Das Bezauberungspotential der Literatur am Beispiel der "Unendlichen Geschichte"

Verschollen zwischen Lettern


Seminararbeit, 2010

15 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Kann Literatur wahr sein?
2.1. Grenzfalle, Wahrheit und Literatur

3. Erlebte Wirklichkeit - Illusionsbildung

4. Derealisierung

5. Die unendliche Geschichte

6. Fazit

7. Quellen

1. Einleitung

Lesen ist die Fahigkeit im Geiste zujonglieren zwischen Zukunftigem, Vergangenem, Gegenwartigem, Verhasstem, Geliebtem zwischen Wunschen und Traumen, zwischen Realitat und Fiktion. Wir Bebern mit Charakteren mit, die wir bewundern, lachen laut bei komischen Szenen oder beweinen dramatische Schicksale. Bucher bieten dem Leser einen horrenden Facettenreichtum an Emotionen, die dieser aufgreifen und ausleben kann. Nicht selten kommt es dazu, dass wir beim Lesen uns plotzlich in einem Buch wiederBnden - sei es das Ich, welches ich grade in diesem Augenblick bin oder ein Ich wie wir es uns wunschen, oder wie es vielleicht einmal war. Literatur, die IdentiBkationspotential bereitstellt wird aufgesogen und bietet uns nicht nur die Moglichkeit im Geiste flexibel zu bleiben, d.h. sie bewahrt uns vor Engstirnigkeit, auch eroffnet sie uns den Horizont verschiedene Perspektiven imaginar durchzuspielen, sie sozusagen vorzuerleben mit einhergehenden moglichen Konsequenzen und Reaktionen. Das Besondere eines Buches ist, dass man auch am Ende zum Anfang zuruckkehren, von vorne beginnen kann, um das Schwierige zu begreifen:

,, Wir brauchen aber die Bucher, die auf -uns wirken wie ein Ungluck, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Walder vorstoBen wurden, von alien Menschen weg, wie ein Selbstmord,ein Buch muB dieAxt seinfur das gefrorene Meer in uns."[1]

Ziel dieser Hausarbeit soll es sein zu klaren, inwieweit Literatur Suchtpotential beinhaltet und uns Leser verfuhrt aus der Realitat zu fluchten. Roland Barthes kennt und beschreibt dieses Phanomen sehr treffend:

„ Da traf es meine Augen mit schrecklicher und zugleich kostlicher Scharfe, als ob ich mit einem Mal die Wirkung einer seltsamen Droge spurte;jede Einzelheit, die ich genauestens sah und ... bis auf den Grund auskostete, brachte mich aus der Fassung.“[2]

Ist es uberhaupt moglich oder notwendig beim Lesen von Literatur den Begriff Eskapismus einzufuhren und inwieweit besitzen Bucher das Potential Leser derartig tief eintauchen zu lassen, dass sie verschellen!? Was ist es, dass grade Literatur uns bietet, um dem Alltag zu entfliehen?

2. Kann Literatur wahr sein?

In diesem Kapitel werde ich mich mit der Frage beschaftigen inwieweit Literatur einen Anspruch auf Wahrheit erheben kann. Kann dieses Medium etwas uber die Wirklichkeit preisgeben, auch wenn sie Bktional ist und wie kann sie etwas beitragen zu unserem Wissen uber die Weltjenseits der Literatur?

Wahre Aussagen deBnieren und konstituieren unser Wissen uber die Welt, doch dieses ist nicht durchweg festgelegt, sondern vielmehr veranderbar, je nach am plausibelsten erklarten Wahrheitstheoremen. Aussagen sind nicht immer gleich Bx, sie mussen sich erst bewahren durch Probieren und Experimentieren in unterschiedlichsten Kontexten.

Doch was leistet denn nun die Literatur im Bezug auf Wissenskonstitution? Gibt es eine eigene, innere Wahrheit dieses Mediums oder ist diese eher subjektiv (im Auge des Betrachters) und warum nutzen wir grade Literatur, wenn es doch andere, exaktere Darstellungsformen gibt (wirklichkeitsgetreue, experimentelle Nachahmung, wahrend Literatur eher Wert auf sinnliche Qualitaten legt) ?

Was das Wissen von geschriebenen Lettern angeht, sollten wir von einer Aussagenwahrheit ausgehen, denn es geht dabei hauptsachlich um getroffene, implizite Aussagen. Texte sind Bktional und beziehen sich daher weniger auf Fakten - mich interessiert in diesem Kontext der Gehalt eines Textes, dessen grobe Botschaft im Ganzen.

Gabriele Zinano hielt dies bereits in seinem Discorso della Tragedia 1509 fest:

„ es gebe nicht nur die tatsachliche Wahrheit der Geschichtsschreibung, die historische Fakten darstellt, sondern auch eine von ihm so genannte 'potentielle Wahrheit' der Literatur."[3]

Dennoch sollten wir als Leser uns hin und wieder ins Bewusstsein rufen dasje wahrscheinlicher Etwas dargestellt wird, uns diese Darstellung umso eher suggeriert, dass Etwas wahr ist. Waren Wahrscheinlichkeiten wahr, ware auch oft Literatur wahr, weil es recht plausibel dargestellt ist.

Manche Hypothesen eines Werkes erkennen wir Leser als wahre Aussagen, obwohl diese nicht wissenschaftlich bestatigt, sondern nur auf metaphorische Art und Weise mit unseren alltaglichen Erfahrungen korrespondieren. Deutlich wird dies am Beispiele Don Quijotes der gegen Windmuhlen kampft - wir wissen, dass die Bedeutung, die sich fur uns ableitet eine hypothetische ist: Es gibt Menschen die einen scheinbar aussichtslosen Kampf fuhren, getrieben von Leidenschaft gegen einen unuberwindbaren Gegner.

Die Gegenstande unserer Literatur (Figuren, etc.) sind in ihrem speziellen Fall nichts, als die Darstellung ihrer Merkmale, die uns im Geiste ein Bild formen lassenje Bxierter, je genauer sie charakterisiert sind. Je freier und weniger genau ihrer Merkmale beschrieben werden, desto phantastischer erscheinen sie uns. Literatur tendiert dazu Merkmale zu verbinden, einen Reichtum an Einzelheiten anzusammeln die koharent sind, um uns Lesern einen moglichst breiten Imaginationshorizont zu eroffnen.

Auch wenn die vor Augen gefuhrte Welt meist Bktiv ist, sind es diejeweiligen Merkmale dieser fur sich meist nicht (reich, arm, ...). Sie sind unserer Sprache uber die Wirklichkeit, unserer Lebensrealitat entnommen, auf Grund dessen meinen wir Literatur habe etwas mit der Wirklichkeit zu tun, d.h. phantastische Texte sind Unstimmigkeiten im GroBen, konnen allerdings in sich stimmig und plausibel sein. Zusammenfassend lasst sich sagen,je mehr an Beschreibungen zu Tage tritt, um so realer erscheint uns die literarische Wirklichkeit.

„ Fur Nietzsche ist die sogenannte Wirklichkeit eine mit sprachlichen Mitteln erzeugte, sprachlich verfaBte Fiktion.“[4]

Abgesehen von der bereits festgestellten Aussagenwahrheit, eroffnet uns Lekture Blickwinkel und Perspektiven, die demjeweiligen Leser aus vielleicht politischen Grunden unerschlossen bleiben wurden, gabe es nicht dieses Fenster in eine andere (aber doch die eigene) Welt namens Literatur:

„ Fur mich war die Literatur sehr wichtig. Ich binjeden Tag in den Buchladen gegangen, damit mir nichts durch die Lappen geht, wenn es ein Buch nur in einer sehr kleinen Auflage gab. Mit dem Mauerbau dachten wir, dass wir nie im Leben Griechenland oder Frankreich sehen konnen. Die Welt war fur uns vernagelt. Deshalb haben wir uns die Welt aus Buchern zusammen gelesen. Durch die Literatur konnten wir uber den Tellerrand schauen und etwas uber andere Schicksale erfahren. Sie diente zur Alltagsflucht.“[5]

2.1. GremfaUe. Wahrheit und Literatur

Die kunstlerische Freiheit der Literatur liegt darin sich Etwas auszudenken, was es nicht gibt, denn immer nur Etwas uber die Wirklichkeit zu lesen oder zu behaupten, kann oftmals frustrierend sein oder ist auf Grund gesellschaftlicher Gegebenheiten evtl. nicht moglich.

„ Dieses Sprachspiel wird gespielt. Literatur so zu lesen ist das auBerst komplexe Sprachspiel, aus dem Besonderen etwas Allgemeines abzuleiten, aus dem Konkreten etwas im weiteren Sinn.“[6]

Der Leser konstruiert in das Geschriebene. Wir sind es, die Texten alle moglichen und unmoglichen Bedeutungen beimessen, was wir verstehen und was wir missverstehen,je nachdem wie wir es in gegebenem Moment brauchen. Wir interpretieren immer, sowie Lekture auch immer auswahlende Aufmerksamkeit ist!

Unsere Wahrnehmung ist zudem gepragt durch kulturelle Gegebenheiten - man sieht nur was man weiss, demzufolge ist Wahrnehmung immer eine Art der Interpretation z.B. sehen wir ein Gesicht anders an, wenn wir es kennen oder schauen einen Film anders, wenn wir dessen literarische Vorlage kennen. Das, worauf sich etwas bezieht, ergibt sich aus den kulturellen Gegebenheiten, des Umgangs mit Sprache in einer Gesellschaft, denn kein Wort oder Satz tut etwas von sich aus - der Leser haucht ihnen Leben ein. Der Bezug ist ein soziales Phanomen Die ubliche Perzeption beruht somit auf einem geronnenen Verstandnis von Etwas als Etwas (KlassiBkation, Merkmalen,...) doch scheint es, als habe Literatur die Fahigkeit auf die Art etwas wahrzunehmen einzuwirken - als Erkenntnismedium. Sie wirkt konditioniertem Verhalten entgegen, indem sie uns vorschlagt: „Sieh es doch mal so!“

„ so gesehen fungieren literarische Werke als konkrete und komplexe, teilweise oder ganzlich Bktive Beispiele fur Hypothesen, die wir in der Regel selbst formulieren und gegebenenfalls bestatigt sehen: Beispiele, die nichts belegen, aber imjeweiligen kulturellen Kontext auf das ein oder andere aufmerksam machen und dementsprechend etwas zu erkennen geben. Das heiBt, wir deuten nicht nur die Literatur im Licht unseres Weltverstandnisses; wir deuten umgekehrt auch die Welt im Licht der Literatur. In diesem Sinne bieten moderne literarische Texte einem Selbstverstandnis zufolge Beispiele, die nicht gegebenes Wissen illustrieren, sondern eine neue Wahrnehmung, ein neues Wissen initiieren.“[7]

Literatur kann Veranderungen in unseren begrifflichen Vorstellungen von Entitaten bewirken.

Wie begrenzend erscheint mir die Vorstellung, dass wir unser Wissen uber die Welt immer nur auf exakt deBnierte Begriffe festlegen mussten? Wie verhielte es sich mit Abstraktem? - Liebe, Freiheit, Freundschaft - all dies sind variable Begriffe. Diese Offenheit unserer abstrakten, kulturellen Begriffe markiert den Zugang der Literatur in unser Weltverstandnis - sie macht aufmerksam, markiert und befahigt uns Hypothesen zu entwickeln.

Grundbegriffe konnen mit neuen Merkmalen versehen werden oder bestimmten Merkmalen kann besonderes Gewicht verliehen werden - allerdings konnen sich auch Vorurteile ausbilden. Wahrheiten sind veranderbar und Lekture ist zugleich sinnlich, strukturiert und sinnstiftend.

3. Erlebte Wirklichkeit - Illusionsbildung

Es scheint als habe gewisse Literatur das Potential den Leser aus seinem realen Leben zu entfuhren. Obwohl diese Medienwelt keine (fur unsere Begriffe) neuen Wirklichkeiten schafft, scheint sie gleichsam befahigt die 'alte' Welt zu intensivieren, zu kontrastieren und zu kolorieren.

,, an sich ist zwar die 'Welt', die uns ein literarisches Kunstwerk darbietet [...], eine scheinbare, doch ihre fur uns seiende Wirklichkeit wird von unserem BewuBtsein widerspruchsvoll beurteilt: man konnte sagen, im Hinblick auf sie spalte sich unser BewuBtsein in ein WirklichkeitsbewuBtsein, mit dem wir ihre Realwirklichkeit zuschreiben, und in ein NichtwirklichkeitsbewuBtsein, das um die Irrealitat ihrer Wirklichkeit wohl weiB.“[8]

Doch was genau ist es, was Poetik welthaft erscheinen lasst?

Zum Einen agiert Literatur selbststandig, als ein Mikrokosmos in unserem Makrokosmos der Realitat. Das Eine ist dabei nicht unbedingt auf das Andere angewiesen, denn die literarische Welt scheint ebenso auf sich gestellt, so objektiv, wie die uns umgebende reale Welt. Sie ist auBerdem strukturiert, in dem Sinne, dass auch sie sich aus komplizierten Beziehungen konstituiert und das Geschehen unweigerlich vorantreibt. Der Schein des virtuellen, wahrend der Lekture, aktuellen Lesens lasst Bktive Menschen (imaginierte Bilder) und menschliche Beziehungen entstehen. Je mehr der Leser die Gabe der Emotivitat entwickelt hat, umso tiefer mag das Eintauchen in das Phantastische und das aktive Teilhaben an der literarischen Welt unsere Sinne ubernehmen. Wie sonst konnten wir uns uber die Rettung eines Unschuldigen freuen, der knapp dem Tode entronnen, wenn wir dessen Bedrohung nicht als eine wirkliche empfunden hatten? Demzufolge scheint es, als erreiche Literatur tiefere Bewusstseinsschichten, als die der Ratio und befahigt uns im Geiste zur wirklichkeitsnahen Illusion.

„ Es ist mit eine Funktion der Literatur, uns der Totalitat des Menschseins naherzubringen, dem Ideal eines Menschen der all seine Analgen verwirklicht [...]. Da es uns wegen der Einseitigkeit unserer Personlichkeit und unserer lebensweltlichen Situationen prinzipiell verwehrt ist, dieses Ideal wirklich werden zu lassen, biete uns die Literatur ein Ersatz sui generis."[9]

Wie gelingt es nun diese Illusion glaubhaft zu vermitteln?

Literarische Welten wirken auf uns umso realitatsnaher,je tiefer das Fiktionale in Bngierte Dokumentationen eingeflochten wird, z.B. indem im Vorwort dem Leser versichert wird, dass die Erzahlung die nun folge, sich auf Faktischem aufbaue. Meist beruft sich der Autor dabei auf angehangene Dokumente, um die Echtheit zu belegen.

Eine weitere Moglichkeit ist es das Geschehen in mehr als einem Kontext erscheinen zu lassen. Das Verfahren der vielfachen und wechselnden Perspektive schafft zugleich Vertrautheit, aber auch Glaubwurdigkeit.

Je genauer die Charaktere skizziert sind, d.h.je exakter diese mit Merkmalen, Fahigkeiten und Fertigkeiten ausgestattet werden, umso lebensnaher wirken sie auf den Leser und bieten Potential zur IdentiBzierung. Wenn man sich nun frage, welche Gemeinsamkeiten zwischen dem heutigen Leser und einer hoBschen Dame im Mittelalter bestehen, kommt man zu folgendem Ergebnis - das Unveranderliche sind die allgemeinen Aspekte (Familienkonstellation, Wissensdrang, moralisches Zogern, .). AuBerdem kann Literatur im Einzelnen auch Allgemeineres besagen (charakteristische Eigenschaften - fur Menschen in historischen und immer wiederkehrenden Situationen), was

[...]


[1] http://www.netzhaeuter.de/bucher/ein-buch-mus-die-axt-sein-fur-das-gefrorene-meer-in-uns

[2] Poromka, Stephan; Scharnowski, Susanne 1999; Seite 103

[3] Damerau, Burghard 1999;S.35

[4] Poromka, Stephan; Scharnowski, Susanne 1999; Seite 39

[5] http://print.ik.fh-hannover.de/index.php/archiv/zwanzig/67-literatur-in-ddr-november

[6] Damerau, Burghard 1999;S.72

[7] Damerau, Burghard; S 139

[8] Horn, Andras1981;Seite19

[9] Horn, Andras 1981; Seite 36

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Das Bezauberungspotential der Literatur am Beispiel der "Unendlichen Geschichte"
Untertitel
Verschollen zwischen Lettern
Hochschule
Universität Erfurt
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
15
Katalognummer
V157342
ISBN (eBook)
9783640701995
ISBN (Buch)
9783640700455
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bezauberungspotential, Literatur, Beispiel, Unendlichen, Geschichte, Verschollen, Lettern
Arbeit zitieren
Lena Kleinschmidt (Autor), 2010, Das Bezauberungspotential der Literatur am Beispiel der "Unendlichen Geschichte", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/157342

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