Geschlechterdifferente Sozialisation im Kleinkindalter


Studienarbeit, 2010
24 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Nomenklatur: geschlechtstypisch, geschlechtsspezifisch

3. Sozialisationsverständnis und Traditionslinien
3.1 Sozialisation als biologischer determinierter Prozess
3.2 Sozialisation als gesellschaftlich gesteuerter Prozess

4. Nomen est omen - Der Name ist ein Zeichen

5. Intersexualität

6. Institutionen und Geschlecht

7. Institution Familie
7.1 Geschlechterspezifische und geschlechterdifferente Sozialisation
7.2 Umgang mit den unterschiedlichen Geschlechtern innerhalb der Familie
7.3. Stabilität versus neue Offenheit in der Familie oder: geschlechtsneutrale Sozialisation

8. Institution Kindergarten
8.1 Der Kindergarten ,ein weiblich dominiertes Terrain - und seine Folgen
8.2 Profession: Erziehung
8.3 Geschlechtstypische Gestaltung als Katalysator der Rollenübernahme
8.4 Doing Gender im Kindergarten
8.4.1 Akteure: Erzieher
8.4.2 Akteure: Eltern
8.4.3 Akteure: Kinder

9. Lösungsansätze für eine geschlechtergerechte Sozialisation

10. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Ausarbeitung thematisiert den Sozialisationsprozess von Kindern vom Zeitpunkt der Geburt an, innerhalb der Institution Familie sowie im Kontext des Kindergartens. Die Relevanz der Thematik ergibt sich aus den auch heute noch weitgehend verbreiteten Rollenverständnissen von männlich und weiblich. Obschon das soziale Geschlecht aus konstruktivistischer Sicht als hergestellt und erworben gilt, ist das alltägliche Verständnis noch immer weitestgehend von rein biologischen Ursachen für die Differenz von Mädchen/Frauen und Jungen/Männern geprägt. Welchen Einfluss allerdings die Eltern, das soziale Umfeld, Peers, der Kindergarten und die Kinder selbst aber auf die Reproduktion von Geschlechterbildern und Stereotypen nehmen, soll im weiteren Verlauf geklärt werden. Dabei lässt sich folgende zentrale Frage formulieren: Greift das Thomas-Theorem (if men/women define a situation as real, then it is real in it’s consequences) auch im Zuge der Sozialisation von Kindern, bezüglich der Kategorie Geschlecht und falls ja, kann dieser Prozess der Konstruktion von professionalisierten Institutionen unterbunden werden?

Die Ausarbeitung ist in der Folge hinsichtlich der Chronologie des Kindes gegliedert. Einführend werden Definitionen sowie unterschiedliche Verständnisse von Sozialisation erläutert. Anschließend wird die Relevanz der eindeutigen geschlechtlichen Klassifikation am Beispiel der Intersexualität erläutert. Darauffolgend werden die Institution Familie sowie die Institution Kindergarten näher betrachtet. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Reproduktion von Geschlechtstypisierungen. Im Fazit soll die zu Beginn entworfene Frage beantwortet werden. Analog dazu wird Bezug auf die Profession der Sozialen Arbeit und ihr Anteil an einer geschlechtergerechten Sozialisation genommen.

2. Nomenklatur: geschlechtstypisch, geschlechtsspezifisch

Um einer Vermischung von scheinbar identisch verwendbaren Begrifflichkeiten entgegenzuwirken, bedarf es zu Beginn derer Differenzierung.

Das Adjektiv ‚geschlechtstypisch‘ bezeichnet ein Verhaltensmuster, welches sich besonders häufig bei Jungen/Männern bzw. Mädchen/Frauen beobachten lässt, ohne auf biologisch-physiologischen Grundlagen zu basieren.

Davon abzugrenzen ist der Begriff ‚geschlechtsspezifisch‘. Dieser beschreibt anlagebedingte Differenzen zwischen den Geschlechtern, wie bspw. den Bartwuchs oder die Menstruation.

Die Verwendung des Ausdruckes der ‚Geschlechtstypisierung‘ ist dann erforderlich, wenn ein bestimmtes Verhalten oder aber Handlungen einer Person bei dessen Interaktionspartner oder Beobachter Zuschreibungsprozesse aktiviert, welche dieser internalisiert und in das Selbstbild aufnimmt. Als besonders klassisch gelten Formulierungen wie ‚Ein braves Mädchen macht so etwas nicht!‘ oder ‚Ein Indianer kennt keinen Schmerz‘.

Daran angelehnt beschreibt der Begriff der ‚Geschlechterrolle‘ geschlechterdifferenzierte, „sozial geteilte“ (Eckes 2004, S. 165) Verhaltenserwartungen, die sich auf Mädchen/Frauen sowie Jungen/Männer aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit, bzw. ihrer sozial zugeschriebenen Geschlechtlichkeit richten und dementsprechend zu erfüllen sind. (vgl. Rendtorff 2006, S. 10; vgl. Eckes 2004, S. 165)

3. Sozialisationsverständnis und Traditionslinien

Der Begriff der Sozialisation umfasst den Prozess des Heranreifens einer menschlichen Persönlichkeit, welche einer reziproken Beeinflussung und Auseinandersetzung von/mit der dinglichen Umwelt und den soziokulturellen, historischen und ökonomischen Kontexten untersteht. Diese basiert auf der jeweils individuellen Genetik des Einzelnen. Der Prozess der Sozialisation steht somit in Interdependenz zu biologischer Ausstattung und Lebenswelt. In deren Verlauf entwickelt sich der Mensch zu einer „sozial handlungsfähigen Persönlichkeit“ (Nestvogel 2004, S. 153), wobei sich Veranlagung und soziale Erfahrungen „untrennbar verbinden (Verkörperung)“ (Nestvogel 2004, S. 153). Dem zugrunde liegen „systemtheoretisch-ökologische und reflexiv-handlungstheoretische Ansätze“ (Nestvogel 2004, S. 155).

Unabhängig von der Evidenz dieses Sozialisationsverständnisses, unterliegt insbesondere das Alltagswissen und -handeln wissenschaftlich widerlegten Traditionslinien, welche gerade bezüglich geschlechtergerechter Sozialisation prekär erscheinen, da sie zur Reproduktion von Geschlechterstereotypen und dementsprechenden Rollenerwartungen beitragen. Im Folgenden wird daher auf die Folgen von rein biologisch determinierten sowie ausschließlich gesellschaftlich gesteuerten Verständnissen von Sozialisation eingegangen, welche paradoxerweise hinsichtlich der Geschlechterthematik gleichsam die Aufrechterhaltung von Geschlechterdifferenzen begünstigen. (vgl. Nestvogel 2004, 153;155)

3.1 Sozialisation als biologischer determinierter Prozess

Die auf diesem Verständnis beruhende Traditionslinie versteht den Prozess der Sozialisation als Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit aus seinem Organismus heraus - demzufolge aus genetischen Dispositionen und biologisch vorbestimmten Reifungsprozessen. Dabei erlangen Umwelt und Lebenswelt wenig bis keine Relevanz. Stattdessen verfolgt dieses Sozialisationsverständnis anlageorientierte, reifungstheoretische und biologische-rassistische Ansätze (vgl. Nestvogel 2004, S. 154). Geschlechterdifferenzen gelten infolgedessen als naturgegebene Unterschiede, welchen differente Kompetenzen, Verhaltensmuster und Bedürfnisse immanent sind. Geschlechtsspezifische Körperfunktionen (s. 2. Nomenklatur) gehen demnach mit „angeborenen geschlechtstypischen Persönlichkeitsmerkmalen“ (Nestvogel 2004, S. 154) einher. Die daraus resultierenden ‚natürlichen‘ Geschlechtscharaktere weisen eine weitreichende und langjährige Betrachtung von ‚typisch männlich‘ und ‚typisch weiblich‘ in der „europäischen Kultur- und Geistesgeschichte“ (Nestvogel 2004, S. 154) auf. Diesen sind überwiegend Defizitzuschreibungen des weiblichen Geschlechts immanent, welche aufgrund der biologischen Determination und ‚Natürlichkeit‘ als unaufhebbar gelten. (vgl. Nestvogel 2004, S. 154)

3.2 Sozialisation als gesellschaftlich gesteuerter Prozess

Sozialdeterministische, prägungstheoretische sowie strukturfunktionalistische Ansätze umfassen ein Sozialisationsverständnis, infolgedessen „dem eben geborenen egoistischen und asozialen Wesen ein anderes Wesen hinzuzufügen“ ist, um die Fähigkeit zu erlangen „ein soziales und moralisches Leben zu führen“ (Durkheim: Erziehung und Gesellschaft. zit. nach: Nestvogel 2004, S. 154). Desweiteren gilt es, den Menschen entsprechend der jeweiligen Bedürfnisse ‚seiner‘ Gesellschaft zu konstruieren, indem dieser deren Normen und Werte internalisiert. Dieses resultiert somit in der Integration und Präsentation eines spezifischen Rollentyps innerhalb der Gesellschaftsstruktur. Sozialisation dient demzufolge der Integration in die Gesellschaft. Funktionalistisch für Individuum und Gesellschaft ist demnach lediglich eine „nach Geschlechterrollen differenzierte Sozialisation“ (Bilden: Geschlechterspezifische Sozialisation. zit. nach: Nestvogel 2004, S. 155) nach gesellschaftlich vorherrschen Stereotypen, die eine positive Assimilation von Persönlichkeitsentwicklung und Integration ermöglichen. Diese Traditionslinie versteht sich oppositionell zur biologisch-determinierten Sozialisation, da sich der Mensch nicht aus seiner Natur, sondern aus der Bedürfnisbefriedigung der Gesellschaft sozialisiert. Bekräftigt sehen sich Vertreter dieses Sozialisationsverständnisses aufgrund der kulturdifferenten Vielfalt männlicher und weiblicher Zuschreibungen, welche dementsprechend nicht biologisch, sondern mechanisch determiniert zu sein scheinen. (vgl. Nestvogel 2004, S. 154f) Sowohl erstere als auch letztere Traditionslinie erschwert, zum Einen aufgrund von angeborenen Merkmalen, zum Anderen aufgrund von erworbener Notwendigkeit, die Wahrnehmung von individuellen Kompetenzen und Bedürfnissen, unabhängig des Geschlechts. Beide Sozialisationsverständnisse fördern die Reproduktion von Geschelchtsstereotypisierung, welche den Einzelnen bereits von Geburt an mit geschlechtstypischen Rollenerwartungen versehen und das Individuum in seiner Persönlichkeitsentwicklung einschränken.

4. Nomen est omen - Der Name ist ein Zeichen

In den meisten Fällen besitzen Kinder bereits pränatal einen Namen, welcher von den Eltern ab dem Zeitpunkt der Erkennung des biologischen Geschlechts wohlüberlegt ausgewählt wird. Infolgedessen wird ‚es‘ (der Embryo/ der Fötus) zu ‚ihm‘ oder ‚ihr‘. Geschlechterklassifikation und Namensgebung treten somit zeitgleich auf. Die Selektion eines Namens ist weder trivial noch als „eine individualisierende Einfärbung einer ansonsten sachlichen Kategorisierung objektiver Sachverhalte“ (Gildemeister / Robert 2008, S. 45), sondern stark emotional geprägt zu betrachten. Eltern verbinden Namen ihres Kindes neben dem subjektiven Gefallen, sowohl bewusst als auch unbewusst, mit bestimmten Assoziationen, Erwartungen und Hoffnungen. Dabei wählen sie zumeist unzweideutig klingende Namen, welche eine klare Geschlechterzuweisung erkennen lassen. Während dies in der BRD durch die Gesetzgebung vorgeschrieben ist, lässt sich Gleiches laut einer Studie von Gerhards (2003) auch bei Eltern in den USA beobachten, welche über die Option der freien Namenserfindung verfügen. Laut der „Namens-Klang-Assoziation“ (Gildemeister / Robert 2008, S. 46) werden männliche bzw. weibliche Vornamen mit unterschiedlichen Eigenschaften assoziiert. Es ist zu beobachten, dass männliche Vornamen in den meisten Fällen auf stimmlose Konsonanten enden, während weibliche Vornamen überwiegend mit freundlich klingenderen Vokalen abschließen. Laut Gerhards hat sich dieses Muster der Phonetik von 1950 bis 1990 nicht verändert. Er beschreibt die geschlechtliche Kategorisierung als einen „fundamentalen Mechanismus der Ordnungsbildung“ (Gerhards: Die Moderne und ihre Vornamen. zit. nach: Gildemeister / Robert 2008, S. 46), welcher sich auch angesichts des Wandels der Geschlechterrollen und der kulturellen Differenzen zwischen der BRD und den USA nicht zu unterscheiden scheint. Während die heutigen Mädchennamen modischer orientiert zu sein scheinen, sind Jungennamen weiterhin stärker traditionsgebunden. In der Vergangenheit waren diese vor allem „an den deutschen Kulturkreis gebunden“ (Gildemeister / Robert 2008, S. 47) wurden mit Trägern nationaler Öffentlichkeitsrollen assoziiert (Wilhelm, Franz, Günther) und implizierten Präsenz, Ehrgeiz, Willensstärke und Führungsqualitäten. Die Namen der Mädchen orientierten sich stark an den Frauen des christlichen Glaubens (Maria, Elisabeth) und implizierten dadurch soziale Kompetenz, Reinheit und Unschuld. (vgl. Gildemeister / Robert 2008, S. 45ff)

5. Intersexualität

Am Beispiel der Intersexualität wird deutlich, welche Signifikanz dem biologischen Geschlecht ‚männlich‘ oder ‚weiblich‘ zukommt, indem das dritte, intersexuelle Geschlecht als medizinisch pathologisch und gesellschaftlich abnorm konnotiert wird. Die Genitalien eines Kindes gelten in unserer Gesellschaft zweifelsfrei als Indikatoren der ‚natürlichen‘ Geschlechterzugehörigkeit, welche im Anschluss mit sozialen Folgen einhergehen. Die Geschlechtsklassifikation muss, um der medizinischen wie auch gesellschaftlich-sozialen Norm gerecht zu werden, spätestens mit dem Zeitpunkt der Geburt „unmittelbar, unumkehrbar und unzweideutig“ (Gildemeister / Robert 2008, S. 27) vornehmbar sein. Ist dem nicht so, werden folglich „lebensweltliche Selbstverständlichkeiten“ (Gildemeister / Robert 2008, S. 27) in Frage gestellt. Um dem entgegenzuwirken, neigen sowohl Ärzte wie auch Eltern üblicherweise dazu, das echte, reale und tatsächliche Geschlecht des Säuglings auszumachen und die Genitalien dementsprechend zu ‚korrigieren‘. Außer Acht gelassen wird dabei jedoch, dass es kein ‚tatsächlicheres‘ Geschlecht, als das natürlich gegebene gibt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Geschlechterdifferente Sozialisation im Kleinkindalter
Hochschule
Hochschule Koblenz (ehem. FH Koblenz)
Veranstaltung
Geschlechtergerechte Soziale Arbeit
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
24
Katalognummer
V157068
ISBN (eBook)
9783640722204
ISBN (Buch)
9783640722396
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Sozialisation, Rollenverständnis, Geschlecht, Traditionslinien, Familie, Kindergarten, Kita, geschlechtstypisch, geschlechtsspezifisch, Namensgebung, Intersexualität, Erziehung, Doing Gender, geschlechtergerechte Sozialisation
Arbeit zitieren
Sarah Berens (Autor), 2010, Geschlechterdifferente Sozialisation im Kleinkindalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/157068

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