Das Konzept der Liebe in Lessings Drama „Emilia Galotti“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

19 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wichtige Basisinformationen zum Werk
2.1 Die Entstehung des Werks
2.2 Inhaltsangabe

3. Analyse der Liebeskonstellationen unter Einbezug der (Liebes-) Konzeptionen
3.1 Liebeskonstellation und (Liebes-)Konzeption von Prinz von Guastalla und Emilia Galotti
3.2 Liebeskonstellation und (Liebes-)Konzeption von Graf Appiani und Emilia Galotti
3.3 Liebeskonstellation und (Liebes-)Konzeption von Prinz von Guastalla und Gräfin Orsina
3.4 Liebeskonstellation und (Liebes-)Konzeption von Prinz von Guastalla und Prinzessin von Massa
3.5 Liebeskonstellation und (Liebes-)Konzeption von Odoardo und Claudia Galotti

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt auf der Thematik „Das Konzept der Liebe in Gotthold Ephraim Lessings Drama Emilia Galotti“. Ich möchte explizit die Liebeskonstellationen im Werk (Handlungsebene) sowie die damit zusammenhängenden verschiedenen (Liebes-) Konzepte (Metaebene) auf der Grundlage folgender These analysieren: Innerhalb der jeweiligen gegensätzlichen Konzeption (Privates vs. Hof) sowie durch die wechselseitige Konfrontation der beiden Fronten kommt es zur Verhinderung oder zur Auflösung der Liebeskonstellationen. Abschließend werde ich in meinem Fazit anhand dieser zentralen These Folgendes aufzeigen: In Lessings Drama „Emilia Galotti“ lassen sich unvereinbare Liebeskonzeptionen (Bürgertum vs. Adel) feststellen, die gegenseitig so aufeinander einwirken, dass am Ende beide Konzepte verlieren. Da sich meine Erarbeitungen stets auf das Werk „Emilia Galotti“ (1772) von G.E. Lessing beziehen, werde ich im Text bezüglich der Zitate lediglich auf Akt und Szene verweisen. Die vollständige Angabe der von mir verwendeten Ausgabe kann man im Literaturverzeichnis unter „Primärliteratur“ nachlesen.

2. Wichtige Basisinformationen zum Werk

2.1 Die Entstehung des Werks

Die Uraufführung von Lessings Drama „Emilia Galotti“ fand am 13.3. 1772 im Hoftheater in Braunschweig statt. Für seine Tragödie verwendete Lessing als Vorlage den „Virginia-Stoff“ (Livius‘ Geschichtswerk), wobei er die Geschichte der römischen Virginia von allem absonderte, was den Staat betrifft. Allein das Schicksal der römischen bürgerlichen Virginia, die von ihrem Vater getötet wird, weil ihre Tugend ihr mehr wert ist als ihr Leben, sollte tragisch genug sein. Dieses zentrale Motiv der Tugendhaftigkeit wurde demnach für Emilia ebenfalls maßgeblich, wobei ich dies im Zusammenhang mit der Liebe später näher erläutern werde.[1] Dieses Werk ist in die übergeordnete Gattung des „Klassischen Dramas“ einzuordnen, da die von Aristoteles in seiner Schrift „Über die Dichtkunst“ formulierte Einheit von Ort, Zeit und Handlung sowie die Einteilung in fünf Akte gegeben ist. Des Weiteren wird Mitleid und Furcht beim Zuschauer erzeugt, so dass eine Katharsis (Reinigung) bewerkstelligt wird.[2] Der Sachverhalt bezüglich der Frage, ob dieses Drama als bürgerliches Trauerspiel gilt, ist uneinheitlich.[3] Da es in meiner Arbeit nicht darum geht, dieser Frage nachzugehen, möchte ich lediglich begründen, warum ich das Werk als bürgerliches Trauerspiel bezeichnen würde. Ein wichtiger Grund dafür besteht nach Peter Szondi darin, dass es im bürgerlichen Trauerspiel um den Gegensatz zwischen vom Bürgertum angestrebter Privatisierung des Lebens sowie der Bewahrung der Intimität der patriarchalen Kleinfamilie (Galottis) auf der einen Seite sowie höfischer frivoler Welt auf der anderen Seite geht.[4] Diese Konzeption (Bürgertum vs. Adel) bestimmt das Werk vorwiegend und wird von mir in Bezug auf Liebe noch genauer beleuchtet. Zudem wird Lessing als großer Repräsentant der Aufklärung postuliert, der dieses Werk selbst als „Trauerspiel“ angekündigt hat.[5] Lessings Trauerspiel kann demzufolge durchaus in die Epoche der Aufklärung (ca. 1720-1800) eingeordnet werden. Das Drama nahm in der aufklärerischen Praxis eine herausragende Stellung ein. Demnach wurde dieser literarischen Gattung, stärker als der epischen und der lyrischen, eine erzieherische sowie gesellschaftsverändernde Funktion zugesprochen. Der Aufklärer Lessing bezeichnete sie als „Schule der moralischen Welt“. Das Theater diente zur Erziehung und zur Bildung des Menschen.[6] „Mit einem Wort: Lessings „Emilia Galotti“ ist das erste klassische (bürgerliche) Trauerspiel der deutschen Literatur.“[7]

2.2 Inhaltsangabe

In Lessings Drama „Emilia Galotti” (1772) geht es darum, dass der Prinz von Guastalla mit allen Mitteln versucht, die bürgerliche Emilia Galotti für sich zu gewinnen. Durch die Konfrontation unterschiedlicher Interessen (Bürgertum vs. Adel) kommt es dazu, dass Emilia letztendlich von ihrem Vater getötet wird.

Zu Beginn wird deutlich, dass der Prinz von Guastalla sich in die bürgerliche Emilia Galotti verliebt hat und anstrebt, diese um jeden Preis zu erobern und für sich zu besitzen. Emilias Vermählung mit dem Grafen Appiani steht allerdings unmittelbar bevor. Um die Hochzeit zu verhindern, legitimiert der Prinz seinen Kammerherrn Marinelli, alles in die Wege leiten zu dürfen, was dazu nötig ist. Marinelli schmiedet zwei intrigante Pläne, um die Hochzeit zu verhindern. Während der erste Plan scheitert, erfüllt der zweite seinen Zweck: Graf Appiani wird im Zuge eines von Marinelli geplanten, hinterhältigen Überfalls ermordet. Emilia und ihre Mutter Claudia Galotti werden daraufhin unter einem Vorwand ins Lustschloss, in dem sie in Sicherheit seien, gebracht. Dadurch erfolgt die Zusammenführung von Emilia und dem Prinzen auf dem Lustschloss. Trotz eines Gesprächs unter vier Augen misslingt es dem Prinzen, Emilia mit seinen Schmeicheleien für sich zu gewinnen. Claudia Galotti entlarvt die Intrigen Marinellis, sodass dieser Claudia nicht zu ihrer Tochter lässt. Die Gräfin Orsina, die ehemalige Geliebte des Prinzen, die zu Beginn der Handlung noch versucht hat, den Prinzen durch einen Brief, der von diesem absichtlich nie geöffnet wurde, Kontakt aufzunehmen, erscheint ebenfalls auf dem Lustschloss. Sie erkennt sofort die Zusammenhänge des Mord-Komplotts, als sie hört, dass Emilia momentan beim Prinzen sei. Daraufhin hat sie die Absicht, auf dem Markt zu verkünden, dass der Prinz ein Mörder sei. Bevor sie das Schloss verlässt, stößt sie auf den eingetroffenen Vater Emilias, Odoardo Galotti, mit dem sie sich verbündet. Im Zuge dessen übergibt sie Odoardo heimlich den von ihr ins Lustschloss eingeschleusten Dolch und verlässt mit Claudia das Lustschloss. Anschließend erklärt der Prinz Odoardo in einem Gespräch, dass Emilia bis zu dem Abschluss der Untersuchungen in eine besondere Verwahrung müsse. Odoardo ahnt die Gefahr, dass Emilia ohne seinen Schutz den Annäherungsversuchen des Prinzen hilflos ausgeliefert sein wird. Deshalb fordert er ein letztes Gespräch mit seiner Tochter unter vier Augen, bevor sie in die besagte Verwahrung kommt. Als Emilia in dieser Konversation erfährt, dass der Graf tot ist und sie allein auf dem Lustschloss bleiben muss, möchte sie sich aus Angst vor den Verführungskünsten des Prinzen und zur Bewahrung ihrer Unschuld und Tugendhaftigkeit mit dem Dolch erstechen. Daraufhin tötet Odoardo sie auf deren Verlangen.[8]

3. Analyse der Liebeskonstellationen unter Einbezug der (Liebes-) Konzeptionen

3.1 Liebeskonstellation und (Liebes-)Konzeption von Prinz von Guastalla und Emilia Galotti

Grundsätzlich stehen sich die zwei gegensätzlichen Konzepte Bürgertum vs. Adel gegenüber, die das gesamte Werk bestimmen. Emilia repräsentiert die Ideale des Bürgertums wie z.B. Moral, Vernunft, Religiosität, Keuschheit sowie Tugendhaftigkeit. Hinsichtlich der äußeren Umstände zeichnet sich das bürgerliche Leben durch folgende Attribute aus: Der Rückzug ins Private, die weltabgewandte Moralität (Abschottung), das Leben auf dem Land etc. Der Prinz steht im Gegensatz dazu nicht für Tugenden, sondern für Laster wie z.B. Amoralität, Intrigen, Frivolität und Wollust. Nicht das private Landleben wird vom Prinzen favorisiert, er lebt vielmehr in aller Öffentlichkeit auf dem Hof in seinem Lustschloss, wobei schon allein die Bezeichnung des Schlosses für ein Leben in Sünde und Amoralität spricht.[9]

Wenn man sich nun die beiden Personen genauer anschaut, so fällt auf, dass der Prinz von Guastalla sich Hals über Kopf in Emilia Galotti verliebt hat und dass er von seinen Gefühlen übermannt ist: „PRINZ. Nun ja, ich liebe sie; ich bete sie an.“ (EG I/6) Zudem hegt er ein erotisches bzw. sexuelles Interesse an ihr, er reduziert sie lediglich auf ihre körperliche Schönheit, auf ihre Reize, er ist regelrecht verzaubert und hypnotisiert von ihr. Als er von einem Bild Emilias, welches er besitzt, schwärmt, möchte er Emilia in der Realität ebenso besitzen:[10]

„PRINZ. Am liebsten kauft‘ ich dich, Zauberin, von dir selbst! – Dieses Auge voll Liebreiz und Bescheidenheit! Dieser Mund! Und wenn er sich zum Reden öffnet! Wenn er lächelt! Dieser Mund!“ (EG I/5)

Diese Tatsache zeigt aufs Neue, welche Bedeutsamkeit schon allein das Gemälde für den Prinzen darstellt. Am liebsten würde er Emilia, ebenso wie er das Bild von ihr gekauft hat, auch sie selbst mit seinem Geld erkaufen, wenn dies möglich wäre. Außerdem schmiedet er bereits Pläne, wie er Emilia mit seinem Charme für sich gewinnen und anschließend verführen könnte: „DER PRINZ. – Doch heute, heut an ihrem Hochzeitstage, – heute werden ihr andere Dinge am Herzen liegen, als die Messe.“ (EG I/7) Überdies vernachlässigt der Souverän seine Pflichten als Fürst und unterschreibt leichtfertig ein Todesurteil, da er in seinem Eroberungsrausch kaum noch klar denken kann:[11] „DER PRINZ. Recht gern. – Nur her! geschwind.“ (EG I/8) An dieser Stelle ist Luhmanns Konzept der „amour passion“ in Bezug auf den Prinzen erwähnenswert, denn die Aussagen des Prinzen zeigen, dass er maß- und kopflos bzw. exzessiv handelt, wenn es um seine Liebe zu Emilia geht:

„Die verschiedenen Paradoxien (erobernde Selbstunterwerfung, gewünschtes Leiden, sehende Blindheit, bevorzugte Krankheit, bevorzugtes Gefängnis, süßes Martyrium) münden in die Zentralthese des Code: die Maßlosigkeit, der Exzeß.“[12]

[...]


[1] Vgl. Hippe, Robert (1982): Erläuterungen zu Lessings Emilia Galotti. Königs Erläuterungen. Band 16.

Hollfeld/Obfr.: Bange. S. 13/14.

[2] Vgl. Biermann, Heinrich & Bernd Schurf (1999): Texte, Themen und Strukturen. Deutschbuch für die

Oberstufe. Berlin: Cornelsen. S. 164.

[3] Vgl. Göbel, Klaus (1988): Gotthold Ephraim Lessing Emilia Galotti. Zur Didaktik des klassischen Dramas.

Oldenbourg Interpretationen mit Unterrichtshilfen. München: Oldenbourg. S. 78.

[4] Vgl. Siegle, Rainer (1981): Stundenblätter „Emilia Galotti“. 24 Seiten Beilage. Stuttgart: Ernst Klett. S. 10/11.

[5] Vgl. Pelster, Theodor (2002): Lektüreschlüssel für Schüler. S. 7.

[6] Vgl. Beutin, Wolfgang et al. (2001): Deutsche Literaturgeschichte. 6. Auflage. Stuttgart, Weimar: Metzler.

S. 159/160.

[7] Vgl. Hippe, Robert (1982): Erläuterungen zu Lessings Emilia Galotti. S. 14.

[8] Vgl. Fischer, Walter: Gotthold Ephraim Lessing: Emilia Galotti. Grundlagen und Gedanken zum Verständnis

des Dramas. Frankfurt am Main: Diesterweg. S. 13-43.

[9] Vgl. Pelster, Theodor (2002): Lektüreschlüssel für Schüler. S. 56-60.

[10] Vgl. Hempel, Brita (2006): Sara, Emilia, Luise: drei tugendhafte Töchter. Das empfindsame Patriarchat im

bürgerlichen Trauerspiel bei Lessing und Schiller. Heidelberg: Winter. S. 68-71.

[11] Vgl. ebd. S. 68-71.

[12] Luhmann, Niklas (1982): Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

S. 83.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Das Konzept der Liebe in Lessings Drama „Emilia Galotti“
Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Liebe als Konzept in Theorie und Literatur
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V157251
ISBN (eBook)
9783640696574
ISBN (Buch)
9783640696789
Dateigröße
432 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konzept, Liebe, Lessings, Drama, Galotti“, Thema Emilia Galotti
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Mona Marwan (Autor), 2009, Das Konzept der Liebe in Lessings Drama „Emilia Galotti“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/157251

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