Dies ist eine Literaturrezeption, die die zentralen Aspekte der Einflussnahme bzw. der möglichen Einflussnahme von Säuglingsforschung auf die Psychoanalytische Theorie heraus stellt. Dornes' Haltung ist deutlich: Die Psychoanalyse sollte einige Theoreme dem aktuellen Forschungsstand der Entwicklungspsychologie anpassen. - Ein Plädoyer für die Annäherung der Psychoanalyse und ihrer Nachbardisziplinen.
Trotz beeindruckender Forschung auf dem Gebiet wird der Säugling in der psychoanalytischen Theorie nicht gut genug verstanden. Er wird für passiv, hilflos, abhängig, undifferenziert, seinen Trieben ausgeliefert gehalten. - Diese Sichtweise gibt einen Teil der Säuglingserfahrung als ihr Ganzes aus.
Das Ergebnis eines neuen Blicks auf den Säugling ist, dass dieser ein "kompetenter Säugling" (Stone et al. 1973) ist, mit Fähigkeiten und Emotionen, die die Psychoanalyse nicht für möglich hielt. Deshalb haben Psychoanalytiker Anfang der 1980er Jahre mit einer systematischen textlichen Verarbeitung dieser Forschungsergebnisse begonnen.
Martin Dornes erläutert in "Die frühe Kindheit - Entwicklungspsychologie der ersten Lebensjahre" neue Befunde auf dem Gebiet der Bedeutung von Säuglingszeit für die Persönlichkeitsentwicklung, sowie deren Anwendungsmöglichkeiten in der Psychoanalyse. Des Weiteren beschreibt er einige Klassiker der Entwicklungspsychologie und analysiert sie kritisch.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Martin Dornes
3. Die Debatte zwischen Säuglingsforschung und Psychoanalyse
3.1. Das rekonstruierte und das reale Kind
3.2. Autismus und Symbiose
3.2.1. Das Krankheitsbild der Symbiose
3.3. Borderline
3.4. Affekte
3.4.1. Affekte und Triebtheorie
3.5. Das präsymbolische Denken
3.6. Introjektion und projektive Identifizierung beim Säugling
4. Die Entstehung von Phantasie
4.1. Piaget und Lichtenberg über die Entstehung des inneren Bildes
4.2. Symbolisches Spiel
4.3. Freie und bedingte Evokation
4.4. Empirische und hypothetische Repräsentation
4.5. Unbewußte Phantasien
5. Postpiagetsche Befunde
5.1. Objektpermanenz und die Entstehung des inneren Bildes
5.2. Interaktion und ihre Repräsentierung
5.2.1. Sterns Theorie des Denkens
5.3. Interaktion und Anerkennung von Bedürfnissen
5.4 Interaktion und reziproke Anerkennung
5.5. Interaktion und primäre und sekundäre Intersubjektivität
6. Frühkindliche Entwicklung und ihre Bedeutung für die Neurosenpsychologie
6.1. Die Wahrnehmung des Säuglings
6.2. Die Gefühle des Säuglings
6.2.1. Symbolisierte und nicht-symbolisierte Gefühle
6.3. Phantasie als Grund für Neurosen und als Antriebskraft der Entwicklung
6.4. Averbale Kommunikation und Interaktion
6.5. Projektive Identifizierung als nicht-intentionale Kommunikation
6.6. Die averbale Kommunikation abgewehrter Affekte
6.7. Die Reaktion des Säuglings auf die Depressivität seiner Mutter
7. Kritik
8. Zusammenfassung
9. Reflexion
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert die Thesen von Martin Dornes zur frühkindlichen Entwicklung und hinterfragt kritisch die traditionellen psychoanalytischen Annahmen über Säuglinge im Licht aktueller Forschungsergebnisse. Das zentrale Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen dem klassischen "rekonstruierten" Kind der Psychoanalyse und dem durch moderne Studien belegten "realen", kompetenten Säugling herauszuarbeiten.
- Die Debatte zwischen traditioneller Psychoanalyse und moderner Säuglingsforschung.
- Die Entstehung von Phantasie und symbolischem Denken im frühen Kindesalter.
- Die Rolle der Objektpermanenz und Interaktionsrepräsentierung.
- Frühkindliche Interaktionsmuster und ihre Bedeutung für die spätere neurosenpsychologische Entwicklung.
- Die averbale Kommunikation und die emotionale Bedeutung von Anerkennung.
Auszug aus dem Buch
3.1. Das rekonstruierte und das reale Kind
Das rekonstruierte Kind besteht aus der Erinnerung Erwachsener an ihre Kindheit. Das reale Kind beruht auf direkten Beobachtungen. Sie unterscheiden sich stark voneinander. Einige Psychoanalytiker sind gegen die Annäherung beider Disziplinen. Sie halten es für ein wichtiges Merkmal der Psychoanalyse, dass sie Kindheitsentwicklung über das rekonstruierte Kind definiert wird.
Diese Meinung vertritt Martin Dornes nicht, da sie die Psychoanalyse weiter von Nachbardisziplinen isolieren würde. Die psychoanalytische Entwicklungstheorie sei also eine "transformierte Entwicklungspsychologie" (Herzog 1986), sie suche nicht nach entwicklungspsychologisch richtigen Ergebnissen.
Dadurch werde die Erzählung eines Erwachsenen erst deutlich ernst genommen - als psychische Realität, die zu therapeutischem Erfolg führt, obwohl - oder gerade weil - sie nicht mit der Realität verglichen wird. Das Problem an dieser Auffassung ist nach Dornes (1997), dass die psychoanalytische Entwicklungspsychologie nur nach klinischem Nutzen beurteilt wird. Es sei auch nicht bewiesen, dass Therapien erfolgreich sind, wenn ihr Gegenstand nicht der entwicklungspsychologischen Wahrheit entspricht.
Die Konsequenz sei, dass zwischen allen konkurrierenden psychoanalytischen Entwicklungspsychologien keine Auswahl mehr getroffen werden müsste, solange sie klinisch nützlich sind. Auch Sigmund Freud war der Auffassung, die psychoanalytische Kindheitsforschung könne nicht nur aus Erinnerungen Erwachsener und deren Deutung bestehen (Dornes 1997).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Werk von Martin Dornes und die Zielsetzung der Arbeit, psychoanalytische Theorien kritisch zu prüfen.
2. Martin Dornes: Biografische Skizze des Autors und Einordnung seiner Schwerpunkte in der Entwicklungspsychologie.
3. Die Debatte zwischen Säuglingsforschung und Psychoanalyse: Diskussion über die Differenz zwischen klinischer Rekonstruktion und empirischer Beobachtung.
4. Die Entstehung von Phantasie: Analyse der Bedingungen für die Entwicklung bildhaften Denkens und der Symbolfunktion.
5. Postpiagetsche Befunde: Untersuchung moderner Konzepte wie Objektpermanenz und Interaktionsrepräsentierungen.
6. Frühkindliche Entwicklung und ihre Bedeutung für die Neurosenpsychologie: Darstellung, wie frühe Interaktionen und Affekte die psychische Struktur des Kindes prägen.
7. Kritik: Persönliche Reflexion der Autorin über den Schreibstil und die theoretische Tiefe der behandelten Literatur.
8. Zusammenfassung: Synthese der Kernergebnisse und Schlussfolgerungen zur Kompetenz des Säuglings.
9. Reflexion: Kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Arbeitsprozess und dem gewonnenen Erkenntnisgewinn.
Schlüsselwörter
Säuglingsforschung, Psychoanalyse, Martin Dornes, Entwicklungspsychologie, Intersubjektivität, Projektive Identifizierung, Objektpermanenz, Phantasie, Affekttheorie, Interaktionsrepräsentierung, Neurosenpsychologie, Symbiose, Autismus, frühkindliche Entwicklung, Repräsentation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht kritisch die Bedeutung aktueller Ergebnisse der Säuglingsforschung für die psychoanalytische Theoriebildung, ausgehend von den Werken Martin Dornes'.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die Kompetenzen des Säuglings, die Entwicklung von Phantasie und Symbolik sowie die Bedeutung von frühen Interaktionserfahrungen und deren Einfluss auf die psychische Gesundheit.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Gegensatz zwischen dem in der psychoanalytischen Tradition "rekonstruierten" Kind und dem empirisch erforschten, aktiv handelnden Säugling zu verdeutlichen und die Notwendigkeit einer theoretischen Annäherung aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin wendet eine analytische Literaturstudie an, in der die zentralen Thesen von Martin Dornes zusammengefasst, gegenübergestellt und kritisch reflektiert werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine kritische Auseinandersetzung mit dem Säuglingsbild, den Bedingungen von Phantasieentstehung, postpiagetschen Erkenntnissen sowie der Bedeutung von frühen Interaktionsmustern für die Neurosenpsychologie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Säuglingsforschung, Psychoanalyse, Intersubjektivität, Objektpermanenz, Phantasie und Interaktionsrepräsentierung.
Wie unterscheidet sich das "reale" vom "rekonstruierten" Kind?
Das "reale" Kind basiert auf direkter empirischer Beobachtung und zeigt hohe Kompetenzen in Wahrnehmung und Beziehung. Das "rekonstruierte" Kind hingegen ist ein Produkt der analytischen Rückschau von Erwachsenen auf ihre eigene Kindheit.
Inwiefern beeinflusst die Depression einer Mutter den Säugling?
Laut den zitierten Forschungen übernimmt der Säugling depressive Affekte nicht durch Projektion im klassischen Sinne, sondern passt sein Verhalten an die interaktionellen, mimisch-affektiven und vokalen Ausdrucksmuster der Mutter an, was zu eigenen depressiven Tendenzen führen kann.
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- Svenja Schank (Author), 2003, Die Bedeutung der Säuglingsforschung für die Psychoanalyse nach Dornes, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/15655