Die Rolle Delphis in der griechischen Kolonisation


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
20 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Entstehungsgeschichte des Orakels von Delphi

3. Die Befragung des Orakel
a. Der Ort der Befragung
b. Die Voraussetzungen für die Befragung
c. Das Los-Orakel
d. Die Prozedur der Befragung
e. Die Pythia
i. Die Erdspalte
ii. Der Dreifuß
iii. Der Gebrauch des Lorbeer

4. Die Rolle Delphis in der griechischen Kolonisation

5. Gründungsorakel
a. Strukturmerkmale der delphischen Orakel
b. Die Frage nach der Authentizität der Orakelsprüche

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Hauptseminararbeit soll einen Einblick in die Struktur, Wesenszüge und die Bedeutung des Apollon-Orakels von Delphi, vor allem für die griechische Kolonisation, geben.

Nachdem zunächst der Ursprung des Orakels von Delphi, insofern er überhaupt darstellbar ist, besprochen wurde, wird danach näher auf die Geschehnisse während der Konsultation des Orakels Befragung eingegangen werden. Dabei wird ein besonderes Augenmerk auf den Ort der Befragung, die Voraussetzungen für die Befragung und die Prozedur der Befragung gelegt. Insbesondere sollen dabei auch die Rolle der Pythia, also des delphischen Mediums, sowie die Gründe für den Trancezustand dieses Mediums herausgestellt werden. Als Literaturgrundlage dient hierfür George Rouxs „Delphi: Orakel und Kultstätten“.

Im nächsten Abschnitt wird die Rolle Delphis in der griechischen Kolonisation diskutiert. Besonders wird dabei auf die Gründungsorakel Delphis und welche Auswirkungen diese auf die griechische Kolonisation hatten eingegangen. Auch die Strukturmerkmale delphischer Orakel werden in diesem Zusammenhang beschrieben. Des Weiteren soll zum Abschluss auf die Frage nach der Authentizität der Gründungsorakel eingegangen werden. Als Literaturgrundlage dienen hierfür “The Delphic Oracle” von Joseph Fontenrose, in welchem die erhaltenen Orakelsprüche übersichtlich zusammengestellt sind und das Standardwerk über die Orakelsprüche von Delphi: “The Delphic Oracle” erschienen in zwei Bänden von H. W. Parke und D. E. Wormell.

Dadurch dass die epigraphischen Quellen im Zusammenhang mit dem Orakel von Delphi nicht sehr hilfreich sind, da die meisten Orakelantworten praktisch nur durch antike Autoren, unter anderem Herodot, Strabon und Plutarch, überliefert sind, stützt sich diese Arbeit vor allem auf literarische Quellen. Die archäologischen Quellen finden nur bei der Besprechung des Ursprungs des delphischen Orakel und des Adytons Anwendung.

2. Die Entstehungsgeschichte des Orakels von Delphi

Die Gründung des Orakels von Delphi wird in drei antiken Werke beschrieben: im Homerischen Hymnus an Apollon, im Prolog der Eumeniden von Aischylos, und in Iphigenie im Trauerlande von Euripides[1]. Alle drei Quellen greifen auf einen Mythos zurück, den jedoch jede in einer anderen Version wiedergibt. So beschreibt der homerische Hymnus wie Apollon sich auf die Suche nach einer geeigneten Stelle für ein Orakel macht und diesen in Delphi findet, wo jedoch ein Unheil bringende weibliche Schlange[2] wohnt, der Hera befohlen hatte Typhon, den schrecklichsten aller Gegner des Zeus aufzuziehen. Apollon tötet diese Schlange kurzerhand.[3] In der späteren Überlieferung ist diese Schlange männlich und hat eine andere Bedeutung, so wie in Euripides‘ Iphigenie im Trauerlande. Laut Euripides handelte es sich bei der Schlange um Python, die heilige Schlange der Erdgöttin Gaia, der das Orakel von Delphi vor Apollon gehörte.[4] Eine dritte Version stammt wie schon erwähnt von Aischylos. Dieser beschreibt im Prolog seiner Eumeniden, dass Apollon in vierter Generation zur Übernahme des Orakels von Delphi berechtigt war. Er erhielt es von seiner Großmutter Phoebe, die es von der Tochter Gaias, Themis, bekommen hatte, die es wiederum von ihrer Mutter Gaia erhalten hatte.[5] Es fällt auf, dass Aischylos die Geschichte um die Schlange Python gänzlich außer Acht lässt, um Apollon nicht als den Eroberer, der das Orakel mit Gewalt an sich gerissen hat, darzustellen.[6]

Licht in die Frage nach dem Ursprung des delphischen Orakels kann mit Hilfe der Archäologie gebracht werden. Ausgrabungen haben zu Tage gebracht, dass sich auf dem Gelände des späteren delphischen Orakels eine Siedlung aus der späteren helladischen Periode befand. Nach den Funden zu urteilen wurde die Gegend schon um 1500 v.Chr. zahlreich bewohnt, da sich dort höchstwahrscheinlich ein bedeutender lokaler Kultort befand, an dem vermutlich die Erdgöttin Gaia, eine Hauptgöttin der Minoer, verehrt wurde.[7] Delphi war also höchstwahrscheinlich ursprünglich der Erdgöttin Gaia geweiht. Erst mit dem Auftreten Apollons, der laut Parke und Wormell als der Eindringling gesehen werden muss, als den ihn die Homerischen Hymnen beschreiben, wird der Kult der Gaia in Delphi abgelöst.[8]

Wie das primitive Orakel der Gaia befragt wurde ist kaum bekannt und auch über die Befragung des apollonischen Orakels weiß man nur wenig. Im Folgenden soll vorgestellt werden, was über den Ablauf der Konsultationen des delphischen Orakels bekannt ist.

3. Die Befragung des Orakels

a. Der Ort der Befragung

Der Ort der Befragung war der Apollontempel. Die heute noch sichtbaren Überreste des Tempels, der auf den Grundmauern des Tempels der Alkmeoniden erbaut wurde, stammen aus dem vierten Jahrhundert vor Christus. Der Hauptgrundriss des Tempels ging aber höchstwahrscheinlich auf einen noch älteren Tempel zurück. Die ist darauf zurückzuführen, dass die Tradition des ursprünglich heiligen Bezirks gewahrt und der Plan des ursprünglichen Tempels beibehalten werden musste.[9]

Die Befragung des Orakels fand im westlichen am weitesten entfernten Teil des Apollontempels, im sogenannten Adyton, das auch Manteion oder Chresterion genannt wird, statt[10]. Bei diesem handelte es sich um eine „Bodensenke, eine Art Grube, oder genauer noch (…) eine Aussparung im Steinpflaster, die dazu bestimmt war, einen antiken heiligen Ort auf seinem ursprünglichen Niveau den Blicken freizuhalten.“[11] Den Höhenunterschied zwischen dem Boden des Megaron und dem Adyton bestätigen auch zahlreiche Quellen, die beschreiben, dass das Adyton durch ein „Hinabsteigen“ begangen werden musste.[12] Der Höhenunterschied zwischen dem Megaron und dem Adyton kann allerdings nicht sehr hoch gewesen sein, denn wie sonst hätte die Pythia dem lakedaimonischen Gesetzgeber Lykurgos sein Orakel künden können, sobald er den Tempel betrat: sie muss ihn von ihrem Sitz auf dem Dreifuss gesehen haben können.[13]

b. Voraussetzungen für die Befragung

Die Befragung des Orakels von Delphi fand zunächst nur einmal im Jahr, am siebten Tag des Monats Bysios[14] statt.[15] Dieser Tag galt als Jahrestag der Geburt des Apollon und wurde dadurch als besonders feierlich und geeignet für die Orakelbefragung angesehen. Später, zur Zeit der höchsten Blüte des Orakels, weissagte die Pythia an jedem siebten Tag eines Monats, außer in den drei Wintermonaten, in denen Apollon sich laut griechischer Vorstellung bei den Hyperboreern aufhielt.[16] Es ist sehr wahrscheinlich, dass das Orakel auch außerhalb der monatlichen, ordentlichen Befragungen an fast allen Tagen in einer außergewöhnlichen Sitzung befragt werden konnte. Allerdings mussten die Befrager in einem solchen Fall meist mit dem Los-Orakel vorlieb nehmen.[17] Ein weiterer Unterschied lag auch darin, dass eine gewöhnliche Befragung von der Stadt Delphi offiziell organisiert wurde: im Namen der Stadt boten sie dem Apollon im Namen aller Befrager ein Tieropfer dar und ermöglichten so allen Befragern den Zugang zum Orakel.[18] Bei einer außerordentlichen Befragung musste der Befrager für das vorige Opfer selbst aufkommen.[19]

Am Tag der Befragung begab sich die Pythia kurz nach Sonnenaufgang zur Kastalia, um sich durch rituelle Waschungen zu reinigen.[20] Danach verbrannte sie zur weiteren Reinigung etwas Gerstenmehl, ihren persönlichen Pelanos, und einige Lorbeerblätter in den Flammen des Fichtenholzes beim Altar der Hestia.[21] Danach wurde die Pythia in die heilige Stätte vorgelassen, jedoch nicht ohne vorher festzustellen, ob Apollon an dem Tag geneigt war, sich der Pythia zu offenbaren. Zu diesem Zweck wurde ein Opfertier, meist eine Ziege, mit Wasser besprenkelt, um zu sehen, ob es zitterte; denn dies galt als das richtige Omen, um den Tag als günstig für die Befragung des Orakels zu deklarieren.[22] Wenn sich das Zeichen einstellte, wurde das Tier geopfert, wahrscheinlich auf dem großen, den Einwohnern Chios‘ geweihten Altar östlich des Tempels, um den Befragern anzuzeigen, dass der Tag für die Konsultation des Orakels geeignet war. Nun begab sich die Pythia in den Tempel und setzte sich auf den Dreifuß. In der Zwischenzeit haben sich die Hosoi[23] und der Prophet ebenfalls einer Reinigung in der Kastalia-Quelle unterzogen. Auch die Befrager des Orakels mussten sich mit dem heiligen Wasser der Quelle reinigen, bevor sie sich in den Tempel begeben konnten.

Nun musste noch festgelegt werden, in welcher Abfolge die Befrager zur Pythia vorgelassen werden sollten. Dabei galt es eine bestimmte Reihenfolge zu beachten. So hatten die Bewohner Delphis vor allen anderen das Recht die Pythia zu befragen, nach ihnen kamen die die übrigen elf Mitgliedervölker der Amphiktionie[24] und zum Schluss die Nicht-Griechen.[25] Diese Abfolge der Befrager konnte jedoch durch ein bestimmtes Vorrecht, die Promantie, geändert werden. Es konnte durch die Stadt Delphi an Privatpersonen, Gemeinschaften, Städte oder Völker vergeben werden und berechtigte diese das Orakel vorzugsweise befragen zu dürfen, allerdings hatten die Bewohner Delphis trotz der Promantie einiger anderer immer das Recht das Orakel als Erste zu befragen.[26]

War die Abfolge geregelt, musste jeder, der die Pythia befragen wollte, ein Opfer, den Pelanos, darbringen. Ursprünglich handelte es sich dabei um eine Opfergabe in Naturalien, einen Opferkuchen, später aber um eine Geldabgabe. [27] Diese Abgabe diente der Stadt Delphi zur Unterhaltung des Heiligtums.[28] Die Höhe des Pelanos war je nach Art der Befragung und Herkunft der Befrager unterschiedlich. Dabei wurde auch berücksichtigt, ob es sich bei den Befragern um Privatleute oder eine offizielle Gesandtschaft handelte.[29] War das Opfer dargebracht, wurde der Klient von einem Priester in den Tempel, in dem ein weiteres Opfer geleistet und eine zusätzliche Gebühr gezahlt werden musste, geführt.[30] Erst nach dem zweiten Opfer durfte der Klient das Adyton, in dem keine Frauen außer der Pythia zugelassen waren, betreten.[31]

Bevor die eigentliche Prozedur der Befragung beschrieben wird, soll zunächst noch auf eine andere Möglichkeit der Orakelbefragung in Delphi, dem Los-Orakel eingegangen werden.

c. Das Los-Orakel

Laut einer Inschrift, die die Höhe des Pelanos für die Bürger von Skiathos, der westlichen Insel der Sporaden, festlegte, zahlte die Gemeinde einen Stater für eine Konsultation der Pythia. Neben diesem Preis bietet die Inschrift auch den Preis für ein Bohnenorakel, das ebenfalls einen Stater kostete, und belegt damit die Existenz eines solchen.[32] Es gibt keine literarische Beschreibung der Konsultation dieses Bohnenorakels; allerdings ist es höchstwahrscheinlich dass die Pythia zwischen zwei Bohnen, einer weißen und einer schwarzen, ausloste. Die weiße Bohne bedeutete dabei eine günstige, die schwarze Bohne eine negative Antwort.[33] Wenn sich nun die Kosten für die Befragung des normalen Orakels und die Kosten des Bohnenorakels entsprachen, lässt sich daraus schließen, dass es zwischen Los-Orakel und mündlicher Antwort in Delphi keine Rangordnung gab: das Bohnenorakel war in keinster Weise minderwertig gegenüber den Worten der Pythia, denn beide drückten den Willen des Apollon aus.[34] Dies lässt sich vielleicht dadurch erklären, dass die Konsultation des Los-Orakels anders als die der Pythia an allen für die Befragung des Apollon günstigen Tagen erfolgen konnte und nicht auf einen Tag im Monat beschränkt war. Aus diesem Grund war es auch noch im vierten Jahrhundert vor Christus Brauch das Los-Orakel zu befragen.[35]

[...]


[1] Herbert W. Parke, Donald E.W. Wormell, The Delphic Oracle Volume I: The History, Oxford 1956, S.3.

[2] Manche Quellen sprechen auch von einem Drachen.

[3] Hugh Loyd-Jones, “The Delphic Oracle”, in: Greece and Rome Bd. 23, Nr. 1, 1976, S. 60-73, hier S. 61.

[4] Ebd. S. 61.

[5] Ebd. S. 61.

[6] George Roux, Delphi: Orakel und Kultstätten, München 1971, S. 48.

[7] Parke; Wormell, Delphic Oracle, S.5.

[8] Parke; Wormell, Delphic Oracle, S.5.

[9] Roux, Delphi, S. 91.

[10] Parke; Wormell, Delphic Oracle, S.5.

[11] Roux, Delphi, S. 104.

[12] Ebd. S. 100. So stieg nach Pindar Battos, der künftige Gründer Kyrenes, der das Orakel befragen wollte, „in den Tempel des Gottes hinab“ und nach Plutarch stieg der korinthische Feldherr Timoleon „in das Manteion“ hinab.

[13] Roux, Delphi, S. 99.

[14] Der Monat Bysios entspricht der letzten Hälfte des Monats Februar und der ersten Hälfte des Monats März.

[15] Herbert W. Parke, “The Days for Consulting the Delphic Oracle”, in: The Classical Quarterly Bd. 37, Nr.1/2, 1943, S. 19-22, hier S. 19.

[16] Veit Rosenberger, Griechische Orakel: Eine Kulturgeschichte, Stuttgart 2001, S. 49.

[17] Loyd-Jones, The Delphic Oracle, S. 66.

[18] Kai Trampedach , Politische Mantik. Studien zur Kommunikation über Götterzeichen und Orakel im klassischen Griechenland, Konstanz 2003, S. 137.

[19] Roux, Delphi, S.74.

[20] Parke; Wormell, Delphic Oracle, S.31.

[21] Roux, Delphi, S. 135.

[22] Parke; Wormell, Delphic Oracle, S. 31.

[23] Die Hosoi sind Mitglieder eines Priesterclans, der sich sowohl dem Kult des Dyonisus als auch des Apollon gewidmet haben.

[24] Die Amphiktyonie war ein Bund von zwölf mittel- und nordgriechischen Stämmen und Staaten, die es sich u.a. zur Aufgabe gemacht hatten, das Orakel zu schützen.

[25] Roux, Delphi, S. 75.

[26] Ebd. S. 76.

[27] Rosenberger, Griechische Orakel, S. 49.

[28] Trampedach, Politische Mantik, S. 138.

[29] Rosenberger, Griechische Orakel, S. 49-50.

[30] Ebd. S. 49-50.

[31] Parke; Wormell, Delphic Oracle, S. 32-33.

[32] Rosenberger, Griechische Orakel, S. 51.

[33] Roux, Delphi, S. 147.

[34] Ebd. S. 144.

[35] Parke; Wormell, Delphic Oracle, S. 18.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Rolle Delphis in der griechischen Kolonisation
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Seminar für Alte Geschichte und Epigraphik)
Veranstaltung
Die griechische Kolonisation in archaischer Zeit
Note
2,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
20
Katalognummer
V157064
ISBN (eBook)
9783640690121
ISBN (Buch)
9783640690275
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Delphi, Orakel, griechische Kolonisation
Arbeit zitieren
Julia Linnarz (Autor), 2008, Die Rolle Delphis in der griechischen Kolonisation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/157064

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