Da innerhalb der Linguistik das Themenfeld um den Bedeutungswandel umstritten ist, gibt es verschiedene Ansätze, um die Pejorisierung von Frauenbezeichnungen zu erklären. Rudi Keller (1994) geht davon aus, dass die Pejorisierung von Frauenbegriffen infolge einer sprachlichen Aufwertung und Erhöhung, mit dem sog. „Galanteriegebot“, zu erklären ist und als Zerrspiegel der Kultur zu interpretieren sei. Dagegen argumentiert Nübling (2015), dass Kellers Galanteriegebot zu eindimensional sei und die Pejorisierung von Frauenbezeichnungen gesellschaftlicher Verhältnisse und männlicher Einstellungen gegenüber Frauen widerspiegelt. Dementsprechend sollen im Folgenden korpusbasiert über Kontext- und Kollokationsanalyse aus diachroner Perspektive semasiologisch untersucht werden, inwiefern Kellers Galanteriegebot bezüglich Pejorisierungen von Frauenbezeichnungen im der aktuellen Forschung, die die Pejorisierung als Spiegel kultureller Verhältnisse ansieht, noch Bestand hat. Thematisch wird zur Übersicht zunächst kurz auf den Bedeutungswandel eingegangen. Infolgedessen wird die Pejorisierung von Frauenbezeichnungen in Hinblick auf verschiedene Interpretationsansätze beleuchtet. Daraufhin wird das methodische Vorgehen in Bezug auf die empirische Studie vorgestellt, welche daraufhin anhand ausgewählter Frauenbezeichnungen in verschiedenen Zeitabschnitten dargestellt und analysiert wird. Schlussendlich werden die Ergebnisse in einem Fazit zusammengefasst.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Bedeutungswandel
3 Pejorisierung von Frauenbezeichnungen
3.1 Kellers Galanteriegebot als Zerrspiegel der Kulturwandels
3.2 Kritik am Galanteriegebot
4 Methode: diachrone Kontext- und Kollokationsanalyse
5 Korpusbasierte Analyse ausgewählter Frauenbezeichnungen
5.1 Weib
5.1.1 1700-1750
5.2 Frau
5.2.1 1700-1750
5.2.2 1900-1950
6 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht aus einer diachronen, korpusbasierten Perspektive die Pejorisierung der Frauenbezeichnungen „Weib“ und „Frau“. Ziel ist es, die Gültigkeit des „Galanteriegebots“ nach Rudi Keller kritisch zu hinterfragen und zu prüfen, inwieweit Sprachgebrauch patriarchalische gesellschaftliche Strukturen und Machtverhältnisse innerhalb der Sprache widerspiegelt und reproduziert.
- Bedeutungswandel linguistisch definiert
- Theoretische Ansätze zur Pejorisierung von Frauenbezeichnungen
- Kritische Auseinandersetzung mit dem Galanteriegebot
- Empirische Untersuchung mittels Kontext- und Kollokationsanalyse
- Analyse und Vergleich der Zeitabschnitte 1700-1750 und 1900-1950
Auszug aus dem Buch
3.1 Kellers Galanteriegebot als Zerrspiegel der Kulturwandels
Mit der bereits vorgestellten Theorie der unsichtbaren Hand hat Keller einen Ansatz zur Erklärung von immer wiederkehrenden Pejorisierungen von Frauenbezeichnungen entwickelt. Keller (vgl. 1994:107-108) geht davon aus, dass die Pejorisierung von Frauenbezeichnungen durch die Theorie der unsichtbaren Hand und das sogenannte „Galanteriegebot“ erklärbar gemacht werden. Das Galanteriegebot basiert auf dem, in unserem Kulturkreis herrschenden Gebot, dass der Frauenbegriff sprachlich aufgewertet, beziehungsweise erhöht wird. Salopp gesagt, sollte bei der Bezeichnung von Frauen dementsprechend eher eine Etage zu hoch, als eine zu niedrig gegriffen werden (vgl. Keller 21994: 107).
Die Pejorisierung ist somit das Nebenprodukt oder auch die ungewollte Folge, der eigentlich intendierten Aufwertung der Frauenbezeichnungen (vgl. Nübling 2015: 346-349). Keller (vgl. und Kirschbaum 2012: 12) selbst schreibt dem Wunsch der angesprochenen Person zu imponieren und positiv aufzufallen eine große Rolle in Bezug auf das Hervorrufen des Bedeutungswandels zu.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in das Thema der Pejorisierung von Frauenbezeichnungen ein und stellt die Relevanz der Untersuchung des Bedeutungswandels im Kontext gesellschaftlicher Machtverhältnisse dar.
2 Bedeutungswandel: Dieses Kapitel definiert den Begriff des Bedeutungswandels und erläutert theoretische Mechanismen sowie Ursachen, die diesen Prozess in der Sprachgeschichte vorantreiben.
3 Pejorisierung von Frauenbezeichnungen: Hier werden theoretische Ansätze zur Pejorisierung vorgestellt, wobei insbesondere das Galanteriegebot von Rudi Keller analysiert und kritisch hinterfragt wird.
3.1 Kellers Galanteriegebot als Zerrspiegel der Kulturwandels: Dieses Kapitel erläutert, wie durch das Streben nach Höflichkeit eine unbeabsichtigte sprachliche Abwertung von Frauenbezeichnungen entstehen kann.
3.2 Kritik am Galanteriegebot: Hier werden Gegenargumente von Linguisten wie Damaris Nübling präsentiert, die das Galanteriegebot als zu eindimensional kritisieren und die Pejorisierung als Spiegel patriarchalisch geprägter Gesellschaftsstrukturen deuten.
4 Methode: diachrone Kontext- und Kollokationsanalyse: Das Kapitel beschreibt das methodische Vorgehen der empirischen Studie unter Verwendung korpuslinguistischer Werkzeuge wie „DiaCollo“.
5 Korpusbasierte Analyse ausgewählter Frauenbezeichnungen: In diesem Hauptteil erfolgt die empirische Untersuchung anhand der Wörter „Weib“ und „Frau“ in verschiedenen Zeiträumen.
5.1 Weib: Dieses Kapitel untersucht die historische und semantische Entwicklung des Begriffs „Weib“ unter Berücksichtigung patriarchaler Einflüsse.
5.1.1 1700-1750: Die Untersuchung der Belege zeigt die Verwendung des Wortes „Weib“ in Abhängigkeit vom Mann und dessen religiöser oder rechtlicher Unterordung.
5.2 Frau: Dieser Abschnitt analysiert das Wort „Frau“, das sich im Laufe der Zeit vom exklusiven Standesbegriff zum Normalwort wandelte.
5.2.1 1700-1750: Die Analyse zeigt die Einbettung des Begriffs „Frau“ in höfische Kontexte und deren positive Konnotierung in diesem spezifischen Bereich.
5.2.2 1900-1950: Die Auswertung belegt die zunehmende Heterogenität der Verwendungsweisen, die den gesellschaftlichen Wandel und die aufstrebende Frauenbewegung widerspiegeln.
6 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, bestätigt die Pejorisierung von Frauenbezeichnungen und ordnet die Wirksamkeit des Galanteriegebots kritisch ein.
Schlüsselwörter
Pejorisierung, Bedeutungswandel, Frauenbezeichnungen, Galanteriegebot, Korpuslinguistik, Kollokationsanalyse, Genderlinguistik, Sprachwandel, patriarchalische Strukturen, Wortschatz, Kulturwandel, Semantik, Diachronie, soziale Degradierung, diskriminierende Sprachpraxis.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die systematische sprachliche Abwertung (Pejorisierung) von Frauenbezeichnungen in der deutschen Sprache aus einer diachronen Perspektive.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf linguistischen Theorien zum Bedeutungswandel, dem sogenannten „Galanteriegebot“ von Rudi Keller, der Kritik an diesem Konzept durch moderne Genderlinguistik und der empirischen Korpusanalyse.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu analysieren, ob und wie Frauenbezeichnungen durch Sprachgebrauch systematisch abgewertet werden und welche Rolle gesellschaftliche Machtverhältnisse und patriarchalische Stereotype dabei spielen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit verwendet eine korpusbasierte diachrone Kontext- und Kollokationsanalyse, mithilfe technischer Werkzeuge wie „DiaCollo“, um Wortverbindungen und Gebrauchskontexte über verschiedene Epochen hinweg zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Begriffe „Weib“ und „Frau“ in den Zeitabschnitten 1700-1750 sowie 1900-1950 detailliert korpuslinguistisch ausgewertet, um Bedeutungskategorien und deren Wandel aufzuzeigen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Pejorisierung, Galanteriegebot, Bedeutungswandel, Korpusanalyse, patriarchale Sprachstruktur und der sozio-kulturelle Status der Frau.
Wie unterscheidet sich die Verwendung des Wortes „Weib“ in den untersuchten Zeiträumen?
Während „Weib“ im frühen Zeitraum stark an religiöse und rechtliche Abhängigkeit vom Mann gebunden ist, bleibt die Tendenz zur sexuellen Degradierung auch im späteren Zeitraum bestehen, bei gleichzeitig seltenerer Gesamtfrequenz.
Welche Schlussfolgerung zieht die Arbeit zum „Galanteriegebot“ von Rudi Keller?
Die Arbeit kommt zu dem Ergebnis, dass das Galanteriegebot zwar im höfischen Kontext des 18. Jahrhunderts teilweise sichtbar ist, jedoch als universelle Erklärung für die Pejorisierung von Frauenbezeichnungen zu eindimensional ist und die Bedeutung patriarchaler Strukturen unterschätzt.
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- Anonym (Autor:in), 2020, Die Pejorisierung von Frauenbezeichnungen im (Zerr)spiegel des Kulturwandels, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1565080