Probleme der Staatenbildung in Kolumbien und Venezuela

Eine Annäherung an unterschiedliche politische Traditionen aus der Perspektive verschiedener historischer Entwicklungen nach der Unabhängigkeit


Seminararbeit, 2010
24 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung

2. Probleme der Staatenbildung in Lateinamerika

3. Desintegration des Vizekonigreichs Nueva Granada: Kolumbien und Venezuela gehen getrennte Wege

4. Kolumbien: Regionalisierung der Staatsgewalt durch rivalisierende Parteien

5. Venezuela: Die Macht der caudillos und die Konsolidierung des Militars als unangefochtener Akteur der Staatsbildung

6. Fazit: Gegensatzliche soziopolitische Herausforderungen und politische Kulturen

Einleitung

Nachdem die lateinamerikanischen Kolonien nach langwierigen und komplizierten Sezessionskriegen mit ihren iberischen Mutterlandern formal ihre politische Unabhangigkeit besiegelt hatten, waren die Erwartungen der seit dem Ende der Kolonialzeit politisch aufsteigenden kreolischen Eliten grob: Der Auflosung der kolonialen Herrschafts- und Verwaltungsstrukturen sollte bald die Bildung neuer staatlicher Institutionen folgen, die ihre Macht uber die gesamten Territorien der jeweiligen neu entstanden Landern behaupten und so die Souveranitat der nach auben hin unabhangigen Staaten auch intern konsolidieren sollten. So - hofften die kreolischen Eliten - wurden sich die Staaten durch politische Einheit und wirtschaftliche Prosperitat bald in das Konzert der modernen Staaten einreihen und sich gegenuber den Grobmachten Europas und dem aufsteigenden Riesen Nordamerika behaupten. Doch diese groben Erwartungen machten bald allgemeiner Ernuchterung Platz, da sich die liberale Verfassungstradition, die die Staaten Europas kennzeichnete und an der sich die Oligarchie Lateinamerikas bei dem Entwurf staatlicher Organe und politischer Institutionen orientierte, nur schwer auf die soziopolitischen Rahmenbedingungen Lateinamerikas ubertragen lieb. So stehen in nahezu allen Staaten Lateinamerikas den Eckpfeilern der Souveranitat moderner Staaten - namlich eine zentrale Regierung, die ihre Macht uber ein einheitliches Staatsvolk und ein fest umgrenztes Territorium entfaltet - gegenlaufige Strukturen und Prozesse gegenuber, die bis heute die Moglichkeiten politischer und okonomischer Modernisierung einschranken.

Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um eine vergleichende Analyse der Staatenbildungsprozesse in Kolumbien und Venezuela, bei denen die skizierten Probleme deutlich zum Tragen kommen. Obwohl Kolumbien und Venezuela im Rahmen der Integration ihrer Territorien im Vizekonigreich Nueva Granada auf eine gemeinsame Kolonialgeschichte zuruck blicken, weisen die beiden Falle der Staatenbildungsprozesse nach der Desintegration der kolonialen Verwaltungseinheiten sehr unterschiedliche Charakteristika und Probleme auf. Die Arbeit wird zeigen, dass generalisierende historische Analysen der Staatenformierungsprozesse wie sie Peter Waldmann in seinem Werk Der anomische Staat [1] vornimmt, der Interpretation aktueller Herausforderung bei der Zentralisierung der physischen Gewaltmittel und Probleme der politisch-konstitutionellen Ordnung zwar dienlich sein konnen, bei der Forschung an konkreten Fallen wegen der tatsachlichen Heterogenitat historischer Vorgange schnell an ihre Grenzen stoben. Dies zeigen auch die beiden hier behandelten Falle, die zwar fur Lateinamerika allgemein typische defizitare Entwicklungen in der Staatsbildung in Lateinamerika aufweisen, sich aber in ihren konkreten historischen Vorgangen deutlich unterscheiden. So entstanden nach der Auflosung der Einheit des Vizekonigreichs in Kolumbien bald zwei Parteien (der Partido Liberal und der Partido Conservador), welche, sich auf die von lokalen caudillos aufgebauten Klientelbeziehungen stutzend und in standigen Konflikten unter ihnen sowie mit der Zentralmacht Bogota, die Staatsbildungsprozesse regionalisierten. Dagegen blieb in Venezuela die Grundung starker Parteien fast wahrend des ganzen 19. Jahrhunderts aus, weshalbdie zentralen Akteure der Staatsbildungsprozesse vor allem regionale caudillos waren, die durch den Unterhalt von privaten Pratorianerheeren die Zentralisierung des Gewaltmonopols erfolgreich verhinderten. Erst gegen Ende des Jahrhunderts wurde der Prozess von einer zunehmend professionalisierten und zentralisierten Armee getragen.

Dieser Argumentation folgend wird die These vertreten, dass die unterschiedlichen Prozesse der Staatsbildung bis heute in der soziopolitischen Realitat der beiden Lander deutlich nachwirken und Muster zu erkennen sind, die auf die Unvollstandigkeit und Kontinuitat des Staatenbildungsprozesses schlieften lassen. Auch wenn der Bogen zunachst zu weit gespannt scheint, liefert die vorliegende Arbeit einen historischen Erklarungsansatz, weshalb Kolumbien und Venezuela, trotz ihrer kulturellen Gemeinsamkeiten und historischen Verbundenheit, wegen verschiedener Formen der Staatsbildung sich heute langfristig mit unterschiedlichen Problemen politischer und sozialer Natur konfrontiert sehen. In diesem Sinne stellt die Frage nach den zentralen politischen Vorgangen der beiden Landern im 19. Jahrhundert, welche die heute sehr unterschiedlichen politischen Traditionen und das Aufkommen sich opponierender politischer Projekte unter Alvaro Uribe in Kolumbien und Hugo Chavez in Venezuela erklaren konnten, den Leitfaden der Arbeit dar. Ausgehend von der Desintegration des Groftstaates Nueva Granada, wird aufgezeigt, wie sich die soziopolitischen Gegensatze, welche diese bedingten, im Verlauf des 19. Jahrhunderts noch weiter vertieften. Die in der Arbeit dargelegten Interpretationsansatze uber die Strukturen und Prozesse der Staatsbildung im 19. Jahrhundert stutzen sich auf eine reiche Forschungsliteratur, sowohl hinsichtlich allgemeiner Probleme des Entstehens der Staaten in Lateinamerika als auch spezifischer Analysen der Prozesse in Venezuela und Kolumbien.[2] Die auf die historischen Interpretationen aufbauenden Reflexionen uber die heutigen Konsequenzen defizitarer und unvollstandiger Staatenbildungsprozesse in Venezuela und Kolumbien orientieren sich vor allem an Essays, die sich mit der Beziehung zwischen Strukturen mangelhafter staatlicher Institutionen und Demokratie beschaftigen.[3] 2. Probleme der Staatenbildung in Lateinamerika Ohne sich auf eine eurozentrische Perspektive zu versteifen, stellt die historische Evolution der Staaten Europas fur die Analyse der Dynamiken der Staatenformierung in Lateinamerika einen wichtigen Referenzrahmen dar. Dies nicht nur, weil der moderne liberale Staat seinen Ursprung in Europa hat und sich bis heute als politisches Modell der Integration und Machtausubung beinahe uber den gesamten Globus verbreitet hat, sondern auch, weil sich die kreolischen Eliten Lateinamerikas nach den Unabhangigkeitskriegen bei dem Entwurf politischer Institutionen bewusst an der europaischen Staatsverfassungstradition orientierten.[4] Nachdem die absolutistischen Regime Europas ihre politischen Ressourcen auf die Zentralisierung der Verwaltungsvorgange und die Errichtung eines Gewaltmonopols uber ein klar abgegrenztes Territorium konzentriert hatten, war das Zeitalter der feudalen Ordnung des mittelalterlichen Europas beendet, das politisch durch ein unubersichtliches System von uberlappenden Machtanspruchen und Konflikten zwischen weltlichen Herrschern wie Fursten, Konigen und Kaisern einerseits und der geistlichen Macht andererseits gepragt war. Mit dieser Umgestaltung der politischen Ordnung durch Zentralisierung- und Monopolisierung der Macht war vor allem auch eine Umorientierung kollektiver Identitaten verbunden, da politische Macht nun nicht mehr auf die Integration der europaischen Bevolkerung innerhalb der Vorstellung einer universellen Christenheit basierte, sondern absolutistischen Monarchen ihre Herrschaft mit der Konstruktion eines kollektiven Schicksals eines einheitlichen Staatsvolkes mit gemeinsamen ethnischen, linguistischen und religiosen Eigenschaften legitimierten. Diese diskursiven Dynamiken legten den Grundstein fur das moderne Konzept des Nationalstaates.

Auberdem ging mit der schrittweisen Zentralisierung der politischen, militarischen und burokratischen Macht uber ein einheitliches Staatsvolk und ein klar umgrenztes Territorium auch die Entwicklung eines politischen und philosophischen Diskurses uber Souveranitat einher.[5] Zunachst gingen Theoretiker wie Hobbes und Bodin Mitte des 16. Jahrhunderts davon aus, dass die sozialen und religiosen Spannungen der Reformationszeit am besten durch ein Herrschaftssystem, in dem die ungeteilte und absolute Souveranitat sich in einer Person konzentriert, zu kanalisieren und zu losen seien. Doch mit dem Aufkommen liberaler politischer Ideen setzte sich zunehmend die Idee der Volkssouveranitat durch. Autoren wie John Locke traten ab dem Ende des 18. Jahrhunderts fur die Einschrankung der monarchischen Willkur durch die Herstellung konstitutioneller Prinzipien ein, die auf einem vertikalen und horizontalen Konsens zwischen den herrschenden Eliten und Untertanen und zwischen letzteren beruhen sollten, den staatlichen Handlungsspielraum einen festen locus zuweisen und letzteren klar definierten Regeln und institutionalisierten Vorgehensweisen unterwerfen sollten.[6] Auf dieser Evolution der Staatstheorien aufbauend, definiert der Diskurs des demokratischen Liberalismus den Staat als eine Ansammlung von Institutionen, die das Zusammenspiel zwischen dem Staatsvolk und der Regierung reguliert und letzterer als unpersonliche und neutrale Plattform fur den Entwurf und der Umsetzung von Gesetzen zur Verfugung steht. Aus dieser Perspektive wird heute der Staat - trotz des Fortbestehens polemisch gefuhrter Debatten uber die Form und Reichweite staatlichen Handelns - als eine sowohl vom Volk als auch von der Exekutivgewalt unabhangige abstrakte Grobe betrachtet, auf der sich beide artikulieren, wodurch der Staat zu dem genuinen „Ort“ der Politik und zur juristischen Representation der Nation wird.[7]

In Lateinamerika dagegen formierte sich der Staat nicht parallel zur Entwicklung einer eigenstandigen philosophischen oder poltischen Debatte uber den „Ort“ oder die Reichweite des Staates und nach einer schrittweisen Zentralisierung und Disziplinierung aller administrativen, militarischen und politischen Ressourcen. Im Gegenteil, der Demontage der kolonialen Unterwerfungs- und Verwaltungsorgane folgte der Aufbau neuer staatlicher Institutionen nach dem Vorbild des europaischen Staatsmodells in Verbindung mit reprasentativer Demokratie. Obwohl eine oberflachliche Beobachtung der politischen Prozesse und Strukturen einen direkten Vergleich mit Europa zunachst sinnvoll erscheinen lasst - auch in Lateinamerika wird Politik seit der Unabhangigkeit von Prinzipien und Ideen wie liberaler Demokratie, Rechts- und Wohlfahrtsstaat gepragt -, bietet eine genauere Analyse der tatsachlichen historischen Prozesse und heutigen soziopolitischen Herausforderung Einblick in eine von dem europaischen Staatsmodell abweichende Realitat. Auch wenn die kreolischen Eliten sich auf eine Verfassungsform einigten, die beinahe alle europaischen und nordamerikanischen Prinzipien und Normen kopierte, zeigte sich schon fruh im 19. Jahrhundert, dass die Anspruche, diese Normen in die politische Kultur und damit in eine neue soziale Realitat zu ubersetzen, zu hoch angesetzt waren und an einer Vielzahl spezifischer Rahmenbedingungen der soziopolitischen Strukturen, aber auch des internationalen Kontexts scheiterten. Der Soziologe Peter Waldmann geht daher von einer dualen Verfasstheit der lateinamerikanischen Staaten aus und begrundet seine These mit Aspekten der politischen Kultur, vor allem klientelistischer und partikularistischer Orientierungsmuster, welche der Umsetzung der umfangreichen Regulierungsanspruche des Staates uber soziale und okonomische Prozesse im Weg stehen.[8] Um die drei Kriterien der staatlichen Souveranitat zu erfullen - 1) einheitliche Exekutivgewalt, die ihren Regulierungsanspruch und die Ausubung legitimer Gewalt uber ein 2) einheitliches Staatsvolk aus Burgern mit gleichen politischen und sozialen Rechten und Pflichten bestehend und innerhalb 3) eines fest umgrenzten und unteilbaren Territoriums geltend macht - ist es zunachst unumganglich, dass der Staat alle politischen, administrativen und militarischen oder polizeilichen Mittel der Machtausubung monopolisiert.[9] Doch gerade an dieser grundlegenden Aufgabe scheiterten die lateinamerikanischen Staaten in den fruhen Phasen ihrer Formierung, da sie es nicht vermochten, den lokalen und regionalen Gewaltakteuren ihre Machtanspruche uber eine bestimmte Anzahl von Personen streitig zu machen. Dies ist vor allem auf soziale Strukturen zuruck zu fuhren, die bereits wahrend der Kolonialzeit gewachsen waren und sich nach der Unabhangigkeit konsolidierten. So waren die landlichen Gebiete in ein System von Grobgrundparzellen mit extensiver Bewirtschaftung gegliedert, die sog. haciendas, in denen die hacendados ihre Arbeiter mit immateriellen Gutern wie dem Zugehorigkeitsgefuhl zu einer geschlossenen Gemeinschaft und Sicherheit vor externer Gewalt und materiellen Gutern wie die Vergabe von kleinen Landparzellen zur selbstandigen Bewirtschaftung versorgten. So entstanden rechtsfreie landliche Raume, auf die der Staat durch die normative Konstruktion einer einheitlichen Burgerschaft mit gleichen Rechten und Pflichten keinen Zugriff hatte und Grobgrundbesitzer auf der Basis von Klientelbeziehungen private Armeen aufstellten, mit denen sie als regionale caudillos erfolgreich ihre Interessen gegenuber dem Staat verteidigten.[10]

Doch die Prinzipien des Partikularismus und Klientelsimus kamen nicht nur in regionaler Hinsicht zum Tragen und beeinflussten - und tun es bis heute -, die Konstruktion staatlicher Institutionen, indem politische Reprasentanten und Staatsdiener nicht eine etwaiges „Gemeinwohl“, sondern nur ihre partikularen Interessen vertraten. Von riesigen Klientelappartaten ihrer Parteien unterstutzt, mit Hilfe derer sie ihre Wahler mit der praferentiellen Vergabe von staatlichen Ressourcen abspeisen, kolonisierten Politiker ganze staatliche Institutionen mit Partikularinteressen und verbreiteten eine politischen Kultur, die Korruption als festen Bestandteil der poltischen Kommunikation duldete oder sogar unterstutzte. Dies steht in deutlichem Gegensatz zu dem Konzept des Staates, der ihn als einen sozialen Vertrag zwischen den verschiedenen sozialen Gruppen versteht - vor allem zwischen dem Volk und seinen staatlichen Reprasentanten -, durch den sie gegenseitige Rechten und Pflichten definieren und so ein politisches System allgemeiner verbindlicher Formalitat schaffen.[11] Der Staat an so kann als Zustand einer abgeschlossenen Verhandlung, eines Konsens bzw. sozialen Vertrages betrachtet werden, der zwar in der Dynamik sozialer Prozesse immer wieder reproduziert wird, aber in seinen wichtigsten Prinzipien nicht mehr verhandelbar ist. Verhandelbar werden die allgemeine Formalitat und der Konsens uber Rechte und Pflichten erst dann wieder, wenn die sozialen Beziehung zwischen der Zivilgesellschaft und ihrer juristischen und politischen Representation in eine Legitimtatskrise treten, wenn sie sich also desartikulieren und sich die soziale Realitat nicht mehr im Staat und seinen Institutionen widerspiegelt.

Aus dieser Perspektive kann man die These erheben, dass die Formierung des Staates in Lateinamerika nie abgeschlossen wurde, insofern die Absicht, allgemeine Formalitat durchzusetzen, einer Vielzahl von Institutionen und Praktiken der Informalitat gegenuberstehen. Der eigentliche Kern des Problems der Staatenbildung in Lateinamerika besteht also darin, dass der Prozess der Verhandlung der wichtigsten Prinzipien der politischen Verfasstheit mit Manifestation und Akteuren der Informalitat und Illegalitat nie abgeschlossen wurde.[12] Aus den Schwierigkeiten des 19. Jahrhunderts, die staatliche Macht und die von ihr erlassenen Regeln allgemein durchzusetzen, ist eine Kultur des „ politischen Verhandelns staatlicher Verbindlichkeit“ einerseits, und des Unterdruckens andererseits erwachsen. Wahrend die Praktik des Verhandelns vor allem innerhalb der Klasse der Eliten zum Tragen kommt, kommt das Mittel der gewaltsamen Repression vor allem vertikal zum Einsatz, wenn soziale Protestbewegungen die Legitimitat des Staates in Frage stellen. Beide Praktiken sind weit von der Idee eines „sozialen Vertrags“ entfernt, der seine Machtausubung durch die soziale Konstruktion eines „Gemeinwohls“ legitimiert. In der folgenden Analyse der Staatenbildungsprozesse in Venezuela und Kolumbien wird das Zusammenspiel beider Praktiken immer wieder anzutreffen sein, obgleich von unterschiedlichen Manifestation und von verschiedenen Akteuren getragen. Auberdem werden die konkreten Koalitionen, welche soziale Vertrage zur Gestaltung staatlicher Institutionen paktierten, und Akteure auf regionaler und nationaler Ebene, welche die Durchsetzung der staatlichen Pakte zu verhindern suchten, in die Analysen der historischen Prozesse miteinbezogen.[13] Daneben ist es fur eine vergleichende Analyse der Dynamiken der Staatenbildung unumganglich, die spezifischen Prozesse wie interne Konflikte oder die kapitalistische Entwicklung hervorzuheben, durch die die landliche Bevolkerung mobilisiert und die staatliche Burokratie zentralisiert und das Militar professionalisiert wurden, um heutige Konsequenzen fur eine unvollstandige Staatenbildung vor allem fur die Demokratie herauszuarbeiten konnen.[14]

3. Die Desintegration des Vizekonigreichs Nueva Granada: Kolumbien und Venezuela gehen getrennte Wege

Nachdem sich die spanischen Kolonien in der Neuen Welt im Zuge der Unabhangigkeitsrevolutionen losgelost hatten, bestimmten verschiedene Ansichten und Vorschlage der kreolischen Generale uber die territoriale Neugestaltung Lateinamerikas, welche den entstehenden Nationalstaaten ihre Grenzen und Formen geben sollte, mabgeblich die Agenda der politischen Debatten. Generell zeichneten sich zwei Tendenzen innerhalb der Debatten uber die territoriale Organisation der neuen politisch-administrativen Einheiten ab, die sich jedoch in einzelnen Aspekten unterschieden. Wahrend auf der einen Seite Positionen standen, welche die sicherheitspolitischen Vorzuge groberer territorialer Einheiten betonten, die sich auf der Basis gemeinsamer ethno- kultureller, historischer und geografischer Eigenschaften konstituieren sollten, sind auf der anderen Seite eher regionalistische Tendenzen auszumachen, welche sich meist aufgrund partikularistischer Interessen der Konstruktion der Nationalstaaten innerhalb grober Territorien widersetzten.[15] Dabei nahmen beide Positionen die Antagonismen vorweg, die wahrend des ganzen 19. Jahrhunderts und bis heute einen Grobteil der politischen Konflikte bestimmen, namlich zwischen den Diskursen der Nationalstaatenbildung und den tatsachlichen soziopolitischen Rahmenbedingungen und politischen Machtverhaltnissen, die sich als Hindernisse auf dem historischen Weg von der Idee des Staates zu ihrer Umsetzung in eine von staatlichen Institutionen geregelte soziale Realitat erweisen sollten. Zu den Denkern und Ideologen, welche die Grundung grober politischer Blocke unter Gesichtspunkten gemeinsamer historischer Entwicklungen, kultureller Besonderheiten und geographischer Gegebenheiten befurworteten, zahlten vor allem der Libertador Simon Bolivar und Francisco Miranda.[16] Beide verwarfen ihre anfanglichen Vorschlage, die gesamten Territorien des ehemaligen spanischen Kolonialreichs innerhalb einer Grobrepublik zu integrieren, da sie schlieblich die Heterogenitat der verschiedenen Regionen anerkannten, welche derartige Vorhaben unmoglich erscheinen lieb. Stattdessen, sollten die kurzlich unabhangig gewordenen Nationen Lateinamerikas durch ein starkes politisches Bundnis zusammen gehalten werden.

Die wohl wichtigste Grobrepublik sollte Nueva Granada werden, die durch den Anschluss des ehemaligen Generalkapitanats Venezuela und der Audiencia Quito auf dem Fundament einer gemeinsamen historisch-kulturellen Identitat zu Macht und Einfluss in der Region kommen sollten.

[...]


[1] Vgl. Waldmann, Peter (2002): Der anomische Staat, Hemsbach: Leske und Buderich.

[2] Was allgemeine Reflexionen uber die Staatenbildungsprozesse in Lateinamerika angeht, bietet der Soziologe Peter Waldmann in seinem Werk uber die Anomie des lateinamerikanischen Staates eine ausfuhrliche Einfuhrung uber defizitare Vorgange der Staatenbildung im Lateinamerika des 19. Jahrhunderts; Vgl. Waldmann, Peter (2002): Der anomische Staat, Hemsbach Verlag. So auch der einfuhrende Teil des Werkes von Fernando Lopez Alves, das im Rahmen einer komparativen Analyse der Staatsformierung eine Reihe sudamerikanischer Lander einbezieht, unter anderem auch die Falle Kolumbiens und Venezuelas ; Vgl. Lopez Alves, Fernando (2003): La formacion del Estado y la democracia en America Latina, Bogota: Editorial Norma. Was spezifische Vorgange in Venezuela angeht, stutzt sich die Arbeit auf die Reflexionen des Historikers Hans- Joachim Konigs und einiger weiterer Essays z. B. von Jaime Jaramillo Uribe und German Carrera Damas; Vgl. Konig, Hans-Joachim (1994): En el camino hacia la nacion, Bogota: Banco de la Republica; Jaramillo Uribe, Jaime (1984): „Nacion y region en los origenes del Estado nacional en Colombia“ und Carrera Damas, German (1984): „Estructura de poder interna y proyecto nacional inmediatament despues de la Indepedencia: el caso de Venezuela^, in Buisson, Inge (Hrsg. u.a.): Problemas de la formacion del Estado y de la nacion en Hispanoamerica, Koln: Bohlau Verlag GmbH.

[3] Zum Beispiel Offe, Klaus (2009): „Las democracias liberales: caracteristicas generales y deficiencias actuales de calidad“, in: Marquez Restrepo, Martha Lucia (Hrsg. u.a.): Democracia y ciudania. Problemas, promesas y experiencias en la Region Andina, Bogota: Editorial Javeriana, p. 21-41.

[4] Vgl. “Capltulo 2. La emergencia de la sobernla y el Estado moderno”, in: Held, David (1997): La democraciay el orden global, p. 53.

[5] Vgl. Ibid., p. 60.

[6] David Held hebt die Diskussion uber den geeigneten locus, d.h. den Ort und die Quelle der Staatsmacht, und die Formen und Einschrankungen der staatlichen Machtausubung als die zentralen Besorgnisse der Staatstheorien hervor. Mit dem diskursiven und praktischen Ubergang von der Staatssouveranitat zur Volkssouveranitat wird der locus schrittweise auf das Volk ubertragen und die legislative und exekutive Macht seiner Reprasentanten wird durch ein konstitutionelles Normen- und Regelwerk eingeschrankt. Vgl. Ibid., p. 61.

[7] Der chilenische Politologe Fernando Mires definiert in Anlehnung an Max Weber den Staat einerseits als eine Struktur der Macht, die andererseits ein Vakuum der Macht beinhaltet, innerhalb dessen der demokratische Konkurrenzkampf zwischen politischen Akteuren ausgetragen wird: „El Estado es asl un organismo de poder, pero es a la vez la institucion que en su interior cobija aquel „vaclo de poder“ del que habla Claude Lefort, vacio fundamental para la dinamica politica ya que, si no existiera, la politica tanto lucha por el poder no tendria ningun sentido.“; Mires, Fernando (2007): „Estado y politica. La lucha por la democracia en America Latina”, in: Nueva SociedadNo. 210, p. 144.

[8] Vgl. Waldmann, Peter (2002): „Warum sich das europaische Modell in Lateinamerika nicht durchsetzte“, in: Waldmann, Peter: Der anomische Staat, Hemsbach: Leske und Buderich, p. 23.

[9] Ibid., p. 24.

[10] Freilich ist einzuraumen, dass die Konstruktion einer einheitlichen Burgerschaft aus diskursiver und juristischer Sicht nicht unmittelbar zu Beginn der Staatsgrundungen statt fand, da die kreolischen Eliten der politischen Revolution der Unabhangigkeitskriege keine Sozialrevolution folgen lassen wollten und deshalb den sozialen Status einer hierarchischen Klassengesellschaft aufrecht erhielten. Doch auch nachdem das Konzept der allgemeinen Gleichheit vor dem Gesetz langsam in die Verfassungen der Lander aufgenommen worden war, wurde seine tatsachliche Durchsetzung auf nationaler Ebene durch das Fortbestehen von Raumen mit alternativen Normen und Regeln wie den haciendas und den indz'gena-Kollektiven verhindert.

[11] Vgl. Tedesco, Laura (2007): El Estado en America Latina iFallido o proceso en formacion? FRIDE, Documento de Trabajo 37, p. 8; “Las relaciones sociales, a traves del contrato social, dan entonces vida al estado como institucion. Lo que se origina es que el contrato social representa una limitacion en los gobernados y los gobernantes a la luz de las relaciones sociales existents, a traves de la determinacion de los derechos y responsabilidades de cada grupo.”

[12] Vgl. Waldmann, Peter (2002), p. 35 ff.

[13] Vgl. Lopez Alves, Fernando (2003), p. 27.

[14] Wie in dem Werk von Lopez Alves, liegt auch der Schwerpunkt dieser Arbeit nicht auf den okonomischen Prozessen und Strukturen der Staatenbildung, sondern vor allem auf der politischen und sozialen Mobilisierung der Bevolkerung, die zur Herausbildung von Koalitionen wie neuen sozialen Gruppen, Parteien und zivil- militarischen Beziehungen fuhrte. Vgl. Ibid., p. 28.

[15] Vgl. Ocampo Lopez, Javier (1984): „La separacion de la Gran Colombia en el proceso de desintegracion del Imperio colonial hisponamericano”, in: Buisson, Inge (Hrsg. u.a.): Problemas de la formacion del Estado y de la nacion en Hispanoamerica, Koln: Bohlau Verlag, p. 360.

[16] Vgl Ibid., p. 361.

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Details

Titel
Probleme der Staatenbildung in Kolumbien und Venezuela
Untertitel
Eine Annäherung an unterschiedliche politische Traditionen aus der Perspektive verschiedener historischer Entwicklungen nach der Unabhängigkeit
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Veranstaltung
200 Jahre Unabhängigkeit in Lateinamerika
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
24
Katalognummer
V157147
ISBN (eBook)
9783640695959
ISBN (Buch)
9783640695980
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kolumbien, Venezuela, Staatenbildung, Politische Kultur
Arbeit zitieren
Christian Wimberger (Autor), 2010, Probleme der Staatenbildung in Kolumbien und Venezuela, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/157147

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