Zum Problem eines semantisch geordneten Verblexikons

Dargestellt anhand einiger Arbeiten von Thomas T. Ballmer und Waltraud Brennenstuhl


Examensarbeit, 1990

88 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsübersicht

EINLEITUNG

1. KAPITEL: die Methode der verbsemantischen Klassifiaktion
1.1 Zielsetzung
1.2 Das Ausgangsmaterial
1.3 Das Kategorisierungsschema (Übersicht)
1.4 Begriffsbestimmung: Kategorie und Modell
1.5 Phasen der Analysemethode
1.6 Die Grundverben
1.7 Der Aufbau von Modellen
1.8 Das stem von Modellen
1.9 Die einzelnen Modelle und ihre inhaltliche Erläuterung
1.10 Die drei Verbtypen
1.11 Die Klassifikation der rechaktverben
1.12 Die rechaktverbmodelle und ihre inhaltliche Erläuterung
1.13 Eine erste Ausbaustufe des Verbthesaurus: Die Klassifikation der Adformen

2. KAPITEL: Erweiterungen und Folgerungen aus der Verbklassifiktion
2.1 Das Konzept des semantischen Raumes
2.2 mantischer Raum und Feldbegriff
2.3 BALLMERs Konzeption eines Archetypen und sein Verhältnis zur Katastrophentheorie
2.4 Aktionsarten: eine neue lexikalisch fundierte Klassifikation
2.5 Der Aufbau einer prozessualen Kasustheorie
2.6 Das Konzept der Transitivitätsentfaltung
2.7 Folgerungen aus dem Verbthesaurus für die ntax: BALLMERs Begriff der Metapraxes

3. KAPITEL: Zwei Auseinandersetzungen mit dem Verbthesaurus­ Konzept: H.J. HERINGER und J. MEIBAUER
3.1 Die Kritik H.J. HERINGERs
3.2. Die Antwort BALLMER und BRENNENUHLs auf diese Kritik
3.3 Die Kritik J. MEIBAUERs
3.4 Die Antwort BALLMER und BRENNENUHLs auf diese Kritik

4. KAPITEL: Eine Diskussion des Verbthesaurus

ANMERKUNGEN

LITERATURVERZEICHNI

Einleitung

In verschiedenen Veröffentlichungen haben sich in den Jahren 1978 bis 1985 Thomas T. BALLMER und Waltraud BRENNENSTUHL (in dieser Arbeit mit B&B abgekürzt) mit dem Problem des Aufbaus eines semantisch geordneten Verblexikon beschäftigt. Hierbei entwickelten die Autoren eine neue Klassifikationsmethode, die es ihnen schließlich ermöglichte, in zwei Büchern ein komplettes Lexikon der (deutschen) Verben in Thesaurusform vorzulegen.

Gegenstand der folgenden Arbeit soll nun die Darstellung und Auseinandersetzung mit dieser Methode der Verbklassifikation sein. Die Geschichte des Klassifikationsansatzes geht bis Anfang der 70er Jahre zurück und ist in der ersten Phase eng mit der Geschichte der sogenannten "Berliner Schule" der Linguistik (1) verbunden. Der Ausbau der Universitäten Ende der 60er Jahre, verbunden mit einer auch durch die "Studentenrevolte" 1968 mit initiierten Neuorientierung der Sprachwissenschaften in der Bundesrepublik auf die generativen Methodiken (verbunden natürlich besonders mit dem Namen Noam CHOMSKYs), führte viele junge talentierte Studenten nach Berlin. An der TU Berlin hatte Helmut SCHNELLE den Lehrstuhl für Germanistik übernommen, bei ihm studierten auch Thomas T. BALLMER, der aus der Schweiz kam und bereits ein abgeschlossenes Physik-Studium hatte, sowie seine spätere Frau Waltraud BRENNENSTUHL. 1972 kamen dort verschiedene Studenten zusammen, um eine Forschungsarbeit über die performativen Verben zu erstellen, schließlich bildete sich ein harter Kern aus BALLMER, BRENNENSTUHL, Konrad EHLICH und Jochen REHBEIN (die sich selber den Namen "Berliner Gruppe" gaben), die 1975 die Klassifikation der Sprechakte des Deutschen beendeten. Leider ist eine Veröffentlichung der Arbeit bis heute nicht erfolgt (2). Die Berufung Dieter WUNDERLICHs (der vorher Assistent am Institut für Sprache im technischen Zeitalter an der TU Berlin bei Klaus BAUMGÄRTNER war) auf eine neu geschaffene Professorenstelle an der FU Berlin führte schließlich zur Trennung der "Berliner Gruppe" - während BALLMER und BRENNENSTUHL bei SCHNELLE promovierten und danach nach Berkeley an die University of California gingen, wechselten EHLICH und REHBEIN zu WUNDERLICH und promovierten dort 1976 mit Themen aus dem Bereich der Pragmalinguistik (3).

Nach ihrem Aufenthalt in den USA kamen BALLMER und BRENNENSTUHL nach Bochum und überarbeiteten dort die Klassifikation, veränderten Ziele und Methodik und konnten 1980 als erstes Teilergebnis ihrer Arbeit eine englischsprachige Fassung eines Lexikons der Sprechaktverben veröffentlichen. 1985 folgte dann in deutscher Sprache der Rest der Verbklassifikation; beide Arbeiten benutzen die gleiche Methode und ergänzen sich somit.

Die Darstellung dieser von den Autoren neuentwickelten Methode ist nun Gegenstand des ersten Kapitels dieser Arbeit, als Basis dient hier zumeist die zuletzt erfolgte Veröffentlichung (XXIX).

Die ersten neun Abschnitte dieses Kapitels sind weitgehend nur eine Erläuterung der Methode und der Grundbegriffe, sowie eine inhaltliche Übersicht über das gesamte Modellschema, wie es in (XXIX) veröffentlicht vorliegt. Die von B&B konzipierten neuen Verbtypen werden dann in Abschnitt 1.10 vorgestellt und mit zwei anderen Typologien verglichen: denen von VENDLER und WRIGHT. Die Abschnitte 1.11 und 1.12 widmen sich der englischsprachigen Veröffentlichung über die Sprechaktverben - hier werden von mir einige kritische Anmerkungen zur mangelnden Verzahnung der beiden großen Veröffentlichungen der beiden Autoren gemacht. Als Abschluss des ersten Kapitels findet sich dann ein Abschnitt über die erste (und bisher einzige) Ausbaustufe des Verbthesaurus, die Klassifikation von Adjektiven und Adverbien. Die methodologischen Voraussetzungen dieser Klassifikation stimmen weitgehend mit denen der Verben überein (dies rechtfertigt auch die Betrachtung hier in einer Arbeit über das Verblexikon) - es erweist sich allerdings, dass für die Ordnungsstrukturen andere Kategorien herangezogen werden müssen.

Das zweite Kapitel meiner Arbeit wird sich dann mit theoretischen Erweiterungen aus dem Verbthesaurus, sowie Schlussfolgerungen für bestimmte sprachwissenschaftliche Teilgebiete beschäftigen. Im Abschnitt 2.1 wird das Konzept des semantischen Raumes erläutert werden, im darauffolgenden Abschnitt wird dieses Konzept den älteren Konzepten der Feldtheorie gegenübergestellt, da deren Konzeption einen großen Einfluss auf bestimmte lexikologischen Vorstellungen von B&B hatten. Abschnitt 2.3 widmet sich der Begründung eines semantischen Archetypen durch BALLMER, mit der er versucht, seine verbklassifikatorischen Ergebnisse mit zugrundeliegenden dynamischen Prozesstypen in Verbindung zu bringen. Dieser Archetypenbegriff wird erläutert und mit dem Archetypenbegriff der Katastrophentheorie (der dort eine Zentralstellung, vor allem in den Werken Wolfgang WILDGENs, einnimmt) verglichen. Als eines der Ergebnisse wird sich zeigen, dass BALLMER vermutlich sein eigenes Konzept eines Archetypen im weiteren Verlauf seiner Forschungen aufgegeben hat. Die restlichen Abschnitte dieses Kapitels widmen sich dann linguistischen Teilproblemen: so schlägt BALLMER eine neue Konzeption des Begriffes Aktionsart vor; dies wird in Abschnitt 2.4 erläutert und mit anderen Konzeptionen verglichen. Um die Kategorie Aktionsart bestimmen zu können, muss diese von der Kategorie Aspekt abgegrenzt werden, diese muss wiederum vom Tempus getrennt werden, der schließlich in enger Beziehung zum Modus steht. Aus diesem Grund ist der Abschnitt etwas ausführlicher und bestimmt zu Anfang alle oben aufgeführten Kategorien anhand von Definitionen verschiedener Autoren und gibt einige Erläuterungen zu den Ausprägungen dieser Kategorien im Deutschen. Als Ergebnis der Darstellung dieses Abschnittes werden zum Schluss einige Nachteile der Aktionsartenbestimmung BALLMERs aufgeführt, die meines Erachtens nur durch eine Gesamtanalyse aller vorfindbaren grammatischen Kategorien beseitigt werden können. Abschnitt 2.5 beschäftigt sich mit dem Versuch BALLMERs, eine prozessuale Kasustheorie aufzubauen. Ich stelle hier zunächst einige Grundbegriffe der Kasusgrammatik FILLMOREs vor, um dann anschließend die neue Konzeption BALLMERs zu erläutern. Leider sind seine Darstellungen hierzu sehr kurz und durch diese Kürze bedingt ausgesprochen schwer nachzuvollziehen. Darum fällt mir eine Einschätzung dieses neuen Ansatzes recht schwer. Im Abschnitt 2.6 wird der Begriff der Transitivitätsentfaltung erläutert: hierbei definiert BALLMER den traditionellen morpho-syntaktischen Begriff der Transitivität als semantischen Begriff neu und führt eine Typologie von fünf aufeinander folgenden Stufen der Transitivität ein. Der letzte Abschnitt dieses Kapitels hat die so genannte Metapraxes-Beziehung zum Inhalt: hiermit bezeichnet BALLMER bestimmte Typen syntaktisch-semantischer Transformationen.

Gegenstand des dritten Kapitels sollen zwei Reaktionen auf die Arbeiten B&Bs sein. Hier werden die Rezensionen HERINGERs und MEIBAUERs mit ihren wichtigsten Kritikpunkten kurz dargestellt und die Antworten, die B&B dazu veröffentlichten, referiert.

Dieses dritte Kapitel ist eine Überleitung zum abschließenden vierten Kapitel, in dem ich versuche, eine Kritik des Ansatzes der Autoren durch eine Analyse ihrer Wortschatzklassifikation zu geben. Ich möchte zeigen, dass ihre Prozessontologie B&B zu teilweise unangemessenen Klassifikationen führt. Ebenfalls soll die Behauptung der Autoren, ihre Klassifikationskriterien direkt aus der Sprache gewonnen zu haben, kritisch überprüft werden.

Es gibt eine ganze Reihe von Punkten, die ich in dieser Arbeit nicht behandeln konnte oder wollte - die wichtigsten davon sind:

1. Die Theorien BALLMERs zur Grammatik und zur Kontextveränderungslogik (vgl. hierzu H,IH,V,VI, VII,VIn, XI) und ihr Verhältnis zum Verbthesaurus.

Ein durchaus mögliches Einarbeiten dieser Theorien in die Arbeit hätte entweder so kurz ausfallen müssen, dass eine kritische Diskussion und ein Vergleich seiner Theorie mit ähnlichen formalen Grammatiken nicht möglich wäre, oder dass andere Aspekte, die mir wichtig erschienen, aus der Arbeit hätten herausgenommen werden müssen. So habe ich mich entschlossen, eine Konzentration der Arbeit auf den Bereich der Semantik vorzunehmen.

2. Die Theorien BALLMERs zur Biolinguistik.

Hier hätte eine fundierte Auseinadersetzung unfangreiche Erläuterungen aus dem Bereich der Biologie erfordert. So interessant die Auffassungen BALLMERs in diesem Bereich auch sind, eine Berücksichtigung dieser Theorien mit ihrem Bezug zum Verbthesaurus hätte den vorgegebenen Rahmen dieser Arbeit bei weitem gesprengt.

3. Die Theorien BRENNENSTUHLs zur Handlungslogik (BRENNENSTUHL 1975, 1982)

Da die Anknüpfungspunkte zum Verbthesaurus hier am geringsten sind, erscheint mir das Nichtbehandeln dieser Theorie am Unproblematischsten.

Noch eine Anmerkung zur Referenz von mir auf die Autoren: Für einen Außenstehenden ist es nicht möglich, genau einzuschätzen, von welchem der beiden Autoren ein bestimmter Gedanke kommt. Da die meisten Arbeiten über den Verbthesaurus unter dem Namen beider Autoren erschienen, habe ich hier jeweils auf B&B referiert; die Ergänzungen und Erweiterungen erschienen meistens allein unter dem Namen BALLMER, darum habe ich im zweiten Kapitel überwiegend auf ihn Bezug genommen.

1 Die Methode der verbsemantischen Klassifikation

1.1 Zielsetzung

Ausgangspunkt der Analysen von B&B ist eine Kritik an der bisherigen Lexikologie, die sich ihrer Meinung nach in den Analysen zu sehr auf einzelne eklektische Belege gestützt habe, anstatt eine systematische Berücksichtigung größerer Mengen von Sprachmaterial vorzunehmen. Auch fehle es der lexikographischen Forschung an sprachtheoretischen und methodologischen Kriterien zur Einteilung der Wortschätze in Strukturen.

So stellen sich für B&B folgende Aufgaben: es müsse zuerst die Analysepräzision wesentlich erhöht werden; ebenfalls müssen Gesamtwortschätze von ihren Feinst- bis Grobstrukturen untersucht und klassifiziert werden und schließlich müssen die gewonnen Resultate methodologisch gerechtfertigt werden.

Ausgangspunkt der Analysen des Gesamtwortschatzes sind die Verben, die Analyse der weiteren Wortarten soll sich daran anschließen (1). Ziel dieses ersten Klassifikationsschrittes (2) ist also die Kategorisierung des gesamten Verbwortschatzes. B&B kritisieren an den bekannten herkömmlichen Thesauren, dass diese ihre Klassifikationskriterien nicht aus der Sprache selbst entwickeln, sondern diese primär aus außerlinguistischen Quellen schöpfen (3). Als am ehesten mit ihren Ansatz vergleichbar ist für B&B der von WEHRLE- EGGERS 1961 herausgegeben "Deutsche Wortschatz", der neben Verben auch andere Wortarten in seiner Klassifikation berücksichtigt. Allerdings wird diese Arbeit von B&B einer starken Kritik unterzogen (4): die dort verwendeten Kategorien seien unvollständig und sehr lückenhaft, die Klassifikationen häufig fehlerhaft und inhomogen, Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Kategorien seien häufig nicht erkennbar, eine hierarchische Gliederung würde nicht angestrebt. Die Weltanschauung der Autoren, die sich in der Klassifikation widerspiegele, würde von diesen nicht offengelegt und führe manchmal zu aus heutiger Sicht albernen Kategorisierungen (5).

Aus dieser Analyse der traditionellen Wortthesauren ergibt sich für B&B nur ein Schluss: diese Ansätze können nicht als zufriedenstellende Basis akzeptiert werden, so dass eine vollständig neue Methodik erarbeitet werden muss.

1.2 Das Ausgangsmaterial

Ausgangsmaterial für die Untersuchung der semantischen Struktur des Verbwortschatzes ist die von Erich MATER 1966 zusammengestellte Liste von ungefähr 20000 deutschen Verben. Von diesen wurden die 13000 gebräuchlichsten Verben ausgewählt, die 5000 präfigierten Verben herausgenommen und die übriggebliebenen etwa 8000 Verben systematisch untersucht. Auf die Analyse der präfigierten Verben konnte verzichtet werden, da deren Bedeutung auf die Bedeutung des Präfixes und des einfachen Verbes reduzierbar ist. Präfigierte Verben, deren Bedeutung sich nicht so zusammensetzen lassen (wie die Verben mit den Präfixen be-, er-, ver-) wurden vollständig in die Untersuchung einbezogen. Wesentlich weniger systematisch sind auch einige ungebräuchliche Verben, einige präfigierte Verben sowie Verbalfügungen aufgenommen worden.

1.3 Das Kategorisierungsschema (Übersicht)

Die Kategorisierung der Verben erfolgt nun in Form einer Klassifikation in verschiedenen Feinheitsgraden, dessen Basis die Verben bilden, die durch das Kriterium der Bedeutungsähnlichkeit zu so genannten Kategorien zusammengefasst werden. Diese werden dann durch die Verwendung einer Voraussetzungs- (Präsupposition-)Relation in Modellen geordnet - diese lassen sich wiederum in Modellgruppen zusammenfügen, aus denen sich drei grundlegende Verbtypen entwickeln lassen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eine der Ziele der Analyse ist die Klärung der Relationen. die zwischen den Kategorien und den Modellen untereinander, als auch zwischeneinander herrschen.

Die Verben sollen nun in ihrer prototypischen Bedeutung analysiert werden. Der Begriff des Prototyps (häufig auch synonym mit Stereotyp verwendet) wurde zuerst von Hilary PUTNAM entwickelt, der mit ihm die typischen Bedeutungsassoziationen und - vorstellungen bezeichnet, die ein Sprecher im normalen Wortgebrauch mit diesem verbindet. B&B gehen davon aus, dass ein Sprecher einer Sprache in der Lage ist, die prototypische Verwendung eines Wortes angeben und diese von besonderen Verwendungsweisen wie zum Beispiel der metaphorischen oder fachsprachlichen Verwendung abgrenzen zu können. Diese prototypische Verwendung soll die Basis für den Aufbau der Klassifikation sein; erst nach dem Aufbau eines vollständigen Verbthesaurus sollen dann auch die nicht prototypische Verwendungsweise analysiert werden. (6)

1.4 Begriffsbestimmung: Kategorie und Modell

Nach diesem zusammenfassenden Kurzüberblick über das Klassifikationsschema sollen nun die verwendeten Kategorien genauer betrachtet werden.

Als erster Schritt der Analyse wurden aus der noch ungeordneten Menge der Verben zunächst möglichst homogenen Gruppen von Verben ähnlicher Bedeutung gebildet. Die ungefähr 8000 Verben, die hier analysiert wurden, lassen sich in etwa 800 solcher Gruppen ordnen. Diese Gruppen werden von B&B Kategorien genannt (7).

Um nun auch die Kategorien ordnen zu können, muss man sich zuerst fragen, was eigentlich der gemeinsame Bedeutungsbestandteil aller Verben ist. Hierzu kann man sagen, dass die überwiegende Zahl der Verben Prozesse beschreiben. Die in diesen Prozessen involvierten Individuen, Tatbestände oder Sachverhalte bilden als Nominalphrase mit dem Verb (zumindest im Deutschen) den typischen Satz. Andere Satzglieder wie die Adjektive modifizieren die Nominalphrase oder sind wie Adverbien Modifikatoren der Verben bzw. des gesamten Satzes.

Prozesse lassen sich bestimmen als Abläufe in der Zeit; es können sich hierbei um Vorgänge, Ereignisse, Tätigkeiten oder Handlungen handeln, als Grenzfall lassen sich auch Zustände, die sich über eine gewisse Zeitdauer erstrecken, als Prozesse betrachten. Allerdings gibt es auch im Deutschen Verben, die eindeutig keine Prozesse zum Inhalt haben: Verben, die Dispositionen oder Eigenschaften und Relationen kennzeichnen, haben keinen prozessualen Charakter. So muss die Bedeutungsbestimmung von Verben insoweit eingeschränkt werden: Verben bezeichnen typischerweise Prozesse, "eine inhaltlich orientierte Definition dessen, was ein Verb ist, darf sich aber in legitimer Weise auf diese Tatsche beziehen." (XXIX,32)

Nun zeigen die weiteren Untersuchungen B&Bs, dass sich diese Prozesse, die die Verben bezeichnen, weiter ordnen lassen. Die wichtigste Relation, die zwischen ihnen besteht, ist die Voraussetzungs- (oder Implikations-)Relation.

Es zeigt sich, dass bestimmte Verbkategorien anderen Verbkategorien typischerweise vorausgehen, so dass sich ein gesamter Prozessablauf durch diese Relation zusammenfassen lässt: diese Zusammenfassung erhält den

Namen Modell.

Modelle geben also einen gesamten Prozessablauf wieder; sie setzen sich aus einer strukturierten Menge von Kategorien zusammen, deren Struktur durch die Implikationsrelation der Kategorien untereinander gebildet wird.

Nun lassen sich nicht alle Kategorien durch diese Relation allein den Modellen zuordnen: diese Kategorien, die z.B. Resultate oder Konsequenzen eines Prozessablaufs bezeichnen, werden als "Sonderentwicklungen" (XXIX, 58) den durch die Implikationsrelation aufgebauten Modellen zugeordnet.

(Beispiele und Vertiefungen siehe den Abschnitt 1.7)

1.5 Phasen der Analysemethode

Bei der Durchführung ihrer Untersuchung unterscheiden B&B drei Phasen der Analysemethode: die vorheuristische, die heuristische und die rechtfertigende Phase.

Die vorheuristische Phase ist eine sachbezogene Einteilung von Wörtern und Phrasen, auf die dann die heuristische Phase mit der Auffindung von Wortschatzstrukturen aufbaut. In dieser Phase wird dann essentiell Gebrauch gemacht von der Fähigkeit, über Bedeutungsähnlichkeiten und Voraussetzungen zu entscheiden.

Diese in der Heuristik gewonnenen Relationen können nun sprachlich in der rechtfertigenden Phase durch ein Paraphrasierungsverfahren legitimiert werden. Im Idealfall können zu den Verben einer Kategorie Paraphrasen gebildet werden, die das zentrale Verb (das als Kategorienamen benutzt wird) plus einer adverbialen oder nominalen Spezifizierung enthalten. In einem weiteren Schritt lassen sich durch das Paraphrasierungsverfahren auch die Zusammengehörigkeit der Kategorien eines Modells legitimieren.

"Die Zusammengehörigkeit der Kategorien zeigt sich darin, daß in den Paraphrasen immer wieder die für das Modell charakteristischen Verben benutzt werden können, im Idealfall ein Zentralverb, das dem Kategoriennamen der zentralen Kategorie des Modells entspricht." (XXI, 23)

1.6 Die Grundverben

Wenn man nun die in den Paraphrasen enthaltenen Verben weiter paraphrasiert, lässt sich der Verbwortschatz auf ungefähr 10 so genannte Grundverben reduzieren.

Diese Grundverben sind: der Fall sein (gelten) ablaufen geschehen existieren

Teil sein von (enthalten)

verursachen

wahrnehmen (8)

wollen

versuchen

berühren

benutzen

B&B gestehen eine gewisse Willkür bei der Auswahl dieser Grundverben zu. So sind durchaus auch andere Grundverben (z.B. machen statt versuchen) möglich. Sie behaupten aber, dass es ihnen gelungen sei, "tatsächlich nachzuprüfen, daß alle 8000 einfachen Verben, die wir explizit kategorisiert haben, vermittels der paraphrastischen Analyse auf die 800 Kategorien und diese wiederum auf die zehn Grundverben zurückgeführt werden können." (XXIX,41)

Das Abschieben von Informationen durch die Paraphrasierung in Adverbien und Nominalgruppen sei unproblematisch, da die abgeschobenen Informationsteile nicht den im Verbkern bezeichneten prozessualen Anteil der Verbbedeutung betreffen. In anderen Arbeiten (z: XXV, 425; XVII 10.83.No2,76) reduzieren die Autoren die Zahl der Grundverben sogar auf nur fünf: gelten, bestehen, versuchen, berühren, benutzen. Sie erläutern dort allerdings diesen weiteren Reduzierungsprozess nicht ausführlich.

1.7 Der Aufbau von Modellen

In diesem Abschnitt soll nun detaillierter der im Abschnitt 1.4 angesprochene Aufbau der Modelle betrachtet werden.

Wie dort bereits erwähnt, sollen die Verbkategorien eines Modells einen gesamten Prozessablauf in all seinen sequentiell und alternativ ablaufenden Teilprozessen erfassen. Idealtypisch ergibt sich daraus in der graphischen

Darstellung der sogenannte "Ballmer-Hut":

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Als Beispiel für solch einen Prozessablauf kann man das Fortbewegungsmodell betrachten:

Dem Ruhezustand entsprechen die Kategorie "Ruhen" mit Verben wie sitzen, liegen; dem Anfangszustand die Kategorie "Aufbrechen" mit Verben wie losrennen, loslaufen; dem Vorgangszustand die zentrale Verbkategorie "Sich Fortbewegen" mit gehen, wandern usw. Es besteht zwischen den Verbkategorien ein natürliches Voraussetzungsverhältnis, allerdings nicht im streng logischen Sinn, denn es ist immer möglich, dass etwas zum Beispiel immer in der Ruhephase verharrt (dieses bezeichnen B&B als nicht standardgemäß ablaufende Prozesse).

Nun soll nicht vollständig von diesen nicht standardgemäß ablaufenden Prozessen abgesehen werden - diese sollen nach dem Aufbau des Gerüstes der Modelle mit einbezogen werden. In dem oben gegebenen Beispiel wären das Kategorien wie "Bleiben an einem Ort", "Sich Verirren", "Unterbrechung einer Bewegung " und ähnliche.

Ein anderes Verfahren zur Vervollständigung der Modelle ist die Aufnahme solcher Kategorien, die Übergänge zwischen den Prozessphasen erfassen, die durch die bereits vorhandenen Kategorien des Modells abgedeckt werden (auf das Beispiel bezogen gehört zwischen die Kategorien "Aufbrechen" und "Sich Fortbewegen" eine Kategorie wie "In Fahrt Kommen" (9)).

Als Namen des Modells gilt die zentrale Verbkategorie, die den zentralen Prozessablauf kennzeichnet.

Weniger einfache Modelle als das Fortbewegungsmodell zwingen zur Erweiterung und Modifizierung der Hut-Struktur. So werden durch Rollentausch und Perspektivwechsel zu Stande gekommene Kategorien eingefügt; die Hut-Struktur kann ihre Form auch in Richtung einer Stufen­oder Treppenstruktur verändern. (10)

Die meisten Modelle analysieren einen zeitlichen Ablauf, komplexere Modelle können auch überspringbare oder iterative Stadien anhalten (11), in einigen Modellen können die Stadien in beliebigem Wechsel mehrfach wiederholt werden. darüber hinaus können die Modelle auch Seitenzweige enthalten, das heißt, es gibt Prozessabläufe, "die an einer bestimmten Stelle des den Modellkern bildenden Prozeßablaufs einsetzen und dann sich von dort aus fortentwickeln, ohne wieder in den Modellkern einzumünden." (XXIX,68)

1.8 Das System der Modelle

Auch die Modelle lassen sich in einem Gesamtsystem ordnen. Als Strukturierungsprinzip konzipieren B&B den Begriff des Eingriffsgrades - dieser gibt die Anzahl und das Maß der Beteiligung von Individuen und Objekten an den von den Modellen erfassten Prozessabläufen an.

So finden sich am unteren Ende des Systems der Modelle die Sachverhalts­und Vorgangsmodelle, wobei der Eingriffsgrad des Sachverhalts in sein Bestehen oder des Vorgangs in sein Ablaufen mit Null gleichzusetzen ist.

Es folgen Modelle, bei denen die Individuen ohne Kontrollmöglichkeiten, also mit sehr geringem Eingriffsgrad, beteiligt sind.

Am anderen Ende des Modellsystems finden sich Modelle mit sehr hohem Eingriffsgrad, wie z.B. das Produktionsmodell, bei denen Individuen bewusst planerisch die Prozessabläufe initiieren und steuern.

Die Struktur des Modellsystems lässt sich auch graphisch darstellen: Hierbei entspricht b dem Eingriffsgrad, t der Zeit des Prozessablaufs (von B&B auch Aktionsart (12) genannt) und I dem Maß des der Intensität des Prozessablaufs

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.9 Die einzelnen Modelle und ihre inhaltliche Erläuterung

Das gesamte von B&B (in XXIX) konzipierte System von Modellen besteht aus 12 Modellgruppen mit insgesamt 41 Modellen.

Am unteren Ende dieses durch das Maß des Eingriffsgrades geordneten Systems findet sich die Modellgruppe der Sachverhalte betreffenden Modelle, das nur ein Modell, das Sachverhaltsmodell enthält, dessen Kategorien ausschließlich das Bestehen von Sachverhalten kennzeichnen. Hauptkategorie ist hierfür "Der Fall sein".

In der zweiten Modellgruppe folgen Vorgänge und Prozesse betreffende Modelle: zuerst das Vorgangsmodell, das sich allein mit der Struktur von Phasen beschäftigt (typische Kategorien: "Anfangen" - "Ablaufen" - "Enden"), gefolgt von einem Modell, das sich mit spezielleren Vorgängen und Prozessen beschäftigt - hierin werden die zu einzelnen Kategorien des Vorgangsmodells gehörigen spezialisierten Vorgänge und Prozesse kategorisiert.

In der dritten Modellgruppe finden sich zusammengefasst Modelle, die die Existenz von Individuen und Objekten betreffen: das Individuen-Objekt- Existenz-Modell, das Lebensmodell, das Verhaltensmodell und das Lebensmodell für soziale Gruppen. Im Individuen-Objekt-Existenz-Modell geht es um das Entstehen, Sein und Vergehen von Individuen und Objekten, ähnlich beschreibt das Lebensmodell für soziale Gruppen die Existenz von sozialen Gruppen. Im Lebensmodell werden die Phasenstrukturen des Lebens von Organismen beschrieben, wichtige Kategorien sind hier "Gezeugt Werden" - "Aufwachsen" - "Leben" - "Sterben". Das Verhaltensmodell beschreibt schließlich das bloße Sich-Verhalten von Organismen - dieses Modell enthält in drei Kategorien insgesamt nur acht Verben.

Die vierte Modellgruppe besteht wieder nur aus einem Modell: dem Eigenschaften und Relationen Modell. B&B kennzeichnen es als "parasitäres Modell", da es keine Prozesse analysiert, sondern nur eine "mehr oder weniger systematische Anordnung" (XXIX, 72) von Eigenschaften und Relationen darstellt.

Auch die fünfte Modellgruppe besteht nur aus einem Modell, das die Eigenveränderung von Gegenständen im Raum beschreibt: dem Bewegungsmodell. Hierin werden aber nur Verben erfasst, die von Individuen (oder Objekten) nicht kontrollierte Bewegungen beschreiben - andere Bewegungen werden im Aktivbewegung- bzw. Fortbewegungsmodell beschrieben.

Die sechste Modellgruppe besteht wieder aus mehreren Modellen und wird von B&B als Einflüsse der Umgebung auf Individuen und Objekte gekennzeichnet. Als erstes Modell findet sich hier das Zustoßmodell, das Individuen betreffende Zustöße und unwillkürliche Reaktionen beschreibt, gefolgt von einem Modell, das Prozesse beschreibt, die als passive Wahrnehmungsprozesse eingestuft werden können: das Passive Wahrnehmungsmodell. Das Modell der Psychischen Konsequenzen (in einigen Arbeiten von B&B auch als Psychische-Wirkung-Haben-Modell bezeichnet) beschreibt psychische Wirkungen, die im Individuum erzeugt werden. Als letztes Modell dieser Modellgruppe findet sich das Informationsmodell (auch als Erkenntnismodell von B&B bezeichnet), das sich mit der Aufnahme und Verarbeitung von Informationen beschäftigt.

Die nächste Modellgruppe besteht wieder nur aus einem Modell, dem Bewirkungs-Modell. In den Kategorien dieses Modells werden die verschiedenen Typen unkontrollierter Beeinflussung der Umgebung durch ein Individuum oder ein Objekt beschrieben. Typische Kategorien dieses Modells sind "Aktivität Beeinflussen", "Richtung Beeinflussen" oder "Geschwindigkeit Beeinflussen".

Die größere nächste Modellgruppe beschäftigt sich nun mit kontrollierten Eingriffen. Als erstes Modell dieser Gruppe ergibt sich das Handlungsmodell, das das kontrollierte Verursachen von Prozessen durch ein Individuum kennzeichnet. In ihm werden die Phasenstrukturen von Handlungen beschrieben. De kontrollierten Eingriffe lassen sich nun weiter untereilen, ob sie sich auf das Individuum selbst richten oder auf die Umgebung bzw. andere Objekte oder Individuen gerichtet sind. Zur ersten Gruppe lassen sich drei Modelle zuordnen: zuerst das Aktivbewegungsmodell, das die kontrollierte Bewegung von Individuen erfasst, gefolgt von dem Fortbewegungsmodell, das die Phasen der aktiven Fortbewegung von Individuen beschreibt. Als drittes Modell folgt das aktive Wahrnehmungsmodell, in dem Verben erfasst werden, die die aktive Seite des Wahrnehmungsprozesses beschreiben. B&B führen unter dieser Untergruppe der Modellgruppe Kontrollierte Eingriffe noch zwei weitere Modelle auf: zum einen das Informationsmodell, das weiter oben schon unter der Modellgruppe der Zustöße eingeordnet wurde, und zum zweiten das Psychische-Aktivitäten-Modell, das aber auch noch einmal in einer weiteren Untergruppe dieser Modellgruppe der kontrollierten Eingriffe aufgeführt wird. Leider finden sich in den Arbeiten der Autoren keine Erklärung für diese Doppeleintragung von Modellen (sogar in verschiedenen Modellgruppen), außer der Formulierung: "einige seiner Kategorien wie "Nachsinnen", "Memorieren" (im Original gesperrt gedruckt) beziehen sich auf Handlungen, deswegen sei das Modell hier nochmals genannt" (XXIX,74) bei ihrer Erläuterung des Informationsmodells, bzw. beim Psychische-Aktivitäten- Modell: "hier muß es deshalb aufgeführt werden, weil sich einige seiner Kategorien auf Eingriffe in die Psyche anderer beziehen" (XXIX, 75). Die Verben dieser Modelle finden sich dann in dem semantisch geordneten Verblexikon aber nur einmal aufgeführt.

Als zweite Untergruppe dieser Modellgruppe dienen kontrollierte Eingriffe, die auf die Umgebung gerichtet sind: hier finden sich mit dem Betätigungs- und dem Durchführungsmodell zwei Modelle. Im Betätigungsmodell werden die Tätigkeiten eines Individuums im Verlauf einer Betätigungsperiode (die typische Betätigungsperiode ist der Tag) beschrieben. So sind hier die wichtigsten Kategorien "Schlafen" -"Aufstehen" - "Arbeiten" - "Ermüden"- "Schlafen". Im Durchführungsmodell werdende Phasen der Durchführung von Plänen und Aufgaben beschrieben.

Die dritte Teilgruppe beschreibt schließlich die Modelle, bei denen die kontrollierten Eingriffe auf Objekte oder Individuen gerichtet sind. Als erstes Modell findet sich das Äußerungsmodell, das die stimmlichen oder mimisch- gestischen Äußerungshandlungen beschreibt, gefolgt vom Psychischen- Aktivitäten-Modell, das die kontrollierte psychische Beeinflussung anderer Individuen thematisiert. Verhaltensweisen bei Gefahr werden im Gefahr- Angst-Wagnis-Modell beschrieben. Es folgt das Beeinflussungsmodell - dieses ist mit dem Bewirkungsmodell identisch mit dem Unterschied, dass die Verben nun absichtsbestimmt verwendet werden (im Verblexikon werden der Verben dieser beiden Gruppen nur einmal aufgeführt). Das Kontrollieren und Steuern von Prozessen wird durch das Prozesssteuerungsmodell beschrieben.

Als weiteres Modell dieser Modellgruppe findet sich das Fortpflanzungsmodell, in dem die Phasen des Werbungs- und Paarungsverhaltens beschrieben werden. Typische Kategorien diese Modells sind "Erwachsen Sein"- "Sich Verlieben" - "Lieben" - "Heiraten" - "Zeugen" - "Gebären" - "Sich Trennen".

Während die eben beschriebene Modellgruppe kontrollierte Eingriffe thematisierte, folgen nun in einer weiteren Modellgruppe Modelle, die durch kontrollierte Übergriffe auf Objekte oder Individuen gekennzeichnet sind.

Das wichtigste Modell dieser Gruppe ist das Greifen-Modell, das als größtes Modell überhaupt eine zentrale Rolle im Modellsystem einnimmt und über eine kompliziertere Struktur als die überwiegende Zahl der anderen Modelle verfügt. In diesem Modell werden die verschiedenen Arten, in denen ein Individuum einen Gegenstand greift, beschrieben. Es folgt das Führungsmodell, dessen Verben das Führen von Menschen zum Inhalt haben, sowie das Unterstützungsmodell, dessen Verben primär das Helfen oder das dem Helfen konträre Handeln thematisieren. Phasen des Verfolgens bzw. des Verfolgtwerdens finden sich schließlich im Freiheitsmodell.

Im Transportmodell bezeichnen die Verben Phasen des Transportierens von Objekten von einem Ort zum anderen oder den lokalen Transport innerhalb der Umgebung der handelnden Person. Das Fremdbewegungsmodell kann als Anhang zum Transportmodell angesehen werden, in dem es das Führen von Fahrzeugen behandelt. Ein weiteres Modell dieser Gruppe ist das Zusammenbringen-und-Trennen-Modell, das die Operationen zum Zusammenbringen und Trennen von Gegenständen oder Teilen davon behandelt. Die letzten Modelle dieser Gruppe sind das Ersetzungsmodell und das Bearbeitungsmodell: das Ersetzungsmodell umfasst nur wenige Verben, die sich mit den Operationen des Ersetzens eines Gegenstandes durch einen anderen auseinandersetzen, das Bearbeitungsmodell beschreibt schließlich das Bearbeiten oder das Verändern von Objekten bzw. deren Umgebung.

Als zehnte Modellgruppe finden wir Modelle, die sich mit der kontrollierten Schaffung und Zerstörung von Objekten und Umgebungen beschäftigen. Diese Modellgruppe besteht aus drei Modellen - das erste davon ist das Produktionsmodell. Dieses beschreibt die kontrollierte Schaffung von Objekten durch einen Handelnden. In diesem Modell sind auch Spezialfälle des Produzierens wie geistiges Produzieren mit aufgenommen worden; es finden sich hier sogar die Kategorien "Unkontrolliert Produzieren" oder "Teilweise Kontrolliert Produzieren".

Die Phasen des Verbrauchs von Objekten wird im Konsummodell behandelt - dieses Modell orientiert sich am Prozessablauf der Nahrungsmittelaufnahme, Zentralkategorie hier ist "Essen". Das dritte Modell dieser Gruppe ist schließlich das Regenerationsmodell, das zum einen das In-Unordnung- Bringen, zum anderen das Wieder-in-Ordnung-Bringen von Gegenständen oder Individuen beschreibt.

Die nächste Modellgruppe thematisiert das Eigentum und die Transaktionen von Eigentum. Zentralmodell dieser Gruppe ist das Haben-Modell - dieses Modell hat durch die beteiligten Personen und Perspektiven den höchsten Komplexitätsgrad. Das Modell setzt zum einen mindestens zwei Parteien (einen Gebenden und einen Nehmenden), sowie ein Bündel an Konventionen über den Charakter des Besitzes, des Güteraustausches sowie über die Rechtmäßigkeit von Handlungen voraus. Als Spezialfall dieses Modells kann das Kaufen-und-Verkaufen-Modell beschrieben werden: hier findet ein zweiseitiger Austausch statt, wobei der eine Austauschgegenstand in der Regel Geld ist.

Als Abschluss dieses Systems von Modellgruppen finden sich zwei Sondermodelle, die im Kontrast zu den vorher beschriebenen Modellen nur einen begrenzten und spezialisierten Bereich behandeln: das Besuchsmodell und das Behausungsmodell - das Besuchsmodell thematisiert den Ablauf eines Besuches, das Behausungsmodell beschreibt den Ablauf des Bauens, Bewohnens und schließlich Verlassens und Abreißens einer Behausung.

Als Zusammenfassung soll nun eine Übersicht des gesamten Modellsystems gegeben werden:

1. Modellgruppe: Sachverhalte betreffende Modelle Sachverhaltsmodell

2 .Modellgruppe: Vorgänge und Prozesse betreffende Modelle Vorgangsmodell Spezielle-Vorgänge-und-Prozesse Modell

3. Modellgruppe: Existenz von Individuen und Objekten betreffende Modelle Individuen-Objekt-Existenz Modell Lebensmodell Verhaltensmodell Lebensmodell für soziale Gruppen

4. Modellgruppe: Existenz von Individuen und Objekten betreffende Modelle Eigenschaften-und-Relationen Modell

5. Modellgruppe: Eigenveränderung von Objekten im Raum Bewegungsmodell

6. Modellgruppe: Zustöße Zustoßmodell Passives Wahrnehmungsmodell Psychische-Konsequenzen-Haben Modell

7. Modellgruppe: Bewirkungen Bewirkungsmodell

8. Modellgruppe: Kontrollierte Eingriffe Handlungsmodell

8.1 Modelluntergruppe: Kontrollierte Eingriffe, gerichtet auf sich selbst Aktiv-Bewegungsmodell Fortbewegungsmodell Aktives Wahrnehmungsmodell Informationsmodell

8.2 Modelluntergruppe: Kontrollierte Eingriffe, gerichtet auf die Umgebung Betätigungsmodell Durchführungsmodell

8.3 Modelluntergruppe: Kontrollierte Eingriffe, gerichtet auf Objekte und Individuen Äußerungsaktivitäten Model Psychische-Aktivitäten Modell Gefahr-Angst-Wagnis Modell Prozesssteuerungsmodell Fortpflanzungsmodell

9. Modellgruppe: Kontrollierte Übergriffe auf Objekte und Individuen

Greifen Modell

Führungsmodell

Unterstützungsmodell

Freiheitsmodell

Transportmodell

Fremdbewegungsmodell

Trennen-und-Zusammenbringen Modell

Ersetzungsmodell

Bearbeitungsmodell

10. Modellgruppe: Kontrollierte Schaffung und Zerstörung von Objekten und

Umgebung

Produktionsmodell

Konsummodell

Regenerationsmodell

11. Modellgruppe: Kontrolliertes Eigentum

Haben Modell

Kaufen-und-Verkaufen Modell

12. Modellgruppe: Sondermodelle

Behausungsmodell

Besuchsmodell

(13)

1.10 Die drei Verbtypen

Aus dem Aufbau des Modellsystems l assen sich nun drei neue Typen von Verben konzipieren:

So lassen sich die Verben zunächst einmal in abstrakte und prozessbezogene Verben unterteilen, wobei die abstrakten Verben dadurch bestimmt sind, dass sie ohne Bezug auf in der Zeit ablaufende Prozesse sind, sich also nicht auf Zustände, Vorgänge oder Handlungen beziehen. Die beiden Modelle Sachverhaltsmodell und Eigenschaften-und-Relationen Modell entsprechen diesem Verbtyp.

Die prozessbezogenen Verben lassen sich wiederum in zwei Typen unterteilen: die Zustandsvorgangsverben (bezeichnen Zustände, Vorgänge, unkontrollierte Prozesse usw.) und die Handlungsverben, die kontrollierbare, kontrollierte Eingriffe von Agenten in die Welt kennzeichnen.

Die Zuordnung der Modell(gruppen) zu diesen drei Verbtypen zeigt folgende Graphik: (14)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Hier dürfte es interessant sein, die Konzeption B&Bs mit denen anderer verbklassifikatorischer Arbeiten zu vergleichen. Dieses soll hier anhand von zwei unterschiedlichen Ansätzen geschehen: zum einen dem Konzept von VENDLER, der nur vier unterschiedliche von ihm so genannten Verbschemata konzipiert, sowie dem Ansatz WRIGHTs, der mehrere hierarchische Ebenen der Klassifikation benutzt.

VENDLER (1967) benutzt als entscheidendes Differenzierungskriterium seiner Klassifikation das Moment des unterschiedlichen Ausdrucks von Zeitverhältnissen, von ihm Zeitschemata genannt. Er konzipiert vier dieser Schemata und behauptet, dass sich alle Verben durch diese unterschiedlichen Schemata analysieren lassen (15).

So macht er zuerst eine Unterscheidung zwischen Verben wie rennen, die einen Prozess bezeichnen, der in der Zeit abläuft und bei denen Phasen sukzessive in der Zeit aufeinander folgen, und Verben wie wissen, bei denen man nicht von in der Zeit ablaufenden Prozessen sprechen könne: "It may be the case that I know geography now, but this does not mean that a process of knowing geography is going on at present consisting of phases suceeding one another in time" (VENDLER,1976,100).

Diese beiden unterschiedlichen Verbgruppen lassen sich jetzt wiederum in zwei Gruppen teilen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Unterschied zwischen Aktivität und Handlung lässt sich am besten an einem Beispiel erläutern: hierzu vergleicht VENDLER (S.100f.) die beiden Ausdrücke rennen und einen Kreis zeichnen. Wenn jemand aufhört zu rennen, so ist er doch bis zu diesem Zeitpunkt gerannt, wenn jemand dagegen aufhört, einen Kreis zu zeichnen, so hat er dann zwar etwas gezeichnet, aber keinen Kreis. Diese Art Ausdrücke verlangen zum korrekten Gebrauch, dass die zum Ausdruck gebrachte Handlung tatsächlich auch bis zu einem Endpunkt (zumindest gedanklich) durchgeführt wird, während die erstgenannte Gruppe keinen im Ausdruck liegenden Endpunkt benötigt. Diese Gruppe bezeichnet VENDLER als Aktivität, typische Verben dieser Gruppe sind Bewegungsverben oder Verben wie stoßen oder schieben. Die zweite Verbgruppe bekommt den Namen Handlung, typische Vertreter dieser Kategorie sind (Bilder) malen, etwas bauen, gesund werden.

Die Verben ohne fortlaufende Zeit lassen sich ebenfalls in zwei Gruppen aufteilen: den Ereignisverben und den Zustandsverben. Als Ereignisverben bezeichnet VENDLER Verben, die nur einen kurzen Zeitpunkt benennen, Beispiele hierfür wären Ausdrücke wie ein Rennen gewinnen oder jemanden erkennen. Dagegen stehen Ausdrücke wie jemanden lieben oder jemanden kennen, bei denen über die Länge des zum Ausdruck gebrachten Zustands durch das Verb keine Angabe gemacht wird; diesen Typ bezeichnet VENDLER als Zustandsverben.

Leider hat VENDLER seine Klassifikation nicht in großem Stil an den Verben durchgeführt, sondern jeweils nur einzeln Verben als Beispiele für seine Kriterien angegeben. So lässt sich nur schwer abschätzen, ob nun die Klassifikationskriterien B&Bs oder die VENDLERschen eine adäquatere Klassifikation eines Gesamtwortschatzes bilden können. Dass die verwendeten Kriterien nicht deckungsgleich sind, ist offenbar. So sind die Beispiele, die VENDLER verwendet, hauptsächlich aus dem Bereich, den B&B als Handlungsverben bezeichnet; die Gruppe der abstrakten Verben taucht bei VENDLER in seinen Beispielen überhaupt nicht auf. Auch ist die Verwendung des Wortes "Zustand" (state) bei VENDLER von der Verwendung bei B&B als Zustandsvorgangsverben deutlich zu unterscheiden, so können eher einige Beispiele aus der Gruppe der Ereignisverben zu den Zustandsvorgangsverben gerechnet werden.

Für VENDLER ergibt sich das Problem, dass bestimmte Verben je nach Verwendungsweise eigentlich unter verschiedenen Verbschemata eingeordnet werden müssen. Dieses Problem versuchen B&B durch ihre Konzeption der verschiedenen Lesarten von Verben zu lösen, d.h. die verschiedenen Lesarten werden an unterschiedlichen Stellen im Modellsystem aufgeführt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 88 Seiten

Details

Titel
Zum Problem eines semantisch geordneten Verblexikons
Untertitel
Dargestellt anhand einiger Arbeiten von Thomas T. Ballmer und Waltraud Brennenstuhl
Hochschule
Universität Bremen
Note
1,0
Autor
Jahr
1990
Seiten
88
Katalognummer
V156523
ISBN (eBook)
9783640697397
ISBN (Buch)
9783640697045
Dateigröße
861 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Deutsch, Linguistik, Lexikon, Wortarten, Verb, Thesaurus, Grammatik, Sprachdynamik, Katastrophentheorie, Wildgen, Feldtheorie, Archetyp, Aktionsart, Aspekt, Kasustheorie, Frametheory, Transitivität
Arbeit zitieren
Peter Keirat (Autor), 1990, Zum Problem eines semantisch geordneten Verblexikons, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/156523

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