Organisationseffekte beim Memorieren ausführbarer Handlungen


Diplomarbeit, 2007

131 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Der Tu-Effekt
1.1 Das traditionelle Paradigma des Tu-Effektes
1.2 Besonderheiten des enactment effect und daraus abgeleitete frühe Erklärungsversuche
1.2.1 Handlungsausführung als strategiefreies Encodieren
1.2.2 Handlungsausführung als multimodales, reiches Encodieren
1.2.3 Handlungsausführung als motorisches Encodieren
1.2.4 Handlungsausführung als itemspezifisches Encodieren

2. Die multimodale Gedächtnistheorie.

3. Organisationseffekte beim Memorieren ausführbarer Handlungen.
3.1 Koriat und Pearlman-Avnion (2003)
3.2 Engelkamp und Seiler (2003)
3.3 Synthese und Zielstellung der eigenen Untersuchung.
3.4 Methode
3.4.1 Versuchsplan
3.4.2 Versuchsteilnehmer
3.4.3 Material
3.4.4 Ausrüstung und Durchführung.
3.4.5 Ergebnisse.
3.4.5.1 Erinnerungsleistung.
3.4.5.2 Kategorialer ARC-Score
3.4.5.3 Enaktiver ARC-Score.
3.4.5.4 Relativer Zugewinn
3.4.5.5 Relativer Verlust
3.4.5.6 Absolute Zugewinne und Verluste
3.4.6 Weitere Ergebnisse

4. Abschließende Diskussion

Literatur

Anhang

Zusammenfassung

Selbst ausgeführte Handlungen besitzen einen Erinnerungsvorteil gegenüber verbal gelernten Handlungsphrasen. Theoretische Erklärungen für diesen „Tu-Effekt“ werden vorgestellt und eine Gedächtnistheorie erläutert, die diese Beobachtung integrieren kann. Eine der theoretischen Kontroversen zwischen den Forscherlagern der verschiedenen Erklärungsmodelle betrifft die Gedächtnisorganisation selbst ausgeführter Handlungen. Koriat und Pearlman-Avnion (2003) behaupten, dass die Gedächtnisorganisation bei Handlungsausführung eine andere Basis habe, als die konzeptuelle verbal gelernter Phrasen. Sie unterstellen eine enaktive Organisation des zu lernenden Materials bei Handlungsausführung, nach Ähnlichkeiten in den motorischen Bewegungen und verwendeten Körperteilen. Engelkamp und Seiler (2003) teilen die weit verbreitete Ansicht, dass hervorragende itemspezifische Encodierung der Hauptgrund für den Erinnerungsvorteil selbst ausgeführter Handlungen darstellt. Sie halten die inhaltsbasierte relationale Encodierung verbaler Aufgaben für besser als die der selbst ausgeführten Handlungen und messen Item-Zugewinne als Indikatoren besserer itemspezifischer Encodierung und (geringere) Item-Verluste als Indikatoren besserer relationaler Encodierung im mehrfach wiederholten Abruf. Unter Verwendung der Liste von Koriat und Pearlman-Avnion (2003) wird deren Annahme einer enaktiven relationalen Organisation selbst ausgeführter Handlungen bestätigt und die Ergebnisse von Engelkamp und Seiler (2003) werden für absolute Messwerte repliziert.

0. Einleitung

Würde ich Sie jetzt bitten, sich möglichst genau daran zu erinnern, wie ihr heutiger Tag – vom Moment des Aufwachens bis zu diesem – abgelaufen ist und sie dann weiters bitten, ihre Erinnerungen darauf hin zu analysieren, was Ihnen alles einfiel, so würden Sie wahrscheinlich bemerken, dass die meisten Ihrer Alltagserinnerungen aus Handlungen bestehen. Handlungen scheinen auch besser erinnert zu werden als anderes Material. Obwohl die traditionelle Gedächtnisforschung nahezu exklusiv auf das Behalten und die Abfrage verbalen Materials fokussiert, beobachteten Engelkamp und Krumnacker (1980), dass das symbolische Ausführen einfacher Handlungsphrasen – etwa „sich das Haar kämmen“ – die Gedächtnisleistung für diese Phrasen bemerkenswert (62 Prozent reproduziert gegenüber 45 Prozent Erinnerungsleistung für eine verbale Standard-Behaltensinstruktion) verbesserte. Die Gedächtnisleistung nach der Ausführung war nicht nur besser als nach gewöhnlichem verbalen Lernen, sie war (in anderen Experimenten) auch besser, wenn in der Lernphase andere Personen bei der Ausführung der Phrasen beobachtet wurden. Es gibt mit anderen Worten einen zweifachen Handlungsüberlegenheitseffekt, analog zum Bildüberlegenheitseffekt. Nicht nur selbst ausgeführte Handlungen werden besser memoriert, sondern auch bei anderen Personen perzipierte. Diese Beobachtung war insofern überraschend, als sie mit keiner der etablierten Theorien zum episodischen Gedächtnis erklärt werden konnte und auch von keiner vorhergesagt wurde (Engelkamp & Zimmer, 1994). Engelkamp und Krumnacker (1980) nannten sie „ enactment effect “ (deutsch den „Tu-Effekt“), um zu betonen, dass der Effekt durch das Ausführen der Handlungen verursacht wird.

Im ersten Teil dieser Arbeit werde ich das Paradigma des Tu-Effektes vorstellen, das in neuen Untersuchungen zum Gedächtnis für Handlungen umfangreich Anwendung findet. Einige charakteristischen Besonderheiten dieses Effektes, sowie die Standard-Vergleichsbedingungen werden dabei erläutert und ein kurzer Überblick über die historische Entwicklung der wichtigen Gruppen dieses Forschungszweiges gegeben werden, wobei der Fokus auf Cohen (etwa 1985), Engelkamp und Zimmer (etwa 1985) und Bäckman und Nilsson (etwa 1985) liegen wird.

Im zweiten Teil dann wenden wir uns Erklärungsmodellen - den Versuchen einer theoretischen Integration - zu. Während der Siebziger Jahre wurden Prozess- und Codetheorien als Erklärung für episodische Performanz entwickelt und ausdifferenziert, die beide den Hintergrund für die Erklärung des Tu-Effekt bilden. Um 1980 herum wurden die drei Dimensionen „itemspezifische oder relationale Information“, „automatische oder kontrollierte Prozesse“ und „das Codiersystem“ (modalitätsspezifisch bezüglich physikalischer Charakteristiken der Stimuli) als wichtige Faktoren im episodischen Gedächtnis erachtet. Jede der verschiedenen Forschungsgruppen des Tu-Effektes fokussierte in ihrer Erklärung auf eine dieser Dimensionen, wobei praktisch keine Integrationsbemühungen stattfanden. Erst die multimodale Gedächtnistheorie (Engelkamp und Zimmer, 1994) integrierte alle drei (Multimodalität, elementspezifisch-relational, und automatisch-kontrolliert) dieser als wichtig erachteten Dimensionen in einem einzigen Ansatz, den wir kurz vorstellen wollen. Daran anschließend wenden wir uns neueren Untersuchungen von Koriat und Pearlman-Avnion (2003) und von Engelkamp und Seiler (2003) zu, die uns zu letzten Entwicklungen im Rahmen dieses Paradigmas und zur Zielstellung des Experimentes dieser Diplomarbeit führen werden. Koriat und Pearlman-Avnion (2003) wenden sich inkonsistenten Ergebnissen bezüglich der Gedächtnisorganisation beim Abruf selbst ausgeführter Handlungen zu. Die Autoren gehen davon aus, dass die Ausführung der Handlungsphrasen eben jene Basis der Gedächtnisorganisation verändert und messen enaktives, sowie konzeptuelles clustering im freien Abruf einer entsprechend (zweifach) organisierten Liste, die wiederum als Basis für das Experiment dieser Arbeit diente. Engelkamp und Seiler (2003) benutzen Messungen von Item-Zugewinnen und –Verlusten im mehrfach wiederholten freien Abruf (multiple free recall) als Indikatoren für (bessere) itemspezifische und respektiv (schwächere) inhaltsbasierte relationale Encodierung im freien Abruf selbst ausgeführter Handlungen, wobei mehr Element-Gewinne und –Verluste für diese auftraten. Das eigene Experiment adaptierte die vororganisierte Liste aus Koriat und Pearlman-Avnion (2003) und maß das clustering sowie die Indikatoren von Element-Zugewinnen und –Verlusten im mehrfach wiederholten freien Abruf analog zu Engelkamp und Seiler (2003). Nur wenige Untersuchungen liegen bisher zum mehrfach wiederholten Abruf vor.

1. Der Tu-Effekt

Wie wir bereits in der Einleitung festgestellt haben, besteht die Mehrheit unserer Alltagserinnerungen aus Handlungen. Sie würden also bei meiner Eingangs formulierten Bitte sehr wahrscheinlich eine Reihe von Aktivitäten erinnern. Auf den ersten Blick scheint der einzige - offenkundige - Unterschied zu gewöhnlich im Labor gelerntem Material ein anderer Inhalt zu sein. Prinzipiell mag man diese Art von Erinnerung aber zu Standard-Erinnerungsbedingungen vergleichbar erwarten. In diesen Situationen jedoch erinnert sich der Gefragte an Dinge, die er oder sie aktiv geschaffen haben. Deshalb müssen gewöhnlich Handlungen erinnert werden und zusätzlich waren diese Handlungen selbst ausgeführt. In Laborexperimenten bekommen die Partizipanten gewöhnlich die Rolle des Beobachters zugewiesen, der nur zu erfassen und sich einzuprägen hat, was ihnen der Versuchsleiter exponiert hat. Koriat und Goldsmith (1996) benutzen für diesen traditionellen Ansatz die Metapher des Lagerhauses, in der das Gedächtnis einen Verwahrungsort für Input-Elemente darstellt. Im Gegensatz dazu erinnern Menschen im Alltagsleben - zumindest außerhalb bildungserzieherischem Kontext - oft Output-Elemente. Sie unternehmen Handlungen, um ihre Umwelt zu verändern und um ihre Ziele zu erreichen und die Erinnerung an diese Handlungen ist ein Nebenprodukt der abgeschlossenen Implementierung. Sich zu erinnern jedoch, was getan werden soll, getan wurde - oder auch nicht - sind Voraussetzungen einer erfolgreichen Integration in der Umwelt. Das Handlungsgedächtnis ist deshalb von großer ökologischer Wichtigkeit und es wäre insofern nicht sonderlich überraschend, sollte das menschliche Gedächtnis besonders ausgelegt sein, um Handlungen zu erinnern. Es könnte sein, dass Handlungen der typische Gedächtnisinhalt sind, für den das episodische Gedächtnissystem entstand und Glenberg (1997) spekuliert sogar, dass das Gedächtnis aus der Notwendigkeit heraus entstand, handlungsrelevante Information zu behalten.

Ein Großteil der Alltagserinnerungen kann durch mindestens drei Aspekte charakterisiert werden, die besonders für diese sind und unterschiedlich zur üblichen Situation in der Standard-Labor-Gedächtnisforschung: Erstens sind Alltagserinnerungen Erinnerungen an Situationen, in denen Menschen aktiv waren. Sie waren eher selten passive Beobachter einer Situation, in der sie nur einen präsentierten Input zu erfassen hatten. Zweitens war die Erzeugung dieser Gedächtnisspuren meistens unwillentlich. Ein Mensch wird selten eine bewusste Anstrengung unternehmen, um eine Handlung zu erinnern, die er oder sie ausgeführt hat. Die Erinnerung an diese Aktivitäten scheint eher "automatisch" zu sein. Drittens ist das Handlungsgedächtnis eine Aufzeichnung von Input- und Output-Elementen, nicht nur von aufgenommener Information, sondern auch von offenen und verdeckten (Re) -aktionen, die ausgeführt wurden (Zimmer und Cohen, 2001).

1.1 Das traditionelle Paradigma des Tu-Effektes

Die bis hierhin herausgearbeiteten Unterschiede zwischen Alltagserinnerungen und der Standard-Labor-Gedächtnisforschung sollten zum Verständnis dessen genügen, dass der Tu-Effekt ein besonderes Phänomen in der Gedächtnisforschung darstellt. Nun wollen wir uns dem Standard-Paradigma seiner Erforschung zuwenden, bevor wir seine Besonderheiten eingehender beleuchten. In den frühen Achtziger Jahren begannen zwei Forschergruppen (Engelkamp und Krumnacker, 1980 und Cohen, 1981) unabhängig voneinander, die Erinnerungen an selbst ausgeführte Aufgaben zu untersuchen. Im Mittelpunkt der Experimente stand der folgende Vergleich: Eine Gruppe von Probanden hörte den Handlungsphrasen nur zu (verbal task, im Folgenden VT), während eine andere Gruppe sowohl zuhörte, als auch die Handlungen der einzelnen Aufgaben ausführte (self-performed task, im Folgenden SPT). Die zweite Gruppe erinnerte im freien Abruf (free recall) einen wesentlich höheren Anteil des gesamten Materials. In dieser frühen Phase beinhaltete das Forschungsparadigma die folgenden Charakteristika konsistent: identische Listen von Handlungsphrasen wurden lediglich gehört (in VT) und zusätzlich ausgeführt (in SPT), die beiden Encodierungsbedingungen wurden zwischen Probanden variiert und es handelte sich um intentionale Lernsituationen. Gewöhnlich lag die Präsentationsrate für die einzelnen Phrasen bei fünf Sekunden und das Gedächtnis für die Handlungen wurde per free recall gemessen, seltener durch einen Wiedererkennungstest. Besondere Variablenfaktoren waren die Listenlänge (die zwischen 12 und 48 Elemente variierte) und die Art der Handlungsphrasen, die diese Listen beinhalteten. Diese konnten gemischt (mit körperbezogenen Elementen, wie etwa "mit dem Kopf nicken" und mit objektbezogenen Elementen, wie etwa "eine Pfeife rauchen") oder unvermischt sein. Die Objekte der SPT-Bedingung waren entweder präsent, oder sie waren imaginativer Natur, in welchem Fall man von symbolischer Performanz sprach. Die Handlungsphrasen wurden entweder im Imperativ ("binde das Kabel") oder im Infinitiv ("das Kabel binden") präsentiert, wobei Helstrup und Molander (1996) zeigen konnten, dass diese Variation den Tu-Effekt nicht beeinflusst. Unter allen verschiedenen Bedingungen (kurze/lange Listen, unvermischte/gemischte Listen, reale/vorgestellte Objekte) wurde der Tu-Effekt gleichermaßen beobachtet, es handelt sich also um einen extrem robusten Effekt. Im Wiedererkennenstest wurde noch kein Experiment bekannt, in dem der Tu-Effekt ausblieb, solange die Leistung nicht schon in der VT-Bedingung nahe bei 100 Prozent lag und insofern keine Steigerung mehr möglich war (Engelkamp, 1997).

Eine Erweiterung des Standard-Paradigmas von Engelkamp und Krumnacker (1980) geschah früh durch das Hinzufügen einer dritten Vergleichsbedingung, in der die Probanden die Handlungsphrasen vom Versuchsleiter vorgemacht bekamen (Cohen, 1981). Diese Bedingung erhielt die Bezeichnung EPT für experimenter performed task. Mulligan und Hornstein (2004) etwa vergleichen nur noch die Bedingungen EPT und SPT, die Bedingung VT entfällt, da ihrer Meinung nach der Tu-Effekt angemessener durch einen EPT versus SPT-Vergleich als durch einen SPT versus VT-Vergleich erfasst wird. Im Ersteren stimmen die Konditionen der „Nicht- enactment -Faktoren“ der einzelnen Elemente (etwa Anwesenheit des Objektes) genauer überein, wie es zur Begründung heißt.

1.2 Besonderheiten desenactment effectund daraus abgeleitete frühe Erklärungsversuche

1.2.1 Handlungsausführung als strategiefreies Encodieren

Cohen (1981) instruierte seine Probanden, eine Serie von Miniaturhandlungen für einen anschließenden Gedächtnistest auszuführen, die entweder ein oder zwei vom Versuchsleiter eingebrachte Objekte oder kein Objekt enthielten. Mit dieser Aufgabe beobachteten Cohen (1981, 1983), Cohen und Bean (1983) und Cohen und Stewart (1982) einige Abweichungen von etablierten "Gedächtnisgesetzen", die für verbales Material gelten. Zuerst demonstrierte Cohen (1981), dass der gewöhnlich auftretende Effekt der Manipulation der Verarbeitungstiefe (Craik und Tulving konnten den Effekt für verbales Lernen 1975 beobachten) auf den recall von SPTs nicht applizierbar war (Bäckman, Nilsson und Chalom, 1986). Der Effekt der Verarbeitungstiefe (levels of processing) geht auf den Ansatz von Craik und Lockhart (1972) zurück. Er besteht darin, dass Items, die aufgrund einer entsprechenden Instruktion „tief“, das heißt semantisch verarbeitet werden, besser erinnert werden, als solche, die nur „flach“, also nicht semantisch verarbeitet werden. Ein zweiter Unterschied zwischen verbalem recall und dem von SPTs ist, dass der reliable primacy -Effekt, der mit dem free recall von verbalem Material verbunden wird, im SPT- recall nicht auftrat (Cohen, 1981, 1983; Cohen und Bean, 1983; und Cohen und Stewart, 1982). Der primacy -Effekt, also die Beobachtung, dass zuerst dargebotene Elemente im free recall häufiger genannt werden, wird darauf zurückgeführt, dass die zuerst dargebotenen Elemente häufiger wiederholt und deshalb besser encodiert werden können als die später dargebotenen. Der recency -Effekt - die Beobachtung also, dass die zuletzt dargebotenen Elemente im free recall häufiger genannt werden - wird auf den akustischen Kurzzeitspeicher zurückgeführt. Die zuletzt dargebotenen Elemente befinden sich noch darin und können aus diesem Speicher abgerufen werden, ohne wiederholt und langfristig gespeichert zu sein (Glanzer und Schwartz, 1971; Rundus, 1971). Beide Effekte zusammen führen zum Phänomen der serialen Positionskurve: Elemente der mittleren Darbietungsposition werden im free recall weniger häufig genannt. Der Effekt der Verarbeitungstiefe und der serialen Positionskurve werden dadurch erklärt, dass mehr behalten wird, wenn besser encodiert wird und dass bessere Encodierung durch wiederholte und intensive Beschäftigung mit den zu lernenden Elementen erreicht wird. Unterstützt wird diese Annahme durch die Beobachtung, dass die Behaltensleistung vom Alter und der Intelligenz der lernenden Person abhängt. Je intelligenter Personen sind, um so besser sind sie in der Lage, aktiv - das heißt kontrolliert - zu encodieren, und um so besser ist ihr Behalten. Ähnliches gilt für das Alter, nur dass hier die Beziehung kurvilinear ist. Die Fähigkeit zum aktiven Encodieren und damit dem Behalten nimmt zunächst mit dem Alter zu und im höheren Alter wieder ab (Craik und Jennings, 1992). Intelligenz- und Alterseffekte zeigten sich wie erwartet unter Hören, aber nicht unter Tun (Cohen und Steward, 1982).

Die Ergebnisse seiner ersten Studie 1981 führten Cohen zu der Annahme, dass die Handlungsausführung mit automatischer Encodierung gleichzusetzen ist, dass die Encodierprozesse unter Tun nichtstrategisch sind, d. h. automatisch ablaufen. Deshalb könne verbales Lernen durch den Einsatz von strategischen Encodierprozessen verbessert werden, Lernen unter Tun jedoch nicht. Cohen (1981) nahm an, dass die Encodiermechanismen "verbaler Gedächtnismodelle" von geringer Bedeutung im SPT- recall sind. Für verbales Lernen konnte gezeigt werden, dass aktive Encodierprozesse umso mehr eingesetzt werden, je mehr Zeit zum Encodieren zur Verfügung steht. Murdock (1960) und Glanzer und Cunitz (1966) zeigten für Wortlisten, dass der free recall umgekehrt proportional zur Darbietungsrate war. Cohen (1985) konnte zeigen, dass die Darbietungsrate für das Behalten unter Tun unkritisch ist. Automatische Prozesse werden insgesamt als weniger zeitabhängig als strategische Prozesse angenommen.

Die bisher aufgeführten Befunde unterstützen die Annahme, dass Encodieren unter Tun automatisch erfolgt, strategiefrei ist und kontrollierte Elaboration keine Rolle spielt. Sie lassen aber nicht erkennen, ob ausschließlich automatische Prozesse stattfinden, oder ob zusätzlich kontrollierte Prozesse stattfinden, die aber unter Tun nicht behaltenswirksam sind. Es zeigt sich aber für ausgeführte Handlungsphrasen im Gegensatz zum verbalen Encodieren kein Generierungseffekt, der als Effekt der konzeptuellen Elaboration verstanden wird (Gardiner, Gregg und Hampton, 1988) und darin besteht, dass von den Probanden selbst erzeugte Wörter (etwa durch Lösung von Anagrammaufgaben oder Ergänzung von Wortfragmenten) einen Erinnerungsvorteil im free recall bei verbalem Lernen besitzen. Das heißt, auch wenn elaboriert wird, nützt es nach Tun wenig. Der fehlende Elaborations- und Generierungseffekt nach Tun spricht also ebenfalls gegen strategisches Encodieren als Basis des Erinnerns unter dieser Ausführungsbedingung. Cohen (1983) verweist auf ein Kontinuum von Gedächtnisereignissen, ähnlich dem von Hasher und Zacks (1979) vorgeschlagenen, das sich von genetisch "vorbereiteten", automatischen Prozessen (die keine Aufmerksamkeit brauchen) durch automatische Prozesse (die sich durch das Mittel der Übung entwickelt haben) hin zu willentlichen Operationen (die Aufmerksamkeit benötigen) erstreckt. In dieser Annahme geht er davon aus, dass der Gebrauch von Strategien (wie etwa bei verbalem Lernmaterial) höchst willentlich erfolgt und die Abwesenheit solcher auf eine Automatisierung in der Encodierung hindeutet (Bäckman, Nilsson, und Chalom, 1986).

Zum Nachweis kontrollierter Prozesse verwendet man das Paradigma der Doppelaufgaben. Zwei Aufgaben, die gleichzeitig auszuführen sind und beide kontrollierte Prozesse beanspruchen, sollten sich wechselseitig stören, was man auch als zentrale Interferenz bezeichnet (davon abzugrenzen ist strukturelle Interferenz. Sie geht darauf zurück, dass das gleiche strukturelle System mehrfach kurz nacheinander genutzt wird. Dies führt zu einer herabgesetzten Effizienz der Encodierprozesse, die Prozesse „verrauschen“ und damit sinkt die Diskriminierbarkeit der dazugehörigen Gedächtnisspuren). Aufgaben, die auf automatischen Prozessen beruhen, sollten durch Nebenaufgaben nicht störbar sein. Bäckman, Nilsson und Chalom (1986) überprüften den recall organisierter Listen unter Hören und Tun sowie einer Störaufgabe während des Lernens (Rückwärtszählen), die den recall unter Hören stärker störte. Dass unter Tun automatisch encodiert wird, erklärt jedoch noch nicht, warum diese Encodierung so gut ist. Nach dem Konzept der strategischen Encodierung wäre das genaue Gegenteil zu erwarten: nämlich das strategische Encodierprozesse effizienter sind als automatische (Engelkamp, 1997). Die Hypothese der Forschergruppe Bäckman, Nilsson und Chalom (1986) zum Encodieren unter Tun kann dieses Dilemma beenden.

1.2.2 Handlungsausführung als multimodales, reiches Encodieren

Bäckman, Nilsson und Chalom (1986) kommen aufgrund einer eigenen Serie von Experimenten zu einer unterschiedlichen Schlussfolgerung bezüglich der Encodierung von SPTs. Sie finden Unterschiede auf zwei fundamentalen Dimensionen - per analytischen Vergleich der Gedächtnisaufgaben unter verbaler und auszuführender Bedingung. Erstens, so Bäckman, Nilsson und Chalom (1986), sind SPTs multimodal in dem Sinne, dass während des Encodierens verschiedene sensorische Systeme beteiligt sind. Durch das laute Lesen der Aufgaben (bei Bäckman, Nilsson und Chalom, 1986 liest der Versuchsleiter die Aufgaben vor der Ausführung vor) wird die Information auditorisch präsentiert. Das visuelle System wird durch die Präsentation, respektive Ausführung der Aufgaben miteinbezogen. Die Probanden werden instruiert motorisch zu handeln und folglich werden motorische Systeme aktiviert. Überdies bringen einige SPTs (etwa "das Parfüm riechen" oder "die Rosine essen") Aktivität im olfaktorischen und gustatorischen System mit sich. Zweitens beinhaltet jeder SPT eine Vielfalt von Eigenheiten, auf der das Encodieren basieren kann. Über die verbalen Merkmale hinaus gibt es Eigenheiten der Farbe, Form, Textur und des Geräusches; da die Probanden ja angewiesen wurden, motorisch zu handeln, sind auch solche Merkmale vorhanden. Einige dieser Eigenheiten (etwa Form oder motorische Besonderheiten) sind nominal in zwei Modalitäten präsent, wogegen andere (etwa Farbe oder Textur) modalitätsspezifisch sind. Für Bäckman, Nilsson und Chalom (1986) ist es offensichtlich, dass die multimodalen und kontextuell reichen Bestandteile der SPTs diese vom Standard verbaler Gedächtnisaufgaben unterscheiden - in denen die Präsentation typischerweise unimodal ist und die Anzahl der Eigenheiten auf semantische, phonetische und grafische Aspekte des Materials beschränkt bleibt. So können in einer selbst auszuführenden Aufgabe mindestens zwei Arten von Information gespeichert werden: die verbalen Anweisungen und die motorischen Handlungen. Im Falle verbaler Gedächtnisaufgaben ist nur der erste Typ von Information verfügbar.

Bäckman, Nilsson und Chalom (1986) stimmen Cohen (etwa 1981, 1983) zu, dass die Handlungskomponente der SPTs wahrscheinlich automatisch encodiert wird, sie wenden jedoch darüber hinaus ein, dass die verbale Komponente der SPTs - gleich der von verbalen Gedächtnisaufgaben - Gegenstand strategischer Encodieroperationen ist. Die Autoren führen zwei Beweise für diese Annahme an.

Erstens maßen sie (1985) das clustering von SPTs und verbal präsentierten Phrasen unter dem Aspekt mit/ohne Objekt und fanden, dass die Probanden unter Tun tatsächlich statistisch bedeutsam nach diesem Aspekt organisierten (ARC > .50 gegenüber ARC ~ .20 für verbales Material. ARC steht für Adjusted Ratio of Clustering. Dieser Score geht auf Roenker, Thomson und Brown (1971) zurück und wurde von diesen konstruiert, um das Ausmaß zu bestimmen, zu dem Probanden ihre Gedächtnisleistung im free recall entlang der kategorialen Struktur des zu lernenden Materials organisieren. Je höher dieser Score ist, um so besser ist die kategoriale Struktur der Liste encodiert. Ein ARC-Score von Null ist mit zufälliger Organisation gleichbedeutend. Ein Score von Eins respektiv mit perfekt replizierter Struktur des zu lernenden Materials). Um potenzielle Unterschiede in der Organisation von SPTs und Sätzen zu untersuchen, konstruierten Bäckman, Nilsson und Chalom (1986) eine Itemliste, die nach fünf semantischen Kategorien (mit je fünf untergeordneten Vertretern) organisierbar war. Vier der Kategorien waren Handlungen mit Objekten (Kleidungsstücke, Spielzeuge, Küchengeräte und Papier und Bleistift), die fünfte Kategorie umfasste körperbezogene Handlungen. Im ersten Experiment wurde diese Liste den Probanden unter Hören und Tun (mit realen Objekten), mit oder ohne Störaufgabe dargeboten. In der VT-Bedingung wurden die Phrasen mit einem Diaprojektor gezeigt und vom Versuchsleiter vorgelesen. In der SPT-Bedingung instruierte der Versuchsleiter die Probanden, was zu tun sei und präsentierte dabei das dazu benötigte Objekt. Die Darbietungsrate für beide Bedingungen war fünf Sekunden, mit einem Interstimulusintervall von einer Sekunde. In der Ausführungsbedingung wurde mehr behalten als unter Hören und die Störaufgabe beeinträchtigte stärker unter Hören. Tabelle 1.1 stellt die relative Behaltensleistung von Experiment 1 dar. Die Probanden erinnerten signifikant mehr SPTs und VTs unter der Bedingung der ungeteilten Aufmerksamkeit, die signifikante gewordene Interaktion war auf einen stärkeren Rückgang des VT– recall zurückzuführen. Tabelle 1.2 stellt den dazugehörigen ARC-Score dar. SPTs waren signifikant zu einem höheren Grad als VTs organisiert, die Interaktion war jedoch nicht signifikant geworden.

Tabelle 1.1

Relative Behaltensleistung in Prozent im free recall von SPTs und VTs mit und ohne Störaufgabe in Experiment 1 von Bäckman, Nilsson und Chalom (1986)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1.2

Durchschnittlicher ARC-Score im free recall von SPTs und VTs mit und ohne Störaufgabe in Experiment 1 von Bäckman, Nilsson und Chalom (1986)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Nach Bäckman, Nilsson und Chalom (1986) demonstrieren diese Daten einen eindeutigen Effekt der Aufmerksamkeitsmanipulation: Die Erinnerungsleistungen für VTs und SPTs verringerten sich beachtlich unter der Bedingungsmanipulation der geteilten Aufmerksamkeit (Störaufgabe). Nach Hasher und Zacks (1979) – so die weitere Argumentation - sollte eine willentlich durchgeführte (Stör-)Aufgabe nur mit anderen willentlichen Operationen interferieren, nicht aber mit automatischen Prozessen. Die vorliegende Tatsache - dass sowohl VTs als auch SPTs unter der Bedingungsmanipulation der geteilten Aufmerksamkeit beeinträchtigt wurden - lege also nahe, dass strategische Encodierungskomponenten in beiden Aufgabentypen involviert sind. Die überlegene Organisation der SPTs führen Bäckman, Nilsson und Chalom (1986) auf die multimodale und kontextuell reichen Encodiermöglichkeiten dieser Gedächtnisaufgabe zurück. Sie nehmen an, dass eben diese die Möglichkeiten der Detektion und des Gebrauchs übergeordneter Kategorien (auf denen die Organisation basieren kann) erweitern und dieser hohe Grad an „Organisierbarkeit“ der SPTs den beeinträchtigenden Effekten der geteilten Aufmerksamkeit entgegen wirke. Die verbale Information wird also nicht automatisch, sondern strategisch encodiert und stellt die Information zur Verfügung, die die Organisation der Listen ausmacht.

Zweitens sei es in der Gedächtnisliteratur wohl bekannt (siehe Murdock, 1974 für einen Überblick), dass die Asymptote der serialen Positionskurve sensitiv für verschiedene Organisationsvariablen ist, sodass einfacher zu organisierendes Lernmaterial (im Falle der SPTs also um multimodale und kontextuell reiche Encodiermöglichkeiten erweitertes) deren Gesamtniveau erhöht. Sie untersuchten Cohens (Cohen, 1981; Cohen und Stewart, 1982) sowie ihre eigenen Daten (Bäckman und Nilsson, 1984, 1985) auf diesen Aspekt hin und fanden die Ebene der Asymptote allgemein höher für SPTs als für verschiedene verbale Kontrollaufgaben, was die Einebnung der gesamten Vor- recency -Sektion der serialen Positionskurve bewirkt. Sie merkten - diese Argumentation abschließend - an, dass die Abwesenheit eines primacy -Effektes relativ zur Asymptote noch nicht notwendigerweise die Abwesenheit strategischer Encodierprozesse bei SPTs bedeutet.

Mit ihrem Konzept der multimodalen, reichen Encodierung haben Bäckman, Nilsson und Chalom (1986) die Erklärung der Effekte für die Gedächtnisleistung nach Tun wesentlich differenziert und eine plausible Erklärung dafür angeboten, warum die Encodierung durch Tun so gut ist. Die wesentlichen Erweiterungen und Differenzierungen dieser Position gegenüber derjenigen von Cohen (zum Beispiel 1985) bestehen erstens darin, unter Tun eine doppelte Encodierung von verbaler und nonverbaler Information anzunehmen und zweitens die strategische Encodierung auch unter Tun zuzulassen, aber eben nur für die verbale Komponente. Drittens den Reichtum und multimodalen Charakter der nonverbalen Encodiermöglichkeiten zu unterstreichen, die zusammen das zentrale Argument dafür liefern, dass Handlungsphrasen nach Tun besser behalten werden als etwa nach Hören (Engelkamp, 1997). Abgesehen davon bleibt die begriffliche Unterscheidung automatisch versus kontrolliert noch am wenigsten scharf gefasst, was nichts an ihrer Wichtigkeit ändert. Engelkamp (1997) erscheint der Bewusstseins- und Intentionsbegriff zentral für diese Unterscheidung, wobei nicht alles, was bewusst registriert wird, auch intentional registriert wird (siehe Shiffrin und Schneider, 1977). Es muss im Einzelfall berücksichtigt werden, ob und unter welchen Bedingungen die Encodierprozesse stimulusinduzierter (also automatischer) oder intentionaler Natur sind (Engelkamp und Zimmer, 1994). Engelkamp und Zimmer wiederum (z. B. 1985), deren Untersuchungen und Erklärung des Tu-Effektes wir uns nun zuwenden wollen, haben dagegen die Vorstellung automatischer und strategischer Prozesse außen vor gelassen und die Idee modalitätsspezifischer Systeme und Encodierprozesse zum Ausgangspunkt genommen (Engelkamp, 1997).

1.2.3 Handlungsausführung als motorisches Encodieren

Ähnlich zu Bäckman und Nilsson (1984, 1985; Bäckman, Nilsson und Chalom, 1986) oder vorher schon Paivio (1971, 1986) in seiner dualen Codetheorie, unterscheiden Engelkamp und Zimmer (z. B. 1985) zwischen verbalen und nonverbalen Encodierprozessen. Der Fokus von Paivio`s (z. B. 1986, Kapitel 4) dualer Codetheorie liegt auf der (nonverbalen) visuellen Verarbeitung und fast alle diesbezüglichen Experimente beziehen sich auf diese. Paivio behauptet in seiner dualen Codetheorie, dass es grundsätzlich einen verbalen und einen nonverbalen Code gibt und dass die Gedächtnisleistung auf einem allein oder auf beiden Codes basieren kann. Wird verbales Material präsentiert, stützen sich die Probanden hauptsächlich auf das verbale System und wird nonverbales - bildliches Material - präsentiert, stützen sie sich eher auf das nonverbale System. Der Bildüberlegenheitseffekt wird zum Teil durch diese Unterscheidung erklärt, das nonverbale System wird als effizienter als das verbale angenommen (Engelkamp, 2001). Wie Bäckman und Nilsson gehen Engelkamp und Zimmer (1994) bei den nonverbalen Prozessen von einer multimodalen Encodierung aus. Im Gegensatz zu Bäckman und Nilsson (1985) oder Paivio (1986) fokussieren sie jedoch auf motorische Encodierprozesse und schreiben den Tu-Effekt dieser motorischen Encodierung zu. Der zentrale Aspekt der Encodierung von Handlungen unter der Ausführungsbedingung liegt für sie darin, dass diese bei der Ausführung geplant und ihre Ausführungen initiiert werden müssen. Der wesentliche Unterschied zur Position von Bäckman und Nilsson (etwa 1986) besteht also darin, dass dort alle sensorischen und motorischen Merkmale zum Tu-Effekt beitragen, bei Engelkamp und Zimmer (1994) jedoch nur die motorischen Merkmale. Engelkamp und Zimmer unterscheiden im Prozess des Encodierens drei Phasen: eine sensorische, eine konzeptuelle und eine motorische. Die sensorischen Encodierprozesse hängen entscheidend von der Reizmodalität ab. Verbale Reize lösen verbal-sensorische Encodierprozesse aus und führen zur Aktivierung der entsprechenden Repräsentationen im verbalen System, dem mentalen Lexikon. Engelkamp und Zimmer (1994) nennen diese Repräsentationen Wortmarken. Entsprechend bezeichnen sie die durch Bildreize - also von visuell-sensorischen Encodierprozessen - aktivierten Repräsentationen Bildmarken, die im Großen und Ganzen den Images oder Vorstellungsbildern bei Paivio (1971, 1986) entsprechen. In Paivio`s dualer Codetheorie jedoch sind beide Code-Systeme semantischer Natur - das verbal-semantische und das nonverbal-semantische oder visuell-semantische. In Engelkamp und Zimmers Konzeption tragen die Bildmarken dagegen "noch" keine semantische Bedeutung. Die mit der Wort- und Bildmarke verbundene Bedeutungsrepräsentation (das Konzept genannt) ist im konzeptuellen System repräsentiert und wird von diesen Marken aus aktiviert. Sollen die Probanden die mit der Phrase bezeichnete Handlung ausführen, so wird - in der Vorstellung von Engelkamp und Zimmer (1994) - zusätzlich ein entsprechendes motorisches Programm aktiviert. Jene Bewegungen werden dann geplant und programmiert, die die Handlung charakterisieren und schließlich wird das Programm ausgeführt und als "ausgeführt" markiert (Engelkamp, 1997). Der wesentliche Unterschied zu Bäckman und Nilsson (1985), die den Tu-Effekt auf die multimodale, also sensorische und motorische Encodierung zurückführen, ist also noch einmal, dass für Engelkamp und Zimmer (1994) der Tu-Effekt allein auf die motorische Encodierung zurückgeht. Deshalb verwendeten sie in ihren Experimenten keine realen Objekte, sondern ließen die Handlungen symbolisch - mit vorgestellten Objekten - ausführen.

Die Hypothese der motorischen Encodierung ließe sich prüfen, indem man untersucht, ob der Tu-Effekt auch dann auftritt, wenn die Handlungen nur vorgestellt sind. Sowohl im free recall beim Paar-Assoziationslernen (Engelkamp, 1991b, 1995c) als auch beim Listenlernen (Ecker und Engelkamp, 1995; Knopf, 1992, Experiment 8) zeigen sich nach Ausführung der Handlung bessere Leistungen, als nach vorgestellten Eigenhandlungen (Selbstvorstellung). Überdies ist der free recall nach Selbstvorstellung beim Listenlernen (Ecker und Engelkamp, 1995) besser als nach bloßem Hören. Versteht man die Vorstellung einer Handlung als äquivalent zur Handlungsplanung, sprächen diese Befunde dafür, dass Planen zwar das Behalten einer Handlung verbessert, aber nicht im gleichen Umfang wie Planen und Ausführen. Einerseits führt die Selbstvorstellung zu einer ähnlichen Fokussierung auf handlungsrelevante Information, wie das tatsächliche Ausführen selbst (genauer unter 1.2.4 und 2.) - beide Bedingungen zeigen vergleichbar schlechte Leistungen im cued recall (Engelkamp, Mohr und Zimmer, 1991). Sie ist in beiden Fällen schlechter als nach der Vorstellung der Handlung durch eine andere Person – der Fremdvorstellung (Engelkamp, 1995c). Andererseits bleibt die gute Behaltensleistung für selbst ausgeführte Handlungen im free recall bei der Selbstvorstellung aus. So wenig, wie das Planen allein für den Effekt ausreicht, so wenig reicht also die Selbstvorstellung. Beide Phänomene legen die Annahme nahe, dass erst die Handlungsausführung selbst der Gedächtnisspur jene gute Diskriminierbarkeit verleiht, die den Tu-Effekt begründet (Engelkamp, 1995).

In ihren Experimenten konzentrierten sich Engelkamp und Zimmer jedoch zunächst auf eben jenen Nachweis, dass der Tu-Effekt tatsächlich auf motorischen und nicht auf visuell-sensorischen Prozessen beruht. Sie verwendeten hierzu das Paradigma der Doppelaufgaben, das auch zum Nachweis kontrollierter Prozesse (zentrale Interferenz, siehe Punkt 1.2.1) Anwendung findet. Zimmer, Engelkamp und Sieloff (1984) verwendeten dazu in ihrem ersten Experiment das Interferenzparadigma - jedoch nicht zum Nachweis zentraler, sondern struktureller Interferenz. Das Paradigma der selektiven strukturellen Interferenz beruht auf der Annahme, dass sich Verarbeitungsprozesse innerhalb eines Systems wechselseitig mehr stören, als Prozesse verschiedener Systeme. Die Annahme verschiedener Repräsentationstypen, wie Wort- und Bildmarken, Konzepten oder motorischer Programme impliziert die Annahme getrennter Systeme, in dem die Einheiten repräsentiert sind und in denen die Prozesse auf diesen Einheiten ablaufen. Wenn also motorische Programme für den Tu-Effekt entscheidend sind, sollte die zeitlich benachbarte Verarbeitung zusätzlicher motorischer Informationen den Tu-Effekt selektiv - eben strukturell interferierend - beinträchtigen. Das Behalten nach Tun sollte also unter diesen Bedingungen stärker beeinträchtigt werden als bei der Verarbeitung zusätzlicher visueller Information (Engelkamp, 1997). Die Encodierung in SPTs war in vielen Experimenten im Rahmen des Interferenzparadigmas (Saltz und Donnenwerth-Nolan, 1981; Zimmer und Engelkamp, 1985; Zimmer, Engelkamp und Sieloff, 1984) tatsächlich durch motorische Störaufgaben selektiv beeinträchtigt.

Weitere Unterstützung erfuhr die Position der motorischen Encodierung in zwei Experimenten von Engelkamp, Zimmer, Mohr und Sellen (1994). Sie erwarteten, dass der übliche SPT-Effekt im Wiedererkennenstest stärker würde, wenn die Probanden die Handlungen auch während der Testphase ausführten. Die Prinzipien des transfer-appropriate processing (etwa Jacoby, 1991; Roediger, 1990; Roediger und Guynn, 1996) und der Encodierspezifität (Tulving und Thomson, 1973) legen nahe, dass sich die Leistungen in einem Wiedererkennenstest verbessern, wenn einige der ursprünglichen Lernbedingungen bei der Testung wieder auftreten. „ performance on memory tasks benefits to the extent that cognitive operations at test recapitulate (or overlap) those engaged during initial learning “ (Roediger, 1990). So sollte die Wiedererkennensleistung nach SPT-Lernen also verbessert werden, wenn die Probanden vor der Entscheidung bezüglich der Wiedererkennung die Phrasen ausführen sollen. Das Ausführen während der Testung sollte keinen positiven Effekt nach VT-Lernen haben, da die per Ausführung vertriebene motorische Information in diesem Fall nicht encodiert war. Im ersten Experiment erhöhte das (erneute) Ausführen bei Testung die Wiedererkennensleistung der Probanden unter der Bedingung SPT: durchschnittlich 93 Prozent im Vergleich zu 84 Prozent im verbalen Wiedererkennenstest. Das (erneute) Ausführen bei Testung hatte - wie erwartet - jedoch keinen Effekt nach VT-Lernen: durchschnittliche 71 Prozent Wiedererkennensleistung gegenüber 72 Prozent im verbalen Wiedererkennenstest. Das die Wiedererkennung durch das Ausführen bei Testung verbessert wurde, reflektiert nach Engelkamp, Zimmer, Mohr und Sellen (1994) eine größere Prozessüberlappung - für den Fall, dass die Probanden während der Lern- und Testphase die Handlungen ausführten. Die Tatsache, dass die verbale Lernbedingung nicht vom Ausführen bei der Testung profitiere, demonstriere überdies, dass die per Ausführung bei Testung vertriebene Information nach verbalem Lernen nicht verfügbar ist. Es wird per SPT also Information encodiert - die sich durch eine Testung per SPT abrufen lässt - die nicht durch VTs encodiert wird. Die Autoren schließen, dass es die motorische Information ist, die die Wiedererkennung nach SPT-Encodierung verbessert.

Das zweite Experiment sollte weitere Unterstützung für die Interpretation bringen, dass die Effekte der Handlungsausführung bei Testung durch die motorische Information mediiert werden. transfer-appropriate motorische Verarbeitung sollte hoch sein, wenn dieselbe motorische Bewegung für eine Handlung während der Lern- und Testphase ausgeführt wird. Dieselbe Verarbeitung sollte entsprechend

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Ende der Leseprobe aus 131 Seiten

Details

Titel
Organisationseffekte beim Memorieren ausführbarer Handlungen
Hochschule
Universität Trier
Note
1
Autor
Jahr
2007
Seiten
131
Katalognummer
V156608
ISBN (eBook)
9783640697441
ISBN (Buch)
9783640697199
Dateigröße
2870 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Koriat und Pearlman-Avnion (2003), Engelkamp und Seiler (2003), Tu-Effekt, enactment effect
Arbeit zitieren
Diplom-Psychologe Markus Schmidt (Autor), 2007, Organisationseffekte beim Memorieren ausführbarer Handlungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/156608

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