Das Thema der Zeit in Senecas "Epistulae Morales ad Lucilium" und in anderen künstlerischen Formen


Seminararbeit, 2007

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Übersetzung: Ad Lucilium Epistulae Morales I, 1

3 Analyse/ Interpretation

4 Vergleich mit anderen künstlerischen Formen 4.1 Seneca: „De brevitate vitae“
4.2 M.C. Escher: „Das Auge“
4.3 Franz Kafka: „Kleine Fabel“
4.4 Pink Floyd: „Time“

5 Resümee

6 Anhang

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Der etwa um 4 v. Chr. im spanischen Corduba geborene Seneca gehört heute neben Cicero zu den meistgelesenen Autoren im Unterricht. Sein vielfältiges Repertoire reicht von Trostschriften (consolationes), über philosophische Texte (dialogi), zu einer Satire, Tragödien und Episteln.

Im Jahre 65 wurde Seneca der Beteiligung an der Pisonischen Verschwörung verdächtigt und von Nero gezwungen, sich das Leben zu nehmen.

Seneca erhält großen Zuspruch von vielen bekannten Philologen. Jedoch wird auch häufig die fragliche Einheit von Leben und Lehre diskutiert.

Besonders beliebt sind seine Briefe an Lucilius, die sich gut für einen sanften Einstieg in die Beschäftigung mit der Philosophie eignen.

Als „Epistulae morales ad Lucilium“ wird eine Sammlung von 124 Briefen bezeichnet, die in 20 Büchern erhalten geblieben ist. In diesen Episteln erteilt Seneca Ratschläge, wie Lucilius zu einem guten Stoiker werden kann und vermittelt somit verschiedene Aspekte seiner stoischen Philosophie, die zumeist lebensnahe Themen aufweisen und zum Nachdenken über menschliches Miteinander anregen.

In dem von mir bearbeiteten ersten Epistel des Briefcorpus´, fordert Seneca seinen etwa 10 Jahre jüngeren Freund Lucilius auf, die ihm gegebene Zeit sinnvoll zu nutzen. Er handelt dabei ganz im Sinne des bekannten Ausspruchs aus Horaz´ Ode 1, 11 an Leuconoe: „Carpe diem.“ Selbst jeder Nichtlateiner kennt diese Sentenz, die uns alle dazu auffordert, die Zeit zu nutzen und die Hand auf den heutigen Tag zu legen, anstatt das Leben immer wieder aufzuschieben und somit den Tod als viel zu früh zu empfinden.

Doch nicht nur Seneca beschäftigte sich mit dem Thema der Zeit, sondern auch zahlreiche andere Künstler trugen ihr Gedanken zu diesem Sachverhalt bei. In einem Vergleich sollen Unterschiede und Gemeinsamkeiten der verschiedenen Formen dargestellt werden.

Übersetzung: Ad Lucilium Epistulae Morales I, 1

Seneca grüßt seinen Lucilius.

(1) Mache es so, mein Lucilius: befreie dich für dich und sammle und bewahre dir die Zeit, die bis jetzt weggetragen wurde, gestohlen wurde oder entglitten ist.

Überzeuge dich davon, dass es so ist, wie ich dir schreibe: eine gewisse Zeit wird uns gestohlen, heimlich weggenommen, einige verrinnt. Der schlimmste Verlust ist der, der durch Sorglosigkeit passiert. Und wenn du beachten willst: Ein großer Teil des Lebens entgleitet uns, während wir Schlechtes tun, der größte Teil vergeht, während wir gar nichts machen, das ganze Leben vergeht, weil wir irgendetwas anderes tun.

(2) Wen wirst du mir zeigen, der irgendeinen Wert der Zeit beimisst, der den Tag schätzt, der einsieht, dass er täglich stirbt? In diesem Fall nämlich täuschen wir uns, dass der Tod vor uns liegt: ein großer Teil liegt hinter uns. Was also an Lebenszeit vorbei ist, das gehört dem Tod.

Also mache, mein Lucilius, was du zu tun schreibst- halte alle Stunden fest. So wirst du weniger vom morgigen Tag abhängen, wenn du deine Hand auf den heutigen Tag legst. Während das Leben aufgeschoben wird, eilt es vorbei.

(3) Alle Dinge, Lucilius, sind fremdes Gut, nur die Zeit gehört uns. Die Natur hat uns in den Besitz dieser einen, flüchtigen Sache gesetzt, aus der uns vertreiben kann, wer auch immer Lust dazu hat. Und die Dummheit der Menschen ist so groß, dass sie die Dinge als Schuld anrechnen lassen, die klein und unbedeutend und sicher zu ersetzten sind. Niemand aber sieht ein, dass er irgend etwas schuldet, der Zeit erhalten hat, obwohl Zeit doch das einzige ist, was nicht einmal ein Dankbarer zurückgeben kann.

(4) Vielleicht wirst du dich fragen, was ich mache, der dich jenes unterrichtet. Ich werde es aufrichtig verraten: Was bei einem Wohlhabenden, aber Aufmerksamen üblich ist, die Rechnung über meine Aufopferung ist richtig. Ich kann nicht sagen, dass ich nichts verliere, aber was ich verliere und warum und auf welche Weise, kann ich sagen; über die Gründe meiner Armut will ich berichten. Aber mir geht es, wie den meisten, die ohne eigene Schuld in Not gekommen sind: Alle verzeihen, niemand eilt zur Hilfe.

(5) Was also ist es? Ich halte den nicht für arm, dem genug ist, wie wenig es auch immer ist. Du aber, möchte ich, bewahre das Deine und zu einer guten Zeit wirst du damit anfangen. Denn wie schon unsere Vorfahren wussten: Zu spät kommt die Sparsamkeit, wenn man am Boden des Fasses angekommen ist, es bleibt nämlich nicht nur wenig darin zurück, sondern das Schlechteste. Lebe wohl!

3 Analyse/ Interpretation

Der erste Brief Senecas an Lucilius ist ein dringender Appell und eine Aufforderung an seinen Freund, das eigene Leben bewusst zu gestalten und die ihm gegebene Zeit sinnvoll zu nutzen. Der größte Teil der Menschen verkennt den Wert und die Bedeutung der Zeit und geht deshalb auch rücksichtslos mit der Zeit anderer um. Lucilius hingegen soll sich nicht der breiten Masse anschließen, ganz nach dem Motto: „Etiam sie omnes, ego non“, sondern sich immer wieder bewusst machen, dass keine Sekunde wiederholbar ist, jeder verstrichene Augenblick dem Tod gehört.

Bei seinem Vorhaben tritt Seneca jedoch nicht als Lehrer auf, der bereits vorgefertigte Meinungen an seine Schüler weitergibt. Vielmehr versucht er, ein Lebensgestalter zu sein, Denkanstöße zu geben und den Leser eigenständig zu seiner Erkenntnis zu führen.

Dazu gliedert er seinen Brief grob in drei Abschnitte.

Der erste Teil enthält die Zustimmung zur Vorgehensweise des Lucilius- „Ita fac, mi Lucili“[1]. Mit dieser eindringlichen und zugleich liebevollen Anrede versucht Seneca, eine warme, aufmunternde und bestärkende Stimmung zu erzeugen und ein Gespräch auf freundschaftlicher, vertrauter Ebene zu führen. Er bestätigt, dass sich Lucilius bereits auf dem richtigen Wege befindet und nimmt dem angehenden Schüler somit die Zweifel des oft schwierigen Anfangs.

Gleichzeitig erweckt dieser Einstieg den Eindruck, als stünde er nicht am Anfang eines Briefwechsels, sondern sei bereits die Antwort auf einen vorausgegangenen Brief des Lucilius, in welchem dieser das Thema „Zeit“ anspricht“. Auf diesen Ansatz weißt auch „[...] ut scribo“[2] und „[...] facere te scribis [...]“[3] hin. Trotzdem lässt sich begründen, dass dieser Epistel einen Anfang beschreibt, denn „[...] bono tempore [...]“[4] weist auf einen Beginn hin.

Im zweiten Teil seiner Ausführungen füllt er seine Aufforderungen, die er auch stilistisch mit fünf Imperativen („fac“, „vindica“, „collige“, „serva“, „persuade tibi“) verdeutlicht, mit Inhalt.

Seneca drängt Lucilius zur Selbstbestimmtheit „vindica te tibi [...]“[5] und stellt somit zwei Anforderungen an seinen Freund: Er soll sich von etwas lösen und zu etwas anderem hingelangen. Voraussetzung für diesen Sachverhalt ist die Tatsache, dass Lucilius momentan an etwas Falschem haftet, von dem er sich befreien muss.

Eine mögliche Maßnahme hierfür wäre, die kostbare Zeit zu sammeln und zu bewahren „[...] college et serva“[6]. Doch diese Aufgabe scheint schwer lösbar und deshalb ist es notwendig, die Formen des Zeitverlustes zu analysieren. Dazu verwendet Seneca zwei parallel gebaute Sätze. Das erste Trikolon ist mit „[...] auferebatur [...]“[7], „[...] subripiebatur [...]“[8] und „[...] excidebat [...]“[9] relativ allgemein gehalten bzw. wird die Schuld für den Zeitverlust bei anderen gesucht. Der Satz ist auf Lucilius alleine bezogen und steht im Imperfekt. Seneca ist es wichtig, dass Lucilius die verschiedenen Möglichkeiten des Verlustes versteht, was an „Persuade tibi hoc sic, ut scribo“[10] deutlich wird. Danach folgt das zweite Trikolon, in welchem Seneca die Arten des Zeitverlustes in variierender Wortwahl wiederholt. Hier wird nun die Eigenverschuldung aufgeführt und die Gründe verpersonalisiert „[...] tempora eripiuntur nobis“, subducuntur“, „effluunt“[11]. Dieser Satz ist nun im Präsens verfasst und bezieht sich sowohl auf Lucilius, als auch auf Seneca „[...] eripiuntur nobis [...]“[12]. Auffällig sind bei jedem der beiden Teilsätze die Verwendung des Asyndetons, der Anapher und des Klimax.

Auch wenn das zweite Trikolon das erste kopiert, ist es keinesfalls überflüssig. „Durch die Verschiebung von Singular (tempus) zum Plural (tempora) und durch die Wendung von der allgemeinen Feststellung zur persönlichen Note wird der Grad von Konkretheit und Betroffenheit gesteigert.“[13] Das komplexe Problem wird in Einzelteile zerlegt und somit steigt die Möglichkeit, die Tatsache zu verstehen und Lösungen zu finden. Des weiteren wächst das Maß der Anschaulichkeit, der Schüler kann eigene Erfahrungen besser zuordnen als abstrakte Erklärungen. Außerdem wird mit dieser Methode die Steigerung der Aufmerksamkeit erzielt, das Augenmerk insbesondere auf wichtige Einzelheiten gerichtet.

[...]


[1] Seneca: Epistulae Morales ad Lucilium, 1, 1, 1

[2] Seneca: Epistulae Morales ad Lucilium, 1, 1, 1

[3] Seneca: Epistulae Morales ad Lucilium, 1, 1, 2

[4] Seneca: Epistulae Morales ad Lucilium, 1, 1, 5

[5] Seneca: Epistulae Morales ad Lucilium, 1, 1, 1

[6] Seneca: Epistulae Morales ad Lucilium, 1, 1, 1

[7] Seneca: Epistulae Morales ad Lucilium, 1, 1, 1

[8] Seneca: Epistulae Morales ad Lucilium, 1, 1, 1

[9] Seneca: Epistulae Morales ad Lucilium, 1, 1, 1

[10] Seneca: Epistulae Morales ad Lucilium, 1, 1, 1

[11] Seneca: Epistulae Morales ad Lucilium, 1, 1, 1

[12] Seneca: Epistulae Morales ad Lucilium, 1, 1, 1

[13] G. Reinhart: Senecas Epistulae morales: zwei Wege ihrer Vermittlung, S. 104

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Das Thema der Zeit in Senecas "Epistulae Morales ad Lucilium" und in anderen künstlerischen Formen
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
18
Katalognummer
V157285
ISBN (eBook)
9783640696604
ISBN (Buch)
9783640696918
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thema, Zeit, Senecas, Epistulae, Morales, Lucilium, Formen
Arbeit zitieren
Alexandra Bender (Autor), 2007, Das Thema der Zeit in Senecas "Epistulae Morales ad Lucilium" und in anderen künstlerischen Formen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/157285

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