Rainer Maria Rilke und Benvenuta - Analyse ihres Briefwechsels


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
22 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Der Briefwechsel Rainer Maria Rilkes mit Benvenuta
2.1. Das Verhältnis zur Musik
A) Rilke
B) Benvenuta.
2.2. Rilkes Erwartungen an Benvenutas Musik.
2.3. Die erste Begegnung - Vorstellungen und Erwartungen-
A) Rilke
B) Benvenuta

3. Resümee

4. Bibliographie

1. Einführung

Rainer Maria Rilkes Briefe an Magda von Hattingberg gehören wohl zu den schönsten und leidenschaftlichsten Briefen in der deutschen Literatur. Am 22. Januar 1914 schreibt die Pianistin Rilke zum ersten Mal, nachdem sie seine „Geschichten vom lieben Gott“ gelesen hat. Was mit einem einzelnen Brief begann steigerte sich zu einer wahren Sturzflut an Briefen, innerhalb von vier Wochen schrieben sich der Dichter und die Musikerin 39 Briefe. Wichtige Themen sind in erster Linie die Musik, die Liebe, die vielen Reisen Rilkes, aber er schildert auch Erfahrungen aus seiner Kindheit, erste Liebeserlebnisse, seine Ehe und das Verhältnis zu seiner Tochter Ruth. Ebenso finden sich in seinen Briefen Ausführungen über Marcel Proust, über Balzac und „das Hässliche“ in der Kunst sowie über die Psychoanalyse. Es gibt also kaum einen Lebensbereich, der in diesem intensiven Briefwechsel ausgeschlossen wird. So schreibt Rilke am 18. Februar 1914 an Benvenuta: „Sag mir, einmal, wenn dies alles geschrieben ist-, leb ich dann, sterb ich dann? Ists doch das Vermächtnis meines ganzen bisherigen Daseins. Und wer bin ich denn, dass ichs da so wogenden Wesens hinschreiben darf, Dir, und es siegeln mit Deinem Herzen?“.1

„ Alle Briefe, die in Jahren möglich wären, möchte ich Ihnen auf einmal schreiben [...]“2, und so öffnet er ihr sein Herz, sie wird zu „Benvenuta“, der Willkommenen in seinem Leben.3 Schon in seinem zweiten Brief scheint Rilke zu wissen, welch starken Einfluss die neu gewonnene Freundin auf sein Leben nehmen wird: „Es ist Sonntag, ich will ihn heilig halten, an Sie schreiben, die nun eine so wunderbare Zukunft für mich in Händen hat, die mächtig ist, Stürme, Gewitter und Klärungen, die reinsten Erschütterungen des Alls über mich zu bringen, so wie sie nur will.“4

Nach dem Abschluss der „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ setzte bei Rilke eine tiefe Schaffenskrise ein. Nach der Entstehung der ersten beiden Elegien auf Schloss Duino im Januar/ Februar 1912 kämpfte der Dichter mit der Vollendung der insgesamt 10 Elegien. In Paris suchte er die Isolation, um zu seiner früheren Schaffenskraft zurückzukehren. Ein bereits im Mai 1913 entstandenes Gedicht kann wie eine Vorahnung auf den Briefwechsel mit Benvenuta verstanden werden:

Bestürz mich, Musik, mit rhythmischem Zürnen! Hoher Vorwurf, dicht vor dem Herzen erhoben, das nicht so wogend empfand, das sich schonte. Mein Herz: da: sieh deine Herrlichkeit. Hast du fast immer Genüge, minder zu schwingen? Aber die Wölbungen warten, die obersten, dass du sie füllst mit orgelndem Andrang.

Was ersehnst du der fremden Geliebten verhaltenes Antlitz? - Hat deine Sehnsucht nicht Atem, aus der Posaune des Engels, der das Weltgericht anbricht, tönende Stürme zu stoßen:

oh, so ist sie auch nicht, nirgends, wird nicht geboren, die du verdorrend entbehrst...5

Für den Dichter ist also der Zusammenhang zwischen schöpferischer Tätigkeit und erfüllter Liebe klar gegeben. Welche Hoffnungen und Erwartungen legt Rilke in die Beziehung zu Benvenuta? Die Liebesgeschichte, die so verheißungsvoll begann, kann der Realität nicht standhalten. Beim ersten Treffen, wo sie eigentlich erst richtig erblühen sollte, beginnt im Grunde ihr Scheitern. Was genau zu dieser Zeit in ihm vorging, hat Rilke äußerst anschaulich in einem Brief an Lou Andreas- Salomé vom 8. Juni 1914 geschildert: „Was schließlich so völlig zu meinem Elend ausfiel, fing mit vielen vielen Briefen an, leichten, schönen, die mir stürzend von Herzen gingen; ich kann mich kaum erinnern, je solche geschrieben zu haben. [...] In diesen Briefen kam (mehr und mehr begriff ichs) eine unwillkürliche Lebendigkeit herauf, als wäre ich auf ein neues volles Entspringen meines eigensten Wesens gestoßen, das nun, in unerschöpfliches Mittheilen gelöst, sich über die heiterste Neigung ergoß, während ich, Tag um Tag schreibend, zugleich seine glückliche Strömung empfand und das rätselvolle Ausruhn, das ihm in einem empfangenden Menschen aufs Natürlichste bereitet schien. Diese Mittheilung rein und durchsichtig zu halten und dabei nichts zu fühlen oder zu denken, was von ihr ausgeschlossen wäre: dies wurde auf einmal, ohne daß ich wußte wie, zum Maaß und Gesetz meines Handelns, - und wenn je ein innig gedrückter Mensch rein werden kann, so wurde ichs in jenen Briefen.

Das Tägliche und meine Beziehung dazu wurde mir auf eine unbeschreibliche Weise heilig und verantwortlich, -und von da aus ergriff mich eine starke Zuversicht, als ob nun endlich der Ausweg aus dem trägen Mitgerissenwerden im stetig Verhängnishaften gefunden sei, [...] so daß ich zum ersten Mal Eigenthümer meines Lebens zu werden schien [...].“6

In der folgenden Arbeit werde ich mich hauptsächlich mit den Briefen Rilkes und Magda von Hattingbergs zwischen dem 22. Januar und dem 26. Februar 1914 beschäftigen, also denjenigen vor ihrer ersten Begegnung. Meinen Schwerpunkt lege ich dabei auf das unterschiedliche Verständnis und die Wahrnehmung von Rilke bzw. von Benvenuta bezüglich der Musik.

Textgrundlage der Untersuchung ist die Ausgabe des Briefwechsels, herausgegeben von Ingeborg Schnack und Renate Scharffenberg, der im Jahr 2004 im Insel Verlag erschienen ist.

2. Der Briefwechsel Rainer Maria Rilkes mit Benvenuta

2.1. Das Verhältnis zur Musik

A) Rilke

Liest man die Gedichte Rilkes, so entsteht der Eindruck, dass der Dichter die Musik äußerst geliebt und geschätzt haben muss. Insgesamt vier Gedichte sind namentlich mit „Musik“7 überschrieben, aber auch die „Sonette an Orpheus“, die semantisch dem Sänger der Antike gewidmet sind und die „Duineser Elegien“, eigentlich Trauergesänge, lassen auf eine enge Bindung des Dichters mit der Musik schließen. Immer wieder wird Rilke die Dichtung der musikalisierten Sprache zugeordnet.

Der Lehrer Benvenutas und Komponist Ferruccio Busoni widmet seinen 1907 entstandenen „Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst“ Rilke als dem „Musiker in Worten“.8 In der Versuchsanordnung „Ur-Geräusch“ von 1919 versucht Rilke die Musik mit Hilfe der menschlichen Kronennaht als ein Urphänomen zu begreifen. Im Jahre 1925 dichtete Rilke sogar eine Trilogie, die er dem Komponisten Ernst Krenek widmete. In diesem Gedicht gibt er selbst den Rhythmus für die gewünschte Vertonung vor: „[...] langsame Atmung, deren Eile wir sind“.9 Leider hat Krenek diese Trilogie nie vertont.

Dem Vorschlag Magda von Hattingbergs, den “Cornet“ zu vertonen, stimmt Rilke trotz aller Vorbehalte, da er „vom Zusammenschluss von Text und Musik nicht überzeugt“ ist, letztendlich zu.10

Trotz intensiver Beschäftigung mit diesem Medium gibt es wohl keine andere Kunstform, der Rilke mit mehr Misstrauen gegenüberstand als der Musik. Für ihn war die Musik eine Verführungskunst, doch versuchte er sie poetisch zu bewältigen, indem er sie, vor allem in seinem Spätwerk, zur „anderen Seite der Stille“ erklärt.11

Die wichtigste Quelle für das Musikverständnis des Dichters ist der Briefwechsel mit der Busoni Schülerin Magda von Hattingberg.

Seine erste Erfahrung mit der Musik machte Rilke mit seiner heimlichen Leidenschaft des Abstaubens: „Du musst wissen, dass das fast die größeste [Leidenschaft] meiner Kindheit war, sogar meine älteste Beziehung zur Musik, denn unser Pianino fiel in mein Abstaubebereich, es war einer der wenigen Gegenstände, der sich leicht dazu hergab und sich doch nicht langweilig unter dem Eifer des Staubtuchs benahm, sondern ganz plötzlich so metallisch brummte und überdies schön dunkel spiegelte, jemehr man sich Mühe gab“.12

Das Verhältnis Rilkes zur Musik ist auf einzigartige Weise kompliziert und von Zwiespalt geprägt. Einerseits sehnt er sich nach Musik, andererseits aber fürchtet er sie. In seinem Brief vom 26. Januar 1914 an Benvenuta erzählt er von seinem Aufenthalt in Ronda, einer kleinen malerischen Stadt in Südspanien. Dort hatte er sich nach Musik, oder vielmehr nach Benvenutas Musik gesehnt: „[...] wie hätte ich Sie empfangen, mein Herz hätte Ihnen Triumphtor um Triumphtor gebaut, Sie hätten Sie nur fortwährend einziehen sehen Ihre Musik, denn zur Ankunft wäre es erst ganz innerst in mir gekommen, wo ich selbst noch nie war“. Weiter schreibt Rilke: „Musik, Musik: das wär es gewesen.

[...]


1 Rilke an Magda von Hattingberg am 18. Februar 1914.

2 Rilke an Magda von Hattingberg am 4. Februar 1914.

3 Im Brief vom 8. Februar 1914 nennt Rilke Magda von Hattingberg zum ersten Mal Benvenuta.

4 Rilke an Magda von Hattingberg am 1. Februar 1914.

5 Rainer Maria Rilke. Die Gedichte, S. 846.

6 Rainer Maria Rilke und Lou Andreas Salomé. Briefwechsel.

7 Gemeint sind die Gedichte „Musik (Die welche schläft)“, „Musik (Was spielst du, Knabe?)“, „Musik (Wüßte ich für wen ich spiele)“ und „Musik: Atem der Statuen“.

8 Busoni, Ferruccio: Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst.

9 Rainer Maria Rilke: „O Lacrimosa“.

10 Rilke an Magda von Hattingberg am 29. Dezember 1914.

11 vgl. Engel, Harald: Rilke- Handbuch. Leben- Werk- Wirkung.

12 Rilke an Magda von Hattingberg am 22. Februar 1914.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Rainer Maria Rilke und Benvenuta - Analyse ihres Briefwechsels
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Neuphilologie / Deutsches Seminar)
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
22
Katalognummer
V156641
ISBN (eBook)
9783640693641
ISBN (Buch)
9783640694808
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rainer, Maria, Rilke, Benvenuta, Briefwechsel
Arbeit zitieren
Maria Liebhardt (Autor), 2005, Rainer Maria Rilke und Benvenuta - Analyse ihres Briefwechsels, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/156641

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