Um die Entwicklung und die Ziele des Nationaltheaters Ghana und seines Vorläufers in ihrer Gänze erfassen zu können, muss zunächst das Konzept des Nationaltheaters in den Blick genommen werden. Es gilt zu untersuchen, welche Faktoren in die Gründung und Aufrechterhaltung eines Nationaltheaters hineinspielen. Auch mögliche Hindernisse und Probleme in der Definition eines Nationaltheaters dürfen nicht ausgeklammert werden. Das Nationaltheater kann dabei in dreifacher Weise beleuchtet werden: Einerseits als politisches und kulturelles Konzept, das im Zuge von wachsendem Nationalismus und der damit einhergehenden Suche nach kultureller Identität nach der Zeit der Unterdrückung entstanden ist. Andererseits handelt es sich um ein Gebäude, das als nationales Monument nationale Kunst beherbergt. Es ist aber auch ein Prestigegebäude und ein Ort für (inter)kulturelle Begegnungen. Zuletzt kann das Nationaltheater als Institution betrachtet werden, die eine Infrastruktur zum Forschen, Dokumentieren, Archivieren, Propagieren und Darstellen bietet und damit das kulturelle Erbe der Nation sichert.
Kwame Nkrumah, erster Präsident des unabhängigen Ghana, war der tiefen Überzeugung, dass nach der politischen Unabhängigkeit die kulturell-ideologische folgen müsse. Außerdem schien für ihn die Unabhängigkeit Ghanas bedeutungslos, wenn sie nicht zugleich mit der von ganz Afrika verbunden ist. Seine panafrikanische Einstellung soll an späterer Stelle noch näher betrachtet werden. Ziel Nkrumahs war eine Nation, die sich von kolonialen Strukturen und Denkweisen ablöst und ihre eigene Geschichte schreibt. Eine Rückbesinnung zu den alten präkolonialen Traditionen und Ritualen sollte ein erster Schritt in ein politisch, ökonomisch und kulturell unabhängiges Ghana sein. Wie in vielen anderen afrikanischen Staaten entstand synchron zur Nationalbewegung die Idee eines Nationaltheaterbaus. Innerhalb dieser Institution sollte die Kunst von kolonialer Dominanz und Marginalisierung befreit werden und stattdessen afrikanische Werte und Lebensweisen vermitteln.
Die Künstlerin und Dramatikerin Efua Sutherland, deren Arbeit im vierten Kapitel untersucht wird, gilt als Galionsfigur dieser Bestrebungen in Ghana. Mittels ihrer experimentellen Arbeit sollte eine nationale Theaterform und -praxis gefunden werden, die moderne und traditionelle Praktiken miteinschließt.
Inhaltsverzeichnis
1. Die Rolle des Theaters bei der Selbstermächtigung Ghanas
2. Die Idee des Nationaltheaters
3. Nkrumahs Kulturkonzept und das National Theatre Movement
4. Das Drama Studio als Vorläufer des Nationaltheaters
4.1 Efua Sutherland als Galionsfigur postkolonialer Dramatik in Ghana
4.2 Architektur des Drama Studios und ihre Bedeutung
4.3 Inhalte auf der Bühne
4.3.1 Anansesem und Concert Parties
4.3.2 Wichtige Stücke Sutherlands
5. Das Nationaltheater als Zeichen ghanaisch-chinesischer Zusammenarbeit
5.1 Bau des Nationaltheaters
5.1.1 Politische Hintergründe des Bauvorhabens
5.1.2 Bauprozess und Architektur des Nationaltheaters
5.2 Inhalte auf der Bühne
5.3 Das Nationaltheater Ghana als Nationaltheater?
6. Veränderung des Nationaltheatergedankens von der Unabhängigkeit Ghanas bis heute
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Rolle des Theaters im Prozess der Nationenbildung in Ghana unter besonderer Berücksichtigung des Nationaltheaters und seines Vorläufers, des Drama Studios. Dabei wird die Forschungsfrage verfolgt, inwiefern diese Institutionen kulturelle Identität stiften und als Instrumente postkolonialer Selbstermächtigung fungieren können.
- Die Funktion von Nationaltheatern als politisches und kulturelles Konzept
- Nkrumahs Kulturpolitik und das National Theatre Movement
- Efua Sutherlands experimentelle Theaterarbeit und das Drama Studio
- Der Einfluss chinesischer Architektur-Diplomatie auf das Nationaltheater Ghana
- Herausforderungen der kulturellen Identitätsstiftung in einem multiethnischen Staat
Auszug aus dem Buch
4.2 Architektur des Drama Studios und ihre Bedeutung
Die Regierung Ghanas stellte Sutherland Land für das Drama Studio zur Verfügung. Finanziert wurde sein Bau jedoch nicht nur durch das ghanaische Arts Council, sondern auch durch die Farfield und die Rockefeller Foundation. Dass die Farfield Organisation als Vorderseite der CIA im Kalten Krieg agierte, war Sutherland laut dem Theaterwissenschaftler James Gibbs vermutlich nicht bewusst. Zwar wusste sie um die Motive vieler amerikanischer Organisationen, doch „[t]here is no suggestion that she ever compromised her vision to accomodate outside interests“.
Sutherland wollte einen Ort schaffen, an dem die Geschichte, die Institutionen, die Sprache und die Künste Ghanas und Afrikas frei von kolonialen Denkweisen erforscht und in neue, afrikazentrierte Kunstformen eingearbeitet werden können. Hierfür musste eine geeignete Architektur gefunden werden, die diesen Prozess unterstützt. Gebaut wurde schließlich ein Eingang, in den das Hockermotiv der Ashanti eingebunden ist, und eine erhöhte überdachte Freilichtplattform, die als Bühne oder als Teil des Auditoriums genutzt werden kann. Insgesamt bietet das Drama Studio Platz für 350 Personen. Betrachtet man diese Architektur, so kann man einen direkten Bezug zu Sutherlands Zielen erkennen. Das Ashanti-Motiv kann als Zeichen für Tradition und Spiritualität interpretiert werden. Dies stimmt mit Sutherlands Wunsch nach einer Rückbesinnung zu den eigenen präkolonialen Wurzeln überein.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Rolle des Theaters bei der Selbstermächtigung Ghanas: Einleitende Betrachtung der Funktionen von Theater in der Nationenbildung und des Einflusses von Kwame Nkrumahs Vision eines unabhängigen Ghana.
2. Die Idee des Nationaltheaters: Theoretische Auseinandersetzung mit der Repräsentation einer Nation durch Theater und den damit verbundenen Herausforderungen hinsichtlich kultureller Hegemonie.
3. Nkrumahs Kulturkonzept und das National Theatre Movement: Analyse des Panafrikanismus und der Gründung des National Theatre Movements als Mittel zur Etablierung einer kulturellen Identität.
4. Das Drama Studio als Vorläufer des Nationaltheaters: Untersuchung von Efua Sutherlands Wirken, ihrer experimentellen Theaterpraxis und der symbolträchtigen Architektur des Drama Studios.
5. Das Nationaltheater als Zeichen ghanaisch-chinesischer Zusammenarbeit: Darstellung der planerischen Hintergründe, der Finanzierung durch China und der daraus resultierenden Spannung zwischen nationalem Wunsch und ausländischem Einfluss.
6. Veränderung des Nationaltheatergedankens von der Unabhängigkeit Ghanas bis heute: Reflexion über die Transformation der Theaterideale und die zukünftige Rolle des Nationaltheaters in der ghanaischen Gesellschaft.
Schlüsselwörter
Nationaltheater, Ghana, Efua Sutherland, Drama Studio, Nationenbildung, Panafrikanismus, Postkolonialismus, Kulturpolitik, Kwame Nkrumah, Architektur-Diplomatie, Akan-Kultur, Concert Parties, Identitätsstiftung, Theaterwissenschaft, Abibigromma.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht, wie das Theater in Ghana seit den 1960er Jahren gezielt zur Identitätsbildung und zur Stärkung eines nationalen Bewusstseins nach der Kolonialzeit eingesetzt wurde.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zu den Schwerpunkten zählen Kulturpolitik unter Nkrumah, die Entwicklung von Dramenformen, die Bedeutung architektonischer Konzepte für das kulturelle Selbstverständnis sowie die internationale Zusammenarbeit bei Infrastrukturprojekten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Entwicklungslinie vom experimentellen Drama Studio hin zum staatlichen Nationaltheater zu analysieren und zu hinterfragen, inwiefern diese Institutionen tatsächlich nationale Identität stärken.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär angewandt?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Analyse theaterwissenschaftlicher und historischer Literatur sowie der Untersuchung von Architektur- und Kulturkonzepten im postkolonialen Kontext.
Welche inhaltlichen Aspekte stehen im Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil behandelt die kulturideologischen Konzepte hinter dem National Theatre Movement, das Wirken von Efua Sutherland und die komplexe Entstehungsgeschichte des heutigen Nationaltheaters mit chinesischer Unterstützung.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich der Inhalt charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich maßgeblich über Begriffe wie Nationenbildung, postkoloniale Identität, institutionelles Theater, Kulturdiplomatie und die Verbindung von Tradition und Moderne definieren.
Inwiefern beeinflusste die chinesische Finanzierung das Nationaltheater in Accra?
Die Finanzierung durch China brachte eine spezifische Architektur mit sich, die zwar ein modernes Prestigeobjekt darstellte, aber in der Gestaltung teils an traditionellen ghanaischen Bedürfnissen vorbeiging und ein Abhängigkeitsverhältnis schuf.
Warum gilt das Drama Studio als Vorläufer des heutigen Nationaltheaters?
Das Drama Studio fungierte bereits kurz nach der Unabhängigkeit als Keimzelle für eine experimentelle, afrikazentrierte Theaterpraxis, die den Wunsch nach eigener kultureller Identität vorwegnahm und das Fundament für spätere Bestrebungen legte.
- Arbeit zitieren
- Hanna Liertz (Autor:in), 2019, Theater als Mittel zur Nationenbildung? Das Nationaltheater Ghana und seine Vorläufer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1569382