Romananalyse von Ingo Schulzes "Simple Storys"


Seminararbeit, 2000

12 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. ‚Simple Storys’ als Wiedervereinigungsroman?

2. Untersuchung des Romans ‚Simple Storys’
2.1 Zugrundeliegende Problematik
2.1.1 Das erste Kapitel als Exposition: die Grundproblematik
2.1.2 Probleme, die erst im Laufe des Romans thematisiert werden
2.1.3 Lösungsversuche der Figuren
2.1.4 Das letzte Kapitel als Ausblick auf die Zukunft
2.2 Formale und sprachliche Gestaltung
2.2.1 Spiel mit der Lesererwartung
2.2.2 Zersplitterung in Einzelgeschichten
2.2.3 Der Roman als Gesellschaftsstudie
2.2.4 Symbolik

3. Zusammenfassung

4. Literaturverzeichnis

1. ‚Simple Storys’ als Wiedervereinigungsroman?

Ohne Zweifel war das wichtigste geschichtliche Ereignis der letzten fünfzig Jahre in Deutschland die Wiedervereinigung. Das muß natürlich auch die Literatur interessieren. Doch man hat das Gefühl, die Autoren scheuen sich, an das große Thema heranzugehen. Vergleicht man nur die Menge an Kriegs- und Nachkriegsliteratur mit der Anzahl an Wenderomanen, so wird deutlich, wie stiefmütterlich das Thema bisher behandelt wurde. Seit der Wende sind schon mehr als zehn Jahre vergangen und das Feuilleton wartet immer noch auf den ‚großen deutschen Wiedervereinigungsroman’. Natürlich waren die Kriege einschneidendere Ereignisse mit größerer Wucht und längerer Dauer, doch das zentrale Stück der jüngsten Geschichte Deutschlands sollte wohl nicht unkommentiert bleiben.

Ingo Schulze hat sich zumindest an das Wendethema herangewagt. Er setzt an, als das große Ereignis schon vorbei ist, aber die Auswirkungen und Veränderungen für die Menschen im ehemaligen Osten erst beginnen: Schulze dokumentiert die frühen neunziger Jahre. Durch die nun folgende Analyse des Romans soll deutlich werden, wie Schulze mit der Geschichte umgeht, was die Grundproblematik des Romans darstellt und welcher Mittel sich Schulze bei der Umsetzung bedient.

2. Untersuchung des Romans

2.1. Zugrundeliegende Problematik

2.1.1.Das erste Kapitel als Exposition: die Grundproblematik

Im ersten Kapitel wird der Leser sofort in die Grundproblematik des Romans eingeführt. Die Erzählung von Ernst und Renate Meurers Reise nach Italien kann als Parabel gelesen werden, wobei die Situation der Meurers im Ausland das Befinden der Personen, die zur Nachwendezeit in Altenburg leben, ausdrückt. Die Probleme, mit denen das Ehepaar Meurer auf der Reise konfrontiert wird, kann man direkt auf die anderen Figuren des Romans übertragen. Das Ehepaar befindet sich in einem fremden Land, sie kennen die Sprache und die örtlichen Gepflogenheiten nicht und fühlen sich deshalb unsicher (Bsp.: „Für mich klang das alles wie Honolulu.“[1],“Wir waren viel zu dick angezogen.“[2] ). Die Bewohner der Stadt Altenburg fühlen sich genau so fremd und unsicher, obwohl sie im selben Land geblieben sind. Aber die alte Gesellschaftsstruktur der DDR ist nicht mehr wirksam und die Menschen müssen mit den Neuerungen aus der westlichen Welt, wie z.B. mit der freien Marktwirtschaft zurecht kommen. Die alte Hierarchie der Parteimitglieder wurde abgeschafft und somit den Menschen auch ein Stück ihrer Identität genommen. Dieser Identitätsverlust zeigt sich im ersten Kapitel ganz deutlich daran, daß Ernst und Renate Meurer gefälschte Pässe bekommen, und damit auch ihre Namen geändert wurden[3]. Das Kommunikationsproblem, das an allen Figuren des Romans zu beobachten ist, tritt hier in doppelter Weise auf: Die Meurers sprechen kein Italienisch und haben deshalb Probleme, in Italien zurechtzukommen („Ernst versuchte, den Kellner heranzuwinken, während ich darauf achtete, daß sein Finger nicht von der Zeile mit ‚pizza con funghi’ rutschte.“[4] ), andererseits haben sie auch untereinander Probleme zu kommunizieren („Ernst und ich sprachen nicht viel, aber immerhin mehr als in den letzten Monaten“[5] ). Ganz deutlich wird dieses Problem auch im letzten Kapitel, wo zwar das von Jenny und Martin einstudierte Gespräch über die Nordsee funktioniert, jedoch die wirkliche Kommunikation zwischen den Beiden fehlschlägt: „Ich weiß nicht, was er meint.“[6]

Dieses Problem – sich nichts mehr zu sagen zu haben oder sich nicht zu verstehen – weist schon auf das Scheitern der zwischenmenschlichen Beziehungen voraus, was im Roman häufig thematisiert wird: Conni Schuberts Traum von der großen Liebe zu dem westdeutschen Immobilienmakler endet in einer Vergewaltigung und Fremdgehen liegt an der Tagesordnung (Dieter Schubert hatte eine Affäre mit Jenny, Edgar betrügt Danny, Renate Meurer verläßt ihren Mann wegen ihrem neuen Freund Hubertus, usw.). Neben diesen eher psychologischen Problemen klingen auch die Geldsorgen schon im ersten Kapitel an (Meurers ernähren sich aus ihrer Provianttasche und gönnen sich nur einmal den Luxus, im Restaurant zu essen), der bei der jungen Familie Meurer zur existentiellen Bedrohung wird, wie Schulze auf Seite 44-46 an dem schrumpfenden Betrag der Telefonkarte zeigt, der das Gespräch zwischen Andrea und Martin überschattet. Neben all diesen Neuerungen, die die Wende mit sich gebracht hat, also das Gefühl der Fremde, den Verlust der Identität, Kommunikationsprobleme, das Scheitern im Zwischenmenschlichen und die Geldsorgen, taucht aber auch die Vergangenheit immer wieder auf. Dieter Schubert benutzt eine alte Kathedrale, ein Bauwerk das symbolhaft für die Vergangenheit steht, als Katalysator, um wie ein Gott von oben herab mit Ernst Meurer wegen der Vorfälle in der Stasi – Zeit abzurechnen. Ironischerweise bestätigt er damit seinen Decknamen „Zeus“, den ihm die Stasi früher gab. Genau wie Ernst Meurer hier im ersten Kapitel von der Vergangenheit heimgesucht wird, plagt sie Frau Dr. Holitzschek in ihren Träumen wegen des Autounfalls, bei dem Andrea Meurer starb. Es gibt jedoch auch positive Erinnerungen, die ebenfalls im ersten Kapitel thematisiert werden: Das gemeinsame Zurückdenken an den Erdbeergarten[7] ist die einzige gefühlvolle Verbindung zwischen den Meurers. Die schwarzrot karierte Provianttasche mit den Konserven (Aufbewahren, Haltbarmachen) wird zum Symbol für diese positiven Erinnerungen („Austausch von Erinnerungen und Proviant“[8], „Warum ich das erzähle? Weil man so schnell vergißt. Dabei ist es gar nicht lange her, daß Ernst und ich noch an dasselbe gedacht und in einer schwarzrot karierten Tasche Konserven mit uns herumgeschleppt haben.“ [9] ).

2.1.2.Probleme, die erst im Laufe des Romans thematisiert werden

Neben den Problemen aus dem ersten Kapitel, die man mit dem Gegensatzpaar ALTES (Vergangenheit)– NEUES (Schwierigkeiten, die wegen der neuen Situation entstehen) zusammenfassen könnte, ergeben sich im Laufe des Romans noch weitere: Die Menschen müssen weit unter ihrer Qualifikation arbeiten, wie z.B. der diplomierte Maschinenbauer Orlando, der in Kapitel 9 um seinen Job als Taxifahrer bangen muß, oder werden arbeitslos, wie z.B. Lydia und Hanni, die ihren Job im Naturkundemuseum verlieren. Gewalt und Rechtsradikalismus (Attentat auf den Kubaner Orlando) nehmen zu, sogar unter Kindern zeigt sich schon ein größeres Aggressionspotential („Lucas hatte seinen Teddy ans Bett genagelt“[10] ). Außerdem zeigen kleine, eigentlich alltägliche Verirrungen (die Figuren irren sich an der Haustür[11] oder finden den richtigen Weg nicht[12] ) eine gewisse innere Orientierungslosigkeit, die sich seit der Wende eingestellt hat. Weiterhin werden Krankheit und Tod thematisiert, besonders am Beispiel von Marianne Schubert, die wegen Brustkrebs operiert wird. Das Motiv des Todes durchzieht den gesamten Roman (Bsp.: „Sein Körper sähe unversehrt aus, wie manchmal der von toten Tieren am Straßenrand, wo nur das Blut, daß aus ihnen hervorsickert, ahnen läßt, was passiert ist.“[13], ‚Der Wärter ist tot.’[14], der Tod von Martin Meurers Frau, der Tod des Karpfens und der Tod von Dieter Schubert, Enrico Friedrichs Selbstmord,...) was zu der negativen und hoffnungslosen Grundstimmung beiträgt.

[...]


[1] Ingo Schulze: Simple Storys. Ein Roman aus der ostdeutschen Provinz, München 1999, S. 15.

[2] Ebd., S. 16 .

[3] Schulze, Simple Storys, S. 17 .

[4] Ebd., S. 19 .

[5] Ebd., S. 16 .

[6] Ebd., S. 308 .

[7] Schulze, Simple Storys, S. 22 .

[8] Ebd., S. 15 .

[9] Ebd., S. 23 .

[10] Ebd., S. 206 .

[11] Ebd., S. 82 .

[12] Ebd., S. 63ff .

[13] Schulze, Simple Storys, S. 21 .

[14] Ebd., S. 127 .

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Romananalyse von Ingo Schulzes "Simple Storys"
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,3
Autor
Jahr
2000
Seiten
12
Katalognummer
V157292
ISBN (eBook)
9783640705290
ISBN (Buch)
9783640705894
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ingo Schulze, Simple Storys, Romananalyse, Gattung, DDR, Wenderoman, Romane der 90er, Mauerfall
Arbeit zitieren
Franziska Knogl (Autor), 2000, Romananalyse von Ingo Schulzes "Simple Storys", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/157292

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