Thematische und zeitliche Diskontinuität beim fernsehbegleitenden Sprechen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

19 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichni

1. Einleitung

2. Grundlagen des fernsehbegleitenden Sprechens
2.1. Empraktisches Sprechen
2.2. Thematische und zeitliche Diskontinuität

3. Analyse
3.1. Grundlagen und Voraussetzungen
3.2. Zeitliche Diskontinuität – Ein Meer des Schweigens
3.3. Thematische Diskontinuität – Von fülligen Schauspielern und Liebesgeschichten
3.3.1. Gesprächsinseln
3.3.2. Freistehende Äußerungen

4. Schluss

5. Literaturverzeichnis

6. Anhang
6.1. Transkript
6.2. Einwilligung der Rezipienten

1. Einleitung

Das fernsehbegleitende Sprechen, im Folgenden fbS abgekürzt, stellt ein junges Thema der Sprachwissenschaft dar. Lange Zeit wurde die gesprochene Sprache in der Linguistik kaum bis gar nicht beachtet.[1] Ein weiterer Faktor, der die Analyse des fbS erschwerte, ist die Tatsache, dass der Rezipient vor dem Fernseher lange als passives Subjekt gesehen wurde.[2]

Den Kern dieser Arbeit bildet die Analyse von Pausen (3.2) und Gesprächsphasen (3.3) während des fbS. Da diese Kapitel größtenteils durch eigene Untersuchungen entstanden sind, sind dort kaum Textbelege oder anderweitige Quellenbelege anzutreffen. Kapitel 3 gehen exemplarisch einige theoretische Ausführungen zu essentiellen Merkmalen des fbS voraus: das empraktische Sprechen (2.1) sowie Grundlagen zeitlicher und thematischer Diskontinuität (2.2). Als theoretische Basis dieses Kapitels bzw. der gesamten Arbeit wurden zum einen die Ergebnisse des DFG-Projektes „Über Fernsehen sprechen: Die kommunikative Aneignung von Fernsehen in alltäglichen Kontexten“ unter der Leitung von Werner Holly, Ulrich Püschel und Jörg Bergmann aus den Jahren 1995-2001 herangezogen.[3] Zum anderen entstand im Rahmen dieser Studie ein Aufsatz der Germanisten Heike Baldauf und Michael Klemm, der das zweite theoretische Standbein darstellt.[4] Im Rahmen dieser Arbeit kann nicht auf alle Ergebnisse der Studie bzw. des fbS, wie der offenen Sprechsituation (open state of talk), der Medienrezeption an sich oder auf die Unterschiede zu einem „richtigen“ Gespräch, eingegangen werden, sodass die Analyse auf einige Merkmale beschränkt bleiben muss. Abgerundet wird diese Arbeit durch ein detailliertes Fazit (4), in dem die Ergebnisse dieser Arbeit rekapituliert und ein Ausblick auf weitere Untersuchungen zum fbS gegeben werden sollen.

Ziel dieser Arbeit ist es, die Themen, die während des fbS aufgegriffen wurden sowie die Schweigephasen zwischen ihnen in quantitativer und inhaltlicher Hinsicht zu analysieren und zu ergründen, wieso manche Aussagen (freistehende Äußerungen) im Meer des Schweigens versanken oder zu Gesprächsinseln wurden.

2. Grundlagen des fernsehbegleitenden Sprechens

2.1. Empraktisches Sprechen

Um in Kapitel 3 die Analyse des Transkripts korrekt durchführen und bewerten zu können, bedarf es im Vorfeld der Erläuterung einiger sprachwissenschaftlicher Besonderheiten des fbS.

Das fbS ist zunächst als empraktisches Handeln zu definieren,[5] wobei das Sprechen selbst als sekundär anzusehen ist, da die eigentliche Tätigkeit, das Fernsehen, im Vordergrund steht. Somit handelt es sich beim fbS um einen praktisch dominierten Tätigkeitszusammenhang.[6] Im Gegensatz zu kommunikativ orientierten Tätigkeitszusammenhängen, wie z.B. einer Diskussion, steht beim fbS nicht die Kommunikation im Vordergrund, sondern das Fernsehen.[7] Dies stellt allerdings den Idealfall des fbS dar, da Situationen existieren, in denen nicht immer das TV höchste Priorität genießt. Wenn z.B. die Handlung eines Films oder einer Serie nicht die volle Konzentration der Rezipienten erfordert, kann es sein, dass sie sich anderen Dingen zuwenden, z.B. den morgigen Einkauf planen oder schmutziges Geschirr wegbringen. In diesen Fällen wird die Kopplung zum Medium TV unterbrochen, kann aber jederzeit wiederaufgenommen werden, wenn, um das eben erwähnte Beispiel nochmals aufzugreifen, die Handlung des Programms wieder mehr Aufmerksamkeit und Konzentration erfordert. Peter Spangenberg bezeichnete dieses Phänomen als „weiche Kopplung“,[8] denn „[v]on sich aus kann er [der Rezipient] die Kopplung zum Medium stets unterbrechen […].“[9]

In seiner Grundbedeutung bedeutet empraktisches Handeln, dass eine Tätigkeit in eine andere eingebettet ist. Bühler modifizierte diesen Terminus für die Sprachwissenschaft. Er ging vom empraktischen Gebrauch eines Sprachzeichens aus, wenn es in eine soziale Situation eingebettet und gemeinsam mit anderen verwendet wird.[10] Deutlich machte er dies am Beispiel eines Gastes in einem Kaffeehaus und Äußerungen eines Straßenbahnfahrers zu einem Schaffner,[11] deren Analyse den Rahmen dieser Arbeit überschreiten würde.

Allerdings muss der Begriff Empraxis bzw. empraktisches Handeln für die Analyse des fbS von seiner bühlerschen Bedeutung gelöst bzw. erweitert werden,[12] da Bühler nur vom diakratischen Gebrauch von Sprachzeichen ausgeht.[13] Einen Schritt in diese Richtung unternahmen Henne/Rehbock: „[Es] sollen darunter jene Gespräche verstanden werden, die in außersprachlichen Handlungen verflochten sind und daher ihren Sinn beziehen.“[14] Der Fokus liegt hier – im Gegensatz zu Bühler – auf einem gesamten Gespräch und dem außersprachlichen Handeln, z.B. Fernsehen.[15] Da allerdings das fbS nicht den Konventionen eines Gespräches bzw. eines Textes folgt, wurde die Definition des Terminus empraktisch von Henne/Rehbock durch Holly/Baldauf modifiziert und nicht nur auf komplette Gespräche, sondern auch auf Gesprächsphasen angewandt. Dieser Schritt war nötig, weil das fbS nicht als Text im eigentlichen Sinne der Sprachwissenschaft zu verstehen ist, da es u.a. kaum oder selten thematische Kohärenz und Kohäsion aufweist.[16] Die Existenz von Gesprächsphasen bzw. Pausen zwischen ihnen ist allerdings nicht als defizitär anzusehen, sondern sie stellen den Normalfall alltäglicher Kommunikation im Rahmen des fbS dar.[17] Beim fbS finden sich Gesprächsinseln/Gesprächsphasen, die durch thematische und zeitliche Diskontinuität entstehen. Eine genaue Analyse beider Termini wird bei der Untersuchung des Transkripts in den Kapiteln 3.2 bzw. 3.3 vorgenommen.

Abschließend ist zum Begriff Empraxis bzw. empraktisches Sprechen zu sagen, dass er für die Analyse des fbS von dessen bühlerschen Bedeutung losgelöst und durch den Holly/Baldaufs ersetzt werden muss, der wiederum auf dem Henne/Rehbocks basiert. Die Grundbedeutung des Begriffs als Einbettung einer Handlung in eine andere bleibt aber weiterhin im weitesten Sinne gültig, da das fbS in die Tätigkeit Fernsehen eingebunden ist.

2.2. Thematische und zeitliche Diskontinuität

Zwei weitere Merkmale des fbS stellen, neben dem empraktischen Sprechen, die thematische und zeitliche Diskontinuität dar, die miteinander korrelieren.[18] In einem „normalen“ Gespräch, wie z.B. einer Diskussion, würden freistehende Äußerungen, auf die nicht eingegangen wird, große thematische, nicht initiierte Themensprünge und lange Pausen von mehreren Minuten Dauer als störend, wenn nicht sogar äußerst peinlich empfunden werden. Beim fbS hingegen sind sie allerdings die Regel statt eine Ausnahme. Denn im Gegensatz zu einem Gespräch stellt nicht das Sprechen, sondern das Schweigen die Basis dar.[19] Ferner wird aufgrund der praktisch dominierten Tätigkeit, dem Fernsehen, das Schweigen prinzipiell legitimiert,[20] da z.B. der komplexe Handlungsverlauf eines Films oder einer Serie den/die Rezipienten zur Konzentration zwingt und Sprechen dabei hinderlich wäre. Daher ist es auch vertretbar, auf Äußerungen des Mitrezipienten nicht einzugehen, was bei einem Gespräch auf Skepsis stoßen würde. Das Schweigen ist aufgrund der primären Tätigkeit Fernsehen nicht als das Fehlen von Themen zu verstehen und zu interpretieren.[21]

Diese freistehenden Äußerungen können sich zu Miniinseln, Inseln[22] und ausgedehnten Inseln[23] entwickeln, d.h. es kann in kleinem oder großem Rahmen auf die besagten Äußerungen eingegangen werden, ist aber nicht immer nötig.[24] Diese Inseln sind allerdings nicht als Gespräche, sondern aufgrund ihrer Unterordnung unter das Fernsehen als fernsehbegleitendes Sprechen anzusehen.

Auf diesen Gesprächsinseln sind prinzipiell den Themen keine Grenzen gesetzt, beziehen sich aber meist auf das TV-Programm.[25] Durch diese Inseln kann es zu einem „Thematisierungsgetümmel“[26] kommen, also zu einer Anhäufung vieler Themen in kurzer Zeit kommen. Allerdings stellen diese Getümmel nicht den Standardfall des fbS dar, vielmehr sind sie als Ausnahmen zu betrachten.[27] Beispiele hierfür sind Formate, bei denen viele Themen in kurzer Zeit aufgegriffen werden, wie Werbung oder Nachrichten. Auch wenn man dabei nicht von inhaltlicher Kohärenz sprechen kann, so lassen sich meiner Meinung nach Isotopieebenen erkennen, definiert man sie als „Wiederkehr von Wörtern desselben Bedeutungs- bzw. Erfahrungsbereichs[…]“.[28] Haben einzelne Werbespots oft nichts miteinander zu tun, lassen sie sich aufgrund von Begriffen mit ähnlicher und/oder gleicher Bedeutung unter Oberbegriffe subsummieren, wie z.B. Elektronikartikel, Reisen, Nahrungsmittel. Auch bei Nachrichtensendungen ist dies mit Begriffen wie Innenpolitik, Außenpolitik und Wetter möglich.

[...]


[1] Vgl. Schwitalla, Johannes: Gesprochenes Deutsch. Eine Einführung (2006), S. 18.

[2] Vgl. Baldauf, Heike/Klemm, Michael: Häppchenkommunikation. Zur zeitlichen und thematischen Diskontinuität beim fernsehbegleitenden Sprechen (1997), S. 43.

[3] Vgl. Holly, Werner/ Püschel, Ulrich/ Bergmann, Jörg: Der sprechende Zuschauer. Wie wir uns Fernsehen kommunikativ aneignen (2001).

[4] Vgl. Baldauf, Heike/Klemm, Michael: Häppchenkommunikation.

[5] Vgl. Holly, Werner/ Baldauf, Heike: Grundlagen des fernsehbegleitenden Sprechens. In: Der sprechende Zuschauer. Wie wir uns Fernsehen kommunikativ aneignen (2001), S. 44.

[6] Vgl. Baldauf, Heike/Klemm, Michael: Häppchenkommunikation, S. 45.

[7] Vgl. ebd.

[8] Holly, Werner/ Baldauf, Heike: Grundlagen des fernsehbegleitenden Sprechens, S. 49.

[9] Spangenberg, Peter: TV, Hören und Sehen. In: Materialität der Kommunikation (1995), S. 789.

[10] Vgl. Baldauf, Heike/Klemm, Michael: Häppchenkommunikation, S. 46.

[11] Vgl. Bühler, Karl: Sprachtheorie. Die Darstellungsfunktion der Sprache (1982), S. 155.

[12] Vgl. Holly, Werner/ Baldauf, Heike: Grundlagen des fernsehbegleitenden Sprechens, S. 45.

[13] Vgl. ebd.

[14] Henne, Helmut/ Rehbock, Helmut: Einführung in die Gesprächsanalyse (1982), S. 37.

[15] Vgl. Holly, Werner/ Baldauf, Heike: Grundlagen des fernsehbegleitenden Sprechens, S. 45.

[16] Eine weiterführende Erörterung verschiedener Textdefinitionen und ihrer Anwendung auf das fbS würde den Rahmen dieser Arbeit überschreiten.

[17] Vgl. Holly, Werner/ Baldauf, Heike: Grundlagen des fernsehbegleitenden Sprechens, S. 42.

[18] Vgl. Baldauf, Heike/Klemm, Michael: Häppchenkommunikation, S. 42.

[19] Vgl. ebd., S. 50.

[20] Vgl. ebd.

[21] Vgl. ebd., S. 57.

[22] Vgl. ebd., S. 51.

[23] Vgl. ebd., S. 52.

[24] Vgl. ebd., S. 58.

[25] Vgl. ebd., S. 54.

[26] Vgl. ebd.

[27] Vgl. ebd., S. 59.

[28] [o.Vf.]: Isotopie. In: Lexikon der Sprachwissenschaft4 (2008), S. 310.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Thematische und zeitliche Diskontinuität beim fernsehbegleitenden Sprechen
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Philosophisches Institut I)
Veranstaltung
Sprache in den Medien
Note
1,0
Jahr
2010
Seiten
19
Katalognummer
V157142
ISBN (eBook)
9783640702183
ISBN (Buch)
9783640700844
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprechen, Sprache, TV, Fernsehen, Diskontinuität, Gesprächsinsel, Schweigen, Püschel, Sprachwissenschaft, Medien, Germanistik, Deutsch, Empraxis, empraktisches Sprechen
Arbeit zitieren
Anonym, 2010, Thematische und zeitliche Diskontinuität beim fernsehbegleitenden Sprechen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/157142

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