Das Fernsehmagazin für die Frau

Chance für Frauen und österreichische Fernsehsender?


Bachelorarbeit, 2006

54 Seiten, Note: Sehr gut


Leseprobe

Inhalt

1. EINLEITUNG

2. ZENTRALE BEGRIFFE
2.1. DAS FERNSEHMAGAZIN
2.2. DAS FRAUENMAGAZIN
2.2.1. HISTORISCHE ENTWICKLUNG DER FRAUEN- UND GESCHLECHTERFORSCHUNG
2.2.2. FRAUENFORSCHUNG ± GENDERFORSCHUNG
2.2.2.1. Frauenmedienforschung Gleichheitsansatz
2.2.2.2. Vom Gleichheitsansatz zum Differenzansatz
2.2.2.3. Poststrukturalismus/Postmodernismus/Dekonstruktivismus

3. DAS FERNSEHMAGAZIN FÜR DIE FRAU
3.1. FRAUENMAGAZINE IM WANDEL DER ZEIT
3.2. HISTORISCHE GESCHICHTE DER FRAUENMAGAZINE IM ORF
3.3. FRAUENMAGAZINE IM DEUTSCHSPRACHIGEN FERNSEHEN
3.3.1. ÄMONA LISA³ (ML)
3.3.2. ÄMONA LISA³ VOM 23.10.2005
3.3.3. ÄMONA LISA³ VOM 22.1.2006
3.3.4. ZUSAMMENFASSUNG UND BEURTEILUNG

4. EIN NEUES FRAUENMAGAZIN IM ÖSTERR. FERNSEHEN?
4.1. WELCHE FERNSEHANSTALT?
4.1.1. ORF
4.1.2. ATVPLUS
4.1.3. PULS TV
4.2. WELCHE ZIELGRUPPE?
4.2.1. DER TELETEST
4.2.2. ZIELGRUPPENMODELL ± DIE SINUS-MILIEUS
4.3. WELCHE THEMEN?
4.4. AUSBLICKE AUF EIN ÖSTERREICHISCHES FRAUENMAGAZIN
4.4.1 ÄFRAUENTHEMEN³ IN BESTEHENDEN ÖSTERREICHISCHEN MAGAZINSENDUNGEN
4.4.1.1. ORF
4.4.1.2. ATVplus
4.4.1.3. PULS TV
4.4.2. WELCHE FERNSEHANSTALT?
4.4.3. WELCHE ZIELGRUPPE ± WELCHE THEMEN?
4.4.3.1. Sinus-Milieus
4.4.3.2. Affinität
4.4.3.3. Qualitative Interviews
4.4.4. STELLUNGNAHMEN DER ÖSTERREICHISCHEN FERNSEHSENDER
4.4.4.1. Österreichischer Rundfunk
4.4.4.2. TW1
4.4.4.3. ATVplus
4.4.4.4. PULS TV
4.4.4.5. Zusammenfassung

5. CONCLUSIO

6. LITERATURLISTE

7. INTERNETSITES

8. TABELLENVERZEICHNIS

1. Einleiture

„Jahrhundertelang wurde (...) Mannergeschichte gemacht,konnten Manner auf dem aufbauen, was andere Manner vor ihnen gedacht, gesagt und getan haben.

Manner stehen auf den Schultern von Riesen.

Frauen fangen immer wieder von vorne an."

(Schwarzer 1994: 55).

Frauen wie Alice Schwarzer oder Johanna Dohnal kampfen seit Jahrzehnten fur die Gleichberechtigung ihrer Spezies in unserer Gesellschaft und rufen die moderne Frauenbewegung immer wieder auf den Plan, fur die Uberwindung der mannlich dominierten Offentlichkeit und ihrer Frauen ausschlieBenden Strukturen zu kampfen. Dabei geht es in letzter Konsequenz nicht nur darum, zusatzliche Einrichtungen fur Frauen zu schaffen, sondern auch darum, eine Neustrukturierung der Gesellschaft und die Aufhebung der dualistischen Denkweise herbeizufuhren (vgl. Douschan 1996: 17-18).

Eine wichtige Komponente auf dem Weg zur Umgestaltung des gesellschaftlichen Systems und der herrschenden Machtverhaltnisse stellen die gemeinsamen Erfahrungen von Frauen dar, weil sie die weibliche Spezies untereinander verbinden und starken. Gemeinsame Erfahrungen wie „Unterordnung unter die Manner" werden im taglichen Leben standig durch die Herstellung von Bedeutungen und deren Umsetzung in die kulturelle und soziale Praxis gemacht. Als Beispiel fur eine kulturelle Praxis von Frauen sei hier das Lesen von Frauenzeitschriften angefuhrt (vgl. Keil 2001: 145-146).

„Frauen sehen taglich ca. eine halbe Stunde mehr fern als Manner und nutzen insgesamt eine breitere Palette an Fernsehangeboten"1 ; eines dieser Fernseh- angebote ist das Magazin. Magazine wie „Willkommen Osterreich", „Thema" Oder „Hi Society" gibt es im osterreichischen Fernsehen in reicher Zahl. Sie wollen den Zuschauern das Bild des „jagenden Journalisten", der immer am Ball bleibt und die prasentierten Inhalte bis ins letzte Detail nachrecherchiert, vermitteln. Liegt es da nicht nahe, ein eigenes Fernsehmagazin fur die Frau, welches bei der Aushandlung neuer Bedeutungen durch die Einschreibung neuer Symbole die Frauen im Kampf um Gleichberechtigung unterstutzt, einzurichten?

Im ersten Teil der vorliegenden Arbeit (Kapitel 2) wird daher die Frage geklart, ob ein Frauenmagazin die Ideen der Frauenforschung bzw. der feministischen Kommunikationswissenschaft uberhaupt in ihrem Sinn umsetzen kann. Dafur ist es zunachst notwendig, zwei zentrale Begriffe zu definieren - das Fernsehmagazin und das Frauenmagazin. Auf der Suche nach einer Definition fur ein Frauen­magazin wird die historische Entwicklung zur Frauenforschung und zur Genderforschung nachgezeichnet und die Forschungsansatze der Frauenmedienforschung skizziert.

Kapitel 3 soll aufzeigen, wie sich Frauenmagazine im Laufe der Zeit entwickelt haben, und wie der Osterreichische Rundfunk als bis vor kurzem noch konkurrenz- lose Fernsehanstalt im Bundesgebiet mit dieser Thematik umgegangen ist. Im Anschluss daran stelle ich das einzige uberregionale Frauenmagazin ,,Mona Lisat im deutschsprachigen Raum vor.

In Kapitel 4 versuche ich schlieBlich jene Fragen zu beantworten, die sich bei der Installierung und Konzipierung eines eigenen Frauenmagazins im osterreichischen Fernsehen stellen. Dabei beziehe ich mich zunachst ganz allgemein auf die Fernsehanstalt, die Zielgruppe und die behandelten Themen. Mithilfe einer Untersuchung gehe ich in diesem Kapitel auBerdem der Frage nach „Werden im Rahmen der bestehenden Magazinsendungen des ORF, von ATVpius und PULS TV „Frauenthemen"behandeit?" und gewahre „Ausblicke" auf ein potentielles osterreichisches Frauenmagazin, indem ich konkrete Ergebnisse in Bezug auf die Auswahl der Fernsehanstalt, die Definition moglicher Zielgruppen und die Themenwahl anbiete. Letztere wird durch eine weitere Untersuchung mit der Fragestellung „Woruber woiien Frauen in einem Frauenmagazin informiert werden?"gestutzt. Mit einer Befragung der Fernsehanstalten zum Thema „Gibt es beim ORF, ATVpius und PULS TV Plane bezugiich der Einfuhrung eines Frauenmagazins?" und einer Zusammenfassung der Ergebnisse beende ich diese Arbeit.

2. Zentrale Begriffe

2.1. Das Fernsehmagazin

Ob Nachrichten-, Wissenschafts- oder Gesellschaftsmagazin - die Fernseh- anstalten bieten ihren SeherInnen eine breite Palette an Fernsehmagazinen und konnen auf diese Weise ihre unterschiedlichen Zielgruppen besser ansprechen. Was ein Fernsehmagazin ist bzw. wodurch es sich auszeichnet, soll im folgenden Teil geklart werden.

Die Universitat Siegen definiert in ihrem Teilprojekt „Magazin-Sendungen" das Fernsehmagazin als eine „historisch gewachsene nonfiktionale Fernsehgattung", welche „durch ihre (...) spezifische Geschichte der Ausdifferenzierung von Untergattungen (Genres) [gepragtist,Anm.d. A.]" (Kreuzer 1994: 274).

Dieser Erklarungsansatz bezieht sich zunachst auf die historische Entwicklung des Fernsehmagazins, sagt jedoch noch nichts daruber aus, wie es funktioniert. Um das herauszufinden, muss man/frau sich die Frage stellen, was das Magazin aussagen bzw. welche Hauptfunktion es haben soll - geht es in erster Linie um die Vermittlung von Informationen, oder steht der Unterhaltungswert an oberster Stelle?

Ein Definitionsversuch, der meiner Meinung nach gut veranschaulicht, was ein Fernsehmagazin ausmacht, stammt aus dem Worterbuch der sozialistischen Journalistik. DemgemaB ist ein Fernsehmagazin eine „Sendeform,bei dermehrere Einzeibeitrage zu einer Gesamtsendung zusammengefasst sind. M[agazine] werden fast ausnahms/os periodisch zu festen Sendezeiten unter stets gieichem Titei (...) ausgestrahit.Einzeibeitrage der M[agazine] werden meist durch einen Moderator oder Studioredakteur eingeietet, kommentet [und, Anm. d. A.] erganzt (...).'' (Dusiska 1973: 140f).

Bei dieser Definition findet man/frau jedoch keine Erwahnung einer Unterhaltungs- funktion und konnte daraus schlieBen, dass das Fernsehmagazin vor allem eine Informationsfunktion hat. Doris Rosenstein widerlegt in ihrem Buch „Unterhaltende Fernsehmagazine" allerdings diese These und meint, dass das Magazinformat im Fernsehen als „Vermarktungsfonrt mit„VerpackungscharakteF (Hall 1979: 305) durch 6\e„bunte Zusammenstellung aus unterschiedlichen Beitragssorten und -elementen (u.a. Interviews, G/ossen, Musikeintagen, FUmberichte)" (Rosenstein 1995: 15) bestens geeignet ist, eine breite Sehermasse anzusprechen und diese Masse sehr wohl auch zu unterhalten vermag.

Als mogliche Erklarung fur die unterschiedlichen Definitionsansatze konnte die Tatsache gelten, dass jene Teile des Fernsehprogramms, die man/frau zur Unterhaltung zahlt, lange Zeit wissenschaftlich nicht beachtet wurden. Erst als Ende der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts die gesellschaftspolitische Diskussion auf die bisher unberucksichtigte Dimension der unpolitischen Unterhaltung ausgedehnt wurde, stellte sich heraus, dass auch das Unterhaltungsfernsehen zur politischen Bewusstseinsbildung beitragt. Nach Rosenstein fuhrte dies in der Folge zu wissenschaftlichen Auseinandersetzungen und anspruchsvolleren Unterhaltungssendungen (vgl. Rosenstein 1995: 11-12).

Es kann also festgehalten werden, dass das Fernsehmagazin mit seinem periodischen Erscheinungsmodus, den verschiedenartigen Prasentationsformen, der thematischen Vielfalt und der personalisierten Presentation auf eine lange Tradition zuruckblickt, vorrangig entweder der Informationsvermittlung und/oder der Unterhaltung dient und durch gezielt eingesetzte Gestaltungselemente eine hohe Zuseherbindung erreichen kann.

2.2. das Frauenmagazin

Die Forderungen der Frauen und somit die Anforderungen an spezifische Frauenmedien - im Konkreten an das Frauenmagazin - haben sich im Laufe der Zeit verandert. „Wasistein Frauenmagazin?" lautet daher meine erste forschungs- leitende Fragestellung, die im Folgenden fur meine Arbeit anhand der traditionellen und aktuellen Tendenzen der kommunikationswissenschaftlichen Frauen- und Geschlechterforschung einer Klarung zugefuhrt werden soll.

2.2.1. Historische Entwicklung der Frauen- und Geschlechterforschung

Die Geschichte der Frauen- und Geschlechterforschung beginnt Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts, als Frauen - ausgelost durch die Diskussion um das Recht auf Abtreibung - ihr Recht auf Selbstbestimmung uber ihren eigenen Korper verlangen. Doch wie auch der Ausspruch von Alice Schwarzer in der Einleitung zeigt, sind Frauen schon seit mehreren Jahrhunderten gezwungen, um ihre Anerkennung zu kampfen. Der Grundstein fur diesen Kampf wird gemaB Carola Unterberger-Probst2 bereits in der modernen Okonomie vor bzw. wahrend der Zeit der Fruhmoderne gelegt. Denn schon damals formen Adam Smith und - etwas spater - Lorenz von Stein in ihren Thesen3 den Begriff der Geschlechtlichkeit und pragen auf diese Weise die Geschlechtscharaktere „Mann" und „Frau". Untersuchungen der Wesensarten dieser Geschlechtscharaktere fuhren zu dem Ergebnis, dass es bestimmte „naturliche" Geschlechtsmerkmale bei den einzelnen Geschlechtern gibt, die in Kombination mit der Erziehung zu unterschiedlichen Wesensmerkmalen bei Frauen und Mannern fuhren (vgl. Unterberger-Probst 2004: 2.1, 2.3).

„...psychische Geschlechtseigentymlichkeiten Unden sich vor; beim Weib

behaupten Gefuhl und Gemut, beim Manne Intelligenz und Denken die Oberhand;

die Phantasie des Weibes ist lebhafter als die des Mannes,

erreicht aber seitener die Hohe und Kuhnheit wie bei letzterem."

(Meyer 1904, zit. nach Unterberger-Probst 2004: 3.1 Geschlechterrolle).

Jene unterschiedlichen Merkmale bedingen wiederum die Bildung gewisser Stereotypen, da die Frau als Ausdruck ihrer Zuneigung zum Mann nicht „wirklich" (also nicht auswarts) arbeitet, sondern sich mit voller Hingabe um das hausliche

Umfeld kummert. Der Mann hingegen ist der produzierende, aktive Part, der fur seine Leistungen Geld und Anerkennung bekommt. Die Entwicklung der Trennung von offentlichen, also dem Mann zugehorigen und privaten, der Frau zurechenbaren Bereichen wird zusatzlich durch die Auslagerung der Produktion vom Heim in die Fabrik in der Zeit der ersten Industriellen Revolution gefordert und kristallisiert damit die Polarisierung „Lohnarbeit" versus „Hausarbeit" immer starker heraus (vgl. Unterberger-Probst 2004: 2.1; Litzka, Susanne 2001: 27-28).

Diese gelebten Realitaten wirken auch auf die Wissenschaften, und so weiB schon Marx, dass durch jede Handlung in irgendeiner Form Partei ergriffen wird und Geschlechtsstereotype immer wieder aufs Neue gebildet werden. Entscheidend in diesem Zusammenhang ist nun die Tatsache, dass Stereotype nicht mehr aufgehoben werden konnen, wenn sie einmal im System verankert sind. Da es sich bei den Stereotypen sehr haufig um subjektive Beurteilungen mehrerer Personen bzw. von Gruppen handelt, die wiederum die Meinungsbildung anderer Gruppen lenken, kommt es dadurch zum so genannten self-fulfilling-prophecy- effect4. Dieser Effekt wirkt jedoch nicht nur auf die Einschatzung von Gruppen, sondern beeinflusst auch die individuelle Selbstbewertung, die sich in der Folge auf das Verhalten auswirkt und das Stereotyp festigt. Als Konsequenz dieser stereotypisierten Muster folgt schlieBlich die Herrschaft und Machtausubung einer Gruppe uber eine andere, im konkreten Fall - die Bildung einer Gesellschaft, die sich durch mannliche Bedeutungszuweisungen definiert und die Frau dadurch zum Teil aus derselben ausschlieBt (vgl. Unterberger-Probst 2004: 3.1 Geschlechtsstereotyp).

2.2.2. Frauenforschung - Genderforschung

Aus den Frauenbewegungen der letzten Jahrhunderte entwickelt sich schlieBlich die moderne Frauenforschung, die das Ziel verfolgt, „Frauen in den Wissen- schaften sichtbar zu machen" (Kauer Katja 2000: Geschlechterkonstruktion unter der Lupe), die Frau also in den Mittelpunkt des Erkenntnisinteresses zu stellen. Ausgehend von der Annahme, dass gesellschaftliches Denken und Handeln von der mannlichen Norm dominiert ist, demgemaB Frauen in vielen Bereichen benachteiligt Oder einfach „ubergangen" werden, wird in der Frauenforschung zunachst auch nur das „andere" Geschlecht erforscht. Ziel der Forschung ist es, der Bedeutung von Frauen gerecht zu werden und fur die Gleichheit der Geschlechter zu sorgen (vgl. Angerer/Dorer 1994: 9).

In die Frauenforschung eingreifend und diese erganzend entwickelt sich die Genderforschung, welche die Geschlechterdifferenz nicht als Ergebnis des biologischen Unterschiedes zwischen Frau und Mann versteht, sondern als eine Komponente, die in und aus der sozialen Situation immer wieder neu gebildet wird und daher wandelbar ist. Die Frauen werden somit im Rahmen der Gender­forschung nicht mehr nur additiv berucksichtigt, sondern das Geschlecht per se wird als Strukturmerkmal fur gesellschaftliche Beziehungen eingefuhrt. Als solches bestimmt es das Denken und Fuhlen und beeinflusst „weibliches" und „mannliches" Verhalten (vgl. Angerer/Dorer 1994: 10).

„Genderis both something we do and something we think (...)

The social doing of gender - and the cultural experiences of gender - constitute us as women ormen,organized into a particular configuration ofsociai relations."

(Rakow, Lana zit. nach Angerer/Dorer 1994: 10)

Aufgrund der vergleichenden Perspektive stellt die Genderforschung kein eigenstandiges Forschungsgebiet dar, sondern verlangt nach dem Verbinden unterschiedlicher Forschungsrichtungen. Sie ist nicht als Alternative zur Frauenforschung zu sehen, dadurch kommt es aber naturgemaB zu Uberschneidungen zwischen den einzelnen Ansatzen. Das bedeutet in der Folge, dass es in erster Linie von der Fragestellung abhangt, welcher Zugang gewahlt wird (vgl. Unterberger-Probst 2004: 2.4, 3.3).

Die Verwendung der Kategorie gender ist keine Erfindung der letzten Jahre, sondern wurde in Amerika schon in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts gebraucht. Seine heutige Bedeutung erlangte die Genderforschung aber vor allem mit dem Auftauchen des dekonstruktivistischen Ansatzes, auf den ich spater naher eingehen werde (vgl. Penkwitt/Mangelsdorf: Exkurs: sex, gender und desire).

Zuvor aber werden die traditionellen Forschungsrichtungen der kommunikations- wissenschaftlichen Frauen- und Geschlechterforschung, der Gleichheitsansatz und der Differenzansatz vorgestellt.

2.2.2.1. Frauenmedienforschung - Gleichheitsansatz

Am Beginn der Frauenmedienforschung steht der Gleichheitsansatz, der sich die Gleichwertigkeit von Frauen und Mannern zum Ziel setzt. Ausgegangen wird hier vom autonomen Individuum, dem durch die ungleiche Machtverteilung unter- schiedliche Rollen zugewiesen werden. Im Mittelpunkt der Forschungs- anstrengungen steht die Reprasentationskritik, welche die Frau hauptsachlich als Opfer in einer von Mannern dominierten Medienwelt versteht. Der Fokus dieses Ansatzes liegt auf der Diskriminierung von Frauen, die es durch die verstarkte Thematisierung der Frau und ihrer Interessen wettzumachen gilt (Klaus 2001: 25).

Untersucht werden im Rahmen dieser Forschungstradition vorrangig die Medieninhalte auf das vermittelte Frauenbild und die Stellung der Frau im Journalismus. So zeigen Studien von Kuchenhoff (1975) oder Tuchmann (1978), dass Frauen in den Medien zwar vorkommen, aber unterreprasentiert sind und dieselben stark auf einige wenige Stereotype reduziert werden, die durch die Medien immer wieder neu hergestellt werden und damit die Aufrechterhaltung der hierarchischen Geschlechterdifferenz sichern. AuBerdem ergeben Untersuchungen von Neverla und Kanzleiter aus dem Jahre 1984, dass der Anteil der Frauen in leitenden Positionen im Medienbereich sehr niedrig ist und „typische" Frauenressorts wie Familien- oder Gesellschaftsressort bzw. „klassische" Mannerressorts wie Politik, Wirtschaft und Sport existieren (vgl. Klaus 1998: 24; Klaus 2002: 68-70; Angerer/Dorer 1994: 20).

Unter der Pramisse des Gleichheitsansatzes und meiner forschungsleitenden Fragestellung „Was ist ein FrauenmagazinT formuliere ich meine erste Hypothese.

Ein Frauenmagazin ist ein Fernsehmagazin fur die Frau. Seine Beitrage sprechen auf informative und unterhaitende Weise ausschlie(iHch„frauentypische" Themen an undbehandein Inhaite, weiche die Frau auf bestimmte Stereotype festiegen und diese a/s „Opfer" der von Mannern dominierten Gesellschaftdarstellen.

Gleichheitsansatze berucksichtigen die Frau als Rezipientin und ihre Anspruche an die Medien in keiner Weise und verspielen somit die Chance, deren Handlungs- potentiale aufgrund der unterschiedlichen Lebens- und Erfahrungswelten nutzen und erweitern zu konnen. Daruber hinaus ist es im Rahmen dieser Ansatze nicht moglich, historische Wandlungsprozesse zu untersuchen, weil sie jene grund- legenden Strukturen, die fur die Benachteiligung der Frau verantwortlich sind, nicht beruhren (konnen). All diese Kritikpunkte rund um die Fokussierung auf das „Ausgeklammerte" enden schlieBlich in der Kritik, dass sich die Frauenforschung in ein „Ghetto" begibt und selbst eine Abwertung des eigenen, „anderen" Geschlechts betreibt, was zur Herausbildung des Differenzansatzes fuhrt (vgl. Klaus 1998: 28).

2.2.2.2. Vom Gleichheitsansatz zum Differenzansatz

Der Differenzansatz geht von der Annahme aus, dass sich die Lebenszusammen- hange von Frauen und Mannern unterscheiden, da sie durch die Trennung von Offentlichkeit und Privatheit in unterschiedlichen Erfahrungswelten gebildet werden. Im Gegensatz zum Gleichheitsansatz, der einen Nachholbedarf der Frauen feststellt, geht der Differenzansatz nun von der bestehenden Differenz aus und versteht diese als Ergebnis der herrschenden gesellschaftlichen Ordnung. Gefordert werden daher die Anerkennung der spezifisch weiblichen Lebens- umstande sowie die daraus resultierenden Einstellungen und Erfahrungen. AuBerdem versucht der Differenzansatz aufzuzeigen, mithilfe welcher diskriminierender Mechanismen und Sozialisationsvorgange die Entwicklung der weiblichen Fahigkeiten behindert wird, und welche Nachteile den Frauen dadurch entstehen (vgl. Klaus 1998: 31-32).

Im Rahmen dieses Ansatzes gilt es also, die Geschlechterdifferenz positiv zu formulieren, womit sich eine neue Tendenz in der feministischen Kommunikations- wissenschaft herausbildet: Frauen werden nicht langer als „Opfer der gesellschaftlichen Verhaltnisse" (Klaus 2002: 70) gesehen, sondern als aktiv Handelnde im Medienprozess. Untersucht wird daher in erster Linie die Frage, ob Journalistinnen und Rezipientinnen anders handeln als ihre mannlichen Kollegen. So fragt Susanne Keil „Gibt es einen weiblichen Journalismus?" und versucht damit zu belegen, dass Journalistinnen Themen auf ihre ganz spezifische Weise auswahlen und bearbeiten. Ihre Untersuchungen ergeben allerdings, dass sich Frauen und Manner in ihren Arbeitsweisen und in ihrem journalistischen Selbstverstandnis nicht wesentlich unterscheiden und „ein geschlechterdifferentes Herangehen an den Journalismus empirisch nicht belegt werden kann" (Klaus 2002: 70-71). Sehr wohl zeigt sich im Rahmen des Differenzansatzes jedoch, dass es spezielle Themen wie zum Beispiel „Sexualitat" Oder „Lebensweise" gibt, die von Journalistinnen anders beurteilt werden als von ihren Kollegen. So stellen etwa Lunenborg (1997) und Klaus (1998) fest, dass Journalistinnen bei ihrer Arbeit verstarkt auf Geschlechterstrukturen Bedacht nehmen und haufiger alltagsnahe Themen wahlen als ihre mannlichen Berufsgenossen. Insgesamt zeigen die Untersuchungen der Medieninhalte uber einen langeren Zeitraum, dass spezielle Medienangebote wie Frauenzeitschriften, die anfangs noch kritisiert wurden, ihre Berechtigung darin finden, unterschiedliche weibliche Lebensweisen zu berucksichtigen und neue Leitbilder vorzustellen (vgl. Klaus 2002: 70-71; Keil 2001: 147-149).

Im Gegensatz zum Gleichheitsansatz, der die manipulative Macht der Medien voraussetzt, bezieht der Differenzansatz auch das Publikum in die kommuni- kationswissenschaftliche Forschung mit ein. Daraus ergeben sich folgende Erkenntnisse: Frauen wahlen verstarkt jene Programme, die sich vor allem mit Beziehungen und dem „Miteinander" beschaftigen; Manner ziehen hingegen eher solche Angebote vor, die Taten und Erfolge zeigen. Trotz dieser ersten Einsichten lassen weiterfuhrende Studien zum weiblichen Medienhandeln jedoch erkennen, dass es - ebenso wie bei den Studien zum weiblichen Journalismus - keine wirklich pragnanten Unterschiede zwischen weiblichen und mannlichen Rezipienten gibt (vgl. Klaus 2002: 72).

Als grundlegende Erkenntnis der Differenzforschung kann Folgendes festgehalten werden: obwohl es keine empirischen Belege fur geschlechterdifferentes Handeln im Journalismus gibt, hat der Ubergang vom Gleichheits- zum Differenzansatz vor allem aufgezeigt, dass es Journalistinnen im Laufe der Zeit gelungen ist, ihren eigenen „feministischen" Weg zu gehen und sich dementsprechend zu artikulieren. AuBerdem zeigt die Forschung, dass spezifische weibliche Medienangebote Sinn machen, da sie auf die Lebensrealitat ihrer Rezipientinnen Bezug nehmen (vgl. Klaus 1998: 32 und 2002: 72-73).

Aufgrund der Erkenntnisse des Differenzansatzes muss Hypothese 1 verworfen werden. Die Formulierung von Hypothese 2 wird notwendig, die auf dem Gleichheitsansatz fuBt:

Ein Frauenmagazin ist ein Fernsehmagazin fur die Frau. Im Rahmen seiner Beitrage werden auf informative und unterhaitende Weise in erster Linie„Frauenthemen" behandeit undneue Leitbiider fur die Frauen prasentiert.

Das ist dann moglich, wenn gewahrleistet ist, dass sich verstarkt Frauen - mit ihren unterschiedlichen Lebenszusammenhangen und divergenten Ansichten - redaktionell einbringen.

2.2.2.3. Poststrukturalismus/Postmodernismus/Dekonstruktivismus

„Unsere Sprache tut uns Gewait an,weii sie die mannlichen Formen bevorteiit. Damt wirdeine Weitgeschaffen,in derFrauen nichtprasentsind." (Trommel-Plotz 1991: 56).

Als wichtiges Analyseinstrument der poststrukturalistisch/postmodernistischen Theorien gilt die Sprache, mithilfe der permanent Bedeutungszuweisungen erfolgen, welche die Realitat somit nicht nur ausdrucken, sondern diese selber konstruieren. Auch die geschlechtliche Differenz wird uber sprachliche Diskurse hergestellt. In Abhangigkeit von Macht und Wissen bedingen diese Diskurse unterschiedliche Wahrheiten im Zeitablauf und ermoglichen auf diese Weise eine Normierung der Individuen. So konnen zwar Gaye Tuchmanns Thesen der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts, die von einer „generellen AnnihiHerung der Frauen durch die Medien" sprechen, heute nicht mehr bestatigt werden, denn mittlerweile treten Frauen auch als handelnde Personen auf. Die Tatsache, dass sich weibliches Handeln aber meist in „hauslichen, beziehungsorientierten Rollen" abspielt und in der politischen Offentlichkeit nach wie vor nur selten eine Rolle spielt, verweist jedoch darauf, wie die Medien das „symbolische System der Zweigeschlechtlichkeit mitkonstruieren" und somit das Medienhandeln jener Menschen widerspiegeln, die als Manner (oder Frauen) Medien produzieren und konsumieren. Das gesellschaftlich verankerte System der Zweigeschlechtlichkeit wird als solches also nicht hinterfragt, was zu der Kritik fuhrt, dass das allgemeine Denken nur aus Dualismen wie Frau - Mann, Kultur - Natur, Unterhaltung - Information besteht, und die Frau durch die kulturell vorgegebenen Grenzen und Vorstellungen von Weiblichkeit nicht die Moglichkeit hat, einen neuen Bezugspunkt - abseits des Frauseins - zu finden. Marie-Luise Angerer sieht demgemaB erst in der Aufhebung dieser Denkweise - zugunsten der allgemeinen Vielfalt - eine Moglichkeit, die Bevorzugung eines der beiden Pole zu verhindern (vgl. Angerer/Dorer 1994: 14-15; Angerer: space does matter; Klaus 2002: 73-75).

[...]


1 vgl. ORF Medienforschung http://mediaresearch.orf.at/index2.htm7fernsehen/fernsehen_nutzungsverhalten.htm und http://mediaresearch.orf.at/index2. htm?fernsehen/fernsehen_hitliste.htm.

2 C. Unterberger-Probst studierte Visuelle Mediengestaltung Film & Video, Kommunikations- wissenschaften, Politikwissenschaften, Kunstgeschichte und Kultursoziologie an der Universitat Salzburg und an der Kunstuniversitat Linz.

3 vgl. Stein, Lorenz von: In: Ute Gerhard 1978: 311-324 und Smith, Adam 1990 zit. nach Unterberger-Probst 2004: 2.1.

4 siehe dazu Unterberger-Probst 2004: 3.1. Geschlechtsstereotyp - ein Beispiel: „Frauen sind mathematisch geringer begabt als Manner". Die Eltern eines Madchens glauben dieses Stereotyp und schicken ihre Tochter daher auf eine Schule mit weniger Mathematikstunden - zB. ein humanistisches Gymnasium; ihren Sohn hingegen schicken sie in eine Schule mit mehr Mathestunden - zB. in eine HTL. Der Effekt ist, dass die Tochter gewisse Matheaufgaben, die der Bruder problemlos beherrscht, nicht losen kann. Das Stereotyp wird scheinbar bestatigt und die Tochter/der Bruder beginnen es eventuell selbst zu glauben. Dies hat den weiteren Effekt, dass die Tochter noch weniger in Mathematik investieren wird, „weil ich ein Madchen bin, fur mich hat Mathe keinen Sinn!".

Ende der Leseprobe aus 54 Seiten

Details

Titel
Das Fernsehmagazin für die Frau
Untertitel
Chance für Frauen und österreichische Fernsehsender?
Hochschule
Universität Wien  (Publizistik- und Kommunikationswissenschaft)
Veranstaltung
Bakkalaureatsseminar 2
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2006
Seiten
54
Katalognummer
V156658
ISBN (eBook)
9783640699179
ISBN (Buch)
9783640699339
Dateigröße
636 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Im Rahmen dieser Arbeit wird der Frage nachgegangen, ob ein eigenes Frauenmagazin im österreichischen Fernsehen die Frauen im Kampf um Gleichberechtigung unterstützen kann bzw. welche Fragen bei der Installierung und Konzipierung eines eigenen Frauenmagazins gestellt werden müssen.
Schlagworte
Frau, Fernsehen, Medien
Arbeit zitieren
Daniela Illich (Autor), 2006, Das Fernsehmagazin für die Frau, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/156658

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