Narziss und Goldmund von Hermann Hesse - Eine analytische Studie


Magisterarbeit, 2003

154 Seiten, Note: sehr gut (88 von 100)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Vorwort

2 Aus dem Leben und Werk Hermann Hesses

3 Narziss und Goldmund:
3.1 Entstehung und Aufnahme
3.2 Inhaltsangabe
3.3 Charakteristik der Personen
3.4 Darstellung des Polaritätsgedankens
3.5 Das Bild der Mutter und die Frauengestalten
3.6 Kunst und Künstlerproblematik
3.7 Glaubensgedanken des Dichters
3.8 Fortwährende Wirkung durch Behandlung zeitloser Themen
3.9 Naturdarstellung
3.10 Dierache der Erzählung
3.11 Struktur der menschlichen Psyche nach Carl Gustav Jung

4 Schlusswort

5 Anhang für Abkürzungen

6 Quellennachweis

7 Literaturverzeichnis

1. Vorwort

Hermann Hesse (1877-1962) gilt als einer der bedeutendsten Repräsentanten der deutschen Literatur in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts und ist Träger des Literatur-Nobelpreises für das Jahr 1946. Bis 1919 lebte Hesse abwechselnd in Deutschland und in derhweiz. Dann übersiedelte er in diehweiz, wurde 1923hweizeraatsbürger und blieb dort bis zu seinem Tode. Er hatte eine Vorliebe für romantische Literatur und wurde wegen der romantischen Züge seiner meisten Werke der letzte Ritter der Romantik[1] (1) genannt.

In der großen Erzählung Narziss und Goldmund, die die Geschichte von Goldmunds Lehr- und Wanderjahren schildert, wird die Persönlichkeitsspaltung durch Narziss, den geistlichen Denker und Goldmund, den weltlichen Künstler, die zusammen den ganzen harmonischen Menschen ergeben, dargestellt. Hesse sah sich selbst immer wieder von diesem inneren Kampf zwischen geistlichen und weltlichen Gedanken bedrängt und versucht hier mit Hilfe moderner, zeitkritischer, psychoanalytischer und weltanschaulicher Elemente dieseelenkämpfe und Leiden eines Menschen zu veranschaulichen, um damit eine positive Förderung der Persönlichkeit besonders bei jungen Menschen zu erzielen. Diese Problematik – die Polarität[2] zwischen Geist und Natur – bildet das Hauptthema der Erzählung, das ein beliebtes Thema der Epoche (Literatur der Zwanziger Jahre (1918-1933)) darstellt (2).

Die folgende Arbeit soll diese Idee, ihre Veranschaulichung durch Hesse und andere bedeutende Themen, die noch immer aktuell sind, ans Licht bringen.

Nach der Gliederung der Arbeit werden anfänglich wichtige Informationen aus dem Leben und Werk Hermann Hesses erteilt, die die Einordnung der Erzählung Narziss und Goldmund in das Leben und Gesamtwerk des Dichters erleichtern und teilweise seine Psyche enthüllen.

Auf die Darstellung der Entstehung und Aufnahme der Erzählung folgt eine Inhaltsangabe und die Charakteristik der Personen.

Interpretiert wird zuerst die Darstellung des Polaritätsgedankens, dann das Muttermotiv und dieellung der Frauen im Leben Goldmunds. Kunst und die Künstlerproblematik; die Gefährdung des Künstlers, zum Handwerker zu werden, wird im nächsten Kapitel bearbeitet.

Ausführlich werden im Kapitel (3.7.) die fernöstlichen Einflüsse von Indien und China auf die Glaubensgedanken des Dichters behandelt.

Um den Fortbestand der Wirkung der Erzählung zu bestätigen, wird im nächsten Kapitel auf die zeitlosen Themen im Werk aufmerksam gemacht, die Hesses Weltanschauung und Wünsche widerspiegeln.

Als Nächstes wird die Intensität der Naturdarstellung mit ihrermbolik im Werk erklärt, gefolgt von einer Analyse desrachstils Hesses in der Erzählung, die uns das Geheimnis seiner schönen einfachenrache und seiner sonderbarenhreibtechnik aufdeckt.

Um die beiden entgegengesetzten Tendenzen im Inneren des Menschen zu verstehen, wird im nächsten Punkt (3.11.) die Darstellung der menschlichen Psyche nach Dr. Jung gegeben.

Hesse liebte dieses Werk. Im Jahre 1930 schenkte er das Manuskript der soeben erschienen Erzählung Narziss und Goldmund seinem Freund Hans C. Bodmer mit folgenden Begleitworten:

Ich habe zu diesem Werk, das mich mehr gekostet hat als alle anderen zusammen, eine besondere Liebe und bin darum froh, dass diese Handschrift . . . . in gute Hände kommt (3).

Bewundernswert ist nicht nur diehilderung der Wanderschaft Goldmunds in der Welt, sondern die der Wanderschaft in der tiefenele des Menschen. Hesse zeigt nicht nur das Bild eines Menschen und die Bezeugung der Wiederkehr polarischerannung, sondern das individuelle Ringen um die Menschenwerdung, dieche nach dem Ich, den Weg zurlbstverwirklichung, was jeden Leser anspricht und zur Auseinandersetzung herausfordert.

Hesse hat bewusst den aktuellen Zeitbezug in seiner politischen und gesellschaftlichen Gestalt ausgespart (4), ohne zu vergessen, auf die Probleme seiner Gegenwart hinzuweisen.

Das Buch besteht aus zwanzig Kapiteln und schildert viele psychologische Vorgänge mit ihren Analysen, die lehrreich wirken. Hesse selbst fand in seiner schriftlichen Arbeit Trost, Zuflucht und Frieden, obwohl er sich dadurch in die Einsamkeit getrieben hatte.e führte ihn andererseits zurlbstkenntnis. Deshalb schreibt er in seinem Kurzgefassten Lebenslauf (1925), dass alle seine Werkeelenerlebnisse oder Seelenbiographien seien (5) - Durch die Verallgemeinerung seiner eigenen Leiden, Nöte, Erlebnisse und Ideen verdeutlicht er das Überschreiten von Lebensstufen, hin zum Geist (6).

Das Anliegen dieser Arbeit ist, dieses reiche Gedanken- und Erfahrungsgut Hesse herauszufinden, zu analysieren und anderen bewusst und verständlich zu machen.

Dashlusswort enthält eine zusammenfassende Analyse der reichen Ideen des Dichters im Werk. Die verwendeten Abkürzungen sind danach im Anhang erwähnt.

Um die Arbeit übersichtlich zu machen, sind alle Titel von Werken, Gedichte und Zitate in Kursivschrift geschrieben. Arabische Titel und Zitate sind scharf hervortretend gedruckt.

Der Quellennachweis enthält eine fortlaufende Nummerierung von Quellenangaben mit deniten der Zitate oder der sinngemäß übernommenen Gedanken.

Als Quellen für meine Arbeit wurden nicht nur Bücher,udien und Zeitschriften benützt, sondern auch neue Internet-Referate und -Berichte, die im Literaturverzeichnis alphabetisch nach Namen der Autoren sortiert sind. Das Inhaltverzeichnis enthält auch als Anregung Literaturhinweise zur weiteren Beschäftigung mit dem Werk des Dichters.

2. Aus dem Leben und Werk Hermann Hesses

Hermann Hesse wurde alshn eines Missions-predigers 1877 in Calw (Württemberg) geboren. Nach Wünschen der Eltern sollte er Theologie studieren. 1891 wurde er insminar Maulbronn (Mariabronn in Narziss und Goldmund) aufgenommen. Er befand sich in der Pubertätsphase und da er entweder ein Dichter oder gar nichts werden wollte (7), verließ er das Kloster. Dazu kam seine erste Verliebtheit (er las damals den Werther von Goethe) - es gab eine Krise und eine Katastrophe (8), und er galt lange als nervenkrank. 1892 wird er nach einemlbstmordversuch in der Nervenheilanstaltetten untergebracht. Er kam ins Gymnasium Cannstatt, wo er weniger als ein Jahr blieb, weil er als ältererhüler in Kameradschaft mit Lumpen geriet und tüchtig soff (9).

Er trat 1892 in die Buchhändlerlehre in Eßlingen, verließ sie jedoch nach drei Tagen und trieb sich mehrere Tage herum. Er saß zwei Jahre zu Hause, eine Unglückszeit, in der seine Eltern an ihm zweifelten, und auch er selber oft (10) an sich – Aus diesenhul- und Lehrjahren schöpfte der Dichter viele Themen und Anregungen für seine späteren Prosawerke (11). Währenddessen half er seinem Vater in der großen Bibliothek seines Großvaters und machte mannigfaltige Privatstudien. Er lernte vor allem die Literatur des 18. Jahrhunderts kennen (Goethe, Gellert, Hamann, Jean Paul, Hetners Literaturgeschichte und andere). Er legte damals den Grund zu seiner späteren Belesenheit, die ziemlich groß war, dass ihm die Augen schmerzten (12).

Nachdem es ihm misslang Uhrenmechaniker zu werden, versuchte er sich ernsthaft wieder als Buchhändler in Tübingen zu beschäftigen, wo sein Interesse für Bücher und Literatur Nahrung fand. Nach dreijähriger Lehrzeit begann er seine erstenchen zu schreiben und beschäftigte sich mit Werken von Goethe und Nietzsche.

Sein Band Gedichte, der 1902 erschien, widmete er seiner kürzlich verstorbenen Mutter.

Er lebte als Buchhändler und Antiquar in Basel (13), wo sein erster Roman Peter Camenzind entstand. Er heiratete 1903 Maria Bernoulli, die neun Jahre älter als er war. Nach dem Erfolg seines Romans konnte er sich 1904 ein Haus in Gaienhofen am Bodensee bauen. Unter seinen damaligen Freunden waren Thomas Mann, Emilrauß,holz undefan Zweig. Er bekam dreihne und konnte als freierhriftsteller ein natürliches, bürgerlich stabiles Leben führen.

Er unternahm Reisen durch Europa und 1911 war er von der Problematik derhwankung zwischen Isolation und Anpassung an die damaligen politischen Zuständen, die er sich liberal wünschte, so erschüttert, dass er eine Reise nach Indien antrat (14).

Von 1907 bis 1912 arbeitete er als Mitherausgeber der Halbmonatsschrift März. 1912 zog er mit seiner Familie nach Bern. Mit dem ersten Weltkrieg 1914 kam er in Konflikt mit der öffentlichen Meinung und wurde Kriegsgegner. Er erhob seineimme gegen Kriegsfanatiker mit dem Aufsatz: O Freunde, nicht diese Töne (15). Er trat freiwillig in den Dienst der Deutschen Kriegsgefangenenfürsorge und gründete 1914 die Zeitschrift Deutsche Interniertenzeitung für Kriegsgefangene und Kriegsverwundete.

1916 erlitt er wiederholt einen Nervenzusammenbruch, ausgelöst durch den Tod seines Vaters, die beginnendehizophrenie seiner Frau und die Krankheit seines jüngstenhnes Martin. Er nahm bei Josef Bernhard Lang[3], einemhüler von Carl Gustav Jung[4], eine Psychotherapie in Anspruch, deren Frucht sein Roman Demian wurde.

Seine Frau kommt 1919 in eine Heilanstalt und die Kinder bringt er bei Freunden unter. Um sich von seinen Leiden zu befreien, trennte er sich von seiner Frau und zog nach Montagnola in derhweiz, wo er allein lebte. Aus dem erfolgreichen und idyllischen Literaten wurde ein Problematiker und Außenseiter - blieb er auch bis zum Ende (16).

Von 1919 bis 1922 war er Mitherausgeber der Monatsschrift Vicos Voco.

1924 erwarb er die schweizerischeaatsbürgerschaft und heiratete Ruth Wenger, eine Tochter derhriftstellerin Lisa Wenger. Er ließ sich 1927 auf ihren Wunsch scheiden (17), weil er zwanzig Jahre älter als sie war und mit der Kunsthistorikerin undezialistin für griechische Antike Ninon Doblin seit 1926 befreundet war (18).

Nun widmete er sich seiner Arbeit alshriftsteller und seinen Aquarellzeichnungen, die sein Hobby waren.

1931 heiratete er Ninon Doblin, mit der er seit 1927 zusammenlebte (19).

1934 wurde er Mitglied deshweizerischenhriftstellervereins. Damit erwarb er besserenhutz vor der NS-Kulturpolitik. Von 1939 bis 1945 galten seine Werke in Deutschland für unerwünscht (20).

Dieadt Frankfurt am Main verlieh Hesse 1946 ihren Goethe-preis und im gleichen Jahr empfing er den Nobelpreis für Literatur.

1947 ernannte die Geburtsstadt Calw ihren inzwischen zu höchsten Ehren gekommenenhn zum Ehrenbürger (21). Und die Universität Bern verlieh ihm die Würde des Ehrendoktors. Es folgten 1950 der Braunschweiger Wilhelm-Raabe-Preis und 1955 der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels vom westdeutschen Börsenverein in Frankfurt am Main (22).

1956 wurde der Hermann-Hesse-Preis gestiftet. Mit 85 Jahren starb er 1962 in Montagnola in derhweiz.

Die Werke Hesses stehen in der Tradition der deutschen Romantik und Klassik (23). In der Tradition der Romantik und Goethe stehen seine Gedichte: Romantische Lieder (1899), Gedichte (1902), Unterwegs (1911), Musik der Einsamen (1913) und andere.

Nach stimmungsvoll empfindsamen neuromantischen[5] Anfängen in der Lyrik und Prosa, gelang es ihm, sein erstes Werk mit dem Entwicklungsroman Peter Camenzind (1904) zu veröffentlichen. Es ist eine autobiographisch melancholischehilderung der Entwicklung eines Menschen einfacher Herkunft, der Peter Camenzind heißt. Er kommt in seinerhnsucht nach Liebe, Freundschaft undhönheit vom Lande in dieadt, kann sich demadtleben nicht anpassen und kehrt am Ende zu seiner Heimat zurück.

1905 schrieb er seinen Roman Unterm Rad, der von einem zart veranlagten klugen Knaben erzählt, der unter dem Zwang des wilhelminischenhulsystems zerbricht und stirbt. Hier sind autobiographische Züge aus Hessesminarzeit in Maulbronn zu finden.

Die Landstreichergeschichte Knulp. Drei Geschichten aus dem Leben Knulps ( 1915 ) stellt die Problematik eines Künstlerbürgers dar. Knulp ist der Nachfahre Peter Camenzinds (24) und ist ähnlich dem Eichendorff’schen Taugenichts, 1826 (25). Aus der Wandersehnsucht des Dichters entstand diese Geschichte. Knulp verachtet jedesshaftigkeit und Besitz-Existenz ( wie Goldmund ).

Andere wichtige Prosa-Werke mit romantischenimmungen, Psychoanalyse und kritisch - realistischen[6] Komponenten (26) folgten, die durch Vorbilder wie Goethe und Keller bestimmt waren.e sind ein Zeugnis für Hesses Ehrlichkeit und für das Verantwortungsbewusstsein seiner Persönlichkeit (27) besonders gegenüber jungen Lesern:

In Demian. Die Geschichte von Emilnclairs Jugend (1919) greift Hesse Probleme der Vorkriegszeit auf und schildert die seelischen Erschütterungen der bürgerlichen Jugend, die durch die Brüchigkeit der Moral verursacht wurde und nach der Wahrheit der eigenen Persönlichkeit sucht.

Siddhartha (1922) zeigt den Weg des Inders, der das Brahmanenhaus verlässt, weil ihn Buddas Lehre nicht befriedigt und sich in diehule eines Kaufmanns und einer Kurtisane begibt. Hier zeigte uns Hesse, dass man sich demhicksal gegenüber offen und entwicklungsfähig verhalten sollte, um ein wahrer und vollkommener Mensch zu werden. Der vollkommene Mensch ist nachgiebig und willfährig wie das Wasser. Der höchst Gute ist wie Wasser. Wasser ist gut, allen Wesen zu nützen, und streitet nicht . . . Trotz seiner Milde und Elastizität symbolisiert das Wasser . . . den Herrscher (28).mit gelangtddhartha durch seine Lebenserfahrung zur Einsicht, dass man sich nur wunschlos in sein Inneres versenken muss, um herauszufinden, dass die Welt weder gut noch böse, sondern vollkommen ist und dass man sie nicht ändern und verbessern, sondern liebend gewähren lassen soll.

Im Roman Der Steppenwolf (1927) wird eine problematischelbstanalyse an dem Helden Harry Haller gezeigt, der unter der seelischen Krankheit Schizophrenie leidet und dessenele den sensiblen Melancholiker und den böseneppenwolf umschließt. Haller ist der Außenseiter, der an seiner Zeit krankt und keinen Weg zur Heilung weiß. Den Zwiespalt zwischen wölfischer und menschlicherele kann er nicht überwinden. flieht er aus der bürgerlichen Welt und tötet sein bessereslbst in der Traumgestalt Hermines. In den Roman sind Träume, Visionen und Wahnvorstellungen eingeschaltet, die die Neurose der Zeit widerspiegeln (29).

In der mit starken Gefühlsbetonungen auch imrachlichen behafteten Erzählung Narziss und Goldmund (1930) behandelt er an einem mittelalterlichenoff das Problem der Harmonisierung von Trieb und Geist. Das wird in den nächsteniten ausführlich behandelt.

Das Glasperlenspiel.Versuch einer Lebensbeschreibung des Magister Ludi Josef Knecht samt Knechts hinterlassenerhriften (1943) ist ein Bildungsroman in zwei Bänden, der um das Jahr 2400 in einer pädagogischen Provinz spielt und eine Zeitutopie darstellt. Hesse wollte uns mit diesem Roman mitteilen, dass der Geist nicht auf die Dauer in der Abkapselung gedeihen kann, denn man muss sich dem Leben stellen, auch wenn das einem Gefahren mit sich bringt, um Erfahrungen zu sammeln. Der intellektuelle Held stirbt, sobald er die Provinz verlässt und in die Welt zieht.

Andere bedeutende Werke Hesses sind Gedanken an Goethe (1932), das er zum hundertsten Todesjahr Goethes schrieb und die lehrreiche Dichtung Stufen (1955), die über die verschiedenen Lebensstufen spricht, die Hesse auch in der Erzählung Narziss und Goldmund darstellte.

In jeder Dichtung stellt Hesse zwei Gewalten dar (30):

Die eine Gewalt ist die Ewigkeit desoffes ; d.h. , dass das wesentliche Problem in Hesses Werken nicht deraat, die Gesellschaft oder die Kirche ist, sondern der einzelne Mensch, die Persönlichkeit, das einmalige, nicht normierte Individuum (31).

Die zweite Gewalt ist diehönheit und Einfachheit seinerrache, die für jede Gesellschaftsschicht verständlich und klar ist.

3. Narziss und Goldmund

3.1. Entstehung und Aufnahme

1927 begann Hesse seine Erzählung Narziss und Goldmund zu schreiben.

1928 erwähnte er in seinem Aufsatz Arbeitsnacht, in dem er nicht nur über sein neues Buch berichtete, dass er lieber nachts daran schrieb, sondern dass er es auch der Gattung nach, in Zusammenhänge mit der romantischen Literatur zu stellen getrachtet hatte, es mit dem Heinrich von Ofterdingen[7] (1802) und dem Hyperion[8] (1799) verglichen (32), eine Seelenbiographie (33) darstellte und meinte: Eine neue Dichtung beginnt für mich indem Augenblick zu entstehen, wo eine Figur mir sichtbar wird, welche für eine Weilembol und Träger meines Erlebens, meiner Gedanken, meiner Probleme werden kann. Die Erscheinung dieser mythischen Person ist der schöpferische Augenblick, aus dem alles entsteht (34).

Fast alle Prosadichtungen, die er geschrieben hat, sindelenbiographien, in allen handelt es sich nicht um Geschichten, Verwicklungen undannungen, sondern sie sind im Grunde Monologe, in denen eine einzige Person, eben jene mythische Figur, in ihren Beziehungen zur Welt und zum eigenen Ich betrachtet wird (35).

Es geht ihm in Narziss und Goldmund um die spannende, analytische Gestaltung des Lebens Goldmunds. Das ist eine Inkarnation; eine neue Verkörperung Hesses Wesens, denn dieselbe Problematik der Polarität des Künstlers und der Mutter wurde in früheren Werken Hesses von einer neuenufe des Lebens und der Erfahrung leidendermbolfiguren schon aufgegriffen. Wie zum Beispiel in Knulp, Demian,eppenwolf und Klingsor.

1953 schrieb er in seinem Aufsatz Engadiner Erlebnisse während seiner Lektüre an der neuen Auflage von Narziss und Goldmund:

Es fiel mir . . . . auf, wie die meisten meiner grö ß eren Erzählungen nicht, wie ich bei ihrer Entstehung glaubte, neue Probleme und Typen variierend wiederholten, wenn auch von einer neuenufe des Lebens und der Erfahrung aus. war mein Goldmund nicht nur im Klingsor, sondern im Knulp präformiert, wie Kastalien und Josef Knecht in Mariabronn und in Narziss (36).

Narziss und Goldmund weist einige autobiographische Züge auf. Hesse ist selbst, wie seine Hauptfigur Goldmund, in eine Klosterschule geschickt worden; in das Klosterseminar Maulbronn.

Hesse begibt sich nach seiner Flucht aus der Klosterschule in symbolischer Weise auf die gleicheche nach sich selbst, wie es Goldmund tut. Goldmund wird durch Narziss bewusst, dass er nicht fürs Klosterleben bestimmt ist und dem Weg seiner Mutter folgen muss. Hesse findet seinelbstverwirklichung in derhriftstellerei, Goldmund hingegen in der Handwerkskunst.

Hesse erzählt sein Leben in seinen Romanen, wie es Goldmund in seinenatuen erzählt, die die wichtigsten Personen in seinem Leben verkörpern.

Hesse weiß natürlich um die Gefährdung des Künstlers, zum Bürger, zum Handwerker zu werden (37), deswegen spielt Goldmund, der Künstler, mit all seinen spannenden Erlebnissen und Leiden, ohne dass er seine Humanität verliert, die Hauptrolle in der Erzählung und hat darin das Übergewicht.

Von Narziss, die geistliche Person, die Hesses zweite Wesensseite darstellt, hat er eine gewisseepsis hinsichtlich seiner Leistungsfähigkeit als Intellektueller (38), der den Weg nach Innen wählt, aber unglücklich und einsam bleibt.

Gegen Ende der zwanziger Jahre hatte Hesse aus dem noch nicht ganz vollendeten Manuskript dieser Erzählung das Kapitel von der Pest inuttgart vorgelesen. Als die Vorlesung beendet war, wurde er mit ein paar Freunden in ein Gasthaus zum Abendessen eingeladen. Er ging ungern, weil er noch von seinem Pestkapitel benommen war. Zu seiner Verwunderung bekam er dort den Eindruck, als habe Goldmunds Wanderung durch das großeerben die Lebenstriebe der Zuhörer gewaltig angeregt; denn sie stürzten sich alle erlöst aufatmend nach dem Anhören meiner Geschichte mit doppelter Ess- und Trink-Gier ins Leben . . . so schlich ich mich zur Türe hinaus und war verschwunden, ehe jemand mich vermissen und zurückholen konnte . . . es war eine instinktive, nicht zu beherrschende Reaktion (39).

Solcher sozialen Indifferenz konnte sich Hesse nicht leicht anpassen - er war nicht überheblich, sondern eben anders als die Anwesenden. Er war sehr sensibel.

Die Erzählung Narziss und Goldmund erschien 1930 mit dem Untertitel Geschichte einer Freundschaft vorabgedruckt in der Neuen Rundschau. Auf eine Umfrage der Zeitschrift Das Tagebuch, am 6.12.1930 nach den besten Büchern des Jahres, wählte Thomas Mann dieses Buch als die Dichtung, die ihn am meisten beglückt hatte:

. . . ein wunderschönes Buch in seiner poetischen Klugheit, seiner Mischung aus deutsch romantischen und modern-psychologischen, ja psychoanalytischen Elementen (40).

Das Buch wurde in ungefähr vierzigrachen der Welt übersetzt, es wurden bis 1940 64.000 Exemplare der Erzählung verkauft (41), und das Buch zählt zu den meist gelesenen Büchern vor dem zweiten Weltkrieg.

In Deutschland galt diese Erzählung unter anderen Büchern, von 1933-1945 während des Dritten Reiches als unerwünscht, und nach 1941 wurde das Buch nicht mehr gedruckt, weil darin die Erzählung eines Pogroms vorkommt und Hesse beim Neudruck ablehnte, diese wegzulassen.

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde die Erzählung erstaunlich erfolgreich verkauft, und Ernst Robert Curtis schrieb:

Kein Werk von Hesse hat grö ß ere Anwartschaft darauf, in den Bestand unserer Dichtung einzugehen (42).

Trotz scharfer Kritiken, wie z.B. die von Karlheinz von Deschner 1957, der das Buch in seinerreitschrift Kitsch, Konvention und Kunst als kitschig und typisch epigonal urteilte, war diese Erzählung Mittelpunkt vieler emotionaler Äußerungen, die in den Büchern von Heinzolte, Fritz Böttger und Josef Mileck[9] andere künstlerische Dimensionen musterhaft gewannen.

Dadurch zeigt sich, welche Aktualität Hesses Erzählung viele Jahrzehnte nach ihrem Erscheinen besaß, wie gewaltig die Problematik zur geistigen Auseinandersetzung herausforderte und wie Hesse künstlerisch anziehend seinoff machte (43).

3.2. Inhaltsangabe

Zur Klosterschule Mariabronn wurde der Junge Goldmund, der ohne Mutter und Geschwister aufgewachsen war, von seinem Vater gebracht. Goldmund lebte sich schnell ein.

Da das Kloster Jungen für den geistlichen Beruf vorbereitete, versuchte Goldmund ein fleißiger und eifrigerhüler zu sein, vor allem deswegen, weil er sich zu einer Person im Kloster besonders hingezogen fühlte; zum Lehrergehilfen Narziss.

Sie wurden gute Freunde. Durch ihre gegensätzlichen Charaktere fühlten sie sich wie ein Magnet zueinander hingezogen.

Nach ungefähr einem Jahr wurde Goldmund zu einem heimlichen Ausflug ins Dorf zu ein paar Freundinnen verleitet. Anfangs langweilte er sich nur. Beim Abschied gab ihm aber eines der Mädchen einen Kuss. Danach bekam er schlechtes Gewissen, weil er ein Mönch werden und keusch bleiben sollte. Erst nach Monaten erzählte Goldmund die Geschichte seinem guten Freund Narziss und lehnte von nun an jede neue Aufforderung ab, mit ins Dorf zu gehen.

Eines Tages kamen die beiden zu einem Gespräch, durch das Narziss mit einer psychologischen Analyse Goldmund das längst verdrängte Bild seiner Mutter zurückgewinnen ließ.itdem träumte Goldmund viel von ihr, und ihr Bild begleitete ihn überall in seinem Leben.

Narziss bemerkte durch seine Klugheit und mächtigenelenkräfte, dass Goldmund nicht zum geistlichen Leben bestimmt war und vermutete, dass er bald das Kloster verlassen würde. Er war vielmehr für ein freies, ungebundenes, von Phantasie, Eros und Kunst bewegtes Leben geschaffen. Narziss überredete ihn sogar, sein Glück außerhalb des Klosters zu suchen.

So kam es dann auch: Einmal hatte Goldmund den Auftrag bekommen, ein Büschel Johanniskraut außerhalb der Klostermauern zu suchen und in der freien Natur lernte er ein Mädchen kennen, mit dem er seine erste Liebe erlebte. Er verabschiedete sich noch am selben Tag von Narziss und verließ das Kloster. Er verbrachte mit der Frau noch eine schöne Zeit, trennte sich aber von ihr, nachdem es sich herausstellte, dass sie verheiratet war.

Zwei Jahre wanderte er wie ein Vagabund umher. Er traf viele Frauen, aber keine, mit der er den Rest seines Lebens verbringen konnte.

Einmal wurde er von einem reichen Ritter an seinem Hof alshreiber aufgenommen. Dieser Ritter hatte zwei Töchter; Lydia die ältere und Julie die jüngere. Dort verbrachte er viele Monate. Als aber Julie aus Eifersucht drohte, die inzwischen entstandene unschuldige und heimliche Beziehung Lydias mit Goldmund dem Vater zu verraten, wurde er auch von dort vertrieben.ine Liebe zur Tochter des Ritters war ohnehin hoffnunglos, weil er nicht aus dem Ritterstand war.

Das Goldstück, das ihm Lydia heimlich schickte, versuchte ein Landstreicher, der ihn einige Tage begleitet hatte, zu rauben und ihn deswegen zu erwürgen. Doch konnte er sich von ihm befreien und ihn mit seinem Messer töten.

Es vergingen weitere Jahre des ziellosen Wanderns, von Dorf zu Dorf und von Frau zu Frau. Eines Tages entdeckte er blitzartig seine Bestimmung zum Künstler, als er in einer Kirche eine wunderschöne Marienstatue aus Holz erblickte.e gefiel ihm so gut, dass er sich auf dieche nach ihremhöpfer machte und sobald er Meister Niklaus in einer Bischofsstadt gefunden hatte, begann er bei ihm, das Bildhauerwerk zu erlernen.

Goldmund arbeitete drei Jahre als Geselle in der Werkstatt deshnitzlers und schnitzte eine Johannesfigur, die die Züge von Narziss trug. Derhnitzler Meister Niklaus war bereit ihm dafür das Meisterzeugnis auszustellen, Goldmund lehnte es jedoch ab und zog weiter, er musste dem innerlichen Ruf der Mutter folgen.

Er wanderte durch Gebiete, die von der Pest überfallen waren und musste schreckliche Zustände erleben. Hunger, Elend und Pest begegneten ihm überall, aber er selbst blieb von deruche verschont.

Er rettete ein Mädchen namens Lene, die allein geblieben war, aus einer verseuchtenadt, lebte mit ihr glückich in einer Hütte weit entfernt von jeder Menschensiedlung und ernährte sich von der Natur. Nachdem sie schwanger geworden war, wurde sie von einem pestkranken Landstreicher überfallen, der sie vergewaltigen wollte. Goldmund kam jedoch rechtzeitig und erschlug ihn. Das gerettete Mädchen bekam die Pest. Goldmund, der bis zu ihrem Tode bei ihr geblieben war, verbrannte die Hütte und kehrte zu seinem Bildhauermeister Niklaus zurück, stellte aber fest, dass er bereits gestorben war, nachdem er seine Tochter von der Pest gerettet hatte.

Goldmund blieb in dieseradt und verliebte sich in Agnes, die schöne Frau desatthalters.e verabredeten sich immer wieder heimlich, wurden jedoch auf frischer Tat ertappt. Agnes bat ihn, sie nicht zu verraten. Goldmund gab vor, ein Dieb zu sein, als ihn deratthalter im Kleiderschrank versteckt vorfand.

Er sollte am nächsten Morgen zum Tode verurteilt, ihm wurde aber vorher die Beichte vor einem Priester erlaubt. Der Priester, der am nächsten Morgen zu Goldmund kam, war Narziss, der inzwischen ein Abt geworden war. Narziss konnte die Freilassung Goldmunds erwirken und ihn ins Kloster Mariabronn mitnehmen.

Dort richtete sich Goldmund eine Werkstatt ein, in der er viele Jahre hölzernehmuckverkleidung für die Vorleserempore imeisesaal des Klosters und eine Marienfigur, die Lydia ähnlich war, schnitzte.

Nach langer Zeit wurde er wieder von der Wanderlust gepackt und brach auf, kam aber am Ende desmmers todkrank wieder zurück.

Narziss saß am Bett des Freundes, die Gespräche der beiden drehten sich immer wieder um das Bild seiner Mutter. Er war bereit zu sterben und glaubte zu seiner Mutter zurückzugehen, nachdem ihm in seinem Leben nicht gelungen war, sein Glück zu erreichen und ihr Bild, das ihr Geheimnis ausdrücken sollte, zu gestalten.

Als Goldmund dann in der Anwesenheit Narziss starb, brannten in ihm Goldmunds letzte Worte wie Feuer: Ohne Mutter kann man nicht lieben, ohne Mutter kann man nicht sterben (44).

3.3. Charakteristik der Personen

Zur Charakteristik der Personen werden zuerst die zwei maßgebenden Hauptpersonen Narziss und Goldmund behandelt und dann die anderen Nebenpersonen :-

NARZISS :

Der Name Narziss kommt vom griechischen Mythus des gleichnamigen Jünglings, der für seine Ablehnung aller Liebe, ..bestraft wird, dass er imiegel einer Quelle sein Bild erblickt, sich in sich verliebt und vorhnsucht stirbt, während am Ort seines Todes die Blume Narzisse emporsprießt (45). Im Laufe der Zeit änderte sich diese Bedeutung und wurdembol hoffnungloser Liebe, dann keuchester aller Liebenden. Doch entwickelte sich nach André Gide[10] (le Traité du Narcisse, 1891) bei Rainer Maria Rilke[11] (Narziss,1913) und dem reifen Valéry[12] (Fragments du Narcisse,1926) eineblimierung des egoistischen Narziss zummbol des zuchtvollen, verzichtenden, meditierenden Geistes, für den die Einung in der Liebe Verschwendung und Verminderung des Ich ist; bei Rilke saugt der sich spiegelnde Narziss die von ihm ausgestrahltehönheit wieder in sich ein. Der asketische Narziss-Begriff wirkt etwa in den Namen von Hermann Hesses Narziss und Goldmund (1930) nach (46) und dürfte ein Porträt seines katholischen und asketischen Freundes Hugo Ball sein, der 1927 die Biographie Hermann Hesse.in Leben und sein Werk schrieb (47).

Narziss war am Anfang ein Novize im Kloster Mariabronn, der aufgrund seiner geistigen Leistungen den anderen überlegen war:

Jene wenigen, welche gelegentlich die Einfalt des Abtes etwas belächelten, waren desto mehr von Narziss bezaubert, dem Wunderknaben, dem schönen Jüngling mit dem eleganten Griechisch, mit dem ritterlich tadellosen Benehmen, mit dem stillen, eindringlichen Denkerblick und den schmalen schön und streng gezeichneten Lippen. Dass er wunderbar Griechisch konnte, liebten die Gelehrten an ihm (51).

Er wurde wegen seiner besonderen Gaben als Lehrer verwendet, besonders im Griechischen (52).

Durch sein Verhalten stach Narziss ebenso hervor. Er war ein wenig hochmütig, fand aber viele Bewunderer, doch wenige Freunde:

Der Jüngling nahm jeden Befehl, jeden Rat, jedes Lob des Abtes mit vollkommener Haltung entgegen, widersprach niemals, war nie verstimmt, und wenn das Urteil des Abtes über ihn richtig und sein einziges Laster der Hochmut war, so wusste er dies Laster wunderbar zu verbergen. Es war gegen ihn nichts zu sagen, er war vollkommen, er war allen überlegen. Nur wurden wenige ihm wirklich Freunde, außer den Gelehrten, nur umgab seine Vornehmheit ihn wie eine erkältende Luft (53).

Außer seiner großen Begabung besaß er eine zusätzliche Fähigkeit, die es ihm ermöglichte, Menschen und ihrehicksale durch das Lesen ihrer Gedanken zu erkennen:

.dass ich ein Gefühl für die Art und Bestimmung der Menschen habe, nicht nur für meine eigene, auch für die der anderen. Diese Eigenschaft zwingt mich, den anderen dadurch zu dienen, dass ich sie beherrsche (54).

Narziss fühlte sich dem Goldmund geistig verwandt, wünschte sich seine Freundschaft, obwohl er ihn als sein Gegenpol erkannte:

Er wünschte sich diesen hübschen, hellen, lieben Jungen zum Freunde, er ahnte in ihm seinen Gegenpol und seine Ergänzung, er hätte ihn an sich nehmen mögen, ihn führen, aufklären, steigern und zur Blüte bringen (55) .

Nach dem Ausflug Goldmunds ins Dorf, sah Narziss, dass Goldmund in Not war und bot ihm seine Hilfe an. Narziss dachte, dass er auch einmal der Hilfe und Liebe Goldmunds bedürfe:

Ein andermal würde er vielleicht selbst es sein, der schwach wäre und einer Hilfe, einer Liebe bedürfte (56).

Seine Liebe zu Goldmund ließ ihn erkennen, dass Goldmund für das Klosterleben nicht bestimmt war. Er nahm die Verantwortung auf sich, ihn zum Weg seiner Bestimmung zu führen:

An Goldmunds Bestimmung zum Asketen glaubte Narziss nicht . . . Er sah Goldmunds Natur, . . . von einer hartenhale umpanzert . . .ine Aufgabe war . . . ihn von derhale zu befreien, ihm seine eigentliche Natur zurückzugeben (57).

Narziss interessierte sich für Astrologie, die im Kloster verboten war (58). Diese Lehre beschäftigt sich mit den verschiedenen Arten von Menschen,hicksalen und Bestimmungen. Für den Wissenschaftler Narziss heißt diese Wissenschaft Unterscheidungskunst (59). Das heißt die Merkmale der Menschen erkennen. Er sucht nach dem Inneren im Menschen nicht nach dem Äußeren. Narziss sprach viel mit Goldmund über seine Herkunft und nahm seine Absicht, ein Mönch zu werden, nicht ernst (60).

Narziss verkörpert den Geist, er ist ein Denker und sagt:

. . . es gibt einen Punkt in dem ich dir überlegen bin : ich bin wach ( wie das Gehirn, das nie schläft), während du nur halb wach bist und zuweilen völlig schläfst (61).

Narziss begann wie ein Psychotherapeut mit Goldmund geschickte Gespräche über die Unterschiede ihrer Naturen zu führen:

Die Naturen von deiner Art, die mit den starken und zartennnen, die Beseelten, die Träumer, Dichter, Liebenden, sind uns .Geistmenschen überlegen. Eure Herkunft ist eine mütterliche euch ist die Kraft der Liebe und des Erlebenkönnens gegeben. Wir Geistigen, obwohl wir zu leiten und zu regieren scheinen, leben nicht im Vollen, wir leben in der Dürre. Euch gehört die Fülle des Lebens, euch derft der Früchte ... das schöne Land der Kunst. Eure Heimat ist die Erde, unsere die Idee. Eure Gefahr ist das Ertrinken in dernnenwelt, unsere das Ersticken im luftleeren Raum. Du bist Künstler, ich bin Denker. Du schläfst an der Brust der Mutter, ich wache in der Wüste. Mir scheint dienne, dir scheinen Mond underne, deine Träume sind von Mädchen, meine von Knaben (62).

Hierauf bekam Goldmund eine heftigeelenerschütterung (63), unter deren Ohnmacht er eine Weile krank im Bett blieb.

Nach der Genesung Goldmunds von seinem Verdrängungskomplex, konnte er sich wieder an seine verdrängte Kindheit und das Bild der Mutter erinnern, das ihn sein ganzes Leben begleitete.

Narziss glaubt nun, das Ziel dieser Freundschaft erreicht zu haben:

Jetzt ist er geweckt worden, daran zweifle ich nicht (64).

Nach Vollendung des Noviziats musste sich Narziss für die Weihung vorbereiten, indem er sich zurück zog und viele Wochen Fasten und Exerzitien (65) ausübte.

Als Goldmund zu ihm kam, um Abschied zu nehmen, war er dazu bereit, denn er wusste, dass Goldmund ihn bald verlassen wird und in Länder, die er selbst nie betreten würde, reisen wird (66). Narziss versprach ihm, immer für ihn da zu sein, wenn er ihn einmal bräuchte.

Goldmund dachte viel auf seinen Wanderschaften an Narziss und als er den Auftrag von Meister Niklaus bekam, eine Figur zu schnitzen, trug diese Figur alle Züge seines Freundes Narziss. Eine schöne, fromme und schlanke Gestalt mit frommen, erhobenen langen Händen, voll Jugend und innerer Musik, doch ohne Verzweiflung, Unordnung und Auflehnung.e schien traurig, doch rein gestimmt und litt keinen Missklang (67). Während seiner Arbeit dachte Goldmund, dass man sich nach Narziss bis zu Tränen sehnen und von ihm träumen konnte, aber ihn erreichen oder wie er werden konnte man nicht (68), was eine subjektive Meinung des Dichters ausdrückt, die er hier für den frommen und innerlich stabilen Menschen objektivierte.

Als Goldmund wegen Agnes, der Geliebten desatthalters, als Dieb ertappt und zum Tode verurteilt wurde, rettete ihn der zufällig anwesende Narziss, indem er für Goldmunds Leben mit einigen Konzessionen an den harten Grafen (69) bezahlte und ihn mit sich ins Kloster Mariabronn mitnahm.

Narziss zeigt auch seine Liebe darin, dass er über das Ende des Pferdes "Bless", das einmal Goldmund ins Kloster mitbrachte, so gut Bescheid wusste, als ihn Goldmund darüber fragte, obwohl er sich nie um Tiere kümmerte.

In den Jahren der Abwesenheit Goldmunds hat sich Narziss zum reifen Mann entwickelt und ist zum Abt aufgestiegen:

Ein Mann des Geistes zwar und der Kirche, mit zarten Händen und einem Gelehrtengesicht, aber ein Mann vollcherheit und Mut, ein Führer, der Verantwortung trug (70).

Narziss lernt durch Goldmunds Kunst und leidvolle Lebenserfahrungen, die er ihm erzählt hat, dass es viele Wege zur Erkenntnis gibt, und, dass der Weg des Geistes nicht der einzige und vielleicht nicht der beste ist, denn er sieht Goldmund auf dem entgegengesetzten Weg das Geheimnis desins ebenso tief erfassen und viel lebendiger ausdrücken, als die meisten Denker es können.

Einem Geistlichen, wie Narziss, war nur die Liebe zu Gott erlaubt, und er widmete sein Leben dem Dienst am Geist und der Annäherung an das Göttliche, aber durch die Liebe zu Goldmund, besonders nach Goldmunds Rückkehr als Künstler, erkannte er, wie Goldmund sein karges Leben reich gemacht hatte, und er gestand ihm seine Liebe erst kurz vor seinem Tod:

Lass es dir heute sagen, wie sehr ich dich liebe . . . . , wie reich du mein Leben gemacht hast . . . . Mein Leben ist arm an Liebe gewesen, es hat mir am Besten gefehlt. . . . Wenn ich trotzdem weiß, was Liebe ist, so ist es deinetwegen. Dich habe ich lieben können . . . . Dir allein danke ich es, dass mein Herz nicht verdorrt ist, dass eineelle in mir blieb, die von der Gnade erreicht werden kann (71).

Narziss ist ein Vertreter des Geistes, der Askese, des Logos und des Verstandes.ine Lebensform istmbol für das sesshafte, geschützte, leichte und moralische Leben eines Geistlichen.

Nach Vollendung der Kunstwerke im Kloster und wiederholter Abreise Goldmunds, dachte Narziss über Goldmunds Leben viel nach und fragte sich:

Aber von oben gesehen, von Gott aus gesehen - war da wirklich die Ordnung und Zucht eines exemplarischen Lebens, der Verzicht auf die Welt undnnenglück, das Fernbleiben vonhmutz und Blut, die Zurückgezogenheit in Philosophie und Andacht besser als das Leben Goldmunds? War der Mensch wirklich dazu geschaffen . . . .der Welt zu entfliehen ? (72).

Ihn quälten Zweifel:

wie arm war er . . . . mit seinem Wissen, seiner Klosterzucht, seiner Dialektik! . . . . so hatte seit seiner Rückkehr der Freund ihm zu schaffen gemacht, ihn erschüttert, ihn zu Zweifel undlbstprüfung gezwungen (73).

Er blieb aber seinem Weg zu Gott treu:

Er kämpfte. Er wurde Herr darüber, er wurde nicht untreu, er versäumte nichts an seinem strengen Dienst (74).

Am Anfang war Narziss der Führer und Überlegene und am Ende wurde er zum Geführten. Goldmund erinnert ihn daran, dass ihm das Mütterliche, die Jung`sche Anima (siehe 3.11.), zur Realisierung seiner inneren Einheit fehlt:

Aber wie willst denn du einmal sterben, Narziss, wenn du doch keine Mutter hast? Ohne Mutter kann man nicht lieben. Ohne Mutter kann man nicht sterben (75).

Diese Worte brannten in ihm wie Feuer; einsam blieb Narziss nach dem Tode Goldmunds zurück.

Von der Herkunft Narzissens und seinem Ende wird nichts berichtet. Vielleicht wurden sie im nächsten Roman Das Glasperlenspiel durch die Person des Knechts Josef behandelt.

Man hat das Gefühl, als ob die Existenz von Narziss in dieser Erzählung, in seinem Reden und Denken, nur im Hinblick auf den Freund Goldmund entworfen ist.

GOLDMUND :

Der Name Goldmund deutet zum Gegensatz von Narziss auf dasnnliche und kommt zwar aus der Vorstellung des Dichters, erinnert aber an den Patriarchen von Konstantinopel Johannes Chrysostomus, der von 345 bis 407 lebte, ein hervorragender Prediger war und alshutzheiliger der Kanzelredner galt. Chrysostomus bedeutet auf Griechisch Goldmund (76).

In der Erzählung kommt ein Absatz vor, in dem Goldmund während seiner Genesung nach derelenerschütterung von seinem Namensheiligen träumt:

. . . von Goldmund, Chrysostomus, der hatte einen Mund aus Gold und sprach mit dem goldenen Munde Worte, und die Worte waren kleine schwärmende Vögel, in flatterndenharen flogen sie davon (77).

GOLD ist mit Glanz und Glück verbunden. Hesse schrieb 1949 in seinem Aufsatz Glück; das Wort Glück habe trotz seiner Kürze etwas erstaunlichhweres und Volles, etwas, was an Gold erinnerte, und richtig war ihm außer der Fülle und Vollwichtigkeit auch der Glanz eigen, . . . ein Wort voll Urzauber undnnlichkeit . . . ich liebe es, wie ich es als Knabe geliebt habe (78). Und weil das Wort Glück im MUNDE der Leute etwas . . . . . Positives und unbedingt Wertvolles wie z.B. gute Geburt, gute Erziehung, gute Karriere . .. usw. ausdrückt, so trägt ein Mensch, der glückliche Augenblicke erlebt, etwas vom Licht der zeitlosen Freude, eine goldenglänzende Ewigkeit, die beispielsweise durch Liebende an Liebe, durch Künstler an Trost und Heiterkeit in die Welt mitgebracht wird und eine unbestimmte Zeit hell strahlt (79).

Hesse ist der Meinung, dass Glück nur in der Kindheit rein erlebt werden kann, inunden oder Augenblicken, aber auch dort in der Kindheit erwies sich der Glanz beim nachprüfen nicht immer als echt (80). Er sagt weiter : . . . und wäre das Wort an sich nicht so tief, so ursprünglich und so welthaltig, so hätte sich meine Vorstellung von der ewigen Gegenwart, von der " goldenenur " (im Goldmund) . . . nicht um dieses Wort herum kristalliert (81).

Der Name dürfte symbolisch für seinen Charakter stehen, denn:

Goldmund war goldblond und schien ein Träumer und eine kindlicheele zu sein (82).in Name könnte, wie er später in der Erzählung vorkommt, seine Persönlichkeit widerspiegeln:

Er ist wie ein Vagabund, der stark, roh oder kunstfertig sein kann , immer aber ist er im Herzen ein Kind (83), immer wird sein Leben von einfachen Trieben und Nöten geleitet.

Goldmund wuchs ohne Geschwister und ohne Mutter auf und als er von seinem Vater, einem kaiserlichen Beamten, ins Kloster Mariabronn als neuerhüler gebracht wurde, zeigte er sich ehrerbietig und schweigsam, und der hübsche zärtliche Junge gefiel dem Abt wie dem Pater (84).

Zu zwei Personen fühlte sich Goldmund hingezogen, für die er Bewunderung, Liebe und Ehrfurcht fühlte: dem Abt Daniel und dem Lehrgehilfen Narziss (85).

Abt Daniel, den er für einen Heiligen (86) hielt und von dem er lernen wollte, ein Diener Gottes zu sein; das war auch der Wunsch seines Vaters, der von einer Bürde der Herkunft Goldmunds andeutete, für die Goldmundhne und Opfer büßen sollte, indem er für immer im Kloster bliebe.

Goldmund bewunderte auch seinen Lehrgehilfen Narziss, der nur einige Jahre älter als er selbst war (87), weil er schön, vornehm, ernst, liebenswert und vor allem ein guter und kluger Lehrer war.

Goldmund war leuchtend und blühend, zum Gegensatz von Narziss, der dunkel und hager war. Beide waren aber vornehme Menschen, hatten sichtbare Gaben und hatten eine besondere Mahnung vomhicksal mitbekommen (88).

Goldmund war schüchtern und wollte um Narziss werben, so bemühte er sich, ein aufmerksamer und fleißigerhüler zu sein, was seine Kamaraden wenig freute.

Er suchte nach einem Ideal und Vorbild in den beiden Personen Abt Daniel und Narziss, die er sehr liebte. Oft bereitete ihm das Leiden, sodass er hin und her gerissen wurde (89), weil beide voneinander so verschieden waren.inen Zorn ließ er entweder an seinen Kamaraden durch Rauferei aus, oder er weinte sich bei seinem Pferd Bless aus, das ihm sein Vater im Kloster zurückließ.

Goldmund spürte, dass der Weg ins Noviziat nicht so leicht zu erreichen war, denn er neigte während des Unterrichts zu träumen und hatte eine Abneigung gegen Lateinunterricht.

Er zeigte gewisse Reizbarkeit und zornige Ungeduld gegen die Mitschüler, die ihn entmutigten und befremdeten (90).

Ein schlechtes Gewissen bekam er, nachdem ein Mädchen ihn bei einem heimlichen Ausflug ins Dorf scheu küsste, weil er als ein Diener Gottes die Ordnung des Klosters gebrochen und sich durch seine Kamaraden hatte verleiten lassen.

Er fühlte sich krank und schwach und er bedurfte der Hilfe und Liebe, um seinen seelischen Zustand zu überwinden. Da kam ihm Narziss gelegen zu Hilfe. Narziss half ihm, seine Natur zu erkennen, die von Einbildungen, Erziehungsfehlern und Worten des Vaters überschattet war. Goldmund war sinnlich:

Du fühlst im Weib, im Geschlecht, den Inbegriff[13] dessen, was du Welt undnde nennst (91) erklärt ihm Narziss.

Narziss erleichtert ihn von seinem Druck, indem er ihm zu verstehen gibt:lange er einhüler ist und das Gelübde noch nicht abgelegt hat, ließe sich alles beichten und wieder gutmachen:

Du hättest recht, wenn du der Abt Daniel, . . . oder der heilige Chrysostomus . . . wärest, aber wenn du . . . durch ein hübsches Mädchen verführt würdest und der Versuchung erlägest, so hättest du keinenhwur gebrochen, kein Gelübde verletzt (92).

Narziss und Goldmund werden gute Freunde und Narziss klärt Goldmund über die Unterschiede ihrer Naturen auf. Narziss erkannte, dass ein Dämon am Werke sein musste, dem es gelungen war, diesen herrlichen Menschen in sich zu spalten und mit seinen Urtrieben zu entzweien (93), denn Goldmund trug alle Zeichen eines starken, in dennnen und derele reich begabten Menschen eines Künstlers von großer Liebeskraft (94).

Goldmund wurde von Narziss, der ihn wie ein Psychotherapeut behandelte, mit Fragen nach Herkunft, Kindheit, Heimat und Mutter so bedrängt, dass er vor Wut auf die Worte von Narziss mit einer seelischen Erschütterung zusammenbrach:

Gleich muss ich sterben . . . jetzt verliere ich den Verstand, jetzt fressen mich die Tiermäuler (95).

Danach wurde Goldmund ohnmächtig. Die Bewusstlosigkeit Goldmunds ist symbolisch, wie Tod und Wiedergeburt für den Beginn einer neuen Wandlung in Goldmunds Leben und damit für die Lösung der Abhängigkeit von Narziss zu verstehen.

Vor der vollkommenen Genesung erschien ihm das Bild der hübschen und ihm ähnlichen Mutter, groß und strahlend mit voll blühendem Mund und leuchtenden Haaren im Traum, und er hörte dieimme von Narziss sagen:

Du hast deine Kindheit vergessen (96).

Nach der Genesung wurde das Bild seines Vaters verdrängt, und das Bild der Mutter begleitete ihn von nun an sein ganzes Leben. Er erinnerte sich an seine sehr geliebten Mutter:

O Mutter, O wie war es möglich gewesen, da ss er sie hatte vergessen können (97).

Sein Vater hatte sich viel Mühe gegeben, Goldmund dazu zu bringen, dass er sie vergisst.e brachte der Familiehande, indem sie immer wieder davonlief, weil sie eine Zigeunerin und Heidin war.

Goldmund ist durch Narziss zur Einsicht gekommen, dass er nicht fürs Klosterleben bestimmt ist. Er ist nun wach (98) geworden. Er wurde geheilt, denn er war seelisch krank (99).

Hesse nennt den wach, der mit dem Verstand und Bewusstsein sich selbst, seine innersten unvernünftigen Kräfte, Triebe undhwächen kennt und mit ihnen zu rechnen weiß.

Goldmund beginnt sich mit der Gestalt der Mutter zu beschäftigen, versinkt in ihrer Welt, die dasnnliche, die Natur im Menschen, in ihm erweckt hat. Narziss erklärt ihm seine menschliche Art:

Eure Herkunft ist eine mütterliche (siehe 3.11.). Ihr lebt im Vollen, euch ist die Kraft der Liebe und des Erlebenkönnens gegeben (100).

Goldmund wurde mit dieser neuen Wandlung zufriedener und glücklicher. Ihm wurde bewusst, wieviel sie ihm bedeutete. Jetzt drängte ihn auch der Ruf der Mutter, ihr Blut, das er von ihr geerbt hatte. In die Welt zu ziehen, forderte sie ihn auf, gegen den Willen des Vaters, der wünschte, dass er im Kloster bliebe.

Er verabschiedete sich von Narziss, nachdem er zufällig mit eine verheirateten Frau, Lise, sein erstes Liebeserlebnis hatte.

Er wollte auf keinen Fall zum Vater zurück, der ihn seit seiner Ankunft im Kloster vor drei Jahren nicht einmal besucht hatte.

Er zieht von Dorf zu Dorf, von Frau zu Frau, verführt und lässt sich gern verführen und lernt alle Arten von Frauen bis zur Vollkommenheit kennen (101). Er suchte in jeder Frau das Bild der Mutter und ihre Liebe, blieb jedoch bei keiner.

Ihm war seine Freiheit lieber, und oft war er traurig, dass die Liebe so vergänglich ist.

Er fragte sich, warum keine Frau mit ihm käme oder keine ihn darum bäte, bei ihr zu bleiben - Er kam zur Überzeugung, dass die Frauen seinehönheit begehrten, aber vielleicht sein heimatloses und unsesshaftes Leben widerlich und unerträglich fanden (102).

Er lernte die Frauen und die Liebe auf tausend Arten bis zur Vollkommenheit kennen und glaubte, dass dernn seiner Wanderschaft darin liege, die Fähigkeit des Kennens und Unterscheidens immer feiner, vielfältiger und tiefer zu lernen und zu üben (103).

Einmal beobachtete er eine kreisende Frau und bemerkte, dass diese Frau beihmerzen dieselben Züge hatte, wie im Augenblick des Liebesrausches, dass es eine Ähnlichkeit zwischenhmerz und Lust gab:

. die Linien im Gesicht derhreienden waren wenig verschieden von jenen, die er im Augenblick des Liebesrausches auf anderen Frauengesichtern gesehen hatte . . ... , da sshmerz und Lust einander ähnlich sein konnten wie Geschwister (104).

Als Landstreicher lernte er, Hunger, Durst und Kälte zu ertragen und wie er sich davor schützen könnte.

Auslbstverteidigung musste er seinen Begleiter, den Landstreicher Viktor, töten, weil dieser ihn stehlen und umbringen wollte.in Töten lastete schwer auf seinerele, so dass er während seiner Wanderung in der Kälte des Winters im Fieberlbstgespräche mit Narziss führte, die seine Angst vor dem Tode ausdrückten (105).

Er musste viele Tage und Nächte frieren und herumirren, bis er eine Menschensiedlung halbverhungert erreichte. Man pflegte ihn und als er zu sich kam, dachte er über seine letzte Erfahrung nach, die ihn stärker gemacht hatte:

Etwas blieb zurück, etwashreckliches und auch Wertvolles, etwas Versunkenes und doch nie zu Vergessendes eine Erfahrung (106).

Er hat das Leben des Heimatlosen gründlich kennengelernt:

Das Alleinsein, die Freiheit, das Lauschen auf Wald und Getier, das schweifende treulose Lieben, und die bittere tödliche Not (107).

Er kam zur Einsicht, dasshwierigkeiten, die nicht töten, stärken, und er dachte, dass er über diese Dinge nur mit Narziss sprechen könnte.

Innerlich wünschte er sein Leben zu ändern (108), denn er fand, dass im ziellosen Wandern Glück, Heimat und Frieden unerreichbar blieben. Das weist auf eine neue Wandlung im Leben Goldmunds.

Er kommt zu einer Kirche, wo er beichten möchte und findet eine Marienfigur, die ihm so sehr als Kunstwerk gefällt, dass er sich nach ihremhöpfer auf dieche macht:

Verwandelt trat er aus der Kirche, durch eine ganz und gar veränderte Welt trugen ihn seinehritte . . . Er hatte ein Ziel (109).

Er hatte das Gefühl, dass nun sein Lebennn und Wert bekommen würde.

Als er Meister Niklaus gefunden hatte, war er froh, dass ihn der Meister als Geselle annahm. Er lernte bei ihm das Bildhauerwerk und machte eine Johannesfigur, die die Züge von Narziss trug. Er liebte die Kunst und blieb nur so lange bei der Arbeit, wie sie ihm schwierige Aufgaben stellte. Für Handwerker oder Bürger, seiner Meinung nach, könnte es sich lohnen ein Künstler zu sein, aber:

. . . für ihn war Kunst und Künstlerschaft . . . wertlos, wenn sie nicht brannten wienne und Gewalt hatten wieürme, wenn sie nur Behagen brachten, nur Angenehmes, nur kleines Glück (110).

Deshalb beschwerte sich oft Meister Niklaus, weil Goldmund so unzuverlässig (111) und unpünktlich (112) war.

Diehnsucht nach Freiheit und derolz und die Verachtung des Heimatlosen gegen diesshaften und Besitzenden (113) regte sich in ihm.

Ihm waren oft das Handwerk und der Meister zuwider, dass er hätte davonlaufen mögen. Ihm war Geld und Ruhm gleichgültig, er hatte keine Freunde und, nachdem er sich jetzt zum vollen und reifen Mann entwickelte, gehörte sein Herz nur den Frauen. Liebe und Wollust schienen ihm das Einzige zu sein, das sein Leben mit Wert erfüllten. Aber: der Kern seiner häufigen Neigung zur Traurigkeit und Überdruß wuchs aus der Erfahrung von der Flüchtigkeit und Vergänglichkeit der Wollust (114).

Keiner Frau war er treu und diehnsucht nach einer Frau verschwand, sobald er in den Armen einer anderen war.

Unbekannt war ihm Ehrgeiz, Bischof und Bettler galten ihm gleich, und auch Gelderwerb und Besitz fesselten ihn nicht (115).

Meister Niklaus versuchte, ihn zum Bleiben zu überreden, indem er ihn zum Mitarbeiter in seiner Werkstatt machen und seine Tochter, Lisbeth, zur Frau geben wollte. Aber er lehnte alles ab, auch sein Meisterzeugnis lehnte er ab. Er empfand die mühsame, ständige Kunstarbeit als Sklaverei (116).e verlangte außer Werkzeugen andere Opfer: wie harte Arbeit, Geduld und vor allem seine Freiheit, auf die er ungern verzichten wollte:

Die Kunst war eine schöneche, aber sie war keine Göttin und kein Ziel, für ihn nicht; nicht der Kunst hatte er zu folgen, nur dem Ruf der Mutter (117).

Er nahm Abschied von seiner Johannesstatue und ging auf seine Wanderung, den Weg zur Mutter, zur Wollust und zum Tode.

Er ging von einem Rompilger, Robert, begleitet, mutig durch Gegenden, in denen die Pest wütete und sah schreckliche Todesszenen mit an.

Er verlor aber seine Menschlichkeit nicht. Er half, wo er konnte und lebte von der Natur zusammen mit einem Bauernmädchen, Lene, die er in einer aussterbendenadt allein in einem der verpesteten Häusern vorfand.

In einer alten Hütte lebte er mit ihr und musste einen Pestkranken töten, der Lene vergewaltigen wollte. Treu blieb er bei Lene bis sie starb und danach steckte er die Hütte in Brand . Er zog zurück zur Bischofsstadt, wo Meister Niklaus wohnte, um wieder in der Werkstatt zu arbeiten, fand ihn aber schon tot.

Das Bild der Mutter änderte sich in ihm, es gewann immer mehr zusätzliche Züge von den Frauen, die ihm begegneten (118).

Das Bild der Mutter war sein Ziel, und er wollte einmal ihr Geheimnis durch eineatue von ihr, die alle Gegensätze des Lebens vereinigt, darstellen.

Auf den Tod des Meisters wurde er traurig und er verstand, dass jederhmerz und alles Leid auch vergänglich ist, genau wie Liebe und Glück auf Erden:

. . . auch das Traurige verging, auch diehmerzen und Verzweiflungen vergingen, ebenso wie Freuden, sie gingen vorüber, verblassten, verloren ihre Tiefe und ihren Wert, und schließlich kam eine Zeit, da konnte man sich nicht mehr darauf besinnen (119).

Diese Gedanken von der Erkennung der Leiden des Menschen und dem Ertragen dieser Leiden stammen von der Weisheit der buddhistischen Religion ( siehe 3.7).

Er musste zeichnen; seineele war von Bildern überfüllt und es half ihm Marie, ein Mädchen, in dessen Elternhaus er kurz lebte, Papier und Feder zu verschaffen. Er zeichnete als Künstler alles, was er miterlebt hatte; fast jede Frau, die ihm begegnete und war nachher ein bisschen von seinen Leiden und wirren Vorstellungen erleichtert.

Als er eines Tages durch dieadt ging, begegnete ihm Agnes, die Geliebte desatthalters und die schönste Frau, die er je gesehen hatte. Er warb um sie, und sie warnte ihn, dass er sein Abenteuer mit ihr vielleicht mit seinem Leben bezahlen müsste, aber nichts hielt ihn davon ab, sie zu besitzen.e genossen zusammen die Liebe.e war ihm in Vielem ähnlich:

Dass diese blonde Löwin seinesgleichen sei, annnen undele reich, allenürmen zugänglich, ebenso wild wie zart (120), machte ihn sehr glücklich.

Als er aber bei ihr vom Grafen erwischt wurde und deshalb aufgehängt werden sollte, kam ihm im Kerker dieimme seiner Mutter zum Trost, sie wurde für ihn ein Leitstern und etwas Göttliches, er entfernte sich von den Gedanken an Gott (121).

Rechtzeitig wurde er jedoch von Narziss gerettet. Auf dem Weg zum Kloster Mariabronn, führten sie Gespräche miteinander.e spachen über Kunst und kamen zur Einsicht, dass das Urbild oder die Idee eines guten Kunstwerks nicht eine wirkliche lebende Gestalt, nicht Fleisch und Blut, sondern geistig ist:

Ein Bild, das in derele des Künstlers seine Heimat hat (122). Dadurch wurde Goldmund an Geistigkeit dem Narziss ebenbürtig:

. . . zu Narziss hatte er nun das Verhältnis gefunden, das ihm zukam, kein Verhältnis der Abhängigkeit mehr, sondern eines der Freiheit und Gegenseitigkeit. Nun konnte er ohne Demütigung bei seinem überlegenen Geist zu Gast sein, da der andere in ihm den Ebenbürtigen, denhöpfer erkannt hatte (123).

Unterwegs dachte Goldmund auch viel über sein vergangenes Leben nach und ihm schien sein Leben so zerstückelt und unfruchtbar, reich an herrlichen Bildern, aber so arm an Wert und so arm an Liebe, denn ihm blieb nichts übrig. Er musste immer Abschied nehmen, davonlaufen und mit leeren Händen und frierendem Herzen allein weiterleben (124). Er wurde wehmutig und finster und sprach wenig.

Nach seiner Rückkehr zum Kloster versuchte er sich als Künstler zu behaupten, er baute sich mit Hilfe des Abtes Narziss eine Werkstatt, in der er jahrelang nach Anordnung Narzisshmuckverkleidung für ein Lesepult aus Holz schnitzte. Goldmund fand in der Kunst Trost und Befriedigung.

In dieserufe seines Lebens, dieufe der Reife und Ernte, wurde er älter und fühlte sich auch innerlich stärker, sodass er beichtete und monatelang Bußübungen vollzog (125).

Narziss sieht begeistert zu, wie sich das Kunstwerk Goldmunds weiterentwickelt. Jedeatue sagt etwas aus, hat ein bestimmtes Geheimnis und drückt etwas aus derele Goldmunds aus. Narziss konnte die Lebensgeschichte Goldmunds aus diesem Kunstwerk erzählen sehen, und er bewunderte es und lobte Goldmund mit voller Anerkennung für seine künstlerische Begabung (126).

Goldmund zeigte Narziss, dass ein zu Hohem bestimmter Mensch in die Tiefen deshmutzes im Leben hinabtauchen könne, ohne klein und gemeim zu werden; ohne das Göttliche in sich zu töten, ohne dass im Heiligtum seinerele das göttliche Licht und diehöpferkraft erlosch (127). In Goldmund wohnte eine Fülle von Licht und Gottesgnade, und Narziss sah nun, wie überlegen ihm Goldmund war, denn trotz aller Leiden und Lebensschwierigkeiten, die er mitmachte, wurde er kein Versager, sondern ein großer Künstler. In denatuen, die er schnitzte, verewigte er Personen, die eine besondereellung in seinem Leben hatten.

Goldmund machte noch eine Marienfigur, die die Züge Lydias trug. Nachher wurde er unruhig und unzufrieden (128), und wieder packte ihn die Wanderlust. Er verabschiedete sich von seinem Freund und ritt zu Pferd fort. Er hörte nämlich von der Rückkehr Agnes in die Bischofsstadt und wollte noch einmal mit ihr glücklich sein, aber sie enttäuschte ihn und wollte nichts von ihm wissen:

Er war ihr zu alt und nicht mehr hübsch und vergnügt genug (129) geworden. Eine andere Frau fand ihn auch zu alt.

Goldmund kommt wieder ins Kloster zurück, ohne Ross, Geld und Reisetasche. Und es war ihm noch mehr abhanden gekommen; seine Jugend, seine Gesundheit, seinlbstvertrauen, das Rot im Gesicht und die Kraft im Blick (130), denn er war nach seiner Enttäuschung vom Ross gefallen, brach sich die Rippen und lag tagelang im kalten Wasser. Er war dem Tode nahe. Nun lag er krank im Bett und sprach halbabwesend mit seinem Freund Narziss.

Goldmund hatte sich verändert; er war nicht nur älter und schwächer, sondern auch zufriedener und harmloser geworden. Frauen und Kunstwerke-Schaffen wollte er nun nicht mehr, auch wenn er dazu imstande gewesen wäre; er hatte genug vom Leben und wollte sterben.

Früher, als er zum Tode verurteilt war, wollte er nicht sterben und hatte große Angst davor. Nun aber wollte er nicht nur sterben, sondern er war neugierig darauf (131).

Sterbensnah lag er und glaubte fest daran, dass er unterwegs zu seiner Mutter war; sie machte ihm daserben leicht, er sagte zu Narziss: Ich kann mich von den Gedanken nicht trennen, dass statt des Todes mit dernse es meine Mutter sein wird, die mich wieder zu sich nimmt und in das Nichtsein und in die Unschuld zur üchführt (132), d.h. nach Hesse, dass er nach dem Tode neugeboren wird.

Narziss bemerkte, dass sich Goldmund über seine großenhmerzen nicht beschwerte und glaubte, dass er endlich den Frieden mit Gott gefunden hatte, Goldmund hat jedoch den Frieden mit seinenhmerzen gefunden und nicht mit Gott. Er bekam ein neues Lächeln und strahlte Güte und Weisheit (133).

[...]


[1] Romantik = Literarische Epoche (1798-1830), gilt als letzte Entwicklungsstufe des dten. Idealismus und als Höhepunkt der miturm und Drang einsetzenden dten. Bewegung. Kennzeichen dieser Epoche: Phantasie, Irrationalität, Märchen, Hinwendung zum Mittelalter.

[2] Polarit ä t = Gegensätzlichkeit.

[3] Josef Bernhard Lang (1883-1945) = Psychotherapeut undhüler von Dr. Jung.

[4] Carl Gustav Jung (1875-1961) =hweizer Psychologe und Psychiater, entwickelte von Dr. Freud ausgehend eine neue Richtung der analytischen Psychologie, die vor allem die einseitige triebdynamische Auffassung des Unbewussten zu überwinden sucht; unterschied ein individuelles und ein von Archetypen geprägtes kollektives Unbewusstes (Brockhaus, Bd.2)

[5] Neuromantik = Seit 1905 einsetzende literarischerömung, die die erneuernde Aufnahme von Kunst- anschauung der dten. Romantik betont.

[6] Kritisch - realistisch = Die Realität, d.h. die schlechteniten der Zeit, mit großer Aufrichtigkeit und Wahrheit im künstlerischenhaffen streben.

[7] Heinrich von Ofterdingen = Bildungsroman von Novalis (1772-1801) in der Romantik-Epoche über das Leben eines Minnesängers im Mittelalter.

[8] Hyperion = Roman von Friedrich Hölderlin (1770-1843) in der Epoche Zwischen Klassik und Romantik über das Leben eines Eremiten in Griechenland.

[9] Siehe ihre literarischen Quellen im Literaturverzeichnis.

[10] André Gide (1869-1951): französischerhriftsteller und Kritikter, Nobelpreisträger 1947 (48).

[11] Rainer Maria Rilke (1875-1926): einer der größten österreichisch-deutschenhriftsteller der Jahrhundertwende (49).

[12] Paul Valéry (1871-1945): französischer Dichter, einer der bekanntestenützen dermbolik-Schule (50).

[13] Inbegriff = Das Höchste.

Ende der Leseprobe aus 154 Seiten

Details

Titel
Narziss und Goldmund von Hermann Hesse - Eine analytische Studie
Hochschule
Universität Bagdad  (Sprachenfakultät/ Deutschabteilung)
Note
sehr gut (88 von 100)
Autor
Jahr
2003
Seiten
154
Katalognummer
V156520
ISBN (eBook)
9783640687282
Dateigröße
1119 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Habe das Prädikat 'Auszeichnung' im Zeugnis erhalten. Es besteht aus den Noten der Vorlesungen, Seminare (während des MA-Studiums) und der Magisterarbeit.
Schlagworte
Narziss, Goldmund, Hermann, Hesse, Eine, Studie
Arbeit zitieren
Ikbal Al-Madhi (Autor), 2003, Narziss und Goldmund von Hermann Hesse - Eine analytische Studie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/156520

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