Integrative Wirtschaftsethik nach Peter Ulrich

Angewendet am Fallbeispiel Enron


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
38 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Rolle und Bedeutung von Moral

3. Bedeutung und Aufgabe von Ethik
3.1 Negative Abgrenzung
3.2 Positive Abgrenzung

4. Ethik im wirtschaftlichen Kontext Japans

5. Wirtschaftsbürgerethik
5.1. Wirtschaftsbürger als kritischer Kapitalanleger
5.2. Der Organisationsbürger
5.3. Wirtschaftsbürger als reflektierender Konsument

6. Unternehmensethik
6.1. Defizite unternehmerischen Handelns
6.2. Der Instrumentalistische Ansatz
6.3. Der Korrektive Ansatz
6.4. Der Integrative Ansatz

7. Ordnungsethik

8. Ethisches Handeln

9. Unternehmensethisches Handeln

10. Integrative Wirtschaftsethik

11. Der Fall Enron
11.1. Ordnungsethik - Diagnose
11.2. Ordnungsethik - Therapie
11.3. Unternehmensethik - Diagnose
11.4. Unternehmensethik - Therapie
11.5. Ordnungsbürgerethik - Diagnose
11.6. Ordnungsbürgerethik - Therapie

12. Schlussbemerkung

13. Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Das Gefangenendilemma in Normalform

Abb. 2: Unternehmensethik als Integration ökonomischer und ethischer Vernunft

1. Einleitung

„Ethik entsteht nicht per Gesetz, sondern über Vorleben, Herzensbildung und stimmige Kultur“, so Reinhard Clemens Vorstandsmitglied der Deutschen Telekom auf dem Deutschen Wirtschaftsforum 2009“ [Die Zeit vom 10.12.2009]. Diese Aussage zeigt worin der Kern einer gelebten Ethik besteht. Nämlich um eine Bewusstwerdung über den Einfluss von Moral und Ethik auf die Gesellschaft und insbesondere auf das Wirtschaftsgeschehen weltweit.

Diese Hausarbeit umfasst zum Großteil das Konzept der Integrativen Wirtschaftsethik von Peter Ulrich. Das aus der Wirtschaftsbürgerethik, der Unternehmensethik und der Ordnungsethik besteht. Alle drei Bereiche werden vorgestellt und anhand von Beispielen, überwiegend durch Shell und deren Bohrinsel „Brent Spar“ untermauert. Dazu wird geklärt was „richtiges“ und „gutes“ unternehmensethisches Handeln ausmacht und welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen.

Darauf wird das Konzept der Integrativen Wirtschaftsethik von Peter Ulrich in fünf Thesen kompakt präsentiert und nochmals durch eine andere Perspektive vorgestellt, weil dies die Ausrichtung gibt, um die dort festgehaltenen ethischen Einsichten auf Enron anwenden zu können. Wie hat Enron gehandelt und wie hätte das Unternehmen mit Hilfe des Konzepts der Integrativen Wirtschaftethik handeln können um sich vor der Insolvenz zu bewahren?

Als erstes jedoch wird ein Fundament geschaffen, auf dem die Integrative Wirtschaftsethik aufgebaut werden kann. Indem Moral und Ethik voneinander getrennt definiert werden. Die Moral wird dann anhand des Konfuzianismus erläutert und die Ethik anhand des Shintoismus aus Japan.

2. Rolle und Bedeutung von Moral

Unter Moral (lat. morus, Sitte, Brauch) werden Normen und Werte verstanden, die Handlungsregeln und Sinnvorstellungen einem Menschen in die Hand geben, so dass er sein individuelles Verhalten gegenüber sich selbst und den Mitmenschen rechtfertigen bzw. begründen kann. Die Handlungen stoßen dabei nie auf Ablehnung oder Kritik, solange sich der Moralist unter seines gleichen befindet, weil er moralisch handelt - es herrscht also Konsens über die faktisch herrschenden Normen. Deshalb ist ein Moralist in seinem Verhalten immer schon sicher.

Der chinesische Konfuzianismus der in China und Ostasien als praktische und moralische Philosophie von großer Bedeutung ist, hat beispielsweise drei unumstößliche Beziehungsordnungen [vgl. z.B. OSEC (2001, S. 3)], nämlich die Unterordnung:

- des Sohnes unter den Vater,
- des Volkes unter den Herrscher und
- der Frau unter den Mann.

Dabei ist zu beachten, dass jede Moral ein geschichtlich entstandener und sich verändernder Regelkanon ist, der sich auf einen abgegrenzten Kulturkreis oder auf eine bestimmte Menschengruppe bezieht [vgl. z.B. Pieper (1997, S. 32 -35)]. Moral kann also als eine sich zeitlich ändernde gruppenspezifische Variable bezeichnet werden, die Entwicklung, Kulturstufe, Klima und sogar geographische Lage wiederspiegelt. Wohlgemerkt widerspricht die oben genannte Beziehungsordnung der westlichen Moralvorstellung, das bedeutet jedoch nicht, dass diese Ansichten moralisch falsch oder verfehlt sind, es zeigt vielmehr auf, dass die konfuzianischen Moralvorstellungen nicht eins zu eins auf einen anderen Kulturkreis angewendet werden können, etwa auf die Europäer. Es lässt sich somit sagen, dass M]oral Gewissheiten hat, die sich aus dem religiösen Glauben, aus der Tradition und aus gesellschaftlichen Konventionen herleiten lassen.

Im nächsten Abschnitt wird gezeigt, dass der Begriff Moral wie er gerade definiert wurde nicht mit Ethik gleich gesetzt werden kann, obwohl umgangssprachlich beide Begriffe oftmals synonym Verwendung finden und gemeinsame Schnittmengen bilden können.

3. Bedeutung und Aufgabe von Ethik

Ethik (griech. ethos, Wohnstätte, Haltung, Charakter) kann als eine Teildisziplin der Philosophie mit einer langen Geschichte betrachtet werden. Aristoteles gilt als Begründer der Ethik [vgl. Horn (1996, S. 29)]. Ethik ist die Lehre von der Moral, also vom moralischen (richtigen) Handeln [vgl. Pieper (1997, S. 17)]. Dabei hat Ethik die Aufgabe, Probleme die durch moralische Handlungen oder Verhaltensweisen entstehen auf einer allgemeineren, grundsätzlicheren und abstrakteren Ebene zu reflektieren. Niklas Luhmann nennt daher die Ethik eine Reflexionstheorie der Moral [vgl. Luhmann (1989, S. 358)]. Festgehalten werden kann also, dass Ethik Moral und Moralität als Gegenstand hat und sie sich auf einem höheren Abstraktionsniveau mit der herrschenden Moral auseinandersetzt. Dies setzt ein methodisch diszipliniertes Nachdenken über faktisch herrschende Moralen voraus. Eine kritische Überprüfung moralischer Traditionen führt zu einer systematischen Blicköffnung und zu einem selbstbestimmten eigenverantwortlichen Handeln in einer Gesellschaft.

Wahrscheinlich lässt sich Ethik in einer pluralistischen und individualistischen Gesellschaft nicht mehr scharf abgrenzen, weil kein Konsens über das Prinzip des guten Handelns besteht. So wie sich individuelles Handeln durch die Erfordernisse der Situation ergeben ist ökonomisches Handeln kontextabhängig. Festgenagelte ethische Prinzipien die gutes Handeln vorschreiben, ersticken die Ethik bereits bei ihrer Geburt. Ein Moralist der Wirtschaft sollte eine Antwort haben auf die von Karl Homann gestellte Frage: „Ist die Marktwirtschaft bzw. unter welchen Bedingungen ist die Marktwirtschaft „gut“ bzw. „moralisch richtig“ oder gar „moralisch geboten“?“ [Homann und Lütge (2004, S. 13)].

Wie oben bereits erwähnt sollte Ethik als Reflexion der Moral verstanden werden, die als Ziel hat, dass der Moralist Verantwortung in konkreten Handlungssituationen übernimmt. Nun wird im nächsten Abschnitt Ethik zu sich selbst abgegrenzt. Es wird der Unterschied zwischen praxistauglicher und praxisuntauglicher Ethik gezeigt, anhand von zwei Ansichten von Peter Singer.

3.1 Negative Abgrenzung

Singer behauptet, dass Ethik kein ideales System ist, das zwar edel in der Theorie, aber untauglich für die Praxis wäre [Singer (1994, S. 16)]. Somit lehnt Singer die Ethik die Kant begründet hat ab. Laut Kant gilt das Verbot zu lügen auch dann, wenn die Schergen eines Diktators nach dem Aufenthaltsort eines Unschuldigen fragen [Homann (1995, S. 182)]. Der kategorische Imperativ von Kant hat eine nicht ungefährliche Naivität zu eigen, die untauglich ist für die Praxis, weil eine Ausblendung des jeweiligen situationsspezifischen Zusammenhangs stattfindet [Horn (1996, S. 46)]. Deswegen fordert Singer eine Ethik die für den Menschen praktikabel ist und in der Praxis Anwendung finden kann [Singer (1999, S. 194)].

Ethik und Religion sollten laut Singer kontextunabhängig sein [Singer (1994, S. 18)]. Das bedeutet, dass ethisches Verhalten einen Glauben an eine Religion nicht voraussetzt bzw. der Ungläubige einen Grund hat ethisch zu handeln. Dieser Standpunkt steht im Widerspruch zur kalvinistischen Ethik auf die Peter Ulrich seine fünf Thesen zur integrativen Unternehmensethik aufbaut [Ulrich (1998a, S. 15 - 27)].

Der Kontextunabhängigkeit von Religion und Ethik kann nicht vorbehaltlos zugestimmt werden, weil nachweislich Religionen deutlichen Einfluss haben auf ethisch-moralische Vorstellungen des Menschen; „most of the world’s ethical systems are the product of religions“, formuliert Hill [Hill (2001, S. 86)]. Das „most“ bezieht sich auf die christliche Ehtik, die islamische Ethik und auf die bekannte protestantische Wirtschaftsethik von Max Weber aus dem Jahre 1904 und nicht auf den Konfuzianismus, weil er keine Religion ist und dennoch als Grundlage für ethisches und moralisches Handeln in Teilen Asiens gilt [Hill (2001, S. 93)].

Praxisbezogene Ethik scheitert im Wesentlichen daran, dass sie nicht von Jedermann anerkannt und befolgt wird. Genau das aber sind die Anforderungen die eine Ethik prinzipiell erfüllen muss. Wie das möglich ist, wird als nächstes veranschaulicht.

3.2 Positive Abgrenzung

Ethik sollte nach Singer einen universalen Standpunkt einnehmen [Singer (1999, S. 194)]. Dabei stehen die Interessen der Gruppe oder des Einzelnen im Vordergrund und die Handlung muss dergestalt sein, dass sie vor allen Menschen verantwortbar ist. Das bedeutet der Moralist handelt rein aus Eigennutzen, ohne dabei in seine Entscheidung den möglichen Vorteil oder Nachteil zu suchen und trägt die Verantwortung für die aus der Handlung entstehenden Konsequenzen.

Dass diese Überlegung nicht praxisfremd ist verdeutlicht das Gedankenexperiment des TV- Tests: Wie würde ich mich fühlen, wenn ich meine Entscheidung vor laufenden TV-Kameras und damit vor der gesamten Weltöffentlichkeit rechtfertigen müsste und die dadurch entstehenden Konsequenzen trage? [Ulrich (1996, S. 25)]. Das Ziel einer solchen universalisierbaren Ethik ist der Versuch ein allgemeingültiges humanistisches Moralprinzip zu begründen, in dessen Licht die normative Gültigkeit moralsicher Ansprüche kritisch geprüft werden können und darüber hinaus universale Bedingungen und Formen des guten Lebens, des gerechten Zusammenlebens und des verantwortlichen Handelns untersucht werden - möglichst unabhängig von Moral- und Ethostraditionen, wohl aber in kritischer Auseinandersetzung mit ihnen [Ulrich (2001, S. 43)].

Da nun geklärt worden ist was unter praxistauglicher Ethik verstanden werden kann, soll nun am Beispiel der japanischen Wirtschaft aufgezeigt werden, dass Moralen die innerhalb eines Wirtschaftssystems Gültigkeit haben nicht nur positive Auswirkungen mit sich bringen.

4. Ethik im wirtschaftlichen Kontext Japans

Die Wirtschaftethik ist ein Teilgebiet der Ethik. Moralische Grundlagen wirtschaftlichen Handelns und daraus entstehende Probleme werden dabei thematisiert. Zu beachten ist, dass Moralitätsgrenzen in einem öffentlichen ethisch-politischen Reflexionsprozeß bestimmt und verbindlich anerkannt werden und dann kann tatsächliches Handeln an Ihnen gemessen und beurteilt werden. Oder wie es Enderle ausdrückt führt Wirtschaftsethik zu „einer Verbesserung der ethischen Qualität des Entscheidens und Handelns“ [Enderle (1993, S. 17)]. Wirtschaftsethik muss, wie oben schon geklärt worden ist praxistauglich sein, ansonsten gerät sie zu einer „Schönwetterveranstaltung für Wohlhabende und Wettbewerbsfähige“ [Thielemann (2001, S. 163)].

Der Einfluss der Religion auf die Wirtschaftsethik kann nicht zu genüge betont werden. Beispielsweise bestimmt der japanische Shintoismus die dort herrschende Arbeitsmoral und hat den wirtschaftlichen Aufschwung und Erfolg nach dem zweiten Weltkrieg positiv beeinflusst [Vgl. Nefidow (2000, S. 55)]. Die negative Seite der japanischen Moralvorstellung besteht darin, dass wenn ein Mitarbeiter ein Unternehmen verlässt um beispielsweise ein Unternehmen zu gründen, er als Verräter gilt. Die Koppelung von Religion mit den damit verbundenen Moralvorstellungen führt zur Hemmung von Innovationsfähigkeit und Selbstständigkeit in Japan. Diese Moralvorstellung ist Mitursache, dass die japanische Wirtschaft seit Mitte der 90er Jahre aus der Spitzenposition der Weltwirtschaftsführer verdrängt wurde [Vgl. Nefidow (2000, S. 62)]. In westlicher Region hingegen, also in Amerika oder Europa, gilt es als erstrebenswert und unterstützungswürdig ein eigenes Unternehmen zu gründen!

Da nun ein Fundament geschaffen worden ist zu den Fragen was Moral und Ethik in ihrem Kern für eine Bedeutung haben und im wirtschaftlichen Rahmen für einen Einfluss gewinnen können, wird im Folgenden die Wirtschaftsbürgerethik nach Peter Ulrich vorgestellt und dessen Rollenteilung auf den Wirtschaftsbürger als reflektierender Konsument, den Organisationsbürger und den Wirtschaftsbürger als kritischer Kapitalanleger. Anhand von Beispielen werden alle 3 Rollen der Wirtschaftsbürgerethik empirisch untermauert. Als erstes wird der Wirtschaftsbürger als kritischer Kapitalanleger beleuchtet.

5. Die Wirtschaftsbürgerethik

5.1 Wirtschaftsbürger als kritischer Kapitalanleger

Das Vertrauen und die Bereitschaft sein Einkommen ins Unternehmen und in die Volkswirtschaft zu investieren und dabei Verantwortungsbewusstsein zu zeigen, indem er sein Profitstreben reflektiert, sind Charakterzüge des Wirtschaftsbürgers als Kapitalanleger [Ulrich (2001, S. 357 - 359]. Das Vertrauen des Wirtschaftsbürgers in den Kapitalmarkt ist nach der Wirtschaftskrise die im zweiten Halbjahr 2008 begann und noch nicht vorbei zu sein scheint zu tiefst erschüttert. Der Verwaltungsratchef der Großbank HSBC Stephen Green schreibt dazu in „Die Zeit“ unter der Überschrift „Moral für Banker“: „Das öffentliche Ansehen der Banker hat einen Tiefpunkt erreicht. Zorn hat sich breitgemacht“ bei der Öffentlichkeit, und weiter: „Eine Kultur der Werte ist die Conditio sine qua non für die Wiederherstellung des Vertrauens in den Markt - und damit das Wohlergehen der Gesellschaft“ [Green (2009, Die Zeit)].

Nun lässt sich da dagegen halten, dass die Banker allein an der Wirtschaftskrise nicht schuld sind, sonder zu einem gewissen Anteil auch der Wirtschaftsbürger als zu wenig kritischer Kapitalanleger der eine möglichst hohe Rendite in kürzester Zeit bekommen möchte. Nichtsdestotrotz ergab eine Studie der Fondsanalysefirma Feri Eurorating die unter 560 erfahrenen privaten Fondsanleger durchgeführt worden ist, dass zweidrittel der Fondsanleger noch nicht in Nachhaltigkeitsprodukte investiert haben und bei den Übrigen handelt es sich um einstellige prozentuale Quoten für Nachhaltigkeitsprodukte. Des weiteren sind etwa drei Prozent aller für Privatanleger aufgelegten Wertpapierfonds in Deutschland dem Anlagethema Nachhaltigkeit gewidmet und somit tendenziell ethischen Prinzipien unterworfen [Vgl. Narat (2009, Handelsblatt]. Das bedeutet, dass es für den Wirtschaftsbürger als kritischer Kapitalanleger noch sehr wenige Möglichkeiten gibt sein Geld in Fonds zu investieren die der Nachhaltigkeit verpflichtet sind. Das schließt den Wirtschaftsbürger als kritischer Kapitalanleger jedoch nicht von der Möglichkeit aus in Fonds zu investieren die ethischen Prinzipien als Grundlage haben, die auf den Aktienmärkten unter dem Schlagwort des „ethischen Investments“ (Social Responsible Investment, SRI) gehandelt werden. Es gibt also erste Tendenz zur Umorientierung vom „schnellen Geld machen“ des Konsumenten hin zu nachhaltigem Wirtschaften des Wirtschaftsbürgers als kritischer Kapitalanleger. Bestehen bleibt jedoch die Tatsache, der Großteil des auf dem Aktienmarkt vorhandenen Geldes fließt in Wertpapiere und Fonds die in einer möglichst kurzen Zeit eine hohe Rendite abwerfen sollen. Somit ist es noch ein langer Weg bis eine Mehrheit bereit ist, ihr Vorhaben Geld anzulegen kritisch zu hinterfragen und Prioritäten zu setzen die über den heutigen Tag hinausgehen.

Da nun präsentiert worden ist was unter einem Wirtschaftsbürger als kritischer Kapitalanleger zu verstehen ist, nämlich die Aufgabe Handlungskonsequenzen die durch die Wahl der Geldanlage entstehen für sich und für das Gemeinwohl mitzudenken und kritisch zu reflektieren, kann nun die zweite Rolle die aus der Wirtschaftsbürgerethik entspringt betrachtet werden.

5.2 Der Organisationsbürger

Der Organisationsbürger besitzt eine ihm meist zugewiesene oder angenommene begrenzte Teilaufgabe in einem Unternehmen und als Privatbürger im Staat mit der Funktion, den Erhalt des gesamten Komplexes aufrecht zu erhalten und weiterzuentwickeln. Jedoch ist seine „Bürgerverantwortung unteilbar“ [Ulrich (2001, S. 324)]. Das bedeutet, Führungskräfte sind sowohl den Zielen ihres Unternehmens verpflichtet als auch den moralischen Interessen der Gesellschaft. „Es kommt gemäß dem republikanischen Prinzip darauf an, der umfassenden Bürgerverantwortung vor der eingeschränkten Rollenverantwortung den Vorrang zu geben“ [Ulrich (2001, S. 324)]. Am Beispiel von Shell und dem Fall „Brent Spar“ lässt sich sehr gut zeigen wie Organisationsbürger nicht handeln sollten.

Shell steht vor der Frage die ausgediente Plattform „Brent Spar“ entweder im Meer zu versenken oder sie an Land umweltfreundlich zu entsorgen. Der Entscheidung der Führungskräfte die Plattform im Meer zu versenken lagen rein ökonomische Unternehmensinteressen zugrunde. Die moralischen Interessen einer Gesellschaft, wie beispielsweise der Umweltschutz, flossen in die Unternehmensentscheidung nicht mit ein. Es lag eine Konstellation vor, nach der die Legalität der Entscheidung unstrittig war, ihre ethische Richtigkeit jedoch von der Öffentlichkeit negiert wurde. Unklar ist jedoch, ob Shell nicht im Nachhinein ethisch gehandelt hat und anfangs nur versehentlich oder unwissentlich ein ethisch verfehltes Ziel verfolg hat. Es handelt sich hierbei möglicherweise um eine Instrumentalisierung der Moral (Vgl. 6.2), da Shell wohl weniger aus ethischer Überzeugung heraus, sondern vielmehr aufgrund ökonomischer Zwänge wie dem Boykott bundesdeutscher Shelltankstellen gehandelt hat. Kant spricht in der Grundlagen zur Metaphysik von 1785 in einem ähnlichen Beispiel einem Kaufmann die moralische Qualität des Handelns ab [Vgl. Kant (1785, S. 15)]. Nach Kant ist solch Handeln, bei dem offenkundig die eigene Reputation und der langfristige Vorteil im Vordergrund stehen, nicht als „sittliches“ Handeln sondern als „kluges“ Handeln zu bewerten.

Es lässt sich der Organisationsbürger folgendermaßen charakterisieren. Er ist gemäß dem republikanischen Prinzip der Allgemeinheit verpflichtet, unternehmerische Entscheidungen und die Unternehmenspolitik loyal kritisch zu beobachten und Einspruch zu erheben, wenn diese nicht moralisch in der Gesellschaft zu vertreten sind. Falls moralische Bedenken bei einer Unternehmensentscheidung nicht mitberücksichtigt werden und die unternehmerische Organisation auf die Verfolgung ihrer eigenen Interessen auf Kosten der Bürgerrechte besteht, wie im Fall von „Brent Spar“ geschehen ist, kann von außen her ein öffentlicher Legitimationsdruck auf die Organisation zur Rücknahme der Entscheidung führen. Das bewirkte Greenpeace und deren Fesselung der deutschen Öffentlichkeit auf das Thema. Die freie Presse besitzt hier wohl den größten Einfluss in Verbindung mit Nicht­Regierungsorganisationen. Skandale wie der Fall „Brent Spar“ zeigen die moralischen Normen einer Gesellschaft. Ein Organisationsbürger als Führungskraft eines Unternehmens bedenkt bevor er eine Entscheidung trifft ob diese mit den Zielen der Organisation und den moralischen Interessen einer Gesellschaft übereinstimmen. Oder mit Stephen Green zu sprechen, „Die Maximierung des Shareholder-Value sollte nicht das alles beherrschende Ziel des Managements sein. Wertzuwachs sollte Ergebnis guter Arbeit sein. Und gute Arbeit bedeutet, auf profitable Weise werthaltige Leistungen für den Kunden zu erbringen“ [Green (2009 in Die Zeit)].

Die letzte der drei Rollen der Wirtschaftsbürgerethik zeigt wie widersprüchlich der Konsument sich verhält in einer bunten Warenwelt und was ihm fehlt um zum Wirtschaftsbürger als reflektierender Konsument im Sinne von Peter Ulrich zu werden.

5.3 Wirtschaftsbürger als reflektierender Konsument

Eine Mehrthemenumfrage vom Institut für Markt-Umwelt-Gesellschaft e. V. aus dem Jahre 2003 stellte fest, dass gerade mal 34 Prozent der Konsumenten ein Produkt vorziehen, das von einem Unternehmen hergestellt wurde, welches „in einem besonderen Maße gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein gezeigt hat“, bei gleicher Qualität und bei gleichem Preis des Konkurrenzproduktes [imug (2005, S. 18)]. Das bedeutet, es ist 66 Prozent der Befragten egal, ob sie ein aus ethischer Sicht besseres Produkt kaufen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Integrative Wirtschaftsethik nach Peter Ulrich
Untertitel
Angewendet am Fallbeispiel Enron
Hochschule
Universität Hohenheim  (Lehrstuhl für Katholische Theologie und ihre Didaktik sowie Wirtschaftsethik Fachgebiet Wirtschafts- und Unternehmensethik)
Veranstaltung
Referat im Rahmen des Seminars „Konzepte der Wirtschafts- und Unternehmensethik“
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
38
Katalognummer
V156899
ISBN (eBook)
9783640694488
ISBN (Buch)
9783640695461
Dateigröße
530 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wirtschaftsethik, Unternehmensethik, Enron, Ulrich Peter, Integrative Wirtschaftsethik
Arbeit zitieren
Matthias Müller (Autor), 2010, Integrative Wirtschaftsethik nach Peter Ulrich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/156899

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Integrative Wirtschaftsethik nach Peter Ulrich


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden