Die Frühe Moderne (ca. 1890 - ca. 1930) ist, wie jede Literaturepoche durch verschiedene charakteristische Merkmale gekennzeichnet, durch die sie sich klar vom ihr voraus gegangenem Realismus abgrenzt. So steht beispielsweise in der Epoche der Frühen Moderne die Individualpsychologie besonders im Vordergrund, oft im Zusammenhang mit einem Selbstfindungsprozess, der sich während der Dramenhandlung vollzieht. Des Weiteren gewinnt der Tod eine völlig neue Bedeutung. Ist er im Realismus ein Endpunkt wird er nun vielmehr als neue Chance gesehen.
Doch viel deutlicher ist der Unterschied im Bereich der Liebe, Erotik und Sexualität zu erkennen, der in dieser Epoche relativ häufig Themenschwerpunkt wird. Es kommt in diesem Zusammenhang zu einer Neukonzeption der Erotik und einer damit verbundenen radikalen Transformation des bestehenden Werte- und Normensystems. Bewiesen wird dies beispielsweise bei dem Thema Ehebruch. Dieser wird nun nicht mehr in jedem Fall sanktioniert, wie es in Realismus traditionell der Fall war. Außerdem werden Liebeskonzeptionen wie die einer ausschließlichen, bedingungslosen, individuellen und leidenschaftlicher Liebe, genauso wie perverse Verhaltensweisen erstmals legitim, solang sie als Katalysator dienen um ein emphatisches Leben zu erreichen..
Hier soll nun untersucht werden inwieweit in Schrekers Die Gezeichneten der Bruch der bestehenden Normen und die Neukonzeption der Erotik und damit verbunden die veränderte Sicht auf die Liebe zusammen hängen. Erzwingt das dargestellte neue Werte- und Normensystem der Frühen Moderne automatisch einen veränderten Blick auf Sexualität? Welche Veränderungen der Darstellung der Erotik und Liebe, auch bezüglich der Sicht auf die Frau, gibt es im Vergleich zum Realismus und wie werden sie deutlich?
Inhaltsverzeichnis
1. Allgemeines zu dieser Oper
2. Thematische Schwerpunkte bei der Librettoanalyse der Oper
3. Kurzer Handlungsüberlick (Histoire)
4. Konfrontation zweier oppositioneller Liebeskonzepte
4.1 Tamare – personifizierte Verkörperung der Neukonzeption der Erotik
4.2 Alviano – Festhalten an alten Werten
5. Genua und Elysium – Zwei grundverschiedene Systeme von Werten und Normen und ihre Repräsentanten
6. Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht Franz Schrekers Oper "Die Gezeichneten" im Kontext der Frühen Moderne und analysiert, wie das Werk den Bruch mit traditionellen Normen sowie eine Neukonzeption von Liebe, Erotik und Sexualität thematisiert. Die Forschungsfrage fokussiert dabei auf den Zusammenhang zwischen einem gewandelten Werte- und Normensystem und der veränderten Darstellung von Sexualität und Geschlechterrollen im Vergleich zum Realismus.
- Analyse der Frühen Moderne als Literaturepoche und deren Abgrenzung zum Realismus.
- Gegenüberstellung der gegensätzlichen Liebeskonzepte durch die Protagonisten Alviano und Tamare.
- Untersuchung der topologischen Trennung zwischen der bürgerlichen Stadt Genua und der amoralischen Insel Elysium.
- Bewertung der Rolle der Frau und deren Emanzipationsansätze im Spannungsfeld zwischen Objektifizierung und eigener Triebentdeckung.
- Einfluss psychoanalytischer Ansätze (Freud) und naturwissenschaftlicher Diskurse (Darwin) auf die literarische Darstellung.
Auszug aus dem Buch
4. Konfrontation zweier oppositioneller Liebeskonzepte
In Die Gezeichneten tritt die neue Vorstellung der Erotik sehr deutlich in den Vordergrund. Bereits auf den ersten Blick, fällt die Perversität der Idee auf, eine Insel entstehen zu lassen, auf die Frauen gegen ihren Willen, zum Ausleben männlicher, sexueller Phantasien verschleppt werden. Noch dazu wurde diese Insel von einem Mann geschaffen, der aufgrund seiner eigenen Minderwertigkeitsgefühle nicht einmal selbst am Treiben dort teilnehmen will, sondern durch deren Erschaffung nur seine Gier nach Schönheit stillen wollte, sich aber ansonsten von dem sexuellen Geschehen dort stark distanziert:
„Vergesst mich, - den Krüppel- Käm der zu den Festen, so wie Ihr begehrt – er vergällte sie Euch – und statt der Luft zög das Grausen ein! […] Scheut Ihr der Entdeckung Gefahr – so meidet ihn künftig; […]“ (S. 8ff.)
Alviano begreift sich also als Störfaktor in seiner eigens geschaffenen Kunstwelt. Trotz allem wird deutlich wie sehr er sich nach Liebe, Anerkennung und der Befriedigung seiner sexuellen Wünsche sehnt. Besonders eindeutig wird dies im Zusammenhang mit Carlotta. Diese scheint er aufrichtig zu lieben. Er akzeptiert, dass ihm eine Auslebung seiner sexuellen Wünsche mit ihr verwehrt bleibt.
Der Text vermittelt der Text das Gefühl, dass der Durst nach sexueller Erfüllung nur in Zusammenhang mit Gewalt gestillt werden kann, denn „Die Schönheit sei Beute des Starken.“ (S. 6) Alviano ist – im Gegensatz zu Tamare nicht willens ist, sich Carlotta mit Gewalt zu holen, da dies weder seinem persönlichen Normenempfinden noch dem des „offiziellen“ bürgerlichen Wertesystems der Stadt entspricht. Er liegt ihr zu Füßen und würde alles für sie tun:
Zusammenfassung der Kapitel
1. Allgemeines zu dieser Oper: Einführung in die Entstehungsgeschichte der Oper "Die Gezeichneten" durch Franz Schreker und deren Einordnung in die Epoche der Frühen Moderne.
2. Thematische Schwerpunkte bei der Librettoanalyse der Oper: Erläuterung der literarischen Merkmale der Frühen Moderne, insbesondere im Hinblick auf Individualpsychologie, Tod und eine radikale Transformation des Werte- und Normensystems.
3. Kurzer Handlungsüberlick (Histoire): Kurze Zusammenfassung der Handlung, die den Konflikt um die Liebesinsel Elysium und das Schicksal der Protagonisten Alviano, Tamare und Carlotta schildert.
4. Konfrontation zweier oppositioneller Liebeskonzepte: Detaillierte Analyse der Gegensätze zwischen Alvianos platonischer Liebe und Tamares von Gewalt geprägtem Verständnis von Erotik.
5. Genua und Elysium – Zwei grundverschiedene Systeme von Werten und Normen und ihre Repräsentanten: Kontrastierung der bürgerlichen, moralisch geprägten Stadt Genua mit der amoralischen, triebgesteuerten Männerwelt auf Elysium.
6. Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse hinsichtlich des Wandels von Geschlechterrollen und der Neukonzeption von Sexualität in der Literatur der Frühen Moderne.
Schlüsselwörter
Franz Schreker, Die Gezeichneten, Frühe Moderne, Librettoanalyse, Erotik, Sexualität, Liebeskonzepte, Alviano Salvago, Tamare, Carlotta, Werte- und Normensystem, Psychoanalyse, Feminismus, Triebbefriedigung, Geschlechterrollen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Opernlibretto "Die Gezeichneten" von Franz Schreker im Kontext der Frühen Moderne und beleuchtet den gesellschaftlichen sowie moralischen Wandel in der Darstellung von Liebe und Erotik.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind der Konflikt zwischen Sinnlichkeit und Sittlichkeit, die Rolle der Frau in der Gesellschaft um 1900 sowie der Einfluss zeitgenössischer Strömungen wie der Psychoanalyse und der Evolutionstheorie auf literarische Stoffe.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es zu untersuchen, wie Schreker den Bruch mit überlieferten Normen in seinem Werk darstellt und ob das neue Werteverständnis der Frühen Moderne zwangsläufig zu einem veränderten Blick auf Sexualität führt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Librettoanalyse durchgeführt, die durch den Einbezug epochenspezifischer Kontexte (Literatur- und Kulturgeschichte) und psychoanalytischer Ansätze (Freud, Krafft-Ebing) ergänzt wird.
Welche Inhalte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil konzentriert sich auf die Gegenüberstellung der Protagonisten Alviano und Tamare, die Analyse der räumlichen Trennung zwischen Genua und Elysium sowie die Reflexion über die Rolle der Frau zwischen Unterdrückung und Selbstbestimmung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Frühe Moderne, Liebeskonzepte, Triebbefriedigung, Geschlechterrollen, Emanzipation und der Gegensatz von Sinnlichkeit und Sittlichkeit.
Inwiefern unterscheidet sich Tamare von Alviano in ihrem Verständnis von Liebe?
Während Tamare die neue, triebhafte und gewaltorientierte Erotik verkörpert, in der Frauen als Beute betrachtet werden, steht Alviano für ein idealistisches, platonisches Liebeskonzept, das auf geistiger Selbstbezwingung basiert.
Welche Bedeutung kommt der Insel "Elysium" in der Handlung zu?
Elysium dient als topologischer Gegenentwurf zur moralischen Ordnung Genuas; als amoralischer Raum ermöglicht sie die Entfesselung der Triebe und verdeutlicht das Scheitern bürgerlicher Moralvorstellungen in der Begegnung mit radikaler Freiheit.
- Citation du texte
- Stefanie Groß (Auteur), 2010, Schrekers Oper "Die Gezeichneten" - Librettoanalyse, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/156560