.“34 Aber auch aus dieser Sicht werden die jeweiligen Gegentendenzen betont und die sechziger Jahre als „so wenig ausschließlich »rebellisch« wie die 50er Jahre »bleiern«“35 bezeichnet. Es kommt wohl in jedem Fall sehr stark auf den jeweiligen Blickwinkel an, zu welchen Zeitpunkten und unter welchen Aspekten signifikante Brüche ausgemacht werden können. Es macht wohl Sinn, grundsätzlich von einem „Pluralismus von Wertewandels-Pfaden“36 auszugehen und sich die Frage einer Periodisierung - vor allem in Hinblick auf die immer wieder konstatierten Ungleichzeitigkeiten - je nach Standpunkt immer wieder neu zu stellen.

Die „allgegenwärtige Angststimmung“37 der siebziger Jahre führte keineswegs zurück in die alten Muster der Nachkriegsgesellschaft. Vielmehr stabilisierten sich die gewandelten Orientierungen und Lebensstile, die sich in den Jahren des Booms herausgebildet hatten. Mit deren Ausdifferenzierung fanden Verlagerungen in neue Räume statt, wie sie sich markant etwa in den Neuen Sozialen Bewegungen (Umweltschutzbewegung, Friedensbewegung, Anti-Atombewegung, etc.) manifestierten. Spätestens hier stellt sich auch die Frage nach den Trägergruppen des Wandels. Die Zeitgenossen sahen ohne Zweifel junge Menschen als die treibende Kraft hinter den rasanten Veränderungen, und die Zeitgeschichtsforschung stimmt damit überein.38 Sie sollen in dieser Arbeit im Mittelpunkt der Betrachtung stehen. Das heißt aber keinesfalls, das nur Jugendliche als Trägergruppe betrachtet werden können: es befand sich eine ganze „Gesellschaft im Aufbruch,“39 und die Ereignisse waren nicht selten von „Kooperation und Konsens“40 zwischen den verschiedenen Altersgruppen geprägt. Der Begriff »Generationenkonflikt« greift für eine Gesamtbetrachtung des Wandels und der mit ihm verbundenen Konfrontationen auf jeden Fall zu kurz, gleichwohl spielten „kulturelle Distanzen“41 zwischen den Generationen eine wichtige Rolle. Insgesamt spricht vieles dafür, dass es, selbst wenn Konflikte als spezifisch generationell wahrgenommen wurden, „keinen wirklichen Generationengegensatz, sondern eher eine »Wahrnehmungskluft«“42 gab, die von gegenseitigen, oft wenig haltbaren Pauschalisierungen geprägt war. Schon zeitgenössisch wurde darauf verwiesen, dass „die von einander getrennten Altersgruppen absonderliche, ja teilweise märchenhafte Vorstellungen voneinander entwickeln und kultivieren.“43

»1968« wird in der zeitgeschichtlichen Forschung der letzten Jahre in erster Linie als »Chiffre« verstanden, das die »langen sechziger Jahre« in den Fokus rückt und, unter

Berücksichtigung der Folgewirkungen und besonders der Ungleichzeitigkeiten der Entwicklungen noch weiter in die siebziger Jahre ausgedehnt werden kann. »1968« gilt in dieser Betrachtungsweise lediglich als Kristallisationspunkt eines gesamtgesellschaftlichen Liberalisierungsprozesses, der sich je nach Blickwinkel in bis zu zwei Jahrzehnten vollzogen hat. Aber selbst bei Abrücken von dem starren Datum fokussieren die öffentliche Wahrnehmung und auch die historische Forschung in erster Linie die Studentenbewegung, weitaus weniger werden Aktivitäten von Lehrlingen oder Schülern beachtet. Bis vor wenigen Jahren blieben etwa diese beiden Gruppen auch von der Zeitgeschichtsforschung vollkommen ausgeblendet, obwohl ihnen zeitgenössisch erhebliche Aufmerksamkeit zuteil geworden war und sie als Teil der jugendlichen Revolte betrachtet wurden.

Unerwähnt bleibt meist nach wie vor die Tatsache, dass die überwiegende Mehrheit der Jugendlichen im Deutschland der sechziger und siebziger Jahre in ländlichem oder kleinstädtischem Umfeld lebte, in der Provinz, ohne universitäres bzw. studentisches Umfeld. Man wird „mehr als die Studentenbewegung in den Blick nehmen“44 sowie „Kontinuität und Wandel gleichermaßen“45 betrachten müssen, um den »Strukturbruch der Moderne« - und die Rolle der Jugend darin - historisch einzuordnen zu können. Jenseits der bekannten Anlässe und Ereignisse der studentischen Revolte gilt es, deren „Zusammenhang mit dem sich entwickelnden Eigensinn der Jugendlichen und der Verschmelzung kommerzieller und gegenkultureller Strömungen als Grundierung und Ausdruck neuer Orientierungen“46 zu betrachten. Gab es etwa in der Provinz ein »1968«, wenn ja, wie machte es sich bemerkbar, von wem wurde es (mit-)getragen, welche Auswirkungen lassen sich beobachten? Welche Rolle spielten Jugendliche als wesentliche Träger der Enttraditionalisierung, Liberalisierung und Pluralisierung an Orten ohne universitäres Umfeld, und einer bescheideneren medialen Bühne für spektakuläre Aktionsformen? Aber auch: wie wirkte die mediale Präsentation großstädtischer Jugendkulturen, neuer Lebensstile und spektakulärer Ereignisse auf die Provinz zurück?

Mit einem regionalen Zugriff könnten Ungleichzeitigkeiten in den Blick kommen, das „spannungsreiche Nebeneinander unterschiedlicher Geschwindigkeiten und Richtungen,“47 das in der historischen Forschung zwar oft erwähnt, aber weitaus weniger oft mit einbezogen wird - und wenn, dann in den letzten Jahren eher auf transnationaler als auf regionaler Ebene. Dazu ist es unerlässlich, das „geschäftsträchtige Datum“48 »1968« als des Öfteren immer noch „vermutete[n] Ursprungsort“49 bewusst auszublenden und den Blick auf die »langen sechziger« und auf die siebziger Jahre, also in etwa die Jahrzehnte davor und danach, auszuweiten. Es soll also neben der Einengung des räumlichen Fokus eine gleichzeitige Ausweitung des zeitlichen Blickwinkels stattfinden, der dem Umstand Rechnung trägt, dass viele gesellschaftliche Wandlungsprozesse in den verschiedenen Regionen der Bundesrepublik mit stark unterschiedlicher Intensität und Geschwindigkeit vonstatten gegangen sind. Hier soll „aus der Nahoptik der Region,“50 in Form einer Skizze über ausgewählte Aspekte der Jugendkultur in der Kleinstadt Burghausen in Bayern, im besten Fall ein kleiner Beitrag zu dem Versuch geleistet werden, „die Phasen gesellschaftlichen Wandels in der Bundesrepublik zu gewichten,“51 indem die Ereignisse aus der »Nahoptik« den Urteilen über die »Makroebene« gegenübergestellt werden.

In einem ersten Schritt soll im folgenden Kapitel die Jugendkultur der sechziger und siebziger Jahre in der Bundesrepublik entlang des aktuellen Forschungsstandes skizziert werden. Diese Darstellung nimmt den weitaus größten Teil der Arbeit ein. Dabei werden bereits diejenigen Gruppen herausgehoben, die in der darauf folgenden Fallstudie über Burghausen eine besondere Rolle spielen - außerdem wird auch bei den Doering-Manteuffel/Raphael: Nach dem Boom, S. 11; vgl. auch Matthias Frese/Julia Paulus:

Geschwindigkeiten und Faktoren des Wandels - Die 1960er Jahre in der Bundesrepublik. In: Matthias Frese/Julia Paulus/Karl Teppe (Hg.): Demokratisierung und gesellschaftlicher Aufbruch. Die sechziger Jahre als Wendezeit der Bundesrepublik (Forschungen zur Regionalgeschichte, Bd. 44). Paderborn 2005,S. 1-23, hier S. 3.

Entwicklungen in der Bundesrepublik illustrierenden Beispielen vor allem Bayern herangezogen werden, um auch dahingehend auf die folgende Fallstudie vorzubereiten. Detlef Siegfrieds »Spannungsfeld von Konsum und Politik« gibt die grundlegende Matrix ab, auf der die Entwicklungen der Schüler- und Lehrlingsbewegung, der Jugendzentrumsbewegung sowie der aufblühenden »privaten« Musik- und Clubkultur skizziert werden. Zu Beginn wird als Ausgangspunkt ein kurzer Abriss über die »traditionelle« Jugendarbeit in der Bundesrepublik und ihr rascher Bedeutungsverlust während der sechziger Jahre stehen, schon allein, um die Intensität des Wandels deutlich zu machen.

In der Fallstudie des darauf folgenden Kapitels soll dann zunächst in Umrissen deutlich gemacht werden, welche Rolle diese »traditionelle« Jugendarbeit - etwa die staatliche, gewerkschaftliche oder konfessionelle - für die örtliche Jugendkultur spielte und welchen Veränderungen sie ausgesetzt war. Eine genauere Betrachtung dieser Prozesse würde den Rahmen dieser Arbeit bei weitem sprengen, daher ist dieser Teil wiederum lediglich als grob skizzierter Ausgangspunkt zu verstehen, von dem aus das Ausmaß der Veränderungen bis zum Ende des Untersuchungszeitraums besser gefasst werden kann. Etwas genauer soll dann untersucht werden, inwieweit sich jugendkulturelle Entwicklungen in den Bereichen Schule und junge Arbeitswelt widerspiegelten. So rücken Schüler genauso in den Blick wie Lehrlinge und mit ihnen die Frage, inwieweit sich die bundesweiten Schüler- und Lehrlingsbewegungen Ende der sechziger Jahre oder Spuren davon unter einem regionalen Fokus wiederfinden lassen. Dieses Vorgehen scheint einen guten Einstieg für den nächsten Schritt zu bieten, der die Aufmerksamkeit auf das Konsum- und Freizeitverhalten junger Menschen in Burghausen lenkt. Hier gilt es nicht nur, die örtliche Jugendzentrumsbewegung in den Blick zu nehmen, sondern ebenso die sich auf jugendlich-private Initiative entwickelnde Musik- und Clubkultur. Im letzten Kapitel soll abschließend beurteilt werden, inwieweit der regionale Fokus auf die Kleinstadt Burghausen eine Variation des Narratives von »1968« ergeben hat.

2. Die Jugendkultur der 60er und 70er Jahre in der Bundesrepublik

2.1 Einführung

„Wer sich mit Jugend beschäftigt, der weiß, dass es »die Jugend« nicht gibt.“52 Die Begriffe »Jugend« genauso wie »Jugendkultur« sind je nach Standpunkt mit einer Vielzahl von Bedeutungen verbunden. In der Regel werden Menschen in der »westlichen« Welt über ihr Alter definiert und in etwa ab 15 bis Ende 20 als »Jugendliche« bezeichnet, wobei die Definition von »Jugend« mit Hilfe von Altersgrenzen nicht zuletzt aus sozialwissenschaftlicher Sicht als „Fehler der meisten Jugendstudien“53 bezeichnet worden ist. Für die vorliegende Arbeit soll diesbezüglich ein sehr lockerer Rahmen gesetzt werden, der sich für die jeweils bestmögliche Beantwortung der dargelegten Fragestellungen anbietet. Anstatt mit Hilfe einer „Klassifikation anhand biologischen Alters Grenzen der Inklusion und Exklusion zu konstruieren,“54 soll sich die altersspezifische Eingrenzung aus den untersuchten Gruppen ergeben und kann somit in den verschiedenen Kapiteln stark variieren.

Jugendkulturen können nur dann sinnvoll untersucht werden, wenn sie zum einen „in ihrer eigenen kulturellen Trägerschaft,“55 zum anderen in ihrer „internen Vielfalt wie auch ihrer Interaktion mit der gesamten Gesellschaft“56 betrachtet werden. Der Fokus auf besonders »sichtbare« oder »lautstarke« Jugendliche,57 der besonders den Blick der späten sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts dominiert, wird in dieser Arbeit bewusst ausgeweitet. Die Betrachtung soll „nicht auf »Protest« […] und nicht auf Demonstrationen“58 fixiert sein, sondern nach Möglichkeit auch jene junge Menschen in den Blick nehmen, die in vielerlei Hinsicht mit „den gesellschaftlichen Erwartungen konform“59 gingen und trotzdem aktiver Teil des Wandels waren - oder die zu einem Zeitpunkt »laut« wurden, als sich Medien und Öffentlichkeit längst anderen Ereignissen zugewandt hatten. Die Studentenbewegung und die mit ihr verbundenen Namen und Ereignisse, die nach wie vor die überwiegende Mehrheit der Darstellungen über »1968« dominieren und in ihren Grundzügen hinreichend bekannt sind, finden in dieser Arbeit nur am Rande Erwähnung - und zwar dann, wenn es wie auch immer geartete Wechselwirkungen mit nichtakademischen bzw. kleinstädtischen Jugendlichen oder Jugendbewegungen zu berücksichtigen gilt.

Die Dynamik der westdeutschen Gesellschaft der sechziger und siebziger Jahre und die besondere Rolle junger Menschen werden zunächst von der demographischen Entwicklung unterstrichen. Die Bevölkerung nahm durch den Babyboom der Nachkriegszeit bis 1970 auf 60,7 Millionen Menschen zu. „Nie zuvor hat in Europa ein so großer Teil der Bevölkerung geheiratet und Kinder in die Welt gesetzt“60 wie, nominal betrachtet, in den fünfziger Jahren und der ersten Hälfte der sechziger Jahre. Infolge dieser hohen Geburtenraten war der Anteil junger Menschen an der Gesamtbevölkerung außerordentlich hoch. Aber nicht allein die nominale Zunahme junger Menschen, sondern eine durch verschiedene Faktoren ausgelöste »Verlängerung« der Jugendzeit - schon 1965 wurde auf die „ enorme Verlängerung der Jugendspanne61 hingewiesen - und der damit zusammenhängende „Eindruck besonderer Jugendlichkeit der Gesellschaft“62 führten dazu, dass „Jugendlichkeit mehr und mehr zum Leitbild“63 wurde. Dieser hier S. 525 und 537. gesamtgesellschaftliche Eindruck besonderer Jugendlichkeit und die »Verlängerung« der Jugend, auf die vor allem in Kapitel 2.1.2 noch einzugehen sein wird, sind außerordentlich wichtige Grundbegebenheiten im vorliegenden Zusammenhang: Erwachsene begannen zunehmend, sich im Alltagsleben „vom Geschmack der Jungen beeinflussen“64 zu lassen. Jugendlichkeit wurde zu einem Ideal, und für eine Mehrheit der Menschen versprach Jugendlichkeit schlicht die „Bewältigung der Zukunft.“65

Bevor auf spezifische politische Jugendbewegungen der Bundesrepublik und ihre jeweiligen Verbindungen bzw. Überschneidungen mit allgemeinen jugendkulturellen Momenten näher eingegangen wird, sollen zunächst die grundlegenden Entwicklungslinien der westdeutschen Jugendkultur der sechziger und siebziger Jahre grob skizziert werden. Dabei sind drei sich überschneidende und wechselseitig bedingende Aspekte von besonderer Relevanz: der ideelle Aspekt des Wertewandels und einer rasanten Veränderung gesellschaftlicher Orientierungsmuster, der materielle Aspekt der ökonomischen Boomphase und einer entstehenden Konsumgesellschaft, und der generationelle Aspekt im Hinblick auf die Rolle verschiedener Altersgruppen innerhalb der Veränderungsprozesse. Abschließend soll der komplexe Vorgang des sich innerhalb der entstehenden Konsumgesellschaft vollziehenden Politisierungsschubes kurz zusammengefasst werden.

2.1.1 Generationen

Der »Wertewandelsschub« (Helmut Klages) vor allem der zweiten Hälfte der sechziger und der ersten Hälfte der siebziger Jahre verdichtete sich im Laufe der Zeit „zur allgemeinen Anerkennung pluraler Orientierungsmuster,“66 wobei dieser Anerkennungsprozess nicht überall zur selben Zeit stattfand und von den Menschen je nach Bildungsstand, Geschlecht, Region, Religion und sozialer Herkunft in unterschiedlicher Intensität und mit unterschiedlicher Geschwindigkeit vollzogen wurde. Eine zentrale Rolle nicht nur in der historiographischen Auseinandersetzung mit dem Phänomen Wertewandel spielte die Frage des Alters. Zeitgenössisch bewegte sich „einer der meistdiskutierten Konflikte […] an der Generationslinie: Während die (Mediengeschichtliche Veröffentlichungen, Bd. 3). Wiesbaden 2003, S. 83-109, hier S. 84; vgl. auch Schildt/Siegfried: Youth, Consumption and Politics, hier S. 3. jüngeren Altersjahrgänge die gewandelten Gegebenheiten für selbstverständlich hielten und ihr Alltagsverhalten danach ausrichteten, hatten ältere Anpassungsleistungen zu vollbringen, zu denen sie in unterschiedlich starkem Maße bereit und in der Lage waren.“67 Junge Menschen mit gehobener formaler Bildung avancierten „sowohl in der zeitgenössischen Wahrnehmung wie auch retrospektiv in der Forschung zu den wichtigsten Trägern gesellschaftlicher Innovation.“68 Dennoch ist das einfache Bild einer rein generationellen Frontstellung - hier die innovative Jugend, dort das konservative Alter - mit Sicherheit trügerisch.

Innerhalb der jungen Generationen waren Gegenbewegungen und Ungleichzeitigkeiten deutlich vorhanden, während gleichzeitig Teile der älteren Generationen der jugendlichen Avantgarde nicht selten sehr aufgeschlossen gegenüberstanden. Das Verhältnis der jungen Menschen zu staatlichen bzw. kommunalen Stellen oder Vertretern der öffentlich-rechtlichen Medien etwa war durchaus ambivalent, und im Laufe der sechziger Jahre öffneten sich diese Institutionen zunehmend den Forderungen der Jugendlichen und traten in der Folge nicht selten sogar als Impulsgeber der neuen Jugendkultur auf. Die aufkommende Populärkultur hätte nicht annähernd ihren enormen Einfluss erreicht „ohne die Anwesenheit gewisser älterer Mediatoren, die den jungen Markt versorgten und junge Künstler unterstützten.“69 Auch wenn seitens der Jugendbewegungen die staatliche Sphäre sowie allgemein das »Establishment« oft als einseitig repressiv wahrgenommen und dargestellt wurde, nahm die Interaktion zwischen den Jugendlichen und der gesamten Gesellschaft letztendlich eine zentrale Rolle in den Wandlungsprozessen ein. Der normative Druck der älteren Generation auf junge Menschen ließ im Verlauf der sechziger und siebziger Jahre zudem merklich nach; es kann ein Wandel im generationellen Verhältnis konstatiert werden, der durch einen „Rückgang von Sanktion und Strafe [und der] Etablierung eines partnerschaftlichen Generationenverhältnisses“70 gekennzeichnet war. Nicht nur deshalb zeigt sich, „wie brüchig […] generationelle Zuschreibungen sind,“71 auch wenn dieser Wandel nicht unbedingt „einen Verzicht auf die Durchsetzung gesellschaftlicher Normen, sondern das Ersetzen repressiver Formen durch subtilere, auf Kommunikation, Integration und Zustimmung bauende Methoden“72 bedeuten konnte. Den generellen Wandel im Verhältnis der Generationen im Verlauf des Untersuchungszeitraums vergegenwärtigen auch folgende Zahlen eindrucksvoll: auf die Frage, ob sie einen positiven Eindruck von der Jugend hätten, antworteten noch 1950 nur 24%, 1960 schon 44% und 1975 schließlich 62% der befragten älteren Menschen zustimmend.73

2.1.2 Geld, Freizeit, Bildung

Die materiellen Rahmenbedingungen der neuen Jugendkultur änderten sich mit der ökonomischen Boomphase beträchtlich. Noch Mitte der fünfziger Jahre arbeitete die Mehrheit der berufstätigen Jugendlichen in Westdeutschland bis zu 48 Stunden pro Woche. Nur eine Minderheit verfügte über ein eigenes Zimmer, die Mehrheit teilte das Schlafzimmer der Eltern oder der Geschwister. Mit dem Eigenheimboom und einer Entspannung der noch in den fünfziger Jahren oft sehr schwierigen Wohnsituation erwuchs für eine zunehmende Anzahl Jugendlicher die Möglichkeit, einen eigenen Raum zu beziehen. Das hatte enorme Auswirkungen auf die Gestaltung des Alltags, denn in der neuen Privatsphäre konnten nicht zuletzt sehr viel ungestörter Besuche empfangen, eigenen Vorlieben nachgegangen oder die eigenen musikalischen Präferenzen gepflegt werden.

Wichtiger noch als großzügigere Wohnverhältnisse war aber die immer bessere finanzielle Situierung der jungen Menschen. Zwischen den frühen fünfziger Jahren und den mittleren siebziger Jahren verfünffachte sich der Betrag, den Jugendliche zu ihrer freien Verfügung hatten, während sich die Lebenshaltungskosten im selben Zeitraum nur in etwa verdoppelten.74 Es liegt auf der Hand, dass hier - wie etwa auch in Bezug auf die Wohnverhältnisse - große geschlecht- und schichtspezifische Unterschiede Göttingen 22003, S. 402-435, hier S. 435. auszumachen sind. Am meisten Geld stand den bereits im Erwerbsleben stehenden jungen Angestellten und Beamten zur Verfügung, während Studenten in etwa über so viel Geld verfügen konnten wie gleichaltrige Arbeiter. Mit dem geringsten Budget mussten die Schüler auskommen. Junge Frauen hatten im Schnitt etwa ein Fünftel weniger Geld als männliche Jugendliche.

Insgesamt sollten diese Vergleichszahlen trotz der enormen Steigerungsraten aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der finanzielle Spielraum der meisten Jugendlichen trotzdem begrenzt war und, auch wenn von »Massenkonsum« oder der entstehenden »Konsumgesellschaft« die Rede ist, die jeweilige individuelle Konsumentscheidung eine gewichtige war und blieb. Nichtsdestotrotz, die Konsummuster differenzierten sich - ebenfalls schicht- und geschlechtsspezifisch - im Laufe der Zeit zunehmend aus, und für junge Menschen erwuchs nach und nach die Möglichkeit, Konsum als „Instrument kultureller Befreiung“75 zu begreifen und zu benutzen. „Die kompetente Teilnahme der Jugendlichen am Konsum macht[e] sie soziokulturell reifer, als es frühere Generationen von Jugendlichen waren.“76 Gleichzeitig wurden junge Menschen zu einer „gewichtigen und von der Freizeitindustrie heftig umworbenen Konsumentengruppe.“77

Die Freizeit weitete sich für arbeitende junge Menschen besonders mit der Einführung des langen Wochenendes und steigenden Urlaubsansprüchen immer weiter aus. Der freie Samstag wurde um 1960 eingeführt, und eine wesentliche Verlängerung des Jahresurlaubs fand in den meisten Branchen etwa Mitte der sechziger Jahre statt. Im Zuge der Bildungsreformen und dem Ausbau des Bildungswesens ab Mitte der sechziger Jahre verlagerte sich zudem der Eintritt ins Erwerbsleben bis in die siebziger Jahre immer weiter nach hinten. Auch wenn sich der freie Samstag in den Schulen erst ab den siebziger Jahren durchzusetzen begann, so konnten Schüler doch auch schon vorher auf erheblich mehr frei disponible Zeit zurückgreifen als arbeitende Jugendliche, da die Ferienzeiten selbst die gewachsenen Urlaubsansprüche bei weitem übertrafen und der reguläre Schultag im Wesentlichen am Mittag endete. Diese Ausweitung der Freizeit im Zuge der Bildungsreformen ist ein fundamentaler Punkt in vorliegendem Zusammenhang. Die Bedeutsamkeit der Bildungsexpansion etwa auch für die nachfolgenden Skizzen über die Schüler- und Lehrlingsbewegungen soll ein Exkurs verdeutlichen.

Exkurs: Bildungsexpansion

Rückblickend wurde die Bildungsexpansion zum „vielleicht markanteste[n] Chiffre“78 der späten sechziger und frühen siebziger Jahre. Der Ausbau der Bildungsmöglichkeiten führte zu einem „säkulare[n] Umbruch“79 im Bildungssystem und hatte grundlegenden Charakter für die weitere Entwicklung der Bildungs- und Forschungslandschaften der Bundesrepublik, „die ihre gegenwärtige Gestalt im wesentlichen den Reformen und Ausbaumaßnahmen der 1960er und 1970er Jahre verdanken.“80 Bildung galt als „Schlüssel zur Modernisierung der Gesellschaft,“81 und man ging nicht zuletzt auch deswegen so energisch zur Sache, da man im Zuge der Systemkonkurrenz zum »Osten« unter anderem in Folge des »Sputnik-Schocks« den Anschluss zu verlieren drohte, oder es zumindest befürchtete.82 Die im Jahr 1964 von dem Bildungsexperten Georg Picht ausgerufene »Bildungskatastrophe« gilt heute als Startschuss für eine ausgeprägte bildungspolitische Debatte, die rasch, zunächst eingebettet in einem breiten gesellschaftlichen und politischen Konsens, in umfangreiche Reformmaßnahmen mündete. Die Bildungsexpansion spielte eine entscheidende Rolle innerhalb der gesellschaftlichen Transformations- und Wandlungsprozesse, und besonders für die Evolution der Jugendkultur. Mit einer länger werdenden Bildungsphase war zunächst ein späterer Eintritt in das Berufsleben und damit in gewissem Sinne eine »Verlängerung der Jugendzeit« verbunden. Sie brachte einen neuen, „in dieser langen und massenhaften Ausprägung bislang unbekannten Lebensabschnitt hervor.“83

Innerhalb weniger Jahre verbesserten sich die Bildungs- und Aufstiegschancen breiter Massen junger Menschen enorm, besonders in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren fand „eine präzedenzlose Ausweitung des Schul- und Hochschulsektors“84 statt. Die Zahl der Schüler auf weiterführenden Schulen stieg „zu keinem anderen Zeitpunkt […] so stark wie in der zweiten Hälfte der 60er und der ersten Hälfte der 70er Jahre:“85 während die Gesamtzahl zwischen 1960 und 1976 demographisch bedingt um 50% zulegte, legten die Schülerzahlen an Realschulen und Gymnasien im selben Zeitraum um 160% zu. In Bayern stieg die Zahl der Gymnasiasten allein zwischen 1970 und 1975 um knapp 40%.86 An den Hochschulen bot sich ein entsprechendes Bild, so hatte sich die Zahl der Studierenden an bundesdeutschen Universitäten zwischen 1960 und 1980 auf über 800.000 vervierfacht.87 Betrachtet man die Altersgruppe der 16- bis 18jährigen in der Bundesrepublik, so waren darunter Schüler im Jahr 1962 mit knapp 20% noch klar in der Minderheit, während sie im Jahr 1983 mit knapp 60% die Mehrheit stellten, die eben nicht mehr täglich acht Stunden in die Arbeit musste, sondern in der Regel freie Nachtmittage und lange Ferien genießen und nutzen konnte. Resultat der Entwicklungen war, dass „Schüler und Studierende die Arbeiterjugendlichen als bestimmende Sozialfiguren der jungen Generation“88 ablösten

- ein entscheidender Faktor auf dem Weg zur „Entstehung einer Freizeit-, Wissens- und Erlebnisgesellschaft, in der Kultur eine wachsende Rolle spielte.“89

Besonders das »katholische Arbeitermädchen vom Lande« (Ralph Dahrendorf) sollte erklärtermaßen von der Bildungsexpansion profitieren, das heißt Gruppen, die bisher kaum Zugang zu höherer Bildung hatten oder strukturell bzw. sozial benachteiligt waren: Kinder aus ärmeren Bevölkerungsgruppen, Kinder vom Lande, Kinder aus katholischen Familien, die statistisch in höheren Bildungseinrichtungen stark unterrepräsentiert waren, und besonders auch junge Frauen. Der Begriff

»Chancengleichheit«, in den sechziger Jahren noch unumstritten das bildungspolitische Leitbild aller etablierten Parteien, spielte eine herausragende Rolle bei den Versuchen, die »Begabungsreserven« der Bundesrepublik auszuschöpfen.90 Das Ergebnis dieser Bemühungen war, bezogen auf den Untersuchungszeitraum, ambivalent. Die Zahl der nach einem höheren Bildungsabschluss strebenden Mädchen nahm sehr stark zu: Anfang der achtziger Jahre etwa waren Mädchen auf den Gymnasien erstmals in der Mehrheit, nachdem sie Mitte der sechziger Jahre noch nicht einmal ein Drittel der Oberschüler gestellt hatten.91 Für junge Frauen ergab sich also grundsätzlich eine erhebliche Verbesserung der Bildungschancen, während sie aber in der anschließenden beruflichen Laufbahn nach wie vor stark benachteiligt blieben. Die Bildungschancen Jugendlicher in ländlichen Gebieten erhöhten sich durch die Bildungsexpansion ohne Zweifel stark. Gerade dort herrschten Anfang der sechziger Jahre nicht selten noch problematische Zustände: in Bayern etwa wurde über die Hälfte aller Kinder im Grundschulalter in Dorfschulen unterrichtet, in denen, im Gegensatz zu »Volksschulen« in den Städten, in den meisten Fällen mehrere Jahrgänge in einem Raum und von einer Lehrkraft betreut wurden. Der sich daraus ergebende Qualitätsunterschied und das oftmalige Fehlen höherer Schulen im weiteren Umkreis des Wohnorts waren wesentliche Gründe für das große Bildungsgefälle zwischen städtischen und ländlichen Regionen.92 Die Abschaffung der häufig konfessionsgebundenen Dorfschulen führte im Verlauf der sechziger Jahre zu schweren Widerständen der konservativ-katholischen Seite, allerdings letztendlich ohne Erfolg: die Dorfschulen verschwanden auch in Bayern innerhalb eines Jahrzehnts,93 und durch den Aus- und Neubau regionaler Schulzentren wurde der Bildungszugang für die ländliche Bevölkerung enorm erleichtert.94

Die Bildungsexpansion brachte also ohne Zweifel eine erhebliche Verbesserung der Chancen für große Teile der Bevölkerung und vor allem auch erhebliche Veränderungen für die Stellung junger Menschen in der Gesellschaft mit sich. Allerdings richtete sich die Bildungsreformpolitik des Bundes und der Länder entgegen ursprünglicher Absichten und Verlautbarungen nahezu ausschließlich auf eine Reform der allgemeinbildenden Schulen und der Hochschulen, und davon profitierten die Kinder aus den Familien unterer Einkommensschichten sehr viel weniger als die anderen »Zielgruppen« der Expansion. Die eher halbherzigen Versuche etwa, die höheren Schulen für Arbeiterkinder attraktiver zu machen, blieben - entgegen aller politischen Absichtserklärungen, die soziale Basis von Bildung zu erweitern - über den gesamten Untersuchungszeitraum wenig erfolgreich.95 Es besteht kein Zweifel daran, dass „die soziale Ungleichheit der Bildungschancen fortbestand“96 und die „alten sozialen und regionalen Disparitäten […] keineswegs vollständig beseitigt“97 wurden.

Mit den neuen Bildungsmöglichkeiten entstanden besonders in der Lebensphase zwischen dem 15. und 30. Lebensjahr Möglichkeiten zur „Erprobung kultureller und politischer Stile. Hier konnten sich »Selbstständigkeit und freier Wille« am ehesten entfalten […]. Insofern wurde Freizeit ganz zu Recht als »Motor des Wertewandels« bezeichnet. Zunehmende Tagesfreizeit und lebenszeitliche Freiräume wurden gefüllt mit einer Jugendkultur, die Raum für Musse [!] und Lebensgenuss, aber auch für aktive Weltaneignung durch Reisen, Musikmachen, Wohnexperimente oder politische Aktivitäten bot.“98 Dabei veränderte sich im Laufe der sechziger und siebziger Jahre auch die Gestaltung der Freizeit und die Einstellung zu ihr. Das bildungsbürgerliche Ideal einer mit »Hochkultur« geschmückten und auch als Prestigeobjekt aufgeladenen Freizeit wurde gerade von Kindern aus »bürgerlichem Hause« zunehmend verdrängt und durch eine »westernisierte« (Anselm Doering-Manteuffel), egalisierende Populärkultur ersetzt, vorwiegend in Form neuer Mode-, Musik- und Verhaltensstile. Die 95 Vgl. Alfons O. Schorb: Entwicklungen im Schulwesen eines Flächenstaates am Beispiel Bayern. In: Projektgruppe Bildungsbericht Max-Planck-Institut für Bildungsforschung (Hg.): Bildung in der Bundesrepublik Deutschland. Daten und Analysen, Bd. 2: Gegenwärtige Probleme. Reinbek 1980, S. 759- 816, hier S. 773; vgl. auch Schildt/Siegfried: Youth, Consumption and Politics, hier S. 19.

Grenzen zwischen der so genannten Hoch- und der Populärkultur begannen sich immer mehr zu vermischen, und am Ende der siebziger Jahre war „Populärkultur faktisch Kern einer »Gemeinkultur«, an der fast alle unter 40 teilhatten. […] Hochkulturelles Wissen [wurde] relativiert und spontaner Genuss sowie sinnlich-körperliche Lusterfahrung aufgewertet; man öffnete sich für die Ästhetik des Populären. Das hat den Habitus der Intellektuellen markant verändert und die Kulturdiskurse demokratisiert.“99 Wichtiger Teil dieser Aneignung neuer Stile und Verhaltensweisen durch die Mehrheit der jungen Menschen war der Schritt von einer eher fremdbestimmten zu einer eher kreativen, selbstbestimmten Freizeitgestaltung. Hierbei wiederum spielten Kriterien wie Bildung und Alter eine entscheidende Rolle, was darauf verweist, dass „wachsende Freizeitbudgets nicht nur soziale und intellektuelle Kompetenzen freisetzten, sondern auch erforderten.“100

2.1.3 Wertewandel

„Nur weil »Vollbeschäftigung«, Reallohnzuwachs, expandierendes Güterangebot und zunehmende Freizeit in einander griffen, entstand eine materielle Basis für die Ausdifferenzierung der Jugendkultur und den Wertewandelsschub.“101 An der Entstehung einer „Jugendkultur als dominante Teilkultur“102 innerhalb der Gesamtgesellschaft kann das Grundmuster des gesellschaftlichen Wertewandels und der „allgemeine Zug zur Enttraditionalisierung“103 in besonders zugespitzter Form abgelesen werden. Die grundlegende Veränderung von Orientierungs- und Sinnstiftungsmustern zeigte sich bei jungen Menschen besonders in der zunehmenden Ablehnung überkommener Hierarchien und Autoritäten sowie erzieherischer Eingriffe »von oben«, während gleichzeitig Werte wie Selbstentfaltung und Partizipation wichtiger wurden und auch das Interesse an Politik sowie politisches Engagement stark zunahmen. Mit dem ökonomischen Boom und der Entfaltung der Konsumgesellschaft im Rücken vervielfältigten sich vor allem für junge Menschen die Optionen bei der Gestaltung ihrer eigenen Lebenswege, wobei »postmaterialistische« Orientierungsmuster - hier verstanden als Muster, die nicht mehr primär auf die Befriedigung materieller Bedürfnisse ausgerichtet waren - immer mehr in den Vordergrund rückten. Dazu gehörte auch eine Infragestellung des klassischen bürgerlichen Leistungsideals, das zunehmend hedonistisch geprägten Einstellungen Platz machen musste - wobei eine stärkere Orientierung an Genuss eine auch weiterhin vorhandene Leistungsorientierung junger Menschen keinesfalls ausschloss, vielmehr künftig beide Bereiche zusammen mit „ausgeprägte[r] Experimentierlust“104 kombiniert wurden. Generell verschwanden überkommene »Werte« nicht - sie wurden vielmehr oft in abgeschwächter Form mit neuen Orientierungsmustern verknüpft.

Die Bindekraft von traditionellen Sozialisationsinstanzen wie Klasse, Religion, Region und vor allem Familie löste sich weitgehend auf und verlagerte sich in neue Identifikationsräume wie »Cliquen« oder »Peer Groups«.105 Für Jugendliche entstand so nicht nur die Möglichkeit, sondern oft auch die Notwendigkeit einer selbstständigeren und selbstbewussteren Orientierung in der Gesellschaft, da in dieser „historisch beispiellose[n] Situation“106 auch immer weniger auf Erfahrungen oder Orientierungshilfen älterer Generationen und traditioneller Sozialisationsinstanzen zurückgegriffen werden konnte. Vor dem Hintergrund eines wachsenden Erfahrungshorizonts, der besonders in der Medialisierung, der Automobilisierung und dem Ausbau des Bildungssystems begründet war, verbesserten sich auf der anderen Seite aber wiederum auch die individuellen Möglichkeiten, sich in den neuartigen Entscheidungsfindungsprozessen zurechtzufinden: „Der Kontrast zwischen den Erfahrungswelten von Eltern und Kindern war zu kaum einem Zeitpunkt größer als in den 60er Jahren.“107

Vieles deutet darauf hin, dass sich danach, spätestens Mitte der siebziger Jahre, unter jungen Menschen insgesamt, aber besonders in vielen jugendlichen Subkulturen ein zunehmender Pessimismus breit machte. Der wieder erstarkende Konservatismus und zunehmende staatliche Repressionen engten den experimentellen Spielraum alternativer Kulturen stark ein.

[...]


1 Matthias Frese/Julia Paulus/Karl Teppe (Hg.): Demokratisierung und gesellschaftlicher Aufbruch. Die sechziger Jahre als Wendezeit der Bundesrepublik (Forschungen zur Regionalgeschichte, Bd. 44). Paderborn 22005.

2 Anselm Doering-Manteuffel/Lutz Raphael: Nach dem Boom. Perspektiven auf die Zeitgeschichte seit 1970. Göttingen 2008, S. 22.

3 Axel Schildt/Detlef Siegfried/Karl-Christian Lammers: Einleitung. In: dies. (Hg.): Dynamische Zeiten. Die 60er Jahre in beiden deutschen Gesellschaften (Hamburger Beiträge zur Sozial- und Zeitgeschichte, Bd. 37). Hamburg 22003, S. 11-23, hier S. 13.

4 Detlef Siegfried: Time is on My Side. Konsum und Politik in der westdeutschen Jugendkultur der 60er Jahre (Hamburger Beiträge zur Sozial- und Zeitgeschichte, Bd. 41). Göttingen 2006, S. 9.

5 Ulrich Herbert: Liberalisierung als Lernprozeß. Die Bundesrepublik in der deutschen Geschichte - eine Skizze. In: Ulrich Herbert (Hg.): Wandlungsprozesse in Westdeutschland. Belastung, Integration, Liberalisierung 1945-1980 (Moderne Zeit. Neue Forschungen zur Gesellschafts- und Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, Bd. 1). Göttingen 22003, S. 7-49, hier S. 7.

6 Siegfried: Time is on My Side, S. 9.

7 Ebd.

8 Detlef Siegfried: Ästhetik des Andersseins: Subkulturen zwischen Hedonismus und Militanz 1965-1970. In: Klaus Weinhauer/Jörg Requate/Heinz-Gerhard Haupt (Hg.): Terrorismus in der Bundesrepublik. Medien, Staat und Subkulturen in den 1970er Jahren (Campus Historische Studien, Bd. 42). Frankfurt am Main/New York 2006, S. 76-98, hier S. 94.

9 Gerold Ambrosius/Hartmut Kaelble: Einleitung: Gesellschaftliche und wirtschaftliche Folgen des Booms der 1950er und 1960er Jahre. In: Hartmut Kaelble (Hg.): Der Boom 1948-1973. Gesellschaftliche und wirtschaftliche Folgen in der Bundesrepublik Deutschland und in Europa (Schriften des Zentralinstituts für sozialwissenschaftliche Forschung der Freien Universität Berlin, Bd. 64). Opladen 1992, S. 7-32, hier S. 8.

10 Vgl. Axel Schildt: Die Sozialgeschichte der Bundesrepublik Deutschland bis 1989/90 (Enzyklopädie deutscher Geschichte, Bd. 80). München 2007, S. 30 und 41.

11 Doering-Manteuffel/Raphael: Nach dem Boom, S. 43.

12 Anselm Doering-Manteuffel: Langfristige Ursprünge und dauerhafte Auswirkungen. Zur historischen Einordnung der siebziger Jahre. In: Konrad H. Jarausch (Hg.): Das Ende der Zuversicht? Die siebziger Jahre als Geschichte. Göttingen 2008, S. 313-329, hier S. 318.

13 Thomas Großbölting: Bundesdeutsche Jugendkulturen zwischen Milieu und Lebensstil. In: Mitteilungsblatt des Instituts für Soziale Bewegungen 31 (2004), S. 59-80, hier S. 61.

14 Hannes Siegrist: Konsum, Kultur und Gesellschaft im modernen Europa. In: Hannes Siegrist/Hartmut Kaelbe/Jürgen Kocka (Hg.): Europäische Konsumgeschichte. Zur Gesellschafts- und Kulturgeschichte des Konsums (18. bis 20. Jahrhundert). Frankfurt am Main/New York 1997, S. 13-48, hier S. 23; vgl. auch Helmut Klages: Verlaufsanalyse eines Traditionsbruchs. Untersuchungen zum Einsetzen des Wertewandels in der Bundesrepublik Deutschland in den 60er Jahren. In: Karl Dietrich Bracher (Hg.): Staat und Parteien. Festschrift für Rudolf Morsey zum 65. Geburtstag. Berlin 1992, S. 517-544, hier S. 528; vgl. auch Doering-Manteuffel/Raphael: Nach dem Boom, S. 20.

15 Doering-Manteuffel/Raphael: Nach dem Boom, S. 29.

16 Zitiert nach Pierre Bourdieu unter anderem in: Ambrosius/Kaelble: Folgen des Booms, hier S. 22; vgl. auch Schildt: Sozialgeschichte, S. 31f.

18 Konrad H. Jarausch: Verkannter Strukturwandel. Die siebziger Jahre als Vorgeschichte der Probleme der Gegenwart. In: Konrad H. Jarausch (Hg.): Das Ende der Zuversicht? Die siebziger Jahre als Geschichte. Göttingen 2008, S. 9-26, hier S. 9; vgl. auch Carole Fink/Philipp Gassert/Detlef Junker: Introduction. In: dies. (Hg.): 1968: The World Transformed. Washington 1998, S. 1-27, hier S. 8.

19 Schildt: Tendenzwende, hier S. 477.

20 Schildt: Sozialgeschichte, S. 59.

21 Doering-Manteuffel/Raphael: Nach dem Boom, S. 30; Vgl. auch Marcel Boldorf: Die »Neue Soziale Frage« und die »Neue Armut« in den siebziger Jahren. Sozialhilfe und Sozialfürsorge im deutsch-deutschen

22 Boldorf: Soziale Frage, hier S. 146; vgl. auch Schildt: Sozialgeschichte, S. 60.

23 Axel Schildt/Arnold Sywottek (Hg.): Modernisierung im Wiederaufbau. Die westdeutsche Gesellschaft der 50er Jahre. Bonn 21998.

24 Schildt/Siegfried/Lammers: Dynamische Zeiten, hier S. 11.

25 Gerd Koenen: Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967-1977. Köln 2001.

26 Schildt: Tendenzwende, hier S. 449.

27 Doering-Manteuffel/Raphael: Nach dem Boom, S. 11 und 93.

28 Ebd., S. 66.

29 Jarausch: Strukturwandel, hier S. 15.

30 Doering-Manteuffel: Siebziger Jahre, hier S. 314.

31 Ebd., hier S. 326.

32 Doering-Manteuffel/Raphael: Nach dem Boom, S. 11.

33 Herbert: Liberalisierung, hier S. 14.

34 Schildt: Sozialgeschichte, S. 100.

35 Schildt/Siegfried/Lammers: Dynamische Zeiten, hier S. 18; vgl. auch Thomas Etzemüller: 1968 - Ein Riss in der Geschichte? Gesellschaftlicher Umbruch und 68er-Bewegungen in Westdeutschland und Schweden. Konstanz 2005, S. 12f.

36 Zitat von Helmut Klages, zitiert nach Schildt: Sozialgeschichte, S. 101.

37 Frank Biess: Die Sensibilisierung des Subjekts. Angst und »Neue Subjektivität« in den 1970er Jahren. In: WerkstattGeschichte 49 (2008), S. 51-71, hier S. 51.

38 Vgl. Axel Schildt/Detlef Siegfried: Youth, Consumption, and Politics in the Age of Radical Change. In: Axel Schildt/Detlef Siegfried (Hg.): Between Marx and Coca-Cola. Youth Culture in Changing European Societies 1960-1980. New York/Oxford 2006, S. 1-35, hier S. 27f; vgl. auch Arthur Marwick: Youth Culture and the Cultural Revolution of the Long Sixties. In: Axel Schildt/Detlef Siegfried (Hg.): Between Marx and Coca- Cola. Youth Culture in Changing European Societies, 1960-1980. New York/Oxford 2006, S. 39-58, hier S.44. Marwick spricht von einem „ bisher beispiellosen Einfluss junger Menschen.“

39 Hermann Korte: Eine Gesellschaft im Aufbruch. Die Bundesrepublik Deutschland in den sechziger Jahren. Frankfurt am Main 1987.

40 Christina von Hodenberg/Detlef Siegfried: Reform und Revolte. 1968 und die langen sechziger Jahre in der Geschichte der Bundesrepublik. In: dies. (Hg.): Wo „1968“ liegt. Reform und Revolte in der Geschichte der Bundesrepublik. Göttingen 2006, S. 7-14, hier S. 11.

41 Schildt: Sozialgeschichte, S. 52.

42 Etzemüller: Riss, S. 214.

43 Wolfgang C. Müller/Peter Nimmermann: In Jugendclubs und Tanzlokalen. München 1968, S. 24.

44 Etzemüller: Riss, S. 11; vgl. auch von Hodenberg/Siegfried: Reform und Revolte, hier S. 11; vgl. auch Claus Leggewie: A Laboratory of Postindustrial Society: Reassessing the 1960s in Germany. In: Carole Fink/Philipp Gassert/Detlef Junker (Hg.): 1968: The World Transformed. Washington 1998, S. 277-294, hier S. 282f.

45 Siegfried: Time is on My Side, S. 54.

46 Schildt: Sozialgeschichte, S. 53.

48 Hartmut Rübner: Zähmende Historisierung oder fundamentale Destruktion. Was um 2008 zu »1968« erschien. In: Peter Birke/Bernd Hüttner/Gottfried Oy (Hg.): Alte Linke - Neue Linke? Die sozialen Kämpfe der 1968er Jahre in der Diskussion. Berlin 2009, S. 207-218, hier S. 215.

49 von Hodenberg/Siegfried: Reform und Revolte, hier S. 7.

50 Dietmar Süß: Bayern im Bund, Band 4: Kumpel und Genossen. Arbeiterschaft, Betrieb und Sozialdemokratie in der bayerischen Montanindustrie 1945 bis 1976 (Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte, Bd. 55). München 2003, S. 7.

51 Ebd.

52 Peter Dudek: Geschichte der Jugend. In: Heinz-Hermann Krüger/Cathleen Grunert (Hg.): Handbuch der Kindheits- und Jugendforschung. Opladen 2002, S. 333-349, hier S. 333; aber etwa auch schon Erwin K. Scheuch, zitiert in Jugendwerk der Deutschen Shell (Hg.): Jugend zwischen 13 und 24 - Vergleich über 20 Jahre - 1975. Band III: Kommentar. Hamburg 1975, S. 13.

53 Arthur Fischer: Sozialwissenschaft und Jugendforschung. In: Heiner Timmermann/Eva Wessela (Hg.): Jugendforschung in Deutschland. Eine Zwischenbilanz (Schriftenreihe der Europäischen Akademie Otzenhausen, Bd. 90). Opladen 1999, S. 11-22, hier S. 12.

54 Gill Valentine/Tracey Skelton/Deborah Chambers: Cool Places: An Introduction to Youth and Youth Cultures. In: Tracey Skelton/Gill Valentine (Hg.): Cool Places. Geographies of Youth Culture. London/New York 1998, S. 1-32, hier S. 6.

55 Mary Bucholtz: Youth and Cultural Practice. In: Annual Review of Anthropology 31 (2002), S. 525-552, hier S. 525.

56 Schildt/Siegfried: Youth, Consumption and Politics, hier S. 5.

57 Vgl. Helena Wulff: Introducing Youth Culture in its Own Right: The State of the Art and New Possibilities. In: Vered Amid-Talai/Helena Wulff (Hg.): Youth Cultures. A Cross-Cultural Perspective. London/New York 1995, S. 1-18, hier S. 6; vgl. auch von Hodenberg/Siegfried: Reform und Revolte, hier S. 8; Bucholtz: Youth,

58 Etzemüller: Riss, S. 9.

59 Valentine/Skelton/Chambers: Cool Places, hier S. 24; vgl. auch Wulff: Youth Culture, hier S. 6.

60 Reinhard Sieder: Sozialgeschichte der Familie (Neue Historische Bibliothek, Neue Folge, Bd. 276). Frankfurt am Main 1987, S. 256.

61 Friedrich H. Tenbruck: Jugend und Gesellschaft. Soziologische Perspektiven. Freiburg im Breisgau 21965, S. 53. Hervorhebung im Original.

62 Schildt: Sozialgeschichte, S. 35.

63 Detlef Siegfried: Draht zum Westen. Populäre Jugendkultur in den Medien 1963 bis 1971. In: Monika Estermann/Lersch Edgar (Hg.): Buch, Buchhandel und Rundfunk. 1968 und die Folgen

64 Siegfried: Medien, hier S. 84.

65 Schildt: Sozialgeschichte, S. 35.

66 Großbölting: Milieu und Lebensstil, hier S. 62.

67 Siegfried: Time is on My Side, S. 53f.

68 Großbölting: Milieu und Lebensstil, hier S. 63; vgl. auch Schildt/Siegfried: Youth, Consumption and Politics, hier S. 3.

69 Marwick: Cultural Revolution, hier S. 53.

70 Julia Ubbelohde: Der Umgang mit jugendlichen Normverstößen. In: Ulrich Herbert (Hg.):Wandlungsprozesse in Westdeutschland. Belastung, Integration, Liberalisierung 1945-1980 (Moderne Zeit. Neue Forschungen zur Gesellschafts- und Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, Bd. 1).

71 Siegfried: Time is on My Side, S. 62.

72 Ubbelohde: Normverstöße, hier S. 435.

73 Vgl. Detlef Siegfried: Understanding 1968: Youth Rebellion, Generational Change, and Postindustrial Society. In: Axel Schildt/Detlef Siegfried (Hg.): Between Marx and Coca-Cola. Youth Culture in Changing European Societies 1960-1980. New York/Oxford 2006, S. 59-81, hier S. 70.

74 Vgl. Siegfried: Time is on My Side, S. 45.

75 Schildt: Sozialgeschichte, S. 29.

76 Sieder: Sozialgeschichte der Familie, S. 267.

77 Schildt: Sozialgeschichte, S. 51.

78 Doering-Manteuffel/Raphael: Nach dem Boom, S. 22.

79 Ambrosius/Kaelble: Folgen des Booms, hier S. 28.

80 Doering-Manteuffel/Raphael: Nach dem Boom, S. 9.

81 Etzemüller: Riss, S. 196f.

82 Vgl. Alfons Kenkmann: Von der bundesdeutschen „Bildungsmisere“ zur Bildungsreform in den 60er Jahren. In: Axel Schildt/Detlef Siegfried/Karl-Christian Lammers (Hg.): Dynamische Zeiten. Die 60er Jahre in den beiden deutschen Gesellschaften (Hamburger Beiträge zur Sozial- und Zeitgeschichte, Bd. 37). Hamburg 2000, S. 402-423, hier S. 405f.

83 Siegfried: Time is on My Side, S. 40.

84 Doering-Manteuffel/Raphael: Nach dem Boom, S. 22.

85 Axel Schildt/Detlef Siegfried: Deutsche Kulturgeschichte. Die Bundesrepublik von 1945 bis zur Gegenwart. Bonn 2009, S. 292.

86 Vgl. Winfried Müller/Ingo Schröder/Markus Mößlang: „Vor uns liegt ein Bildungszeitalter.“ Umbau und Expansion - das bayerische Bildungssystem 1950 bis 1975. In: Thomas Schlemmer/Hans Woller (Hg.): Bayern im Bund, Band 1: Die Erschließung des Landes 1949 bis 1973 (Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte, Bd. 52). München 2001, S. 273-355, hier S. 305.

87 Vgl. Schildt/Siegfried: Youth, Consumption and Politics, hier S. 19.

88 Siegfried: Time is on My Side, S. 41.

89 Schildt/Siegfried: Kulturgeschichte, S. 292.

90 Vgl. Kenkmann: Bildungsreform, hier S. 413f.

91 Vgl. Müller/Schröder/Mößlang: Bildungszeitalter, hier S. 306.

92 Vgl. Ebd., hier S. 305.

93 Vgl. Ebd., hier S. 274 und 278.

94 Die hegemoniale Position der CSU in der bayerischen Politik der späten sechziger und frühen siebziger Jahre verstellt im übrigen nur allzu leicht den Blick dafür, dass die wesentlichen Impulse für die Bildungsexpansion von der sozialliberalen Koalition ausgingen: „die CSU befand sich dagegen lange Zeit in einer Art konfessionell-agrarromantisch motivierten strategischen Defensive.“

95 (Müller/Schröder/Mößlang: Bildungszeitalter, hier S. 355)

96 Armin Kremer: Entwicklungslinien und Verlauf der Bildungsreform: Bilanzierung in kritischer Absicht. In: Armin Bernhard (u.a.) (Hg.): Jahrbuch für Pädagogik 2008. 1968 und die neue Restauration. Frankfurt am Main 2009, S. 189-208, hier S. 194.

97 Müller/Schröder/Mößlang: Bildungszeitalter, hier S. 354.

98 Siegfried: Time is on My Side, S. 41.

99 Kaspar Maase: Körper, Konsum, Genuss. Jugendkultur und mentaler Wandel in den beiden deutschen Gesellschaften. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 45 (2003), S. 9-16, hier S. 15f.

100 Siegfried: Time is on My Side, S. 43.

101 Ebd., S. 35; vgl. auch Marwick: Cultural Revolution, hier S. 39.

102 Siegfried: Time is on My Side, S. 63.

103 Ebd., S. 59.

104 Ebd., S. 58.

105 Vgl. Schildt/Siegfried: Youth, Consumption and Politics, hier S. 15; aber etwa auch schon Tenbruck: Jugend und Gesellschaft, S. 95-100.

106 Siegfried: Time is on My Side, S. 52.

107 Ebd., S. 67.

Ende der Leseprobe aus 119 Seiten

Details

Titel
Die Jugendkultur der 1960er und 1970er Jahre in Westdeutschland und der Kleinstadt Burghausen. Eine oder zwei Geschichte(n)?
Untertitel
»1968« in der Provinz
Hochschule
Universität Hamburg  (Fakultät für Geisteswissenschaften, Fachbereich Geschichte)
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
119
Katalognummer
V156488
ISBN (eBook)
9783640701698
ISBN (Buch)
9783640700363
Dateigröße
1354 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
119 Seiten, über 32.500 Wörter, mit umfangreichem Literatur- und Quellenverzeichnis.
Schlagworte
jugendkultur, jahre, westdeutschland, kleinstadt, burghausen, eine, geschichte, provinz
Arbeit zitieren
Adam Seitz (Autor), 2010, Die Jugendkultur der 1960er und 1970er Jahre in Westdeutschland und der Kleinstadt Burghausen. Eine oder zwei Geschichte(n)?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/156488

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