Spendergemeinschaften auf Gegenseitigkeit in der Organspende

Clublösungen als Möglichkeit zur Erhöhung der Spendebereitschaft


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2010
31 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkurzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Problemstellung

2. Die Theorie des Clubs
2.1. Entstehung
2.2. Kennzeichen von Clubs
2.3. Eigenschaften von Clubgutern
2.4. Probleme der Theorie
2.5. Zwischenfazit

3. Clublosungen in der Organspende
3.1. Begriff des Clubs
3.2. Vorteile der Alternativlosung
3.3. Private Organisation von Spenderclubs
3.4. Problemfelder der Alternativlosung
3.4.1. Generationenkonflikt
3.4.2. Clubeinfuhrung
3.4.3. Kosten der Transplantation
3.4.4. Mangel und Uberschuss an Organen
3.4.5. Weitere Defizite
3.4.6. Umsetzbarkeit der privaten Clublosung
3.5. Offentlich-rechtlicher Club
3.6. Zwischenfazit
3.7. Club von Lebendspendern

4. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Abkurzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Zusammenhang Losung, Rechte und Organaufkommen I

Abbildung 2: Zusammenhang Losung, Rechte und Organaufkommen II

1. Problemstellung

Aufgrund der rasanten Fortschritte der Transplantationsmedizin stellt sich immer weniger die Frage, ob mit Hilfe einer Transplantation das Leben eines Patienten gerettet werden kann, vielmehr ist es fraglich, wer ein Organ erhalten kann (vgl. Gubernatis G., 1997, S. 15). Derzeit warten in Deutschland etwa 12.000 Menschen auf ein Spenderorgan. Bei- spielsweise ist der Bedarf an Nieren etwa dreimal so hoch, wie derzeit Transplantate zur Verfugung stehen (vgl. www.dso.de). Das Gebiet der Organtransplantation ist folglich durch den Mangel an Spenderorganen und durch die dadurch notwendige Rationierung belastet. Dafur ist das Fehlen der individuellen Spendebereitschaft zumindest mitverant- wortlich, was daraus resultierten konnte, dass die eigene Spendebereitschaft derzeit bei der Frage der Organverteilung nicht berucksichtigt wird. Letztendlich stellt eine Zuteilung der Organe unabhangig von der eigenen Spendebereitschaft eine Einladung zum Tritt- brettfahren dar. Es ist daher zu uberdenken, inwiefern von einer kollektiven Verpflichtung zur Hilfeleistung ausgegangen werden kann (vgl. Kliemt H., 1993, S. 269 und S. 274).

Grundsatzlich steht zur Disposition, wem die Organe eigentlich gehoren (vgl. Kliemt H., 1997, S. 271f.). Obwohl diese Frage primar absurd erscheint, denn was lage naher, dass jeder lebende Mensch selbst Besitzer und Eigentumer seiner Organe ist, wird dem Indivi- duum keineswegs eindeutig ein Recht an seinen Organen zugestanden. Vielmehr werden sie im Todesfall weitgehend als Gemeineigentum angesehen. Die Organe eines Lebenden werden zudem als unverauRerlich betrachtet, womit sie wiederum politischen Rechten na­her gestellt sind, als Eigentumsrechten im engeren Sinne.

Nicht alle Patienten, die ein neues Organ benotigen, konnen auf die derzeit gefuhrten Wartelisten aufgenommen werden. Ursache hierfur kann sein, dass das Risiko der Trans­plantation und ihrer Nachbehandlung zu hoch ist oder die Erfolgsaussichten zu schlecht sind. Verpflichtend dabei ist es nach § 16 Transplantationsgesetz (TPG), dass die Grunde fur oder gegen die Aufnahme dokumentiert und den Patienten mitgeteilt werden. In den Richtlinien zur Organtransplantation gem. § 16 Abs. 1 S. 1 Nrn. 2und 5 TPG - Regeln zur Aufnahme in die Warteliste und zur Organvermittlung werden unter anderem organspezifi- sche Grundsatze fur die Aufnahme auf die Warteliste durch die Bundesarztekammer fest- gelegt (die Richtlinien in der jeweils gultigen Fassung konnen von der Homepage der Bundesarztekammer unter www.baek.de abgerufen werden).

Im Ort Leiden in den Niederlanden werden samtliche fur eine Vermittlung notwendigen Patientendaten durch die dort ansassige Vermittlungsstelle Eurotransplant gesammelt. Eurotransplant fuhrt fur die Lander Niederlande, Belgien, Luxemburg, Osterreich, Slowe- nien, Kroatien und Deutschland gemeinsame Wartelisten. Ziel der Vermittlungsstelle ist es, in dringenden Fallen moglichst rasch ein passendes Organ finden zu konnen und durch die VergroRerung des Pools an Organen immunologisch moglichst passende Orga- ne zu vermitteln. Hierdurch konnen die Vermittlungswahrscheinlichkeit sowie die Er- folgsaussicht einer Transplantation erhoht werden. Fur die Vermittlung an deutsche Pati- enten existieren wiederum die bereits angesprochenen Richtlinien der Bundesarztekam- mer.

Unabhangig von der Organisation der Aufnahme auf die Warteliste stellt sich jedoch eine zentrale Erfolgsfrage der Bemuhungen: Wie kann die Anzahl der zur Verfugung stehenden Organe optimiert werden? Grundsatzlich konnen als potentielle postmortale Organspender die Menschen angesehen werden, bei denen der Hirntod nach den dafur jeweils gultigen Richtlinien der Bundesarztekammer festgestellt worden ist und bei denen keine medizini- schen Ausschlussgrunde zur Organspende bezuglich der Organfunktion oder der Gefahr- dung des Empfangers durch ubertragbare Krankheiten vorliegen.

Bei der Regelung um die Ausgestaltung der Spende selbst werden im Wesentlichen drei Losungswege diskutiert:

Bei der Zustimmungslosung ist fur die Organentnahme die ausdruckliche Zustimmung des Verstorbenen (= enge Zustimmungslosung) oder ersatzweise die Zustimmung der Angehorigen (= erweiterte Zustimmungslosung) notig.

Die Widerspruchslosung beinhaltet, dass eine Entnahme von Organen grundsatzlich zulassig ist, solange der Verstorbene zu Lebzeiten einer Entnahme nicht ausdrucklich wi- dersprochen hat.

Zu letzt besteht noch die Option der Informationslosung, bei der bei Nichtvorlage einer Erklarung seitens des Verstorbenen die Verwandten uber eine geplante Entnahme infor- miert werden und ihr innerhalb einer gewissen Frist widersprechen konnen.

Allen drei Losungen ist gemeinsam, dass sie den Individuen das Recht zugestehen, nach ihrem Tod die Entnahme von Organen zu verweigern. Allerdings durfen sie auch nur eine Entscheidung treffen, ihre Organe einem gemeinsamen Pool zur Verfugung zu stellen, weitergehende Einschrankungen sind dagegen nicht moglich. Die gespendeten Organe werden somit als Gemeinschaftseigentum angesehen. Bei einer ethischen Diskussion um die Wahl einer der oben skizzierten Losungen mussen immer zwei Kriterien Berucksichti- gung finden: Zum einen gilt es das Aufkommen an Spenderorganen zu maximieren, um das Leid potentieller Organempfanger lindern zu konnen, zum anderen muss der Respekt vor dem Willen des Verstorbenen gewahrt bleiben, so dass ein Eingriff in seine Verfu- gungsgewalt uber seinen Korper auch uber den Tod hinaus vermieden werden soll. Bei den drei oben skizzierten Losungsansatzen besteht ein scheinbarer Zielkonflikt zwischen den beiden Kriterien: Je strenger man versucht die Entscheidungsautonomie des Spen­ders zu wahren, desto geringer ist das Aufkommen an Organen (vgl. Breyer F./Kliemt H., 1995, S. 135ff.). Ursachlich fur diesen Zusammenhang konnte die geringe Motivation von gesunden Burgern sein, sich freiwillig und vor allem ohne einen Anspruch auf eine Gegen- leistung zur Organspende im Todesfall bereit zu erklaren.

Nachfolgende Abbildung zeigt den Zusammenhang zwischen dem Organaufkommen und der Achtung der personlichen Rechte:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Zusammenhang Losung, Rechte und Organaufkommen I

Quelle: Eigene Darstellung nach Breyer, F./Kliemt, H., Solidargemeinschaft der Organspender, S. 136.

Um den Zielkonflikt zu vermeiden, ware ein viertes Modell, die Clublosung (oder Prioritats- losung) denkbar, welches wesentlich vom Gedanken der Reziprozitat gepragt ist. Der ers- te bekannte Vorschlag dieser Art stammt aus dem Jahr 1967 von Lederberg, der in der Washington Post vom 10. Dezember eine Grundung eines 'Clubs auf Gegenseitigkeit' anregte (vgl. Kliemt H., 1995, S. 153f.):

„The happiest solution to legitimizing the supply of human organs for trans­plant would be to set up a machinery to register advance, positive voluntary consent, a club for mutual salvation. The membership contracts could allow some range of alternative criteria for when 'donations' would be permitted.”

Grundsatz dieser Losungsstrategie ist es, dass als Organempfanger die Personen mit Pri- oritat in Betracht kommen, die selber, als ihr Bedarf noch nicht feststand, sich zur Organ- spende bereit erklart haben. Deshalb bilden potentielle Organspender und Organempfan­ger eine Vereinigung (vgl. Kliemt H., 1997, S. 276). In der Reziprozitat liegt der eigene Vorteil, selbst bevorzugt zu werden, wenn man Bedurftigkeit aufweist (vgl. Gubernatis G., 1997, S. 21). Dadurch besteht die Moglichkeit, das Selbstinteresse an einer Organabgabe zu erhohen (vgl. Hebborn A., 1998, S. 268).

Nachfolgend soil zunachst auf die okonomischen Grundlagen einer solchen Clublosung naher eingegangen werden. Im Anschluss folgt eine grundsatzliche Diskussion von Vor- und Nachteilen einer Umsetzung dieser alternativen Organisation sowohl in Bezug auf Lebendspenden als auch auf postmortale Spenden.

2. Die Theorie des Clubs

2.1 Entstehung

Die Theorie des Clubs geht auf James M. Buchanans grundlegenden Artikel „An Econo­mic Theory of Clubs“ (vgl. Buchanan J.M., 1965, S. 1ff.) zuruck, in dem Buchanan einen Zusammenschluss von Menschen analysiert, die ein Schwimmbad gemeinsam betreiben und benutzen.

Buchanans Ausgangspunkt war Samuelsons polare Unterscheidung in offentliche und pri­vate Guter (vgl. Samuelson P., 1954, S. 387ff.). Charakteristisch fur offentliche Guter ist die fehlende Moglichkeit, Personen vom Nutzen des Gutes auszuschlieRen (fehlende Moglichkeit des Ausschlusses) und die fehlende Rivalitat im Konsum. Fehlende Rivalitat bedeutet in diesem Zusammenhang, dass ein Gut durch die Nutzung einer Person A nicht endgultig verbraucht ist, sondern durch andere Personen ebenso noch konsumiert werden kann. Private Guter kennzeichnen sich dagegen durch Rivalitat im Konsum und durch die Moglichkeit des Ausschlusses. So kann bspw. ein Brot, das die Person A verzehrt hat, durch niemand anderen mehr gegessen werden, und zudem hat Person A die Moglichkeit, andere Personen vom Verbrauch des eigenen Brotes auszuschlieRen.

Klassisches Beispiel fur ein offentliches Gut ist ein Leuchtturm: Ist dieser einmal errichtet worden, kann niemand von dessen Nutzung ausgeschlossen werden. Die Nutzung des Turms durch eine Person verhindert nicht den Gebrauch durch andere Personen. Bei of- fentlichen Gutern besteht aufgrund deren Merkmale die Gefahr, dass eine private Bereit- stellung des Gutes unmoglich ist. Kann niemand vom Nutzen ausgeschlossen werden, so ist es fur Individuen irrational zuzugeben, dass sie einen Gewinn aus dem Gebrauch des Gutes ziehen und damit bereit waren, fur das Gut einen Preis zu zahlen. Vielmehr er- scheint es rational, den Nutzen zu leugnen, da man die positiven Effekte (Gebrauch des Leuchtturms) auch erzielen kann, ohne sich im Nachhinein an den Kosten der Erstellung beteiligen zu mussen. Daraus resultiert das Problem, dass an sich gewunschte Guter (Zahlungsbereitschaft ist primar vorhanden) in einer reinen Marktwirtschaft ohne staatliche Eingriffe nicht erstellt werden, da private Anbieter keine Aussichten auf eine Kostende- ckung haben. Den erstellten Leuchtturm konnen alle nutzen, also auch diejenigen, die nicht zahlen. Es ist unmoglich, bspw. beim Vorbeifahren eines Schiffes einzeln zu prufen, ob es sich um einen Nichtzahler handelt, um gegebenenfalls das Licht dann auszuschal- ten. Insgesamt verursacht das Problem der offentlichen Guter in einer reinen Marktwirt- schaft volkswirtschaftlich verfehlte Entscheidungen: Durch das Unterbleiben einer privaten Erstellung wird eine Erhohung des volkswirtschaftlichen Nutzens verhindert, obwohl primar eigentlich ein Tausch von Geld gegen den Bau eines Leuchtturms gewunscht ware. Des- halb wird darin eine Legitimation fur staatliches Handeln gesehen: Zwar kann der Staat auch nicht verhindern, dass Individuen ihre eigentlichen Praferenzen nicht offenbaren, doch stehen ihm andere Instrumente zur Sicherstellung einer Finanzierung offen. So kann der Staat etwa uber Steuern die Burger zwingen, sich an den Projekten zu beteiligen. In- sofern kann der Staat dadurch versuchen, die volkswirtschaftlich verzerrten Entscheidun­gen, die eine rein private Steuerung verursacht, auszugleichen.

Empirisch zeigt sich, dass kaum Guter genau einem der genannten Extrempunkte (offent- liches bzw. privates Gut) entsprechen. Samuelsons polare Differenzierung ist deshalb seitdem Gegenstand andauernder Diskussionen. Private und kollektive Guter stellen je- weils nur die Endpunkte eines Kontinuums dar. Bei den meisten Gutern liegen sowohl Ei- genschaften eines privaten wie auch eines offentlichen Gutes vor. Auch Buchanan be- schaftigte sich mit dem Problem der bipolaren Unterscheidung. Seine Intention war es, eine Theorie zu finden, die das gesamte Spektrum von Eigentumsrechten an privaten Gu­tern bis hin zu kollektiven Aktivitaten abdeckt. Diese Lucke versuchte Buchanan mit der Theorie des Clubs zu schlieRen. Gegenstand der reinen Theorie des Clubs sind Zusam- menschlusse von Individuen mit dem Zweck der gemeinsamen Bereitstellung und gege­benenfalls des gemeinsamen Konsums von speziellen Kollektivgutern. Der Organisations- zweck besteht darin, Leistungen fur Mitglieder zu erbringen, Nichtmitglieder werden vom Konsum der so genannten Clubguter ausgeschlossen. Buchanans Vorstellung entsprach es zu zeigen, dass Clubguter oftmals zu Unrecht vom staatlichen Sektor als offentliche Guter bereitgestellt werden. Es wurden sich auch ohne Hilfe des Staates Individuen fin­den, die sich zusammenschlieRen, um diese Guter zu produzieren.

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Details

Titel
Spendergemeinschaften auf Gegenseitigkeit in der Organspende
Untertitel
Clublösungen als Möglichkeit zur Erhöhung der Spendebereitschaft
Autor
Jahr
2010
Seiten
31
Katalognummer
V156756
ISBN (eBook)
9783640721337
ISBN (Buch)
9783640721887
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Transplantation, Spendergemeinschaften
Arbeit zitieren
Prof. Dr. Gerald Schmola (Autor), 2010, Spendergemeinschaften auf Gegenseitigkeit in der Organspende, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/156756

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